Woche 28: Seltsame Botschaften

Montag: Zweite Urlaubswoche in der Provence. Der Liebste und die junge Nachbarshündin sind augenscheinlich in großer gegenseitiger Angetanheit verbunden. Es fehlt nicht mehr viel, und am Freitag fährt statt meiner das Tier mit zurück ins heimische Bonn. Die Irritationen an meinem Arbeitsplatz, wenn dann am Montag an meiner Stelle der Hund ins Büro kommt, könnte sich bald legen, wenn sie merken, dass sowohl der Unterhaltungswert als auch die Arbeitsergebnisse des Hundes meinen in nichts nachstehen.

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„Na der Unterhaltungswert des Hundes dürfte wohl größer sein“, höre ich Sie nun denken. Danke dafür! Haben Sie nichts besseres zu tun? Haben Sie der EU schon mitgeteilt, was sie von der Zeitumstellung halten? Das geht hier: https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/2018-summertime-arrangements?surveylanguage=DE

Von Zeitumstellung zur Zeitung, die ich dank moderner Technik auch hier lese: Dort steht heute, Klebstoffe werden teuer. Auch das noch.

Dienstag: Klebstoff guter Geschäftsbeziehungen ist der informelle Austausch im Rahmen guter Gastlichkeit. So brachten meine Verpflichtungen als Unternehmergattin heute ein Abendessen mit einem befreundeten Winzerpaar mit sich. Die Tischkommunikation erfolgte überwiegend auf französisch und etwas englisch. Während der mir angetraute Monsieur les Importateur die französische Sprache recht gut beherrscht, bin ich leider immer noch nicht dazu gekommen, sie mir in einer konversationsgeeigneten Weise anzueignen. Aber letztlich fühle ich mich in der Rolle des schweigenden Begleiters grundsätzlich recht wohl.

Mittwoch: Vergangene Nacht träume ich, ein unbekannter Mann klaute das Mobilgerät des Liebsten aus der Küche unserer Urlaubsunterkunft und verlässt das Haus. Auf der Straße knurrt ihn die Hündin der Nachbarin an. Ich denke: Lass das doch das Känguru machen. Aus dem Hund wird daraufhin das Känguru (das von Marc-Uwe Kling) mit roten Boxhandschuhen. Es sagt: „Bring das besser wieder zurück, Freundchen!“ Der Mann gehorcht.

Apropos gehorchen: Aufgrund scharfer Kritik einer Person, deren Gunst mir besonders am Herzen liegt, erkläre ich das in der vergangenen Woche erwähnte Experiment der Bartlosigkeit für beendet. Dunkle und graue Stoppeln zieren nun wieder wie ehedem mein Antlitz.

Donnerstag: Wie einer ganzseitigen Zeitungsanzeige zu entnehmen ist, heißt der Textilhändler SinnLeffers ab 1. August nur noch Sinn, Werbeslogan: „Das macht Sinn“. Andererseits: Da selbst die Lektoren von Schriftstellern wie Bodo Kirchhoff und Max Goldt, Autoren meiner Urlaubslektüre, es ihnen durchgehen lassen, wenn sie „meint“ anstelle von „bedeutet“ schreiben, scheine ich mich in manchen Dingen etwas anzustellen. „Sprache wandelt sich eben“, höre ich sie wieder raunen. Ja. Leider nicht immer zum Guten.

In Stuttgart wird es ab dem kommenden Jahr Fahrverbote für Dieselfahrzeuge geben. Ausnahmen sollen es unter anderem für entsprechend gekennzeichnete Oldtimer geben, also mit die größten Dreckschleudern überhaupt. Das macht weder Sinn, noch ergibt es einen.

Wo wir gerade bei Sinnen sind: Zu den schönsten Urlaubsmomenten zählen die Abendstunden mit dem Liebsten vor unserem Haus. Manches kann man sehen, aber nicht im Bild festhalten, etwa den im Kerzenlicht tanzenden Schatten des Roséglases an der Hauswand. Anderes kann man hören, aber nicht sehen, wie das Knistern und Knacken, wenn der Eiswürfel in den Rosé eintaucht. Oft liegt der Reiz ja gerade in dem, was man nicht sieht.

Herr Buddenbohm findet, es wird zu wenig über die kleinen alltäglichen Gescheh- und Erlebnisse gebloggt, „Blogsport“ nennt er das. Ich finde das auch.

Freitag: Rückfahrt nach Bonn. Es liegt mir fern, ganze Bevölkerungsgruppen zu bezichtigen. Dennoch erscheint die Vermutung nicht völlig abwegig, belgische Autofahrer betrachteten Straßenverkehrsregeln, insbesondere solche, die sich auf zulässige Höchstgeschwindigkeiten beziehen, maximal als Vorschlag.

„Fressen, fressen und vermehren: Darin besteht für den aus Nordamerika eingeschleppten Kalikokrebs der Sinn des Lebens“, schreibt der General-Anzeiger. Das ließe sich mühelos auf zahlreiche andere Lebewesen übertragen, einschließlich nicht weniger Exemplare der selbsternannten Krone der Schöpfung, wo dann noch Aufmerksamkeit, Gier und Machterhalt zu ergänzen wären. Wurde schon untersucht, ob sich der gepanzerte Geselle zum menschlichen Verzehr eignet? So weit ich mich erinnere, sind die Berliner da vor nicht allzu langer Zeit mit gutem Beispiel vorangegangenen.

Apropos Zeit: So wie zwei Wochen Urlaub immer viel zu schnell vergehen, so verstreichen auch zehn Autostunden rasch, wenn am Zielort jemand ist, auf den man sich sehr freut.

Samstag: Musikalische Verpflichtungen einer Sonder-Chorprobe erforderten schon am Vormittag meine Anwesenheit in Köln. Nach zwei Wochen Provence fällt es noch etwas schwer, die spröde Schönheit der Landschaft zwischen Bonn und Köln zu erkennen, aber das wird schon wieder.

Eine seltsame Botschaft gegenüber dem Bonner Hauptbahnhof bei Rückkunft:

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Manchmal denkt man ja: In dessen Haut möchte ich jetzt nicht stecken. Zum Beispiel in der desjenigen, der verantwortlich war für die Ausrüstung der Flugzeuge, die anlässlich des französischen Nationalfeiertags über Paris hinwegflogen, mit diesen farbigen Rauchschwaden, die sie hinter sich herziehen, um die „Trikolore“ an das Firmament zu malen. Vielleicht stand man unter Zeitdruck, oder blau war knapp, jedenfalls zog das äußere von drei Flugzeugen, welche einen blauen Streifen hätte zeichnen müssen, vor den Augen der Welt stattdessen einen roten hinter sich her, was der Trikolore einen eigenwilligen Anstrich verlieh.

Sonntag:  Ein fauler Tag auf dem Balkon als Urlaubsausklang ist wohl nicht das schlechteste. „Es gibt viele Beschwerlichkeiten, die die jahrzehntelange Existenz in einem Einweg-Bio-Zylinder unseren zarten Seelen aufbürdet. Aber als kohlenstoffbasiertes Wesen darf man auch nicht viel erwarten. Es ist ja mehr oder minder ein glücklicher Zufall, dass man wenigstens kein Diamant geworden ist, der sein Dasein am Ringfinger einer betrogenen Ehefrau fristen muss.“ Diese wunderbaren Zeilen schrieb Thomas Glavinic in der FAS zum Thema „Körper“.

Nachbemerkung: Frankreich ist nun Fußballweltmeister. So gesehen vielleicht gar nicht schlecht, zurück in Bonn zu sein.