Ein Schiff voller Irrer

In der vergangenen Nacht hatte er einen eigenartigen Traum: Er flitzte als Pinguin auf der Jagd nach frischem Fisch durch das Eismeer. Als er einmal zum Zwecke des Luftschnappens auftauchte, sah er dieses Schiff: ein riesiges Passagierschiff, aus dessen unterem Deck, kurz über der Wasserlinie, aus runden Öffnungen hunderte Ruder im Gleichtakt das Meer pflügten, wie bei einer römischen Galeere. Vorne trug das Schiff den Namen eines großen Konzerns, am Heck flatterten zwei Flaggen: eine mit dem Konzernlogo, die andere mit dem Namen einer bekannten Unternehmensberatung. (Es ist nicht anzunehmen, dass Pinguine Konzerne und Unternehmensberatungen kennen, auch wenn bei diesen zahlreiche pinguinartig gekleidete Menschen mit irgendetwas beschäftigt sind. Aber es war halt ein Traum. [Den letzten Satz hätte ich auch mit „Aber hey“ beginnen können, doch steht dem meine uneingeschränkte Abneigung gegenüber dieser Einleitung eines Abersatzes entgegen.]).

Während im großen Saal auf dem Oberdeck der Kapitän zu Investoren und Aktionären sprach, ihnen steigende Gewinne und Dividenden für die kommenden Jahre in Aussicht stellte, drang von der Brücke unverständliches Stimmengewirr. Da der Pinguin nichts verstand, flog er zur Brücke und beobachtete das dortige Treiben: Die anwesenden Offiziere riefen wild durcheinander, keiner hörte dem anderen zu. „Links!“, rief einer, „rechts!“ ein anderer. „Die Ruderer sind zu teuer, wir müssen ihre Löhne marktgerecht anpassen“, hörte der Pinguin. „Wir müssen die Schlagzahl erhöhen und sie stärker peitschen!“ – „Wir beschäftigen viel zu viele Peitscher, was die kosten…“

Da sah der Pinguin durch die Nebelschwaden einen riesigen Eisberg, auf den das Schiff direkt zu raste; aus dem Unterdeck hörte er den beschleunigten Takt der Trommel, Peitschenhiebe und Schreie. Die Bordkapelle spielte den alten Flash And The Pan-Hit „Down Among The Dead Men“. Der Eisberg kam rasch näher, auf seinem Gipfel wehte die Fahne eines anderen großen Konzerns, der als der größte und mächtigste Kunde des Schiffes galt. Der Pinguin rief „Achtung, der Eisberg…!“ zur Brücke, doch die Offiziere stritten immer noch, hörten ihn nicht. Dann eben nicht, dachte er und sprang zurück ins Meer, Fische jagen.

Kurz bevor die Bugspitze auf den Eisberg prallte, wachte er auf. Später, in der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro, erschrak er heftig, als er – noch matt vor Morgenmüdigkeit – aufblickte und auf dem Sitz gegenüber einen Pinguin erblickte. Dann bemerkte er den albernen Aktenrollkoffer zu dessen Füßen, es war wohl doch nur ein Unternehmensberater.

Alternativer Schluss:

In der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro, fragte er sich, warum Pinguine nicht fliegen können (was man halt so vor sich hindenkt, wenn die Morgenmüdigkeit einen noch umnebelt). Vielleicht, weil sie dadurch auch keinen Größenwahn verhindern können.

2 Gedanken zu “Ein Schiff voller Irrer

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