Woche 10/2026: Es wird einfach zu viel gequatscht

Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.

Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.

Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.

Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.

Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?

„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.

Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.

Sicherheitswolf im Schneegestöber

Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.

*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.

Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.

Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.

Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.

Blick von Gielsdorf auf die Rheinebene
Zwischen Gielsdorf und Alfter
Alfter
Ebenfalls
Brenig
Links die Rheinmittelterrassenkante
Anrufschranke
Unendliche Weiten und Hochspannung
Bornheimer Bach
Im Eichenkamp
Ebendorten

Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.

Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.

Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)

Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE

Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.

Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.

Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.

Mirabellenblüte
Utepils

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(18:30)

Woche 5/2026: Toleranzen und Okularität

Montag: Die Woche begann kalt, auch hier im Rheinland, wo es üblicherweise stets ein paar Grad weniger kalt ist als in anderen Gegenden. Während (nicht nur) Ostwestfalen unter einer dichten Schneedecke liegt, wie die Mutter morgens am Telefon berichtete, puderten in Bonn erst im Laufe des Vormittags einige Flocken die Dächer und Rasenflächen; die Straßen blieben indes frei, so dass ich gut mit dem Fahrrad ins Werk kam und nach einem besprechungsreichen, ansonsten recht angenehmen Arbeitstag wieder zurück.

Abends packte ich für die Dienstreise morgen nach München, mit dem Packen stellte sich wieder die bei mir übliche Nervosität vor längeren Bahnreisen ein, selbst wenn eine verspätete Ankunft kein größeres Unglück wäre. Das wird sich wohl nicht mehr ändern, mit dem Alter werde ich wunderlich, merke ich selbst.

Dienstag: Wie der erste Blick in die Bahn-App morgens zeigte, gab es eine „technische Störung am Zug“, dennoch sollte er laut Anzeige pünktlich in Siegburg/Bonn abfahren. Bei Ankunft in Siegburg zeigte die Anzeige am Bahnsteig, mittlerweile auch die App, eine Verspätung von vierzehn Minuten an, schließlich fuhren wir zwanzig Minuten verspätet ab. Das war nicht schlimm, bei weiteren Bahnreisen plane ich inzwischen eine Verzögerung von mindestens einer Stunde ein. Zudem war es eine bequeme Direktverbindung ohne Umsteigen. Was mich mehr störte: Ganz sicher hatte ich bei der Platzreservierung einen Reihenplatz am Wagenende gewählt, stattdessen bekam ich einen der von mir verhassten Plätze mit Tisch in der Vierergruppe. Ein junger Anzugträger neben mir bearbeitete auf dem Laptop eine Tabelle, während auf seinem Telefon ein Spielfilm lief. Beeindruckend, welche Fähigkeiten die jungen Leute entwickelt haben. Ein weiterer Anzugträger mir gegenüber kramte kurz vor Frankfurt Flughafen ein Paar Schuhe aus dem Rucksack und zog sie sich an.

Immerhin, in Frankfurt wurde der Zug deutlich leerer und ich konnte auf einen freien Reihensitz wechseln, von dem aus ich Fußfreiheit und die Fahrt durch überwiegend verschneite Landschaften und Orte mit malerischen Namen wie Großkotzenburg* genießen konnte. Um den Genuss zu verlängern, wuchs die Verspätung ohne nähere Begründung (wie Signalstörung oder Personen im Gleis) bis München schließlich auf fast eine Stunde an; im Sinne der oben genannten Kalkulation erreichte ich das Ziel somit pünktlich und der weitere Tag verlief ohne nennenswerte Ereignisse.

„Anwalt ist die beste Verteidigung“ wirbt ein Anbieter für Rechtsschutzversicherungen auf Plakaten. Das ist doch endlich mal wieder eine originelle Reklame.

*Ein Verleser im Vorbeifahren, wie sich im Nachhinein heraus stellte. Der Ort heißt Großkrotzenburg. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass er von Bewohnern unwohlmeinender Nachbargemeinden wie oben ausgesprochen wird.

Bei Dettingen am Main

Mittwoch: Heute kein Eintrag, weil …

Donnerstag: … es abends spät wurde und ich keine Lust mehr zum Schreiben hatte, das kommt auch nicht oft vor. Das Problem bei Dienstreisen, gerade in Orten wie München: Man bekommt nicht viel mit von der besuchten Stadt außer der Strecke zwischen Hotel und Tagungsort in Oberhaching und abends dem Weg zum Abendessen und socializing im Wirtshaus am Bavariapark, der immerhin Gelegenheit für zwei etwa halbstündige Fußmärsche bot. Obwohl es in ethanolischer Hinsicht völlig im akzeptablen Rahmen blieb, zog ich mich danach sofort ins Hotelzimmer zurück, während die meisten anderen noch ein Häuschen weiter zogen auf einen Absacker. Ich war müde, schreibunwillig und ein klein wenig stolz auf meine ungewöhnliche Vernunft.

Das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof war gut, es lag in einer Straße, deren Anlieger ausschließlich Hotels und Schmuckgeschäfte zu sein schienen. Zum Frühstück standen Saftgläser in drei Größen zur Verfügung, einzig an Jackenhaken im Zimmer wurde mal wieder gespart, was mich wieder daran erinnert, endlich nach einem Reisejackenhaken Ausschau zu halten.

Über Nacht hatte es geschneit, durch tauenden Schneematsch ging ich zum Bahnhof, wo mein ICE schon bereit stand und München pünktlich verließ. Nach dreiundzwanzig Kilometern verließ ihn die Pünktlichkeit, wegen einer „nicht näher definierten Störung“ standen wir in verschneiter Gegend. Mir war es recht, ich hatte Zeit, einen Fensterplatz und genug zum Lesen dabei, die Zugheizung funktionierte tadellos. Das einzige, was mir passieren konnte, war, mangels Platzreservierung und ausgefallener Reservierungsanzeigen irgendwann von meinem Platz vertrieben zu werden.

Ende der Pünktlichkeit

Unvertrieben vom Platz kam ich mit gut halbstündiger Verspätung schließlich in Siegburg/Bonn an. Der Zugführer, der zwischen München und Nürnberg die Durchsagen machte, sprach übrigens stets von „Toleranz“ statt Verspätung. Ob er sich das selbst ausgedacht hat oder es sich um einen neuen bahnsprachlichen Euphemismus handelt, weiß ich nicht. Gegen letzteres spricht, dass sein Ablöser ab Nürnberg wieder Verspätung sagte. Hauptursache für die Verzögerung war nach meiner Beobachtung, dass der Zug über weite Strecken langsamer fuhr als der Fahrplan vorsah, vielleicht wegen des Schnees. Sogar auf der Schnellfahrstrecke zwischen Frankfurt und Siegburg, wo freie Fahrt herrschte, kamen nochmal acht Minuten hinzu.

Wie auch immer, ich war mehr als rechtzeitig zu Hause, um mich in aller Ruhe umzukleiden für den Neujahrsempfang des Arbeitgebers im Maritim-Hotel.

Freitag: „Bedenke, dass du ein Mensch bist“ flüsterte einst während des Triumphzuges im alten Rom ein Sklave dem siegreichen Centurio zu. „Bedenke, dass du ein alter Sack bist“ flüsterte mir hingegen nach längerem mein Rücken zu, der seit gestern Abend wieder deutlich zwickt. Kurz nach Rückkehr von der Neujahrssause fing es an, einen Zusammenhang vermute ich nicht. Die war übrigens sehr schön und kurzweilig mit Essen, (nicht zu viel) Trinken und angenehmen Gesprächen. Zudem hielten sich fast alle an die in der Einladung geäußerte Bitte, in gepflegter Abendkleidung zu erscheinen. Schon lange sah ich nicht mehr so viele Kolleginnen und Kollegen in einer Weise bekleidet, wie sie bis vor wenigen Jahren noch büroüblich war, ehe mit der Coronaseuche eine neue textile Üblichkeit eintrat. Ich werde wohl künftig morgens wieder öfter zu Anzug oder Sakko greifen.

Entgegen der Üblichkeit ging ich heute zu Fuß ins Werk. Zum einen war ich in dieser Woche durch die Dienstreise nur wenig gegangen, außerdem war ich mir nicht sicher, ob der Rücken das schmerzlose Auf- und Absteigen aufs und vom Fahrrad erlaubt hätte. Auf dem Rückweg hörte ich mir das Album Circles & Squares von Malcolm F. an, das der geschätzte Mitblogger Christian erschaffen hat. Wenn Sie elektronische Instrumentalmusik mögen, empfehle ich es Ihnen, mir hat es gut gefallen. Im übrigen, nicht als Hörempfehlung, vielmehr ein für Sie irrelevantes Bemerknis, entspricht die Spieldauer des Albums exakt meiner Wegezeit vom Turm bis nach Hause.

Kurt Kister schrieb: „Aber was macht man, wenn eine rechtsradikale Politikerin einen so stechenden Blick hat, dass man gar nicht umhinkommt, ihre Okularität mit ihren Überzeugungen zu verknüpfen?“ Okularität muss ich mir merken.

Samstag: Ein angenehm ruhiger Tag mit aushäusigem Frühstück, einem Spaziergang und ansonsten ohne terminliche Pflichten und karnevalistische Aktivitäten. Auch der Rücken piesackt nicht mehr, vielleicht hatte er gestern nur einen schlechten Tag, kann man ja mal haben in diesen Zeiten.

Ein weiteres schönes Wort ist das Verb „ennuyieren“, gelesen hier, das statt langweilen, ärgerlich machen, lästig werden benutzt werden kann und für das sich vor allem in letzterer Bedeutung sicherlich Verwendung finden wird.

Sonntag: Und schon ist wieder Februar. Damit auch diese Woche nicht gänzlich karnevalsfrei endet, hatten wir nachmittags einen Auftritt in Euskirchen. Zum Treffpunkt, wo der Bus abfahren sollte, fuhren wir mit einer Uberdroschke. Bemerkenswert fand ich die Anmerkungen des palästinensischen Fahrers, der sich ausführlich über zu viele Ausländer in Deutschland beklagte, dabei mehrfach das unschöne Wort „entartet“ benutzte. Das empfand ich als äußerst ennuyierend (das ging schnell); aus eben diesem Grund meide ich stets unnötige Gespräche mit Taxifahrern und anderen fremden Menschen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht ennuyieren.

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