Durch die Brille

Widmet man Zeit und Interesse den zahlreichen Blogs, so drängt sich der Eindruck auf, fast jedes zweite dreht sich um das zweifellos schöne und wichtige Thema Nahrungsaufnahme; etwa genau so hoch scheint der Anteil der Bilder in Instagram zu sein, die eine Mahlzeit zeigen. Daher ist es an der Zeit, das Thema logisch fortzuführen, sich zu befassen mit dem, was danach kommt, also nach dem Essen und anschließender Verdauung. Keine Sorge, ich werde sie nun nicht mit Abbildungen menschlicher Ausscheidungen konfrontieren, auch bemühe ich mich, die weiteren Betrachtungen körperlicher Erleichterung auf das absolut Nötigste zu beschränken.

Der 19. November eines jeden Jahres ist seit einigen Jahren der Welttoilettentag. Warum auch nicht, schließlich ist jeder Tag der Tag von irgendwas: Tag der Frau, des Mannes, des Kindes, des Hundes, der Katze, der Schildkröte, der Befreiung, des Lachens, des Baumes, des Autos, der Volkstrauer, der Arbeit (immerhin arbeitsfrei), nicht zu vergessen und zu recht umstritten der innere Reichsparteitag.

Der Welttoilettentag also soll den weltweiten Unwägbarkeiten des Sanitärwesens Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, ist doch vielen Menschen nach wie vor die Behaglichkeit der heimischen Brille verwehrt, stattdessen müssen sie sich dort entleeren, wo gerade keiner kuckt; und das in Zeiten, da die Kriminalisierung sogenannten Wildpinkelns mit großen Schritten voranschreitet.

Obwohl ich mich diesbezüglich auf der Sonnenseite weiß, mehrlagiges Toilettenpapier inbegriffen, möchte ich dennoch die Gelegenheit ergreifen, einige Missstände anzuprangern, welche ausschließlich in Gemeinschaftstoiletten zu Tage treten, in Gaststätten, Bürogebäuden, Bahnhöfen oder Raststätten.

Beginnen wir mit der Geschlechtertrennung, welche Ausdruck findet in Piktogrammen, rätselhaften Figürchen, einem schlichten Schild „Damen“ beziehungsweise „Herren“ oder einfach nur „D“ und „H“ an der jeweiligen Außentür, oder einer Kennzeichnung, die derart originell ist, dass sie nicht oder nur mit gehobenem Allgemeinwissen zu entschlüsseln ist. Und wozu das ganze? Warum müssen die Damen manchmal lange Warteschlangen erdulden, während nebenan alles frei ist, oder – seltener – umgekehrt? Nur weil sie möglicherweise einen Mann von hinten beim Pinkeln sehen könnten? Also bitte – so aufregend ist das auch nicht. Noch viel weniger Aufregendem könnte der Mann ansichtig werden, da das weibliche Geschäft üblicherweise hinter verschlossener Tür abläuft. Und den Anblick einer Lidstrichnachbesserung vor dem Spiegel wird den Herren wohl auch nur in äußerst seltenen Fällen Sitte und Anstand vergessen lassen. Und warum ist die Trennung nicht erforderlich bei Toiletten in Zügen und Dixiklos? Gelten für bewegliche Bedürfniseinrichtungen permissivere Regelungen?

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Führte man diesen Gedanken weiter, müsste gleichgeschlechtlich orientierten Menschen dann nicht das Betreten von WCs ihrer eigenen Genusgruppe untersagt sein, um sie vor der Versuchung und ihre Mitpinkler/-innen vor Belästigungen zu bewahren? Und was ist mit Menschen, die sich nicht einem eindeutigen Geschlecht zuordnen zu lassen, müsste ihnen dann nicht jeglicher Toilettengang außerhalb heimischer Kacheln versagt bleiben? In Berlin hat man dem Vernehmen nach inzwischen reagiert, dort wurden letztes Jahr Unisex-Toiletten eingerichtet, „WC für alle Geschlechter“ steht an der Tür. Na also, geht doch, versteht wohl auch jeder.

Auf Twitter las ich einst folgendes: „Ein guter Schiss ist der Orgasmus des kleinen Mannes.“ Leider ist mir der Urheber nicht erinnerlich, doch wohnt dieser Erkenntnis große Wahrheit inne. Zu einem gelungenen Stuhlgang gehört – neben guter Lektüre – vor allem das uneingeschränkte Alleinsein. Zu einem gelungenen Orgasmus eher nicht, wobei man auch hier in passender Stimmung und mit den richtigen Hilfsmitteln zu durchaus passablen Ergebnissen kommen kann („kommen“, ha ha, zwinker zwinker), doch das ist ein anderes Thema, welches zu erörtern hier in absehbarer Zeit nicht vorgesehen ist. Obwohl, warum nicht, mal sehen… Zurück zum Stuhlgang. Auch dieser findet heutzutage üblicherweise hinter verschlossener Tür statt, was ihn*, den Stuhlgänger*, zumindest davor bewahrt, dass während des Vollzuges plötzlich jemand vor ihm* steht und nach Kleingeld für den Münzteller der Klofrau* fragt. Alleine ist er deswegen noch lange nicht, weil der Klobauer aus Gründen der Kostenersparnis oder besseren Luftzirkulation statt massiver Wände nur dünne Sperrholzplatten zwischen den Aborten eingezogen hat, mit breiten Spalten zum Boden und zur Decke hin, welche nicht nur die Geräusche des Sitznachbarn, sondern auch seine Ausdünstungen ungehindert sich im Raum ausbreiten und diese somit gleichsam zu einem Gemeinschaftserlebnis werden lassen. Man bedarf schon einer robusten Veranlagung, um es zu mögen, einen Orgasmus akustisch mit fremden Menschen zu teilen.

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Wir leben in einer Zeit, da so ziemlich alles zum Wohle des Einzelnen geregelt ist, auf dass sein Wohlgefühl nicht durch andere gestört wird: Geraucht wird nur noch draußen, öffentliche Veranstaltungen werden nur noch genehmigt, wenn sie geräuschlos ablaufen. Nur die Geräusch- und Geruchsdichtigkeit von WC-Kabinen entbehrt bedauerlicherweise bis heute EU-behördlicher Regelung. Das stinkt mir.

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* beziehungsweise, natürlich: sie, -in, ihr, des Klomannes

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