Woche 13/2025: Wanderlust, Wiedersehen in Ostwestfalen und (noch) keine Kirschblüte

Montag: Schon beim Aufstehen morgens bemerkte ich eine dumpfe Lustlosigkeit, die sich bis zum Nachmittag hielt, manchmal ist das so. Vor der Werktätigkeit lag ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt, der sich die Stelle ansah, wo er vor zwei Wochen den Weisheitszahn gezogen hatte. Bis auf eine schwache, von mir unbemerkte Restreizung ist alles in Ordnung. Zur Sicherheit benetzte er die Stelle mit einem Mittel, dessen übler Geschmack mich noch ein wenig begleitete und mit dem ersten Bürokaffee verschwand.

Im Laufe des Arbeitstages schaffte ich es, das Rechnerpasswort dreimal falsch eingegeben. Es ist zwar lang, aber nicht schwer zu merken, vermutlich auch nicht leicht zu erraten. Immerhin passierte das nicht direkt nacheinander, das wäre schlecht, beim dritten Mal sperrt sich der Rechner und man muss irgendwo anrufen und es dauert lange und man muss viele Fragen beantworten, bis man ein neues Passwort bekommt und wieder arbeiten kann. Daher unbedingt immer Sorgfalt walten lassen beim Eintippen. Warum mir die Eingabe dennoch mehrmals misslang, ich weiß es nicht. Vielleicht wollten die Finger noch nicht so wie das Hirn.

Auch ohne verirrte Finger schien der Rechner unter Montagsunlust zu leiden, mindestens zweimal wurde die Bluetooth-Verbindung zum Sprechkopfhörer getrennt und die Stimme des Teams-Anrufers kam aus dem in den Bildschirm integrierten Lautsprecher, bis die Verbindung wieder hergestellt war, nachdem ich herausgefunden habe, wie das geht. So ein Tag war das heute. Morgen wird wieder besser.

In der Zeitung ein Artikel über das Geschwisterpaar, dessen Name mir wieder entfallen ist, das uns in diesem Jahr beim ESC vertreten wird. Nach Anschauen des Liedes auf Youtube habe ich wenig Hoffnung auf eine Platzierung in der ersten Hälfte der Tabelle. Und warum zertrümmert die Frau am Ende das Cello ihres Bruders, was soll das? Danach lag mir das Stakkato ihres Gesangs noch länger unangenehm in den Ohren, verschwand jedoch bald wieder wie das übelschmeckende Mittel des Zahnarztes.

Dienstag: Der Tag begann mit einem handkühlen Fußmarsch ins Werk und endete mit einem dienstlich veranlassten Restaurantbesuch in Rhöndorf mit den Kolleginnen und Kollegen der neu zusammengesetzten Abteilung. Beim nicht sehr späten Verlassen der Gaststätte verabschiedete ich mich von einer Gruppe Rauchern vor der Tür und bemerkte erst, nachdem sie meinen Abschied fröhlich erwidert hatten, dass sie gar nicht zu unserer Gruppe gehörten. Wir ließen uns gegenseitig nichts anmerken.

Morgens am Rheinpavillon
Gebirge oberhalb von Rhöndorf

Mittwoch: Bereits gestern Vormittag zeichnete sich bei einem Projekt, an dessen Umsetzung ich beteiligt bin, eine Komplikation ab, für die ich auch heute noch keine Lösung weiß. Deshalb dachte ich erstmal nicht weiter darüber nach; es hat sich bewährt, solche Fragen zunächst unbeantwortet im Hinterstübchen des Bewusstseins abzulegen, oft kommt die Lösungsidee dann von alleine. Vielleicht am freien Tag morgen beim Wandern. Doch werde ich währenddessen nicht aktiv darüber nachdenken, so weit kommt das noch.

Donnerstag: Wandertag, heute die 5. Etappe des Rheinsteigs von Leutesdorf nach Bad Hönningen. Die Anreise mit der Bahn verzögerte sich um etwa eine Stunde wegen „Reparatur an einem anderen Zug“. Ich sah es gelassen, die Sonne schien auf den Beueler Bahnsteig und ich hatte genug zu lesen. Auf der Karte wirkt die Wanderstrecke harmlos, doch sie hat es steigungsmäßig in sich. Bereits zwanzig Minuten nach Abmarsch in Leutesdorf war ich das erste Mal außer Atem, trotz täglichem Turmtreppentraining.

Unterwegs sah ich den ersten Schmetterling des Jahres, ein Tagpfauenauge, später mehrere Zitronenfalter, Kohlweißlinge und Kleine Füchse, zudem zwei Eidechsen. Hinter dem Ort Hammerstein ging es, stets bergauf, in den Wald, wo erstmals und vorübergehend das permanente Rheintalrauschen von jeweils zwei Bundesstraßen und stark befahrenen Bahnstrecken verstummte.

Nach ziemlich genau fünf Stunden Wanderung erreichte ich den Bahnhof von Bad Hönningen. Die Rückfahrt verzögerte sich wiederum, zur Auswahl standen abwechselnd „ein defektes Stellwerk“, „Verspätung aus vorausgegangener Fahrt“, „Reparatur an einem Signal“ und „Stellwerksstörung in Leutesdorf“. Es fügte sich dann alles zum Guten, mit Currywurst und Bier auf dem Bonner Marktplatz.

Aufstieg bei Leutesdorf
Drogenanbau
Der perfekte Platz für die Mittagspause
Relikt vergangener Zeiten in Hammerstein
Finde den Fehler
Waldesruh oberhalb von Hammerstein
Oberhalb von Rheinbrohl
Blick auf nämliches
Vor Rheinbrohl
In Rheinbrohl
Geschafft

Freitag: Meine Gesichtsfarbe spielte morgens ins Rötliche, die Nase stünde einem professionellen Säufer gut zu Gesicht. (Gut, Grund genug hätte sie dazu.) Die Sonne hatte beim Wandern gestern doch stärker geschienen als erwartet, und natürlich hatte ich keine Sonnencreme dabei.

„Ich wechsle jetzt ins Homeoffice“ sagte mittags jemand, die ich auf dem Rückweg von der Kantine traf. Homeoffice. Freitagmittag. Ist klar. (Bitte denken Sie sich ein vom Zeigefinger heruntergezogenes unteres Augenlid.)

Für die am Mittwoch genannte Komplikation habe ich weiterhin noch keine abschließende Lösung gefunden, stattdessen das Problem und mögliche Lösungen strukturiert aufgeschrieben. Grob gesagt suche ich jemanden für die Erledigung einer künftig aufkommenden Tätigkeit, die ich selbst nicht übernehmen möchte, weil das auf Dauer nicht sinnvoll wäre.

Samstag: Vereinspflichten bei der Dampf-Kleinbahn erforderten meine Anwesenheit in Ostwestfalen, weshalb ich zur Unzeit das Bett zu verlassen und zu einer längeren Autofahrt genötigt war. Die war dann gar nicht so schlimm, ich ärgerte mich weniger als sonst über andere Verkehrsteilnehmer und kam zeitig an. Erkenntnis während der Fahrt: Wenn man sein Fahrzeug in Köln angemeldet hat und beispielsweise Otto Theesen heißt, sollte man nicht unbedingt ein Autokennzeichen mit seinen Initialen wählen. Wohnt man hingegen in Hagen und heißt Siegmund Ippendorf, ist das recht putzig.

Die Vereinspflichten waren frühzeitig erfüllt. Nach nettem Plausch, einige hatte ich länger nicht gesehen, fuhr ich weiter nach Bielefeld zur Mutter. Dort verbrachten wir einen angenehmen Abend zusammen mit Mutterfreunden und Begleitgetränken, der für mich wegen Müdigkeit nicht sehr spät endete. Stolz präsentierte der Mutterfreundesohn seine frisch großflächig tätowierte Wade. Ich kam nicht umhin, meine Missbilligung darüber zum Ausdruck zu bringen, was der Stimmung indes nicht abträglich war.

Dampf-Kleinbahn

Sonntag: Aus Sommerzeitgründen blieb ich morgens etwas länger liegen, die Vorabendgetränke wirkten hingegen nicht nach. Nach dem Frühstück mit der Mutter fuhr ich zurück nach Bonn. Im Gegensatz zu gestern gestaltete sich die Fahrt äußerst langwierig mit einem gut einstündigen Stau vor dem Kamener Kreuz, einem kürzeren bei Remscheid und einer unnötigen, völlig absurden Umleitung durch Wuppertal, zu der mich Frau Navi verleitete. So wurden aus normal zwei Stunden Fahrt mehr als vier. Erkenntnis: Weniges trainiert so sehr Gelassenheit wie ein Stau, weil man als Fahrer überhaupt nichts tun kann, nicht einmal Blogs lesen. Man kann schon, darf aber nicht.

Die Muslime feiern Ramadan, wenn der Neumond zum ersten Mal gesichtet wird, sagte die Frau im Autoradio. Vielleicht habe ich mich aber auch verhört.

Kurz vor Ankunft zu Hause der nächste Verdruss: Wegen der weltberühmten Kirschblüte sind die Straßen in die Innere Nordstadt für den Autoverkehr gesperrt, an den Zufahrten stehen Sperrbaken und Kontrollposten in gelbleuchtenden Westen mit dem Auftrag, nur Anlieger durchzulassen. Erstmals ist in diesem Jahr ist auch unsere Straße betroffen, obwohl dort keine Kirschen blühen. Nachdem mein Anliegen durch Vorlage des Personalausweises bewiesen war, durfte ich passieren und ich war froh, als das Auto endlich auf dem Abstellplatz geparkt war. Bis auf Weiteres ist mein Bedarf am Autofahren gedeckt.

Nach Begrüßung meiner Lieben und telefonischer Ankunftsmeldung nach Bielefeld unternahm ich mit Verspätung den Spaziergang, heute etwa kürzer. Unter anderem durch die Breite- und Heerstraße, wo die Kirschen weiterhin noch gar nicht blühen. Das hält weder die Stadtverwaltung von Straßensperren ab noch zahlreiche Besucher, mit teilweise riesigen Kameraobjektiven die Knospen zu fotografieren. Was soll erst werden, wenn die Bäume wirklich blühen.

Breite Straße
Heerstraße
Michaelstraße – wenigstens dort blüht was

Zum guten Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche ein Abteilungsessen, Wandlust und Wiedersehen mit lange nicht Gesehenen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche ohne Verdruss und Uhrenumstellungswehen.

Woche 12/2025: AFAICS

Montag: An den inflationären Gebrauch des Wortes „spannend“ als Synonym für interessant hat man sich inzwischen gewöhnt, selbst Pilze und Schnecken können heutzutage spannend sein. Eine gewisse Steigerung stellt da die Ankündigung von „exciting news“ dar, heute gleich zweimal in unterschiedlichen Zusammenhängen gelesen. Meine Aufregung über das derartig Verkündete hielt sich in Grenzen.

Dienstag: Der strahlende Sonnenschein bildete einen deutlichen Kontrast zum kalten Wind, der mir morgens auf dem Fußweg ins Werk entgegen blies. Auch die Läufer am Rheinufer liefen überwiegend langebehost, wer wollte es ihnen verdenken. Verdenken kann man einigen von ihnen allenfalls, dass sie dabei konsequent und ohne Not auf dem Radweg laufen, das aber unabhängig von Temperatur und Hosenlänge.

Nachmittags hatte ich einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, um das Hörvermögen mal wieder überprüfen zu lassen. Während ich – wie schon mehrfach geschrieben – es keineswegs als Nachteil empfinde, nicht mehr alles so genau zu hören, erst recht nicht das Gerede fremder Menschen am Nebentisch oder in der Bahn, liegt mir der Liebste schon lange in den Ohren, endlich was gegen meine Hörschwäche bei Hintergrundgeräuschen zu unternehmen. Indes der Befund: Keine Verschlechterung zum letzten Mal, weiterhin keine Hörhilfe erforderlich. Mit meinem Hinweis, er müsse einfach deutlicher sprechen, wenn wir etwa in einer Gaststätte sind, stoße ich regelmäßig auf taube Ohren.

Wie mir Epubli schrieb, hat im Februar jemand mein Buch gekauft. Ich sage herzlichen Dank und wünsche viel Vergnügen damit.

Wie die Zeitung berichtet, hat in Gera ein Mann in der Straßenbahn seine Gattin mit einer brennbaren Flüssigkeit in Brand gesetzt. Dazu die Zeitung: „Die Tat in Gera lässt den Atem stocken: Am helllichten Tag brennt eine Frau“ – hätte er sie etwa besser abends anzünden sollen? „Das ist kein alltägliches Geschehen“, wird dazu eine Polizeisprecherin zitiert. Die Frau versteht ihr Hand- beziehungsweise Mundwerk.

Herr Gunkl schreibt: »Der* Erwiderung „Das ist polemisch!“ wird meist dann gebracht, wenn der Formulant dieses Vorwurfs gerade bemerkt hat, daß seine Argumente einem deutlichen, sauberen Schachmatt erlegen sind.«

*Das sollte wohl „Die“ heißen. Trotzdem treffend.

Mittwoch: Ein (mir) neuer Gruß aus der Küche der Kommunikationshölle erreichte mich morgens: „AFAICS“. Wie eine kurze Recherche ergab, steht das für „as far as I can see“. Soweit ich das sehe, vollendeter Bullshit.

In Zeiten zunehmender Falschmeldungen ist ein Abo für Qualitätsmedien gut angelegtes Geld: Laut Zeitung ist der Trigema-Chef Wolfgang Grupp im echten Leben niemals dem Affen Charlie begegnet. Für diese Nachricht zahlt man doch gerne.

Abends schrieb ich einige Zeilen an meinem nur langsam vorankommenden Romandings, das, so viel sei verraten, völlig ohne Liebe und Triebe auskommt. Es ist nicht so, dass mir dazu die Zeit fehlte, es mangelt nur am regelmäßigen Aufraffen und Machen. Ich weiß nicht, woran das liegt; dieses Blog regelmäßig zu befüllen schaffe ich ja auch.

Donnerstag: Da große Woche ist, musste ich heute arbeiten, das war nicht schlimm. Auf dem Rückweg erlaubte ich mir, da es deutlich milder geworden ist, das erste Freiluftbier der Saison, wofür die Norweger das Wort Utepils verwenden, ich erwähnte es schon in den Vorjahren. Ort des Genusses war der Außenbereich des Rheinpavillons, auf einer Schräge unmittelbar am Ufer, gleichsam auf (Bull-)Augenhöhe mit den Schiffen. Nächsten Donnerstag habe ich wieder frei, voraussichtlich ohne Freiluftbier, weil es wieder kühler werden soll. Haben die Norweger auch ein Wort für Bier in geschlossenen Räumen? Wobei der Bedarf für ein solches Wort überschaubar sein dürfte, aber hey, das gilt ja für viele Wörter, dennoch werden sie häufig hergeplappert. (Woher kommt eigentlich dieses pubertär-dämliche „aber hey“?)

Hinweg
Utepils

Freitag: Eine nicht neue, heute bei Ankunft im Turm bestätigte Erkenntnis ist, manchen Menschen geht die Kombination der Wörter „guten“ und „Morgen“ nur schwer über die Lippen. Vielleicht hat man es ihnen nicht beigebracht. Das ist indes kein Hindernis, um Teamleiter zu werden.

Ebenfalls nicht neu die Frage, warum Toilettenkabinen nicht schall- und geruchsdicht gebaut werden. Zu den Dingen, die ich ganz besonders wenig schätze, gehört die akustische und olfaktorische Zeugenschaft anderer Leute Darmentleerung. Nicht zu Hause und erst recht nicht in Gemeinschafts-Verrichtungsorten wie in Bürogebäuden und Gaststätten.

„Älterwerden hat nicht viele, aber doch einige Vorteile“ schreibt Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne Deutscher Alltag, die ich seit heute nach Neuanmeldung wieder empfange, nachdem ich aus rätselhaften Gründen schon zweimal aus dem Verteiler gefallen bin.

Der Meister des Symbolbilds stellt wieder sein Können unter Beweis:

(General-Anzeiger Bonn)

Samstag: In der Inneren Nordstadt hat die Kirschblüte begonnen und sie lockt die ersten Fotografenden an. Falls auch Sie deswegen in nächster Zeit eine Reise nach Bonn planen, warten Sie noch etwas, die Bäume in den beiden Hauptblühstraßen brauchen noch etwa zwei Wochen, bislang sind nur erste, wenig fotogene Knospen erkennbar, die von einigen ebenfalls fotografiert werden, warum auch immer.

Frühblüher in der Maxstraße

Sonntag: Ein großer Textilhändler in der Innenstadt bietet laut Schild im Schaufenster Styles ab 25,99€ an, wie ich während des Spaziergangs sah. Warum auch nicht. Ansonsten lockt der Frühling wieder zahlreiche Menschen nach draußen, das jahreszeittypische Nebeneinander von T-Shirts und Daunenjacken. Auch die Natur hat umgestellt auf Frühling: Forsythien und Magnolien stehen in voller Blüte, die Kastanien in der Südstadt bringen zartes Grün hervor. In der Außengastronomie auf dem Münsterplatz fand ich einen freien Platz, aus Vernunftgründen bestellte ich eine Limonade. Direkt gegenüber, am Fuße des Beethoven-Denkmals, säugte unter den Augen zahlreicher Cafébesucher eine Frau an freigelegter Brust ihr Kind, das für einen Säugling ungewöhnlich groß wirkte.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren der Hörbefund, das erste Freiluftbier und mehrere geschriebene Zeilen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 11/2025: Einfache Lösungen und liederliche Possessiv-Verschiebungen

Montag: Neben der montagsüblichen Unlust lag eine gewisse – wie nennt man das Gegenteil von Vorfreude? Vorfurcht, Bammel? Na Sie wissen schon – so etwas lag über dem Tag wegen der Zahnziehung am Nachmittag. Die war dann gar nicht so schlimm. Selbst die Injektionen des Betäubungsmittels spürte ich nicht, obwohl der Zahnarzt mehrfach „Das drückt jetzt etwas unangenehm“ sagte, während er stach und spritzte. Etwas unangenehm das anschließende, gefühlt minutenlange Zerren und Ruckeln, vermutlich ging es viel schneller, jedenfalls auch das völlig schmerzfrei. Dann war mir zunächst nicht klar, ob der Zahn schon raus oder eine Unterbrechung zum Werkzeugwechsel erforderlich war. Doch als er mich aufforderte, langsam zuzubeißen, wusste ich, es war überstanden, alles in allem dauerte es vielleicht eine Viertelstunde.

Anschließend musste ich zwei Stunden lang auf ein Stück Vlies beißen, was mich beim Sprechen beeinträchtigte. Aber das kommt mir ja generell entgegen, gerade am Montag. „Ich kann schweigen wie ein Grab“ sagt, wer Diskretion verspricht. Ich kann schweigen wie ein Ostwestfale am Montag, das ist noch etwas ruhiger.

Dienstag: Ich würde mich nicht grundsätzlich als verstockt charakterisieren, manchmal dauert es halt etwas länger, bis Gewohnheiten, die für andere längst selbstverständlich sind, auch bei mir auf zumindest probeweise entgegengebrachtes Interesse stoßen. So benutzte ich im Büro heute erstmals zwei Bildschirme, nachdem der Kollege vom Schreibtisch gegenüber mir kurz gezeigt hatte, wie das geht. Für die Zusammenführung zweier Dokumente erwies sich das als sehr hilfreich, komme ich nicht umhin einzugestehen, daher ist nicht auszuschließen, dass ich das künftig öfter machen werde.

Der Frühling macht Pause, der Fußweg nach Hause erwies sich bei Nieselregen und kaltem Wind von vorne als äußerst ungemütlich. Normalerweise hätte ich daher die Stadtbahn genommen, allein die fuhr nicht wegen Streiks. (Das ist keine Anklage, ich habe dafür Verständnis und finde es lächerlich, wenn behauptet wird, irgendjemand würde für Tarifforderungen in Geiselhaft genommen.) Alternativ hätte ich mit dem Bus fahren können. Zwar streikten auch die Busfahrer der Stadtwerke, aber das Subunternehmen mit den blauen Bussen, die im Gegensatz zu den Stadtwerkebussen stets blitzsauber sind, fuhr. Allerdings erschien mir aufgrund der Menschenmenge an der Haltestelle der Fußmarsch als das kleinere Übel.

Die Stelle, wo bis gestern Nachmittag ein entkrönter Weisheitszahn steckte, zeigt sich ruhig, weder Schmerz noch Schwellung machen sich bemerkbar. Wirklich rein zufällig bekommt morgen auch der Liebste einen Zahn gezogen, sein Termin steht schon länger fest, während meiner sich kurzfristig letzte Woche ergab. Hoffen wir also, dass es auch bei ihm so problemlos läuft.

Mittwoch: Heute vor fünf Jahren wurde weltweit die Covid-19-Pandemie ausgerufen, wohl keiner hätte da vermutet, wie lange uns dieses Unheil begleiten würde. Unglaublich, wie lange das schon her ist. Meine persönlichen Erinnerungen und Gedanken dazu habe ich vor längerer Zeit hier aufgeschrieben.

„Ich bin für einfache Lösungen“ sagte eine in der Besprechung. Niemals hörte ich jemanden sich als Freund komplizierter Lösungen bekennen, was eigentlich erstaunlich ist angesichts der zahlreichen unnötigen Komplikationen überall, nicht nur im beruflichen Umfeld. Allein das Einschalten des Radios in der Küche: Früher drückte oder drehte man einen Knopf am Apparat, heute diskutiert man mit Siri.

Auch der Liebste hat seine Zahnziehung gut überstanden, somit verfügt dieser Haushalt ab dieser Woche über zwei Zähne weniger. Viel weniger sollten es aber auch nicht werden in nächster Zeit.

Ansonsten empfand ich ganztägig Vorfreude auf morgen, denn morgen habe ich frei, es ist kleine Woche. Wie ich den Tag verbringen werde hängt vom Wetter ab, jedenfalls wird keine Langeweile aufkommen, so viel ist sicher.

Donnerstag: Der freie Tag begann mit dem Frühstück im Kaufhof-Restaurant, wie üblich gut besucht von Personen überwiegend im Rentenalter.

Danach wanderte ich durch die Südstadt, die Ortsteile Kessenich, Dottendorf und Friesdorf über den Venusberg, durch das Melbtal zurück bis Poppelsdorf. Das Wetter blieb trocken, ab und zu schimmerte die Sonne als blasse Scheibe durch den Dunst. Von der Temperatur her ließ es sich ohne Schal und Handschuhe gut aushalten. Dennoch hätte ich bei der nächsten Wanderung gegen ein paar Grad mehr nichts einzuwenden, auch Blätter auf den Bäumen wären wieder ganz schön.

Muschelpilze oder Pilzmuscheln auf dem Venusberg
Melbtal bei Ippendorf
Brücke über das Melbtal
Unbekanntes Tier. Immerhin schaut es freundlich

In Poppelsdorf besuchte ich spontan den botanischen Garten, das macht man auch viel zu selten. Beeindruckend die Gewächshäuser, in denen verschiedene Klimazonen mit entsprechender Vegetation nachgestellt werden. Beim Betreten beschlug sofort die Brille, daher konnte ich die exotische Flora zunächst nur erahnen.

Botanischer Garten I
Botanischer Garten II

Praktischerweise befindet sich direkt am botanischen Garten ein Restaurant mit Currywurst auf der Karte. Ein paar Tische weiter rechts saßen vier Personen, darunter ein junger Mann, dem die Natur eine gewisse Schönheit verliehen hat, augenscheinlich war er sich dessen bewusst. Allein durch permanentes Kauen eines Kaugummis setzte er seiner Attraktivität enge Grenzen. Das wusste er vermutlich nicht.

Zu meiner Linken saß eine Frau mit einem etwa sechsjährigen Jungen, unterstellt Mutter und Sohn. Mehrfach versuchte das Kind, mit der Mutter ins Gespräch zu kommen, doch hatte es keine Chance gegen das Datengerät, dem Mutters vollständige Aufmerksamkeit galt. Mir tun solche Kinder immer leid. Oft ist zu lesen von Studien, wonach sich übermäßiger Mobiltelefon-Gebrauch negativ auf die kindliche Entwicklung auswirkt. Ich behaupte, ohne es belegen zu können, das Gebrauchsverhalten solcher Eltern richtet genauso großen Schaden an.

Freitag: Im Büro war gut zu tun, da auch gestern einiges aufgekommenen war. Der Preis des freien Tages, den ich – neben etwas weniger Gehalt – gerne zu zahlen bereit bin. Es ließ sich gut abarbeiten, ich fühlte mich motiviert und kompetent, das ist ja auch mal ganz schön und nicht selbstverständlich. Laut einem Zeitungsbericht fühlen sich nur noch neun Prozent der Arbeitnehmer emotional in starkem Maße mit ihrem Unternehmen verbunden. Aber vielleicht kann man auch mit einer gewissen Distanz gute Arbeit leisten; nur weil ich nicht bei jeder neuen Verkündigung in Jubelgesänge einstimme, bedeutet das noch lange nicht die innere Kündigung. Wie ich schon früher ausführte: Uns verbindet ein Arbeitsverhältnis, keine Liebesbeziehung.

„Die Information ist outdated“ las ich in einer Mail und fragte mich mal wieder, was Leute damit bezwecken, wenn sie sich so ausdrücken. Vielleicht bin ich auch langsam ausdatiert.

Im heimischen Gehege hat sich eine am Dienstagabend jäh aufgekommene, hier nicht näher auszuführende Disharmonie, deren Grund verschwiegen wurde, offenbar wieder aufgelöst. Wäre ich Kafka, würde ich daraus vielleicht eine verstörende Novelle formulieren. Da ich nicht Kafka bin, belasse ich es bei diesen Zeilen und freue mich auf das erste gemeinsame Glas Champagner des Wochenendes.

Samstag: Im Briefkasten lag ein persönlicher Brief, über den ich mich freue. Lieber T., Antwort folgt. (Lieber M., auch dir bin ich noch eine Antwort schuldig, ich weiß.)

Laut kleiner kalender ist heute Sprachlos-Tag. Was soll man dazu sagen. Immer wieder sprachlos machen mich liederliche Possessiv-Verschiebungen in Zeitungsartikeln, heute im General-Anzeiger gleich zweimal:

„Dem Vorschlag hatte die Bezirksvertretung Bonn in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt.“

„Nur, weil eine Brücke in seiner Bauweise ziemlich gut konstruiert wurde, …“ (Aus einem Leserbrief)

Apropos Kalender: Heute vor zwanzig Jahren zogen wir in diese Wohnung am Rande der Inneren Nordstadt, zentral und dennoch ruhig gelegen. Ziemlich genau ein Jahr später als vertraglich vereinbart, weil das Haus nicht früher fertig geworden war. Nach wie vor fühlen wir uns hier sehr wohl und ich bin guter Hoffnung, das war bis zum finalen Auszug der letzte Umzug. Aber man weiß nie, vielleicht zieht es uns irgendwann noch aufs Land.

Sonntag: Ein Tag wie aus dem Musterbuch der Wochentage mit Ausschlafen, Frühstück mit den (wieder) Lieben, Sonntagszeitung, darin nichts Erwähnenswertes. Nachmittags ein langer Spaziergang ans andere Ufer, es war sonnig und nicht ganz so warm wie vergangenen Sonntag, so dass es sich mit Jacke gut aushalten ließ. Der Lieblingsbiergarten ist noch geschlossen.

Die Mirabellen blühen
Der Huflattich auch

Abends schrieb ich einen lange überfälligen Brief, nachdem es gelungen war, den mittlerweile eingetrockneten Füller wiederzubeleben. Ich gelobe Besserung.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren zwei problemlose Zahnziehungen, ein Wandertag und ein erhaltener Brief.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Genießen Sie die Sonne.

Woche 10/2025: Kantine statt Kamelle

Montag: Einmal noch Karneval, dann reicht es wieder bis November. Der gestrige Tag beim Godesberger Zoch mit anschließendem Ausklang in der Stadthalle verlief bei bestem Wetter weitgehend angenehm, den vergangenen Sonntag diesbezüglich geäußerten Erwartungen ist nichts Wesentliches hinzuzufügen. Wir brachen nicht sehr spät auf nach Hause, wo wir im Fernsehen das Bühnenprogramm von „Sitzungspräsident“ Volker Weininger ansahen und darüber sehr lachten mussten, mehr als der noch gegenwärtige Hustenreiz zuließ. Wenn Sie ihn nicht kennen, empfehle ich ihn sehr, auch wenn Sie dem Karneval nicht zugeneigt sind.

Am heutigen Rosenmontag war unser Musikcorps für den Umzug im Stadtteil Lannesdorf gebucht. Der ging pünktlich um elf Uhr elf los, daher musste ich auch heute frühzeitig aufstehen. Es verlief alles zufriedenstellend, auch heute unter blauem Himmel. Größte Hürde war nach Rückkehr der Fußweg vom Hauptbahnhof nach Hause, weil wegen des inzwischen gestarteten Bonner Zuges in der Innenstadt zahlreiche Straßen abgesperrt und menschenumsäumt waren und nicht überquert werden konnten. Nach einer halben Stunde kam ich an, legte die Trommel ab und zog, weiterhin in Uniform, sogleich eine Straße weiter, um mich zusammen mit dem Liebsten und einigen Vereinsleuten in die Menge am Straßenrand zu stellen und den Zug zu betrachten. Nahrung kam währenddessen wie im Schlaraffenland direkt aus der Luft angeflogen, fast ununterbrochen war ich am kauen: Weingummi, Schokowaffeln, Mäusespeck, Maoam, Milky Way und ein Apfel. Dazu zwei bis drei Becherchen Kölsch aus der Kneipe gegenüber. Als das Prinzenpaar durch war, konnte ich endlich nach Hause, für die nächsten Monate die Uniform und vor allem endlich die Schuhe ausziehen.

Ab morgen wieder ins Büro, wo ganzjährig ein gewisses Jeckentum herrscht. Mit Kantine statt Kamelle.

Dienstag: Wie es sich für einen Dienstag gehört, ging ich zu Fuß ins Werk und zurück, auch wenn es faktisch ein Montag war. Morgens waren in der Innenstadt fleißige Menschen damit beschäftigt, den Rosenmontag zusammenzukehren und -blasen. Überall lag dieses Riesen-Konfetti herum, ich weiß nicht, wie es richtig heißt, Sie wissen vielleicht, was ich meine: Diese mehrere Zentimeter langen bunten Streifen, die, mit einer Kanone in die Luft geschossen, flimmernd langsam zu Boden sinken. Hübsch anzusehen, solange sie in der Luft sind, doch dürften sie anschließend den Reinigungskräften erheblichen Verdruss bereiten. Selbst hinter den Glastüren mehrerer Läden waren sie auf dem Boden auszumachen, durch welche Ritzen auch immer sie dort eingedrungen sein mögen. Auch auf dem Heimweg am frühen Abend sah ich sie noch in nennenswerter Anzahl herumliegen und es ist davon auszugehen, dass sie auch in den nächsten und übernächsten Tagen noch vereinzelt zu finden sind.

Im Büro war reichlich zu tun, die Zahl der seit Donnerstag eingegangenen Mails war fast so hoch wie nach einer Woche Urlaub; anscheinend haben nicht alle Karneval gefeiert, wo kämen wir da auch hin. Zum Glück konnte ein großer Anteil davon nach erster grober Sichtung sofort gelöscht werden.

Ebenfalls auf dem Heimweg wurde ich zufällig Zuschauer der Bonner Stadtsoldaten: Die Gardisten standen in Reih und Glied vor dem Alten Rathaus, Dankesworte wurden gesprochen, auch vom noch amtierenden Prinzen und der Bonna (für Nicht-Bonner: gleichsam die zugehörige Prinzessin), danach marschierte man ein letztes Mal bei getragener Musik um den Marktplatz und stellte sich wieder in Formation auf. Schließlich erklärte der Kommandant die Session für beendet; weggetreten. Vermutlich suchte man zum Ausklang noch die örtliche Gastronomie auf.

Morgenweg mit Gewölk
Rosenmontagsreste
Bald haben auch sie es geschafft

Mittwoch: Vorbei die Zeiten, da ich nach dem Mittagessen über achtundzwanzig Etagen die Treppen hoch gehe, ab heute nur noch dreiundzwanzig, da ich infolge einer Umorganisation umgezogen bin. Auch die Aussicht aus dem Fenster hat sich gewandelt, trotz Höhenunterschied von fünf Etagen weiterhin augerfreuend.

Vorne die Deutsche Welle, dahinter der UN-Campus

Es gibt schon erstaunliche Zufälle: Im Januar löste sich mittags beim Verzehr eines Nudelgerichts die Krone eines Weisheitszahnes, ich berichtete. Heute kam mit der Post die Zahnarztrechnung für das Wiedereinsetzen. Nun dürfen Sie gerne raten, 1) was ich heute Mittag gegessen habe und 2) was währenddessen passierte. Damit hat der Zahn sein Dasein verwirkt, in den nächsten Tagen wird die Zange ihr Werk verrichten.

Donnerstag: Auch dieser Tag war sonnig, die Fußweg ins Werk und zurück eine Wohltat. Die Natur ist spät dran dieses Jahr, vor einem Jahr blühten schon die Magnolien. Während Schneeglöckchen, erste Krokusse und Narzissen bereits blühen, zeigen sich Büsche und Bäume noch weitgehend unbegrünt, nur hier und dort sind beim genauen Hinsehen erste Knospen auszumachen. Vielleicht warten sie ab, bis sich Union und SPD auf eine Koalition geeinigt haben, manchmal hängen Dinge in gar wundersamer Weise zusammen.

Nach Ankunft stand ich zunächst vor verschlossener Bürotür, weil die Schließtechnik nicht auf die dafür vorgesehene App auf meinem Telefon reagierte. Der Chefchef war so freundlich, mir Zugang zu gewähren. Nach etwas Mailverkehr und mit Hilfe eines befugten Mitarbeiters konnte auch dieses Problem im Laufe des Vormittags gelöst werden. Ebenfalls vormittags vereinbarte ich einen Zahnarzttermin für Montagnachmittag.

Auf dem Rückweg war ich versucht, das erste Freiluftbier zu trinken, Gelegenheiten wären genug gewesen. Da ich spät dran und die Sonne bereits im Untergang begriffen war, sah ich davon ab.

Wo mögen sie gewesen sein?

Freitag: Der Arbeitstag endete zeitig, da ein Augenarzt-Termin anstand. Die letzte Besprechung des Tages endete erst kurz vor Büroschluss, so dass keine Zeit blieb, das Mailpostfach aufzuräumen und schon mal in den Kalender zu schauen, was nächste Woche so anliegt. Das mag ich nicht, heute ging es nicht anders. Immerhin blieb nichts unerledigt, was heute noch dringend zu erledigen gewesen wäre, somit ging ich mit gutem Gewissen ins Wochenende.

Während der Radfahrt zurück geriet ich durch die Verbindung aus Frühlingsmilde und Winterjacke ins Schwitzen, war jedoch zu bequem, anzuhalten und die Jacke auszuziehen; leider gehöre ich nicht zu denen, die das mühelos während der Fahrt erledigen und dabei noch telefonieren und essen können.

Bei der Augenarztpraxis kam ich vorzeitig an, musste dennoch nicht lange warten. Vielleicht ein Vorzug des privat versicherten Beamten. (Ja, ich finde das auch ungerecht. Da ich mich jedoch auf der begünstigten Seite befinde, fällt es mir schwer, darüber zu klagen.) Am meisten fürchtete ich die Augentropfen, da bin ich sehr empfindlich. Doch die wurden nicht verabreicht, stattdessen wurde der Augendruck per kurzem Luftstoß gemessen. Das war auch nicht sehr angenehm, doch weit weniger schlimm als die Tropfen. Nach weniger als einer Viertelstunde war die Untersuchung erledigt, alles in Ordnung beziehungsweise im altersgerechten Rahmen, auch eine neue Brille brauche ich nicht. Nur legte mir die Ärztin nahe, das nächste Mal nicht erst wieder in zehn Jahren zu kommen. Die Zeit rast aber auch.

Samstag: Nachdem sie sich in den vergangenen Tagen latent mit Hustenreiz und erhöhter Nasenläufigkeit ankündigte, hat auch mich nun die Erkältung richtig erwischt, arbeitgeberfreundlich zum Wochenende. Deshalb wurde die für heute geplante Fahrradpflege zugunsten längerer Sofazeit auf nächstes Wochenende verschoben. (Bitte denken Sie sich hier lautstarkes Husten und Schnäuzen.)

Aus einer Kolumne im General-Anzeiger über die sogenannte Longevity-Bewegung, also Leute, die es für erstrebenswert erachten, möglichst alt zu werden und dafür erheblichen Aufwand betreiben: „Die Darmflora erfährt mehr Zuwendung als so mancher Beziehungsberechtigte.“

Sonntag: Das sonnig-warme Frühlingswetter lockte zahlreiche Menschen nach draußen, am frühen Nachmittag auch mich. Am Rheinufer begegnete mir ein Paar, beide mit großflächig tätowierten Armen. Dazu ein Dalmatiner. Die drei ergänzten sich perfekt. Anscheinend eher einseitig ergänzt sich dagegen ein anderes Paar, das mir auf Fahrrädern begegnete. Sie schimpfte: „Dann fährst du in die Sauna, dann fährst du in den Urlaub, und ich bin immer nur gut genug, auf den Köter aufzupassen.“

In der Nordstadt hängten zwei Männer Wahlplakate des BSW ab. Vielleicht zum ersten und letzten Mal, wer weiß, ob die bei den nächsten Wahlen nochmal dabei sind. Durchaus entbehrlich, aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung.

Lesen bildet, man lernt immer noch was dazu:

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Zum guten Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche ein problemloser Büroumzug, für gut befundene Augen und mehrere Spaziergänge unter blauem Himmel.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Im Übrigen waren wir auch nicht besser

Vor längerer Zeit las ich, ich weiß nicht mehr wo, vielleicht in der Sonntagszeitung, den Text einer jungen Autorin. In Form eines offenen Briefes äußerte sie sich kritisch-verwundert über die Generation der sogenannten Boomer, ihre Engstirnigkeit wie etwa die Weigerung, ein Tempolimit auf Autobahnen zu akzeptieren oder geschlechterneutrale Sprache zu verwenden. Vieles in dem Text war zutreffend.

Gleichwohl erlaube ich mir, selbst nicht mehr der Jüngste (je nach Definition ebenfalls Boomer oder Generation X, nicht so wichtig) eine Erwiderung. Also:

Liebe Jungmenschen,*

vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, das meiste, auch wenn von vielen Vertretern meiner und noch älterer Altersgruppen gerne gegenteilig behauptet, zum Guten. Etwa das äußere Erscheinungsbild junger Männer: In den Siebzigern trugen sie Hosen mit weitem Schlag, lange Haare, gerne mit etwas schmieriger Anmutung, und Schnauzbärte. Allein wenn man Fußballspieler damals und heute miteinander vergleicht, bei allem mir gegebenem Desinteresse an Fußball, könnte man meinen, es handelte sich um unterschiedliche Spezies: Paul Breitner zu Thomas Müller, Günter Netzer zu Joshua Kimmich und was weiß ich wie die heute heißen.

Dagegen heute: Bis vor kurzem zeigtet ihr euch gerne mit gescheitelter Kurzhaarfrisur, Dreitagebart und schmal geschnittenen Hosen, bei jeder Außentemperatur knöchelfrei oder mit hochgezogenen weißen Sportsocken. Doch ist hier in letzter Zeit eine schleichende Verhässlichung zu beobachten. Damit meine ich nicht den inzwischen typischen Einheitsjugendlichen mit Alpakafrisur und weißen Turnschuhen, Verzeihung: Sneeker. Aber ihr solltet darüber nachdenken, ob eurem Erscheinungsbild die Rückkehr in die Siebziger- und Achtzigerjahre dienlich ist mit Vokuhila-Schnitt, Schnauzbärten und sackartigen Hosen.

Wenn ich bis hierher nur die Jungs angesprochen habe, liegt es daran, dass mir vergleichbares bei Mädchen bislang nicht so auffällt. Vielleicht achte ich auch nicht so sehr darauf, was bitte nicht frauenfeindlich oder -desinteressiert aufzufassen ist. Außerdem: Knöchelfrei bei jedem Wetter tragen sie seit jeher, auch und gerade Rentnerinnen.

Doch bei folgenden Beobachtungen fühlt euch gerne alle angesprochen.

Ständig blickt ihr aufs Datengerät: auf dem Fahrrad, beim Autofahren, in der Bahn und beim Warten auf diese sowieso. Beim Gehen durch die Stadt, beim Laufen, vermutlich auch während des Liebesspieles. Dabei tragt ihr stets Kopfhörer, zumeist diese kleinen weißen Einsteckstöpsel, auch während ihr miteinander sprecht. (Vielleicht werden in einigen Generationen die Menschen bereits damit geboren, fest verwachsen.) Dann schaut ihr Filmchen bei TikTok und Serien mit englischen Titeln. Über TikTok informiert ihr euch auch über das Weltgeschehen; Tagesschau und überhaupt lineares Fernsehen ist was für Alte. Überhaupt schaut ihr für alles Mögliche aufs Gerät; wenn ihr was wissen wollt, googelt ihr danach. Man könnte vermuten, Teile eures Hirns habt ihr auf das Smartphone ausgelagert.

Wenn ihr nicht draufschaut, telefoniert ihr. Wobei, das stimmt nicht ganz, dank flach vor das Gesicht gehaltenen Telefons schafft ihr es, zu telefonieren UND auf das Display zu schauen. Gerne mit eingeschaltetem Lautsprechen, damit auch alle anderen in den Genuss des vollständigen Gesprächs kommen, oder ihr haltet euch zum Hören die schmale Unterseite des Telefons ans Ohr.

Oder ihr macht Fotos, am liebsten von euch selbst, allein vor einem instagrammablen Hintergrund oder zusammen mit euren Freunden. Dann haltet ihr die Kamera mit ausgestrecktem Arm über Kopfhöhe vor euch und grinst hinein. Ist euch noch nie aufgefallen, wie dämlich das aussieht?

Fahrrad fahrt ihr stets im Stehen, auch im Gefälle. Warum? Welchen Vorteil hat das gegenüber bequemem Sitzen auf dem Sattel? Vielleicht werden künftige Fahrräder ohne Sattel hergestellt, so wie Autos kein Ersatzrad mehr haben und Züge vielleicht demnächst keine Fenster, weil alle nur noch auf ihre Geräte schauen und nicht nach draußen. Dafür mit mehreren Getränkehaltern. Es ist euch nicht möglich, ohne gefüllte Trinkflasche aus dem Haus zu gehen und im Minutentakt daran zu nippen. Fürchtet ihr, sonst zu verdursten? Ähnliches gilt für den Gehkaffee. Warum muss man mit einem Kaffeebecher, schlimmstenfalls Einweg, durch die Gegend laufen?

Gut, niemand sagt „Gehkaffee“, sondern Coffee to go. So wie ihr überhaupt gerne englisch sprecht. Weil ihr es könnt, wie ich ein wenig neidisch anerkenne. Aber muss man wirklich bei jeder Gelegenheit chillen, by the way, never ever, really, random sagen?

Aber auch wenn ihr nicht englisch sprecht, benutzt ihr komische Wörter: Alles möglich findet ihr krass, statt äh … sagt ihr genau, und tatsächlich an Stellen, wo es völlig überflüssig ist. Ungeachtet des Geschlechts nennt ihr euch gegenseitig Alter, vielleicht ist das auch gar keine Anrede, sondern nur eine universelle Gefühlsregung.

Ihr ernährt euch vegan, weil euch die Tiere leid tun. Daran ist nichts zu kritisieren, im Gegenteil, das ist sogar sehr lobenswert, wir alle sollten viel weniger Fleisch essen, den Tieren und dem Klima zuliebe, gesünder ist es auch. Doch tun euch nicht auch die Pflanzen leid, wenn sie zu veganer Leberwurst verarbeitet werden? Und was wird aus den ganzen Kühen, wenn niemand mehr Milch trinkt und Bic Mac isst?

Haftete Tätowierungen früher etwas Verruchtes an, sind sie für euch selbstverständlich und ihr zeigt sie mit Stolz. Manche von euch übertreiben es damit etwas, wenn Arme und Beine großflächig eingefärbt sind oder Ornamente am Hals entlang aus dem T-Shirt-Kragen flammen. So mancher von Natur aus wohlgeratener Körper wird dadurch freiwillig und dauerhaft verunstaltet. Warum?

Sympathisch, wenn auch anfangs gewöhnungsbedürftig finde ich eure Gewohneit, alle zu duzen, auch über Hierarchieebenen hinweg. Wobei Kommunikation nicht immer einfacher wird, wenn statt Herr Schröder, Frau Schmidt nur noch „der Tobi“ oder „die Steffi“ gesagt wird und man nicht sofort weiß, welcher beziehungsweise welche von mehreren gerade gemeint ist. Nicht geduzt werden möchte ich hingegen von Firmen, Organisationen und Webseiten. Da bin ich Boomer.

Man sagt euch eine gewisse Nachlässigkeit in der Arbeitsmoral nach, doch das glaube ich nicht. Ihr setzt halt andere Prioritäten, ordnet einer Karriere nicht alles andere unter. Vielleicht seid ihr auch ein wenig verwöhnt von euren Eltern, die ihr statt mit „Mama“ und „Papa“ mit ihren Vornamen ansprecht und die möglichst alle Unannehmlichkeiten von euch fernhalten.

In vielem stimme ich mit euch überein: Wir müssen viel mehr für Klima- und Naturschutz tun, damit ihr und eure Kinder, die ihr trotz allem Irrsinn in der Welt irgendwann haben wollt, auf eine angenehme Zukunft hoffen könnt. Wir müssen nicht jede noch so kurze Distanz mit dem Auto zurücklegen, weil es so bequem ist. Und Arbeit muss nicht der zentrale Lebensinhalt sein, siehe oben.

Im Übrigen waren wir auch nicht besser. In den Achtzigerjahren trugen wir seltsame Frisuren, schaut euch auf Youtube nur mal das Video zu Do They Know It‘s Christmas an. Unsere Bekleidung war auch fragwürdig: Die einen trugen wallende Bundfaltenhosen und grelle Seidenblusons, andere kleideten sich in selbst gefärbten Latzhosen und Hemden aus grobem Leinen, dazu einen Rauschebart.

Statt mit dem Smartphone beschäftigten wir uns stundenlang mit dem Zauberwürfel, später einem elektronischen Haustier namens Tamagotchi. Auch wir gingen schon mit Kopfhörern aus dem Haus, nur kam die Musik von einer Kassette im Walkman statt per Stream aus der Wolke.

Ich glaube, ihr seid nicht verkehrt. Und dass wir euch die Welt so hinterlassen wie sie ist, dafür könnt ihr nichts.

*Ich weiß nicht, wie ich euch anreden soll: Millenials, Generation Y, Z, Alpha, Beta, Gamma, Genau; sucht euch was aus, wenn ihr nicht viel älter als dreißig seid

Aus dem Familienalbum (ohne mich)