Woche 3/2026: Satiriker sind nicht zu beneiden

Montag: Laut Wetterwarnung sollten nächtliche Niederschläge zu erheblicher Glatteisbildung führen. (Oder für Glatteis sorgen, wie bei liederlichem Sprachgebrauch auch gerne gesagt und geschrieben wird.) Als ich morgens das Haus verließ, gab es mehrere rutschige Stellen auf den Fußwegen, doch im Großen und Ganzen sind wir zumindest hier in Bonn mal wieder glimpflich davon gekommen, den Turm erreichte ich ungestürzt. Da die Schulen wegen der erwarteten Glätte landesweit geschlossen blieben, war die Bahn morgens angenehm leer, auch viele Arbeitnehmer wirkten ob der Warnung wohl lieber im Heimbüro. Dennoch trafen im Laufe des Vormittags mehr Kollegen ein als ich erwartet hätte.

Gerne wird in diesem Zusammenhang das Wort „spiegelglatt“ verwendet. Soweit ich mich erinnere, wandelte ich noch niemals auf einem Spiegel, doch gehe ich davon aus, das ist weniger dramatisch als einen vereisten Gehweg zu betreten.

Eine der wichtigsten Tätigkeiten im Büro war heute, die für dieses Jahr geplanten Urlaube ins Zeiterfassungssystem eingetragen. Man soll die Woche positiv beginnen.

Dienstag: Mildere Temperaturen und der Regen am Vorabend haben Schnee und Eis der letzten Tage gründlich beseitigt. Auf dem Fußweg ins Werk sah ich auf dem Spielplatz am Hofgarten einen Jungen mit Kopfhörern und augenscheinlich großem Vergnügen schaukeln. (Vielleicht war es auch ein Mädchen oder nichts von beidem, so ganz genau war das auf die Entfernung nicht zu erkennen.) Dabei holte er weit aus, vor, zurück, bis die Seile waagerecht in der Luft standen. Während andere ihre Marktstände aufbauen, Papierkörbe leeren, zu Hause die Laptops aufklappen oder ihren mehr oder weniger sinnlosen Bürojobs entgegenstreben; während dies- und jenseits des Atlantiks Staatschefs überlegen, wie sie andere Länder und Menschen noch mehr drangsalieren können; während vielleicht ein bislang unerkannter Riesen-Meteorit oder ein Sonnensturm in nie dagewesener Heftigkeit Kurs nimmt auf die Erde, während sich vielleicht unter dem Yellowstone-Nationalpark, den Phlegräischen Feldern oder dem Laacher See eine vulkanische Katastrophe zusammen braut, schaukelt der Bursche einfach. Morgens um halb acht.

Bei Ankunft im Büro ein kurzer Schreck: Meine Bürotasse war weg, nur noch der Unterteller stand an seinem Platz. Es ist nicht irgendeine Tasse, sondern die, die mir der Liebste vor mehr als fünfundzwanzig Jahren zu Weihnachten geschenkt hat, mit der ich sehr eigen bin und die ich nur mit der Hand spüle, die ich zu Urlaubszeiten im Schrank verwahre und gleichsam als Glücksbringer betrachte. Vermutlich hatte ich sie am Vorabend nach dem Spülen in der Kaffeeküche vergessen, weil ich danach noch wohin musste, Sie wissen schon. So war es: Jemand hatte sie bereits in die noch nicht eingeschaltete Spülmaschine gesteckt, der ich sie mit großer Erleichterung entnahm.

Wohlbehalten zurück

Auf dem Rückweg kam mir auf dem Rhein ein Frachtschiff entgegen, das vorne steuerbord den Namen „Luv“ angeschrieben hatte. Ob auf der anderen Seite „Lee“ stand, konnte ich von der Uferpromenade aus nicht sehen. Vermutlich eher nicht.

Mittwoch: Zu den Dingen, die man niemals verlernt, gehört bekanntlich Fahrradfahren. Das kann ich bestätigen, heute fuhr ich erstmals nach Weihnachten wieder mit dem Rad zum Büro, weil es nicht regnete, schneite, stürmte oder eiste. (Immer wieder erstaunlich, welche Wörter, hier „eiste“, die Rechtschreibprüfung unbeanstandet durchgehen lässt.)

In der Kaffeeküche waren morgens Muffins (kennt die Rechtschreibprüfung offenbar nicht) in größerer Menge aufgestellt, dazu ein Dankschreiben des Unternehmens. Hintergrund war eine Spendenaktion Ende letzten Jahres zugunsten einer unternehmensinternen Einrichtung, die sich um in Not geratene Kollegen kümmert; da gibt man gerne, könnte man doch selbst mal der Hilfe bedürfen. Dabei war unsere Etage offenbar besonders spendabel, deshalb die Muffins. Vielen Dank dafür.

Am späten Nachmittag während der Rückfahrt lag dichter Nebel über dem Rhein, und zwar nur direkt oberhalb des Wassers, während die nebenliegende Uferpromenade unbenebelt (auch hier strichelt die Rechtschreibprüfung) war. Das war bezaubernd anzusehen, indes war ich zu bequem, anzuhalten und zu fotografieren; leider zähle ich nicht zu denen, die das mühelos und unfallfrei während der Fahrt tun können. Bitte denken Sie sich ein entsprechendes Bild von einem Frachtschiff, das nur schemenhaft auszumachen ist.

Donnerstag: Es ist sicher zu loben und ganz im Sinne des Bundeskanzlers, wenn unproduktive Wegzeiten für das Wohl der Firma genutzt werden. Das gilt nicht nur für den Geschäftsreisenden, der während der Bahnfahrt eine Präsentation erstellt oder zur Freude der Mitreisenden an einer Teamskonferenz teilnimmt, sondern auch den Läufer, der mich heute Morgen mit japsender Stimme telefonierend am Rheinufer überholte, dabei von worst case und Level zwei sprach, und die auf dem Radweg nebenan vorbeifahrende Radfahrerin, die das Kontingent besang. Also das übliche Geschwätz, das ich mir regelmäßig erst nach Ankunft im Werk anhören darf.

Freitag: Trump hat den Friedensnobelpreis erhalten, den er sich so sehr gewünscht hatte. Zwar nicht vom dafür zuständigen Komitee, sondern von der amtierenden Preisträgerin, aber das ist in diesen immer verrückter werdenden Zeiten kaum von Bedeutung. Des Kaisers neue Kleider 2.0. Satiriker sind nicht zu beneiden, deren Job es ist, solches noch mit Überspitzung anzureichern.

Der Arbeitstag begann und endete früh, da ab dem Nachmittag eine angenehme karnevalistische Pflicht zu erfüllen war: die große Prunksitzung unserer Gesellschaft im Beueler Brückenforum. Die war durchaus in die Rubrik „Was schön war“ einzuordnen; besonders die Redner Guido Cantz, Willi & Ernst und Lieselotte Lotterlappen waren großartig, ich lachte heftig. Mich wundert es immer, wenn bei solchen Vorträgen nicht angemessene Ruhe im Saal herrscht und die Leute einfach weiterquatschen, schließlich haben sie doch Geld dafür bezahlt. Die Vortragenden schien es nicht zu stören, vermutlich sind sie es gewohnt.

Auch das Godesberger Prinzenpaar machte seine Aufwartung

Samstag: Aufgewacht mit leichter Todessehnsucht, der Vorabend wirkte unschön nach. Das Bett verließen wir erst gegen Mittag. Nach einem längeren Spaziergang bei Sonnenschein und milder Luft sowie anschließender Sofazeit ging es wieder einigermaßen. In diesem Leben werde ich wohl nicht mehr lernen, dass auch Kölsch nur bis zu einer gewissen Menge verträglich ist.

Spaziergangsbild

„Warum die MS Godesia Bad Godesberg verlassen muss“ übertitelt der General-Anzeiger online einen Artikel, in dem es darum geht, dass ein stadtbekanntes Ausflugsschiff nach vierzig Jahren Einsatz auf dem Rhein verkauft werden soll. Genaues weiß man nicht, gerüchteweise soll es nach Speyer gehen, der Betreiber möchte sich nicht öffentlich äußern, auch potentielle Käufer in Speyer schweigen. Jedenfalls, so der Bericht, sei der Verkauf Stadtgespräch, auch aus Facebook-Posts dazu wird zitiert. Das einzige, was wir nicht erfahren: Warum die MS Godesia Bad Godesberg verlassen muss, wie die Überschrift erwarten lässt. Auch dieses Medium wird immer schlechter.

Sonntag: Morgens vor dem Aufstehen las ich die Blogs der anderen nach. Gleich in drei Texten stolperte ich über das Wort „Challenge“ und wunderte mich über dessen offensichtliche Beliebtheit.

„Früher war beileibe nicht alles besser, früher war alles nur irgendwie … früher.“ Erst heute las ich diesen Satz in diesem Text, den ich Ihnen zur Lektüre sehr empfehle.

Bei Kurt Kister las ich das Wort „Widerfährtigkeiten“, als Substantiv zu „wiederfahren“. Wenngleich auch hier die Rechtschreibprüfung meckert, betrachte ich es als Bereicherung des Wortschatzes.

Seit dieser Woche ist „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff meine Bettlektüre, ein wunderbares Buch. An einer Stelle musste ich aus hier nicht näher darzulegenden Gründen heftig grinsen:

„Du weißt ja, ich hab hier auf der Wiese seit Jahren immer die gleichen drei Graugänse. Eine Ménage-à-trois. Toll, aber die streiten sich ununterbrochen.“

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Unbill und Widerfährtigkeiten.

21:00

Woche 19: Notizen unter Weineinfluss, Abgründe und nackt kochende Männer

Montag: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich mal wieder mit irgendwas unbeliebt gemacht; was genau, erfährt der Zeitungsleser nicht. Dafür dieses: „Mit dem Begriff N-Wort wird eine früher in Deutschland gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.“ Schön, dass das endlich mal klargestellt ist. Darauf ein N-Wortkussbrötchen. (Ich gestehe, das N-Wort im intimsten Kreise, wo es niemanden stört oder verletzt, gelegentlich noch auszusprechen, ohne jede böse Absicht.)

Ein weiteres N-Wort, indes gänzlich unbedenklich, ist Namenstag. Den haben heute laut Zeitung: Epimach, Gordian, Isidor, Job; als Namen eher ungebräuchlich, daher nur selten auf Auto-Heckscheiben zu lesen.

Dienstag: Der erste Piks. Durch das kleine Pflaster auf dem Oberarm fühlt man sich fast ein wenig systemrelevant. Unterdessen freuen sich viele darauf, was sie bald vielleicht wieder dürfen. Ich sehe darüber hinaus mit etwas Unbehagen, was wir womöglich demnächst wieder müssen.

Zum Beispiel dieses: „Wir müssen ja auch Erwartungsmanagement betreiben“, gehört in einer Besprechung.

Mittwoch: „Ich bin der Jan-Malte“, sagte morgens der Mann im Radio. Für seinen Namen kann er nichts, für den bestimmten Artikel schon.

Mittags nach dem Essen begegnete mir im Rheinauenpark eine Läuferin, begleitet von einer männlichen Stimme aus einem Lautsprecher. Ob es sich dabei um einen Wortbeitrag im Radio oder eine Telefonkonferenz handelte, war auf die Schnelle nicht auszumachen. – Nachmittags auf dem Heimweg vom Werk sah ich einen, der freihändig radelnd ein Tablet in den Händen hielt, worüber er mit Trottel-Koronalisierung telefonierte. Demnächst fahren sie dann vielleicht mit aufgeklapptem Laptop auf Elektrorollern. Was geht in diesen Menschen nur vor? Oder wie es in einer Fernsehreklame heißt: Bin ich der einzige, der das nicht normal findet?

Ansonsten liebe ich – neben dem Herbst – diese Jahreszeit sehr, deswegen:

Die gestern injizierte Systemrelevanz fühlte sich heute an wie ein leichter Muskelkater. Keine Larmoyanz, reine Feststellung. Außerdem ist heute wegen Feier- und Brückentag gleichsam schon Freitag, wer wollte da jammern.

Der Geliebte bevorzugt neuerdings schwarze Einmalhandschuhe. „Daran sieht man das Blut nicht so“, sagt er. Ich gehe nicht von einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben aus.

Donnerstag: „Verarschen kann ich mich selbst!“ – „Los, mach mal.“ Und wie war Ihr Himmelfahrt so? (Es ist Liebe, glauben Sie mir; vielleicht eine Form, die sich Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt.)

Freitag: Brückentag. Welch wunderbares Wort, in einer Reihe mit so schönen deutschen Wörtern wie Wanderlust, Weltschmerz, Kindergarten, Habseligkeiten, Doppelhaushälfte und Auslegeware. Zumal eine Brücke dem Zweck dient, Täler und Abgründe zu überwinden, womit der Charakter der Werktätigkeit einigermaßen treffend erfasst ist.

Samstag: „Rund fünf Prozent der deutschen Männer bevorzugen es, ohne Kleidung zu kochen“, schreibt die PSYCHOLOGIE HEUTE über die Freude am Nacktsein. In Gedanken gehe ich nun alle mir bekannten kochenden Männer durch und hoffe bei den meisten, sie gehören zu den anderen fünfundneunzig Prozent.

Bleiben wir in der Küche: Nach Bleikristall, Kaffeemaschinen und -tassen hat der Geliebte jetzt Gefallen gefunden an einer bestimmten Geschirrsorte; der Paketbote brachte heute gleich drei Pakete davon, wofür nun Platz geschaffen werden muss. Demnächst trage ich also wieder ausgemusterten Hausrat in das Häuschen zwei Straßen weiter. Was tut man nicht alles, wenn man liebt. Und einer muss den Konsum ja am Leben halten.

Laut Zeitung hat Isidor heute schon wieder Namenstag. Vielleicht für diejenigen, die es Montag für einen Scherz hielten.

Sonntag: Meine Bettlektüre der vergangenen Woche war „Vervirte Zeiten“ von Ralf König, wo der Corona-Alltag des Kölner Paares Konrad und Paul mit seinen Entbehrungen geschildert wird. Wer (wie ich) die Comics von Ralf König mag, wird auch dieses Buch mögen. Auch wenn sie in den letzten Jahren sehr harmlos, geradezu jugendfrei geworden sind; schon lange sieht man dort nicht mehr das Körperteil, das womöglich in nicht allzu ferner Zukunft als das „P-Wort“ umschrieben wird.

Gestern Abend haben wir uns übrigens die Serie „All you need“ angeschaut, die es in der ARD-Mediathek zum Strömen gibt. Obwohl ich nicht gerade der begeisterte Serienkucker bin, hat es mir gut gefallen. Es geht um das Liebesleben von vier jungen Männern und einer Frau in Berlin, wobei auch dem Auge was geboten wird. (Allerdings ebenfalls kein <P-Wort>, das ist im deutschen Fernsehen auch 2021 noch undenkbar.)

„Kann es eigentlich sein, dass Deutsche weniger gut Deutsch können als Engländer Englisch und Franzosen Französisch?“, fragt Claudius Seidl in der FAS zum Thema Sprachverschmutzung. Ja, kann gut sein.

Die Geschirrlieferung von gestern beinhaltete auch eine Kuchenplatte mit aufwändiger Glaskuppel. Diese nahmen wir heute in Betrieb mit Geburtstagskuchen aus der Nachbarschaft.

Eine deutsche Eigenart ist ja, Kuchen und Torten ab einem gewissen Sättigungsvermögen als „mächtig“ zu bezeichnen, warum auch immer. Nie hörte ich dieses Wort im Zusammenhang mit Rinderkotelette oder Grünkohl, die ebenfalls ganz schön satt machen können, dafür bei Kohleflözen, von deren Verzehr eher abzuraten ist. Das hier abgebildete Exemplar war jedenfalls äußerst mächtig. Liebe M, er war köstlich! Lieber J, alles Gute dir!

Ansonsten in dieser Woche notiert: 1) „Hildegard Knef und die Kesselflicker“ (vermutlich als Bandname) und 2) „Asphalt in Aspik“. Die Hintergründe dieser Notizen sind, da sie unter Weineinfluss erfolgten, nicht mehr nachvollziehbar.