Woche 36: #nochwasliegenbleiben

Montag: Große Dramen menschlicher Existenz sind häufig darin begründet, dass man sich dort befindet, wo man nicht sein will, zum Beispiel an einem Montag im Büro. Wie der Postillon berichtet, hat die deutsche Gerichtsbarkeit nun zur Linderung dieser Not ein wegweisendes Urteil gefällt.

Bleiben wir noch etwas bei seriösen Presseerzeugnissen. Das der Tageszeitung beigelegte Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ berichtet über die tausend reichsten Deutschen. Während ich gelangweilt durch das Heft blättere, blicke ich in lauter Antlitze von Leuten, die so sind, wie ich niemals sein möchte.

Verwirrend das Werbeplakat eines Gerüstbauers, welches mir auf dem Heimweg in den Blick geriet:

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Der Werbespruch stünde einem auf hochpreisige Immobilen spezialisierten Makler oder einem Anbieter unterleibserfreuender, sado-masochistischer Dienstleistungen gut zu Gesicht. Aber welche Grenze bestimme ich als Gerüstbenutzer?

Dienstag: Wie kann man freiwillig einer Bewegung mit dem Namen „#aufstehen“ beitreten? Eine Initiative“#nochwasliegenbleiben“ hätte indessen gute Chancen, mich als Mitstreiter zu gewinnen. Siehe Eintrag vom vergangenen Sonntag.

Google wird heute zwanzig. Wenn man dort das Rezept für Chili con Carne recherchieren will, sollte man laut WDR 2 „Rezept für Chili con Carne“ eingeben. Da hat sich die Zahlung der Rundfunkgebühr doch schon wieder gelohnt.

Apropos Futter: Darf man eigentlich noch „Studentenfutter“ sagen, oder gilt das inzwischen auch als irgendwie diskriminierend? Nicht diskriminierend, dafür schlicht falsch ist jedenfalls, „Studenten Futter“ zu schreiben.

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Mittwoch: Lange nichts Neues zur Sanierung der Beethovenhalle gehört und gelesen. Bis heute, das Warten hat sich gelohnt: Nach neuesten Erkenntnissen belaufen sich die Kosten nun auf vorläufig 95 Millionen Euro. (Zur Erinnerung: zuletzt 87, ursprünglich veranschlagt 61.) Unbestätigten Meldungen zufolge werden nun Wetten angenommen, ob die 100-Millionen-Grenze noch in diesem Jahr überschritten wird.

Wie nennt man eigentlich diesen Wichtigtuer-Buchstaben, den manche Menschen zwischen Vor- und Nachname zu führen für hübsch halten, zum Beispiel „Karl G. Schoren“? Binnen-Initiale? Trotz intensiver (etwa fünfminütiger) Netzrecherche fand ich darauf keine Antwort. Egal – laut interner Mitteilung hat nun ein sich mit einem solchen Buchstaben schmückender Mensch das Unternehmen verlassen, „um sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns zu widmen.“ Eine weitere Perle der Unternehmenskommunikation.

Auf dem Weg zur Chorprobe hörte ich in Köln-Deutz einen jungen Mann dieses in sein Mobilgerät sprechen: „Check das mal ab, wäre echt nice!“ Das musste ich natürlich sofort notieren, um es der Nachwelt zu erhalten, weil es so nice ist.

Auf der Rückfahrt nach Bonn, müde vom Gesang und in freudiger Erwartung der Arme des Liebsten und des Bettuches, fuhr an meiner Bahn ein Nachtzug vorbei: erst die Schlaf- und Liegewagen, dahinter die Transportwagen für die Autos der Schlafenden und Liegenden. Darauf ein PKW, der im Sekundentakt hupte und blinkte, als hätte er Angst so alleine in der Nacht auf einem schaukelnden Eisenbahnwaggon. Das war auch ziemlich nice, jedenfalls aber niedlich.

Donnerstag: Inseltag. Einfach mal zwischendurch ohne besonderen Anlass einen Tag freinehmen, ausschlafen, frühstücken im Café, danach ein paar kleinere Dinge erledigen (Frisörbesuch, Schuhbänder kaufen und austauschen, was ins Mitmachblog schreiben) und ansonsten die Stunden mehr oder weniger sinnlos vergeuden (Schranke der Modelleisenbahn reparieren, einen alten Bus fotografieren, zwei Textrohlinge notieren, Musik von alten Kassetten hören). Das ist wie ein kleiner Urlaub.

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Freitag: Noch zwei Kommunikationsperlen: „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele der Strategie 2020. Sie sind ein bedeutender Teil davon.“ – „Bei uns ist die Can Do-Einstellung Teil unserer DNA.“ Da steht man doch morgens noch motivierter auf.

Samstag: „Ständig und überall wird aus riesigen Plastikflaschen Wasser getrunken, als hätten frühere Generationen gefährlich an der Grenze zum Verdursten operiert. Das Fitness-Studio braucht einen Aufzug aus der Tiefgarage. Und wenn die Abenteuerreise in die Taklamakan-Wüste mit 20 Minuten Flugverspätung endet, erwägt der wutentbrannte Weltenbummler von heute gleich eine Zivilklage.“ (Martin Wein im Bonner General-Anzeiger über die „Generation Y“)

Es ist mir übrigens vollkommen wurscht, wenn sich jedes Jahr Leute über den Verkauf von Weihnachtssüßigkeiten ab August aufregen. Es zwingt euch doch niemand. Ich jedenfalls habe heute im Rewe das erste Marzipanbrot gekauft, und ich werde es ganz sicher weit vor dem ersten Advent vertilgen.

Sonntag: Es gibt, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, grundsätzlich niemals einen Grund, unhöflich zu werden, so meine Überzeugung. Insofern tut es mir sehr leid, wie ich die Call-Center-Mitarbeiterin, die mich am späteren Morgen im Auftrag einer Meinungsumfrage aus dem Bett klingelte, anraunzte, schließlich machte sie nur ihre Arbeit. Dennoch wäre ich allen Meinungsforschungsinstituten und anderen Einrichtungen, die ungefragt Leute telefonisch belästigen, sehr dankbar, wenn sie mich nie mehr anriefen, weder am Sonntagmorgen noch sonst.

Die fortschreitende allgemeine Verblödung macht auch vor der Gastronomie nicht halt: „Wenn ein Restaurant jeden Tag sowieso so tolle Gerichte zaubert, ist es doch total schade, die nicht auf Instagram zu teilen“, wird eine gewisse Justine Müller (26) in der FAS zitiert. Wie es schmeckt, ist unwichtig, Hauptsache es sieht gut aus und wird von vielen geleikt.

4 Gedanken zu “Woche 36: #nochwasliegenbleiben

  1. Auf Englisch heisst es meines Wissens middle initial. Daraus könnte man einen halbwegs unauffälligen Angliszismus basteln. Binneninitial klingt auch gut. Nach einer längeren Phase der Sozialisierung im angelsächsischen Ausland mit vielen Formularfeldern „first name(s) as in passport“ mag ich die sogar. Zumindest meinen ;-).

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  2. Irgendwo habe ich mal von einer Studie gelesen, nach der Personen mit „Binnen-Initiale“ als erfolgreicher wahrgenommen als Personen ohne. Das im Hinterkopf finde ich seitdem Menschen mit solch einem Namensbilddarm noch seltsamer als vorher.

    gez. Thomas S. Lehrling

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