Vorbemerkung: Wie schon mehrfach (von mir selbst) beklagt, sind hier neben den regelmäßigen Wochenrückblicken kaum noch längere Aufsätze zu lesen. Vielleicht ist es Bequemlichkeit oder Zeitmangel, vielleicht fällt mir nichts mehr ein. Deshalb sollen von nun an in unregelmäßigen Abständen, vielleicht einmal im Monat, ältere Texte, die mir auch heute noch einigermaßen gelungen erscheinen, mit behutsamen Anpassungen erneut veröffentlicht werden. Der folgende erschien erstmals am 8. September 2016, also vor ziemlich genau zehn Jahren.
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Wir müssen reden. So wie Hähne krähen, Störche, Klodeckel und Handwerk klappern, so muss der Mensch reden wo er geht und steht; der Rheinländer mehr, der Ostwestfale etwas weniger. Auch neigen die Damen nach meiner Beobachtung tendenziell etwas mehr zu wörtlicher Rede als die Herren, wobei mir Godesberger Frauen grundsätzlich ebenso lieb sind wie Gütersloher Herren.
Doch ist das fremde Wort oft eher eine Last denn ein Quell der Freude, insbesondere das mobil in den öffentlichen Raum gesprochene, erst recht an Orten wie Bus und Aufzug, wo ihm nicht zu entkommen ist. Dieses Lied ist bereits ausgiebig und oft gesungen worden, daher erübrigt es sich, eine weitere Strophe hinzuzufügen.
Gleichwohl, einige Erlebnisse mute ich Ihnen noch zu. Das erste begab sich bereits vor Jahren im Warteraum erster Klasse des Kölner Hauptbahnhofs, auch als „DB Lounge“ bezeichnet – damals spendierte mir mein Arbeitgeber noch eine erstklassige Bahncard, welche mich auch ohne Fahrschein zum Aufenthalt in selbigem berechtigte. In einem Sessel in der Ecke telefonierte ein Businesskasper lautstark und belästigte die Anwesenden mit albernem Geschäftsgedöns. Dann sprang er auf und sagte „Warte, ich geh mal raus, die hören hier alle zu, das geht mir extrem auf den Geist“. Sichtlich empört verließ er unter Applaus den Saal.
Das zweite Erlebnis war nur sehr kurz: Bis vor einigen Jahren lief ich noch regelmäßig ein- bis zweimal die Woche am Rhein entlang. Warum ich das seit längerem nicht mehr mache, kann ich nicht genau sagen, vielleicht sollte ich das mal wieder irgendwann … ich schweife ab. Also: Abends beim Laufen kam mir ein anderer Läufer entgegen, mit Telefon am Ohr. Im Moment unserer Begegnung hörte ich ihn sagen „… und die Leute labern so viel, boah…“
In diesem Zusammenhang ist schon länger ein bedenklicher Trend zu erkennen: Hielt der Sprecher vormals sein Gerät ans Ohr und sprach mehr oder weniger laut hinein, so aktiviert er heute den Lautsprecher und hält das Gerät beim Sprechen waagerecht wie ein Schmalzbrot ein bis zwei Hand breit vom Munde entfernt. Auf dass auch Unbeteiligte nunmehr in den Genuss kommen, das komplette Gespräch zu verfolgen und nicht nur eine Hälfte. Der Begriff Fernsprecher erfährt eine neue Bedeutung.
Noch unangenehmer als die unbeteiligt-unfreiwillige Zeugenschaft eines Ferngesprächs ist die auf offener Straße entgegen gebrachte Gesprächseinladung, beispielsweise von engagierten jungen Vertretern diverser Tier-, Kinder-, Natur-, Klima-, Palästina- oder was auch immer -schutzorganisationen. So ging ich einst gedankenversunken durch die Bonner Fußgängerzone, als sich mir ein weibliches Exemplar dieser Spezies in den Weg stellte. „Hallo, ich bin die Kathi“ sagte es hielt und mir die Hand entgegen. Das waren gleich drei Unverzeihlichkeiten: erstens mich auf der Straße anzuquatschen, zweitens mir einen Händedruck aufzunötigen und drittens dem Vornamen einen bestimmten Artikel voranzustellen. „Ja und?“ antwortete ich so höflich wie der Situation angemessen, die gereichte Hand ignorierend. „Magst du Tiere?“, fragte die Kathi. Ich gebe zu, je älter ich werde, desto mehr schmeichelt es mir, von jungen, mir unbekannten Menschen noch geduzt zu werden, was indes in diesem Fall den Grad des Belästigungsempfindens nur geringfügig schmälerte. Meine Antwort, das sei letztlich eine Frage der Zubereitung, beendete das Gespräch dann erfreulich schnell.
Einmal sprach mich ein junger Mann auf dem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofes an: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie ansprechen, oder möchten Sie lieber in Ruhe gelassen werden?“ Allein schon dafür hätte er sich den Euro verdient, um welchen mich anzuhalten ihm aufgrund der Oder-Option seiner Frage versagt blieb. An ihm sollten sich Anrufer aller Art und die Zeugen Jehovas ein Beispiel nehmen.
Aufgrund meines oben erwähnten fortgeschrittenen Alters lässt mein Gehör mittlerweile ein wenig nach, gerade bei lauten Hintergrundgeräuschen gelingt es mir manchmal nicht mehr, einem Gespräch zu folgen. Doch frage ich mich: Will ich das überhaupt, jedem Gespräch in meiner Umgebung lauschen? Ist es nicht vielmehr ein Attribut höherer Lebensqualität, manches Geschwätz gerade nicht zu verstehen, etwa vom Nebentisch in der Kantine?
Insgesamt hat die Natur den Menschen rein konstruktiv ganz gut hinbekommen, abgesehen davon, was in seinem Kopf vorgeht und zu welchen Handlungen und Gewohnheiten ihn das treibt wie Krieg, Religion oder Fußball. Doch eines ist zu bemängeln: Wir können jederzeit unsere Augen schließen, um beispielsweise dem Anblick tätowierter Waden junger Männer oder farbiger Frisuren gereifter Frauen zu entgehen. Warum geht das nicht mit den Ohren? Stellen Sie sich vor: Eine unerwünschte Geräuschquelle droht, zum Beispiel eine im hirnreduziert-aufgeregten Tonfall eines Sportreporters oder einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin vorgetragene Radiowerbung für ein Möbelhaus. Sie spannen einen Muskel an, und schon ist es mucksmäuschenstill. Wäre das nicht wunderbar?
Diese Ausführungen enden unvollständig, fehlt darin doch, was im Büroalltag während unzähliger Besprechungen so geredet wird, worüber hier ausführliche Buchführung zu finden ist. Doch das würde den Rahmen dieses Textes sprengen, allein über den unsinnigen Gebrauch der Wörter „tatsächlich“ und „genau“ ließen sich mehrere Seiten füllen. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen separaten Aufsatz.
