Hellaaf und Alau

Zum Karneval habe ich ein gespaltenes Verhältnis, was wohl in erster Linie in meinen ostwestfälischen Wurzeln begründet ist. Wobei auch wir Karneval feierten – im Kindergarten, in der Schule, natürlich mit Kostüm: als Pinguin, Seemann oder Eisenbahner. Karneval in Bielefeld war für mich in erster Linie der Rosenmontag; Weiberfastnacht (*1, Straßenkarneval und Sitzungen kannte ich nur aus dem Fernsehen. Mit Beginn des Berufslebens war es auch damit vorbei, der Rosenmontag war ein normaler Arbeitstag, und was darüber hinaus andere Jecken trieben, nahm ich entweder mit einem gewissen Befremden oder gar nicht zur Kenntnis.

Das änderte sich, nachdem ich nach Bonn gezogen war – hier im Rheinland konnte und kann man dem Karneval kaum entkommen, was für den gebürtigen Ostwestfalen zumindest gewöhnungsbedürftig ist: ab dem 11.11. begegnen einem immer wieder bunt uniformierte und kostümierte Menschen auf der Straße, aus einschlägigen Kneipen tönt jecke Musik, et Trömmelsche jeht hier und da. Der Höhepunkt des Wahnsinns dann in den Tagen ab Weiberfastnacht, wo auch im Büro nichts mehr läuft, jedenfalls nichts, was mit dem Kerngeschäft des Unternehmens zu tun hat, Rosenmontag oft regulär arbeitsfrei, ab Dienstag normalisiert sich die Lage langsam, und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann fasten sie plötzlich.

Anfangs stand ich ratlos davor und fragte mich: was soll der Quatsch? Mich zu verkleiden empfand ich als ziemlich albern (*2, und kalendarisch verordneter Frohsinn erschien mir unecht, nicht ehrlich. Doch mittlerweile habe ich mich mit den rheinischen Gewohnheiten ganz gut arrangiert: Zu Weiberfastnacht krame ich ein paar Sachen aus dem Schrank, die ich sonst nicht im Büro tragen würde, eine Fliege, eine Weste, eine Mütze gehen immer, mit Schminke und Perücken habe ich hingegen so meine Schwierigkeiten, aber das kommt sicher noch. Ab zehn Uhr fällt der Stift, dann trifft man sich bei Bier und Berlinern mit den Kollegen des Geschäftsbereichs, später schaut man beim Marketingbereich vorbei, der traditionell gut feiern kann, schließlich runter in den Keller zur offiziellen Party, Leute treffen, quatschen, lachen, tanzen, singen und Kölsch trinken, bis nichts mehr reingeht.

Dieses Jahr habe ich es richtig lange ausgehalten. Während mir in anderen Jahren schon gegen 18 Uhr die Lichter ausgingen, hielt ich dieses Mal durch bis fast zum offiziellen Schluss kurz nach 21 Uhr. Dem kollegialen Ansinnen, jetzt noch durch die Kneipen zu ziehen, konnte ich mich zum Glück entziehen, vermutlich hätte ich es nicht überlebt; es ist auch so schon jedes Jahr eine erhebliche Herausforderung, unfallfrei mit der Stadtbahn nach Hause und schließlich ins Bett zu kommen. Freitag hatte ich frei, das ist sehr wichtig. Gegen 17 Uhr konnte ich endlich das Bett verlassen und die Aufnahme fester Nahrung versuchen, die Einnahme alkoholischer Getränke verbot sich hingegen, allein der Gedanke daran erregte Übelkeit.

Das ging erst Samstagabend wieder einigermaßen, als der Liebste darauf drängte, eine Runde durch die Altstadt zu machen. Angeblich hatte ich nach meiner Rückkehr am Donnerstagabend eine entsprechende Zusage gemacht, was ich mir einerseits nicht vorstellen, andererseits nicht restlos widerlegen konnte. Also nochmals, etwas widerwillig, die Fliege angelegt und die Mütze aufgesetzt. Wir begannen im Painless, wo das erste Kilkenny noch so gar nicht ablaufen wollte, setzten die Runde fort durch die UnFassBar, das Lichtblick, das Billabonn (wo es mir entschieden zu voll war), das Pawlow, wo man erfreulicherweise zu wirklich jeder Jahreszeit auch draußen sein Bier zu sich nehmen kann, außer vielleicht bei Windstärke ab zehn, Hagelschlag ab Taubeneigröße und Erdbeben ab Stärke sechs, schließlich noch einmal in die UnFassBar und ins Painless; inzwischen lief das Bier auch wieder ganz gut ab. Dennoch war ich froh, als wir wieder zu Hause waren und des Bettuches Wärme meinen geschundenen Körper umspielte.

Der Liebste, obgleich wie ich in Ostwestfalen aufgewachsen, hat ein gänzlich anderes Verhältnis zum Karneval – er liebt ihn. Er wurde in Bayern geboren und im Alter von zwei Jahren in des Kreises Lippe herbe Höhen umgesiedelt, vom geografisch-zeitlichen Mittelwert her möglicherweise direkt mit der Domplatte gleichzusetzen. Wenigstens ist er nicht der katholisch-absurden Idee des anschließenden Fastens zugeneigt.

Hier nun die Version 1 des Textes, wie ich ihn gestern vorbereitet habe in der Annahme, ihn heute genau so nach der Arbeit zu veröffentlichen:

Der Rosenmontag ist schon lange kein per se arbeitsfreier Tag mehr bei uns, daher war ich heute im Büro. Zwar führt der Bonner Zoch fast vor unserer Haustür lang, aber den erspare ich mir. In Gedrängel und Kälte zu stehen ist nicht so meins, spätestens nach dem zehnten Wagen empfinde ich es als langweilig, und das Bier will angesichts des folgenden Arbeitstags auch nicht so richtig schmecken. Der Liebste hingegen ist mitten dabei, erst Zoch, dann Straße und Kneipen. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mal nach ihm schauen gehen, nicht dass er unter die Räder gerät.

Und hier die Version 2, wie es wirklich war:

Der Rosenmontag ist schon lange kein per se arbeitsfreier Tag mehr bei uns, daher war ich heute im Büro. Zwar führt der Bonner Zoch fast vor unserer Haustür lang, aber den erspare ich mir. In Gedrängel und Kälte zu stehen ist nicht so meins, spätestens nach dem zehnten Wagen empfinde ich es als langweilig, und das Bier will angesichts des folgenden Arbeitstags auch nicht so richtig schmecken. Gegen 16 Uhr jedoch erreichte mich im Büro eine SMS des Liebsten: „Der H. ist auch da. Komm rüber.“ H. ist der Bruder unseres Nachbarn, ein sehr sympathischer Mensch, mit dem wir in Frankreich schon so manches Weinglas leerten. Also fuhr ich den Rechner runter und machte mich auf. Schnell umgezogen, einen Hut aufgesetzt und auf in die Breite Straße, wo der Zoch gerade durch war und das närrische Leben vor dem UnFassBar tobte. Es war zwar nicht ganz einfach, stundenlangen Feiervorsprung aufzuholen, aber nach ein paar Kölsch ging es. Und ja, es war richtig nett. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt der Liebste bereits im Kölschkoma, kaum zu glauben, ich habe es länger ausgehalten. Und die Party ist noch lange nicht zu Ende.

Langsam, ganz langsam beginne ich, zu verstehen.

——————
*1) Das stimmt nicht ganz: In einigen ostwestfälischen Orten, wie zum Beispiel Schloß Holte-Stukenbrock, geht zu Weiberfastnacht richtig die Post ab.

*2) Auch das stimmt nicht ganz: Bei der Dampfkleinbahn und auf der Bühne verkleide ich mich gerne und bereitwillig, und ist nicht der Anzug im Büro auch eine Verkleidung?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s