Woche 9/2026: Einigermaßen lebendig

Montag: Die Nacht endete um drei Uhr aus einem unspektakulären Traum heraus. Einfach so war ich plötzlich wach und schlief danach vorerst nicht wieder ein, laut an die Schlafzimmerdecke projizierte Uhrzeit (sehr praktisch dieses Gerät, auch wenn die Schrift aus unerfindlichen Gründen manchmal auf dem Kopf steht) immerhin zwei Stunden lang nicht. Weder Schmerz noch Kummer hinderten mich – zum Glück – am Wiedereinschlafen, allenfalls mäßiges Schnarchen von der Nebenmatratze. Das kommt vor, selten und unregelmäßig, irgendwas wird sich der Körper dabei denken. Wenn er es damit nicht übertreibt, von mir aus. Manchmal kommt mir in solch frühwachen Stunden eine Schreibidee, mit etwas Glück erinnere ich mich später noch daran und notiere sie. Dieses Mal küsste die Muse nicht, vermutlich schlief sie tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Spontaner Gedanke später im Büro: „Ausbau“ ist ein interessantes (für Untervierzigjährige: spannendes) Wort. Zum einen bedeutet (für Untervierzigjährige: meint) es die Erweiterung von etwas, zum anderen genau das Gegenteil, dessen Beseitigung. Vermutlich kommt es dennoch selten zu Verwechslungen, etwa bei Dachböden oder Motoren. Was ich nun mit dieser Erkenntnis anfangen soll, weiß ich auch nicht.

Anderer Gedanke: Warum verwenden manche drei Silben auf „ongoing“, wenn sie auch einsilbig „läuft“ sagen könnten?

In einem Text gelesen und für unschön, außerdem falsch befunden: „Ein:e anonym:e Leser:in“

Lichtblick: Kurz vor Arbeitsende ging ein Regenschauer nieder, der bei gleichzeitig scheinender Sonne einen Regenbogen gebar.

Regenbogen, Teilansicht

Dienstag: Auf den Fußweg ins Werk durch weiterhin milde Luft und leichten Regen folgte ein Arbeitstag voller Besprechungen mit nur kurzen Unterbrechungen zur Erledigung von Anstehendem, an manchen Tagen ist das so. Die letzte Besprechung endete zum Glück eine halbe Stunde früher als geplant. Das kam mir sehr gelegen, weil ich nach der Arbeit einen früheren, schon länger pensionierten Kollegen im Krankenhaus zu besuchen beabsichtigte. Das wollte ich schon vergangene Woche tun, doch hatte mich, wie berichtet, erkältungsbedingte Bettlägerigkeit daran gehindert.

Weg ins Werk mit viel Wasser

Die Busfahrt zur Klinik auf dem Hardtberg war lang und interessant, sie führte durch Stadtteile, in denen ich noch niemals war, unter anderem Medinghoven, eine größere Ansammlung von Hochhäusern, die vor einigen Jahren zweifelhafte Bekanntheit erlangte, nachdem in der Silvesternacht eine größere Gruppe Irrer mit Böllern und Raketen auf Polizei und Rettungskräfte losgegangen war. Heute war alles friedlich. Die Fahrt erinnerte mich wieder an mein Vorhaben, nach und nach alle Bonner Buslinien zu bereisen, das ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt habe. Immerhin kann ich jetzt die halbe 606 abhaken.

Den Kollegen, der nach einem schweren Autounfall wieder zusammengenäht wurde, traf ich unerwartet fidel an. Die Bilder, die er mir kürzlich zugesandt hat, hinterließen eher den Eindruck, am Unfall wäre ein Panzer beteiligt gewesen oder eines der beteiligten Fahrzeuge hätte eine größere Menge Sprengstoff geladen gehabt. Umso mehr freut es mich, dass es ihm wieder einigermaßen gut geht. Lieber R., falls du hier mitliest, weiterhin alles Gute!

Mittwoch: Der Tag erfreute mit Sonnenschein und frühlingshafter Temperatur, erstmals in diesem Jahr waren beim Radfahren keine Handschuhe erforderlich. Jedenfalls für mich, andere fahren schon bei deutlich niedrigerer Gradzahl in kurzen Hosen, auch so ein Trend, der nach meiner Beobachtung zunimmt und für den ich keine Erklärung habe. Auf dem Heimweg schob mich freundlicher Südwind an. Auch die Laune der Menschen schien deutlich aufgehellt.

In der Zeitung las ich morgens über das neue Buch von Martin Suter, in dem er sich Managern, Businesskaspern, deren Gehabe und Jargon widmet, genau mein Plaisir. Ich habe es sogleich in der Buchhandlung des Vertrauens bestellt und kann es schon morgen abholen.

Merke: Sätze wie „Service wird bei uns groß geschrieben“ bedeuten in achtzig von hundert Fällen nur die grundsätzliche Bereitschaft, die Regeln der deutschen Rechtschreibung anzuerkennen.

Donnerstag: Morgens hörte ich erstmals das Wort Friedfische als Gegenstück zu den karnivoren Raubfischen. Das finde ich bedenklich, hier wird in meines Erachtens unzulässiger Weise ein Bild von gut und böse gemalt, am Ende steht man als Schnitzel- und Currywurstesser am Pranger.

Auch dieser Arbeitstag war wieder überreich an Besprechungen, darunter ein zweimal zwei Stunden langer virtuellen Workshop, dessen Arbeitsergebnis in einem zweifelhaften Verhältnis zur Dauer steht. In der zweiten Hälfte, nach dem Mittagessen, legte sich schwere Müdigkeit über mich und ich war froh über die ausgeschalteten Kameras, so dass ich kurz unbeobachtet die Augen schließen konnte, selbstverständlich ohne dass meine Aufmerksamkeit litt, soweit ich mich erinnere.

Mitgeschrieben habe ich: Der Scope wurde geshiftet, man muss etwas challengen, das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht und irgendwas wurde spannend gefunden; zum Schluss zeigte sich der Initiator zufrieden mit dem Outcome. Das ist ja die Hauptsache, und auch hier gilt wie so oft: Ich werde sehr gut dafür bezahlt.

Auch heute war es frühlingshaft und sonnig, sowohl morgens als auch nachmittags begegneten mir am Rheinufer zahlreiche Kurzbehoste, während andere wie ich sich in Daunenjacke wohler fühlten. Auch die Außengastronomie war schon wieder gut besucht; mir blieb indessen keine Zeit für eine Einkehr, da ich für das Abendessen einzukaufen beauftragt war und zum Sport wollte. Außerdem holte ich das Suter-Buch ab, das für seinen Umfang von etwas über zweihundert Seiten einen mit sechsundzwanzig Euro stolzen Preis aufweist. Hoffentlich überzeugt der Inhalt, ich werde berichten. Zurzeit lese ich noch „Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ von Mary L. Trump, das ich bereits vor mehreren Jahren einem öffentlichen Bücherschrank entnahm und erst jetzt zu lesen begonnen habe. Es bietet hochinteressante Innenansichten aus der Familie des amerikanischen Präsidenten. Ohne ihn verteidigen zu wollen: Leicht gehabt hat er es auch nicht.

Morgens
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Freitag: Vergangene Nacht starb ich mal wieder, das war interessant. Ich war nicht so richtig tot, vielmehr nahm ich mein Umfeld noch wahr und konnte mit ihm interagieren. Sogar ins Büro ging ich noch, man hat ja sonst nichts besseres zu tun als Leiche. Dennoch war allen, mich selbst eingeschlossen, klar, ich befand mich nun auf der anderen Seite. Bis mich der Radiowecker auf diese Seite zurück holte.

Einigermaßen lebendig ging ich anschließend im Büro den Geschäften nach, während draußen die Sonne schien und es vormittags in der fernen Müllverbrennungsanlage brannte, auch außerhalb der dafür vorgesehenen Öfen.

..

Nachmittags wurde mir per Anruf aus Bielefeld verdeutlicht, dass ich ein schlechter Sohn bin, der sich nicht genug um seine zurzeit unpässliche Mutter kümmert. Ich weiß das, spätestens seit ich in Bonn lebe, ist es so. Besser kann ich es nicht. (Dazu könnte und würde ich gerne noch viel mehr schreiben, doch das gehört hier nicht hin.)

Abends trafen wir uns im Wirtshaus mit mehreren ehemaligen Nachbarn, die in den letzten zwanzig Jahren in unserem Haus wohnten, dann aus Kinder- und anderen Gründen weggezogen sind. Zumeist Leute in unserem Alter. Auch die Gesprächsthemen waren altersgerecht, unter anderem Krankheiten, Beziehungstektoniken, Rente und Sterbehilfe. Danach war ich vom lauten Durcheinanderreden übermenscht und froh, wieder zu Hause zu sein.

Samstag: „Wer den Eindruck hat, schon alles erledigt zu haben, aber noch eine Aufgabe sucht, kann ein vierbändiges Werk über die Fahrwasserbetonnung von begehbaren Kleiderschränken verfassen.“ So die Tagesnotiz von Gunkl.

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Sonntag: Und schon ist wieder März, meteorologischer Frühlingsanfang. Irgendwer sollte es den Bäumen sagen, auf dass sie sich wieder in Blätter kleiden. Dessen ungeachtet zog ich nachmittags aus, um beim Spaziergang das erste Außenbier (oder Utepils, wie es in Norwegen heißt) der Saison zu trinken. Das erwies sich zunächst als gar nicht so einfach, obwohl fast alle Gaststätten wieder Tische und Stühle rausgestellt haben, sofern sie das nicht ohnehin ganzjährig haben. Beim ersten Lokal in der Südstadt kam keine Bedienung, stattdessen musste ich mir das kaum erträgliche Gelaber vom Nebentisch anhören, wo eine junge Frau ihre Freundin zumonologisierte und dabei nicht mit eingestreuten englischen Wörtern sparte. Auf dem sonnenbeschienenen Münsterplatz waren alle Außenplätze belegt, das bayrische Wirtshaus eine Straße weiter lag im Schatten und niemand saß draußen, auch hier ließ sich keine Bedienung blicken. Erst vor dem Café auf dem Marktplatz erhielt ich das Begehrte, leider hatte sich die Sonne inzwischen hinter die Häuser verzogen und kühler Wind kam auf. Ich ließ mir nichts anmerken, zog den Reißverschluss der Jacke höher und genoss es, die vorübergehenden Passanten in unterschiedlichen Bekleidungszuständen zu betrachten.

Weststadt unter blauem Himmel
Das erste Utepils des Jahres

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den den Frühling.

19:00

Woche 12/2025: AFAICS

Montag: An den inflationären Gebrauch des Wortes „spannend“ als Synonym für interessant hat man sich inzwischen gewöhnt, selbst Pilze und Schnecken können heutzutage spannend sein. Eine gewisse Steigerung stellt da die Ankündigung von „exciting news“ dar, heute gleich zweimal in unterschiedlichen Zusammenhängen gelesen. Meine Aufregung über das derartig Verkündete hielt sich in Grenzen.

Dienstag: Der strahlende Sonnenschein bildete einen deutlichen Kontrast zum kalten Wind, der mir morgens auf dem Fußweg ins Werk entgegen blies. Auch die Läufer am Rheinufer liefen überwiegend langebehost, wer wollte es ihnen verdenken. Verdenken kann man einigen von ihnen allenfalls, dass sie dabei konsequent und ohne Not auf dem Radweg laufen, das aber unabhängig von Temperatur und Hosenlänge.

Nachmittags hatte ich einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, um das Hörvermögen mal wieder überprüfen zu lassen. Während ich – wie schon mehrfach geschrieben – es keineswegs als Nachteil empfinde, nicht mehr alles so genau zu hören, erst recht nicht das Gerede fremder Menschen am Nebentisch oder in der Bahn, liegt mir der Liebste schon lange in den Ohren, endlich was gegen meine Hörschwäche bei Hintergrundgeräuschen zu unternehmen. Indes der Befund: Keine Verschlechterung zum letzten Mal, weiterhin keine Hörhilfe erforderlich. Mit meinem Hinweis, er müsse einfach deutlicher sprechen, wenn wir etwa in einer Gaststätte sind, stoße ich regelmäßig auf taube Ohren.

Wie mir Epubli schrieb, hat im Februar jemand mein Buch gekauft. Ich sage herzlichen Dank und wünsche viel Vergnügen damit.

Wie die Zeitung berichtet, hat in Gera ein Mann in der Straßenbahn seine Gattin mit einer brennbaren Flüssigkeit in Brand gesetzt. Dazu die Zeitung: „Die Tat in Gera lässt den Atem stocken: Am helllichten Tag brennt eine Frau“ – hätte er sie etwa besser abends anzünden sollen? „Das ist kein alltägliches Geschehen“, wird dazu eine Polizeisprecherin zitiert. Die Frau versteht ihr Hand- beziehungsweise Mundwerk.

Herr Gunkl schreibt: »Der* Erwiderung „Das ist polemisch!“ wird meist dann gebracht, wenn der Formulant dieses Vorwurfs gerade bemerkt hat, daß seine Argumente einem deutlichen, sauberen Schachmatt erlegen sind.«

*Das sollte wohl „Die“ heißen. Trotzdem treffend.

Mittwoch: Ein (mir) neuer Gruß aus der Küche der Kommunikationshölle erreichte mich morgens: „AFAICS“. Wie eine kurze Recherche ergab, steht das für „as far as I can see“. Soweit ich das sehe, vollendeter Bullshit.

In Zeiten zunehmender Falschmeldungen ist ein Abo für Qualitätsmedien gut angelegtes Geld: Laut Zeitung ist der Trigema-Chef Wolfgang Grupp im echten Leben niemals dem Affen Charlie begegnet. Für diese Nachricht zahlt man doch gerne.

Abends schrieb ich einige Zeilen an meinem nur langsam vorankommenden Romandings, das, so viel sei verraten, völlig ohne Liebe und Triebe auskommt. Es ist nicht so, dass mir dazu die Zeit fehlte, es mangelt nur am regelmäßigen Aufraffen und Machen. Ich weiß nicht, woran das liegt; dieses Blog regelmäßig zu befüllen schaffe ich ja auch.

Donnerstag: Da große Woche ist, musste ich heute arbeiten, das war nicht schlimm. Auf dem Rückweg erlaubte ich mir, da es deutlich milder geworden ist, das erste Freiluftbier der Saison, wofür die Norweger das Wort Utepils verwenden, ich erwähnte es schon in den Vorjahren. Ort des Genusses war der Außenbereich des Rheinpavillons, auf einer Schräge unmittelbar am Ufer, gleichsam auf (Bull-)Augenhöhe mit den Schiffen. Nächsten Donnerstag habe ich wieder frei, voraussichtlich ohne Freiluftbier, weil es wieder kühler werden soll. Haben die Norweger auch ein Wort für Bier in geschlossenen Räumen? Wobei der Bedarf für ein solches Wort überschaubar sein dürfte, aber hey, das gilt ja für viele Wörter, dennoch werden sie häufig hergeplappert. (Woher kommt eigentlich dieses pubertär-dämliche „aber hey“?)

Hinweg
Utepils

Freitag: Eine nicht neue, heute bei Ankunft im Turm bestätigte Erkenntnis ist, manchen Menschen geht die Kombination der Wörter „guten“ und „Morgen“ nur schwer über die Lippen. Vielleicht hat man es ihnen nicht beigebracht. Das ist indes kein Hindernis, um Teamleiter zu werden.

Ebenfalls nicht neu die Frage, warum Toilettenkabinen nicht schall- und geruchsdicht gebaut werden. Zu den Dingen, die ich ganz besonders wenig schätze, gehört die akustische und olfaktorische Zeugenschaft anderer Leute Darmentleerung. Nicht zu Hause und erst recht nicht in Gemeinschafts-Verrichtungsorten wie in Bürogebäuden und Gaststätten.

„Älterwerden hat nicht viele, aber doch einige Vorteile“ schreibt Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne Deutscher Alltag, die ich seit heute nach Neuanmeldung wieder empfange, nachdem ich aus rätselhaften Gründen schon zweimal aus dem Verteiler gefallen bin.

Der Meister des Symbolbilds stellt wieder sein Können unter Beweis:

(General-Anzeiger Bonn)

Samstag: In der Inneren Nordstadt hat die Kirschblüte begonnen und sie lockt die ersten Fotografenden an. Falls auch Sie deswegen in nächster Zeit eine Reise nach Bonn planen, warten Sie noch etwas, die Bäume in den beiden Hauptblühstraßen brauchen noch etwa zwei Wochen, bislang sind nur erste, wenig fotogene Knospen erkennbar, die von einigen ebenfalls fotografiert werden, warum auch immer.

Frühblüher in der Maxstraße

Sonntag: Ein großer Textilhändler in der Innenstadt bietet laut Schild im Schaufenster Styles ab 25,99€ an, wie ich während des Spaziergangs sah. Warum auch nicht. Ansonsten lockt der Frühling wieder zahlreiche Menschen nach draußen, das jahreszeittypische Nebeneinander von T-Shirts und Daunenjacken. Auch die Natur hat umgestellt auf Frühling: Forsythien und Magnolien stehen in voller Blüte, die Kastanien in der Südstadt bringen zartes Grün hervor. In der Außengastronomie auf dem Münsterplatz fand ich einen freien Platz, aus Vernunftgründen bestellte ich eine Limonade. Direkt gegenüber, am Fuße des Beethoven-Denkmals, säugte unter den Augen zahlreicher Cafébesucher eine Frau an freigelegter Brust ihr Kind, das für einen Säugling ungewöhnlich groß wirkte.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren der Hörbefund, das erste Freiluftbier und mehrere geschriebene Zeilen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 10/2024: Freie Fahrt für Freie Demokraten und sonnenbebrillte Aperoltrinker

Montag: Weiterhin von läufiger Nase und bellendem Husten belästigt beschloss ich am frühen Nachmittag, mich krankzumelden, alle Termine für morgen abzusagen, nach Hause zu fahren und mich ins Bett zu begeben. Manchmal geht es nicht anders, morgen sehen wir weiter, oder übermorgen.

Abends schaute ich auf Welt TV eine reißerische – nun ja: Dokumentation über die Auslöschung der Menschheit durch Außerirdische, die nicht frei war von unfreiwilliger Komik; alle paar Sekunden schlug irgendwo mit entsprechender Geräuschanimation ein Feuerball ein. Im ersten Werbeblock die Erkenntnis: Die Menschheit hätte es nicht anders verdient.

Dienstag: Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich liegend. Alles Weitere ist hier nachzulesen.

Unbedingt lesenswert: Frau Anjes Betrachtungen zu Gendern und Heiraten.

Mittwoch: Da ich mich morgens nicht unwohler fühlte als üblich um diese Zeit, entschloss ich mich zur Wiederaufnahme der Werktätigkeit; wenn es nicht ging, konnte ich ja wieder nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Auf einer Skala von eins bis zehn lag das Wohlbefinden nach Ankunft im Büro bei maximal sechs komma fünf, dennoch verlief der Arbeitstag insgesamt recht angenehm und er endete spät. Auch die offene Angelegenheit mit der Querschnittsabteilung konnte zum Abschluss gebracht werden, wenn auch einen Tag zu spät, was, wie schon gestern beklagt, aus rein formalistischen und nicht im Geringsten sachlichen Gründen zu einer mindestens vierwöchigen Verzögerung eines Vorhabens führen wird. Es sei denn, bestimmte Kollegen drücken ein Auge zu, was so wahrscheinlich ist wie Trumps Verzicht auf die Präsidentschaftskandidatur und die Erreichung der Klimaziele durch die Bundesregierung. Alle sind sich einig, dass das vor über zwanzig Jahren festgelegte Vorgehen Mist ist, ein echter Bullshit-Job im Graeberschen Sinne, der allen Beteiligten viel Arbeit bereitet und keinerlei erkennbaren Nutzen hat, doch niemand sieht sich in der Lage, es zu ändern. Wie den Klimawandel. Ich habe beschlossen, mich heute und in der Zukunft nicht mehr darüber zu ärgern, zumal auch das (gut) bezahlte Arbeitszeit ist. Gleichwohl werde ich jede sich bietende Gelegenheit nutzen, dagegen zu stänkern. Ich fühle mich bereits viel wohler.

In den Niederlanden wurden die Bußgelder für Verkehrsverstöße angehoben, steht in der Zeitung. Unter anderem kostet Falschparken jetzt mindestens hundertzwanzig Euro, bei Rot über die Ampel dreihundert und Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung vierhundertzwanzig Euro. Undenkbar im Land der freien Fahrt für Freie Demokraten.

Donnerstag: Mit der Erkältung wird es immer besser, die Rückkehr zum Stofftaschentuch steht kurz bevor.

Morgens

Auf dem Rückweg vom Werk erregte augapfelstreichelnde Werbung (mindestens) die Aufmerksamkeit.

Schönes Haar ist ihm gegeben

Nach Rückkehr fragte mich der Geliebte, wie und wo ich beerdigt werden möchte. Außerdem hat er ein aufwändiges Blumengebinde gekauft. Gewiss, mein Husten wies in den vergangenen Tagen einen leicht finalen Klang auf, doch manchmal neigt er zur Übertreibung. Im übrigen ist es mir völlig egal, in welcher Weise man meine Überreste dereinst dem ewigen Kreislauf zuführen wird und ich verstehe Leute nicht, die dazu konkrete Vorstellungen und Wünsche haben.

Freitag: In Deutschland fehlen Grundschullehrer, wurde morgens im Radio gemeldet. Diese Not zu lindern könnte auch die Hochschule Aachen entsprechende Studiengänge anbieten. Kann sie aber nicht mangels Gebäude. Es gäbe schon eins, nur kann das nicht genutzt werden, da nicht barrierefrei. Dass eine Körperbehinderung Zugangsvoraussetzung für das Lehramt ist, ist mir neu. Die AfD lacht sich kaputt. (Bevor Empörung aufbraust und man mich des Ableismus bezichtigt: Ich bin für Barrierefreiheit. Doch ist ihre Abwesenheit meines Erachtens kein geeignetes Argument, sinnvolle und notwendige Dinge gar nicht zu tun.)

„Ich bin ein naturverliebter Mensch“ sagte einer in der Besprechung, was großen Raum für Spekulationen eröffnet.

Heute ist nicht nur Weltfrauentag, sondern auch:

Finde den Fehler.

Mittags gab es Currywurst mit Pommes und Kraut. Wann fing das an, dass es statt Krautsalat überall nur noch Coleslaw gibt, und hört das irgendwann wieder auf? (Ja, ich weiß, dass das nicht dasselbe ist.)

Ein berufliches Vorhaben meine Wochenarbeitszeit betreffend nimmt konkrete Formen an. In Kürze werde ich dazu wohl eine Entscheidung treffen, die das Leben noch etwas schöner macht, vor allem Donnerstags.

Samstag: Ich habe beschlossen, den Winter für beendet zu erklären. Zur Bekräftigung dieses Beschlusses habe ich die Winterjacke gegen die leichtere Daunenjacke getauscht. In der Sonne ist es fast warm, aber auch nur dort, wie ich beim ersten Freiluftbier der Saison auf einem schattigen Außengastronomieplatz feststellte, weil alle Sonnenplätze von sonnenbebrillten Aperoltrinkern belegt waren.

Utepils, wie der Norweger sagt

Schon lange erwäge ich, mir einen Hut zu kaufen. Heute wäre es beinahe dazu gekommen, ich befand mich bereits im Hutfachgeschäft und probierte vor dem Spiegel mehrere Hüte an. Doch keiner davon sagte mir richtig zu, mal war es die Farbe, mal die Breite der Krempe oder die Form des Hutbands; bei jedem dachte ich: Das sieht komisch aus. Vielleicht sollte ich demnächst nochmal in Begleitung dort hingehen, ganz ab bin ich von der Idee noch nicht. Sie muss noch etwas reifen.

Sonntag: Aus dem Interview der Sonntagszeitung mit dem Bayer-Chef Bill Anderson: »In großen Unternehmen verbringen manche Beschäftige ihr halbes Leben damit, wie sie für ihre Ideen die Zustimmung ihrer verschiedenen Vorgesetzten bekommen und welche Powerpoint-Folien sie für deren Nachfragen vorbereiten müssen.« Sie sehen mich heftigst nicken.

Nachmittags ging ich spazieren, wie jeden Sonntag.

Magnolienpracht am ehemaligen Krankenhaus
Mirabellenblüte auf der anderen Rheinseite
Stilleben mit Klo unter der Autobahn

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Kommen Sie gut durch die Woche, genießen Sie den Frühling.

Woche 9/2022: Jedem seinen Alb

Montag: Nachdem ich gegen halb vier in der Frühe aus einem nicht sehr unangenehmen Traum erwacht war, hinderten mich innere wie äußere Unruhe zunächst am Wiedereinschlafen. Erst gegen fünf fand ich erneut in den Schlaf, ehe mich die Radionachrichten um halb sieben zum Aufstehen in eine neue Woche motivierten. (Sie dürfen hier gerne eine gewisse Ironie vermuten.)

Dienstag: Auch die zurückliegende Nacht war von wenig Schlaf gesegnet. Dieses Mal war es der Nachbar von oben, der mit Freunden bis drei Uhr offenbar eine kleine Karnevalssitzung in seiner Wohnung abhielt, zwar nicht mit lauter Musik, dafür mit wiederholter Polonaise über die nur mäßig schallgedämpfte Stahlwendeltreppe und mehrfachem geräuschvollem Möbelrücken. Eine am Morgen schriftlich verfasste Protestnote meinerseits wird ihn vermutlich so wenig beeindrucken wie den russischen Präsidenten Friedensdemonstrationen im Ausland. Zu weitergehenden Sanktionen fehlen mir leider die Möglichkeiten, da wir keine Geschäfts- noch sonstige Beziehungen mehr pflegen. „Guter Zaun – gute Nachbarschaft“ las ich kürzlich irgendwo. Da ist was dran. Leider sind Zäune selten schalldicht.

Morgens kam mir einer entgegen, komplett dunkel gekleidet mit schwarz vermummtem Gesicht unter tiefgezogener Kapuze, die Augen nicht zu sehen, wie der Tod persönlich auf dem Weg zu seinem Tagwerk. Statt einer Sense trug er eine Große Packung Tabak mit sich, darauf deutlich sichtbar der Hinweis „Rauchen tötet“. Manchmal passt es einfach.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen bei aktueller Vorfrühlingshaftigkeit im Freien unternahm ich einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo der Wasserstand der Teiche wegen Wartungsarbeiten zurzeit stark abgesenkt ist. Dort fauchte mich eine Wildgans am Wegesrand an, sonst die friedlichsten Wesen. Vielleicht erzürnte sie das Niedrigwasser. Vielleicht war sie einfach nur gereizt, wie so viele in dieser Zeit.

Bei der Rückfahrt wurde ich auf dem Radstreifen zweimal von abbiegenden Autos behindert. Darüber hätte ich mich erzürnen können, aber wem wäre damit geholfen gewesen?

Gar nicht erzürnt, eher erleichtert nahm ich eine abends im Briefkasten vorgefundene Absage des Arbeitgebers auf eine Bewerbung zur Kenntnis, bleiben mir dadurch doch viel zusätzliche Arbeit und am Ende zwei Klausuren erspart. Andere wurden halt für noch geeigneter gehalten, das ist völlig in Ordnung.

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erzählt habe, als Täglichblogger über fünfzig hat man da nicht immer den Überblick: Manchmal träume ich, in absehbarer Zeit stünde eine große schriftliche und mündliche Abschlussprüfung an, für die es noch viel zu lernen gibt, mehr als bis dahin Zeit zur Verfügung steht, und von der alles abhängt, wie einst das Abitur und die Laufbahnprüfung für die Weihen der gehobenen Beamtenlaufbahn. Das sind diese Träume, bei denen sich unmittelbar nach dem Erwachen breites Grinsen der Erleichterung einstellt. Andere werden von wilden Tieren verfolgt oder stehen nackt im Aufzug, ich schreibe Klausuren, so hat ein jeder seinen Alb.

Immerhin hat mich das damalige Bestehen der Prüfungen davor bewahrt, heute im Social-Media-Team eines Unternehmens zu arbeiten, wo ich fremde Leute ungefragt duzen muss.

Im Übrigen bewundere ich Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Abends sah ich einen, der sich aus dem örtlichen Imbisslokal eine Currywurst im flachen Pappschälchen geholt hatte, damit auf sein Fahrrad stieg und freihändig davonradelnd die Wurstscheiben aufgabelte. Freihändig Fahrrad zu fahren gehört zu den Dingen, die ich nie gelernt habe, genauso wenig wie bei rollendem Rad auf- und abzusteigen. Daher staune ich immer wieder, mit welcher Leichtig- und Selbstverständlichkeit andere es tun, auch ohne Currywurst im Pappschälchen.

Da war er schon weggeradelt. Mir gefiel das Motiv dennoch.

Donnerstag: »Stand with Belarus« fordert ein verwitterter, ausgeblichener Aufkleber, den ich morgens auf dem Fußweg ins Werk an einem Lampenpfahl sah. Das hat sich inzwischen irgendwie erledigt, wenn auch völlig anders als von dem Aufkleber (also sowohl dem Klebezettel als auch der ihn aufklebenden Person) ursprünglich gemeint.

„Das ist sowas von irrational“, sagte einer, der mir entgegenkam, zu seinen beiden Begleiterinnen. Wir können nur vermuten, was er meinte, aber vermutlich hat er recht.

Ansonsten war es morgens kalt und optisch ansprechend.

Aus der Reihe „Schiefe Bilder“: »Die Verkehrsberuhigung des Rheinufers zwischen Rosental und Zweiter Fährgasse soll ab Juli Fahrt aufnehmen«, schreibt der General-Anzeiger zur angestrebten städtischen Verkehrswende. Wünschen wir ihr gute Fahrt.

Freitag: Weiterhin verkauft die Kantine zur zum Mitnehmen. Als ich mittags bei der Entgegennahme des Zweikammer-Mehrweg-Mitnahmegefäßes die Dame an der Kasse fragte, ab wann man dort wieder stationär essen darf, von einem richtigen Teller und mit anschließendem Dessert, stellte sie eine Rückkehr zum Normalbetrieb ab nächster Woche in Aussicht. „Wenn alles gut geht“, fügte sie hinzu. Schiefgehen kann zurzeit ja vieles, vom Ausfall der Heizung bis hin zum Atomkrieg. Hoffen wir also mit ihr, dass alles gut geht.

Samstag: Die Zeitung berichtet Neues von der Endlos-Baustelle der Bonner Beethovenhalle. Nicht eine erneute Steigerung der Baukosten oder Verzögerung der Fertigstellung waren Gegenstand, sondern die Wasserhähne in den Sanitäranlagen, aus denen künftig nur noch kaltes Wasser zur Handreinigung laufen wird. Falls die Halle jemals fertig und in Betrieb gehen wird. Von zahlreichen Gaststätten und öffentlichen Toiletten nichts anderes gewohnt sehe ich darin kein Problem, doch sind empörungsvolle Leserbriefe Bonner Bürger diesen Mangel betreffend in Kürze zu erwarten.

Auch auf die Gefahr hin, anbiedernd zu wirken, was nicht beabsichtigt ist – ein weiteres Mal komme ich nicht umhin, Herrn B. zu zitieren, weil er schreibt, was ist:

»… wobei ich auch das Wort spannend furchtbar finde, und zwar nicht erst seit neuerer Zeit, sondern schon seit alle Menschen alles spannend finden, ihre Aufgaben, ihre Jobs, ihre Beziehungen, die Entwicklungen, den Krieg, alles ist spannend und ich denke immer, ihr spinnt doch.«

Sonntag: Ausgeschlafen, langer Spaziergang, Sonnenschein, schauen wir zum Ende der Woche mal auf die positiven kleinen Dinge, die es auch noch gibt.

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„Utepils“ ist nicht der Name der Biermarke einer Brauerei in Frauenhand, sondern verwenden laut PSYCHOLOGIE HEUTE die Norweger dieses Wort für das erste, besonders wohlschmeckende Bier des Jahres, das bei Frühlingssonnenschein draußen genossen wird. Also immerhin etwas, auf das man sich noch freuen kann.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich durch die aktuellen Ereignisse nicht allzu sehr die Stimmung beeinträchtigen und bewahren Sie sich den Blick für die kleinen, angenehmen Dinge. Ich versuche es ebenfalls.