Woche 34: Fliegende Delfine und ein großes A

Montag: „Gestern war bei uns einiges los, so unwettermäßig„, sagt einer im Aufzug zu einem anderen.

Bei uns ist übrigens bald ist wieder Weinprobe, so rauschmäßig. Weinprobe mit Ausspucken ist schließlich ungefähr so schön wie ein Coitus interruptus.

Dienstag: Nach Tier nun also auch Lime. Der SPIEGEL über Elektroroller: „Transportmittel, bei dem sich das Nutzlose mit dem Unangenehmen innig verbindet.“

Apropos Tier: Laut einem Zeitungsbericht erlauben die amerikanischen Flugbestimmungen bei Inlandsflügen die kostenlose Mitnahme von Tieren in der Kabine,  wenn es sich um sogenannte „Service Animals“ handelt wie Blindenhunde, oder „Emotional Support Animals“, die geeignet sind, emotionale Imponderabilien ihres Besitzers zu lindern. Zugelassen sind nicht nur Hunde und Katzen – auch Pferde, Eichhörnchen, Enten und Schweine wurden schon an Bord begrüßt. Demnächst dann vielleicht der erste Delfin. Wieder fühle ich mich bestätigt in der Überzeugung, die Amerikaner sind hochgradig bekloppt.

„Wir können weiterhin das Spitzenlastkraftwerk bleiben“, lese ich in einer Mail. Ein wunderbares Wort, welches bei Scrabble eine erhebliche Punktzahl erzielte, wenn auch vermutlich erst nach längerer Diskussion.

Mittwoch: „Da muss man den Arsch in der Hose haben“, fordert der Chefchef. Ja wo denn sonst?

„Hast du dir die Ohren vergrößern lassen?“, fragt der Geliebte den Liebsten. Echte Liebe hält auch solche Fragen aus.

Donnerstag: Im Radio wird ein Liedchen mit dem Titel „Senorita“ zum sogenannten Sommerhit erklärt, was auch immer das sein soll. Nie hörte ich von Frühlings-, Herbst- oder Winterhit, wobei „Last Christmas“ vielleicht als ewiger Winterhit durchginge. Wie auch immer, nicht auszudenken, dieses „Senorita“ sollte sich eines Tages bei mir als Ohrwurm einnisten.

Freitag: „Damit habe ich keinen Touchpoint„, sagt der Kollege in einer Besprechung. Das klingt natürlich wesentlich weltgewandter als „Mir doch egal“.

Während einer eher langweiligen Skype-Besprechung beobachte ich einen großen, goldenen Luftballon in Form eines „A“ über dem Rhein schweben. Was will er mir sagen? „Achtung“? „Augen auf beim Apfelkauf“? „Ach was“? Keine Ahnung. Weitere Buchstaben, die Klarheit hätten bringen können, kamen nicht geflogen.

Samstag: Vermutlich erwähnte ich bereits, dass ich den Gebrauch von Kaugummis ablehne (erst recht den Verzehr, wovon ohnehin abzuraten ist, jedenfalls in größeren Mengen). Das sinnlose Dauerkauen dieses Weichplastiks verleiht Menschen zumeist den – nicht immer gerechtfertigten – Anschein einer gewissen Dümmlichkeit. Vor allem stellt sich bei Kaumüdigkeit die Frage: Wohin mit dem Ding? Gewissenlose Gemüter spucken es einfach aus, auf den Gehweg, die Straße, den Rasen, innerraums vielleicht auch in die Auslegeware, mit dem Convenience-Argument „Na und, das machen doch alle so“. Um diesem Wildspucken zu begegnen, stellt die Stadt Bonn nun in der Innenstadt zwanzig Vorrichtungen auf, wo ausgezehrte Kaugummis aufgeklebt werden sollen anstatt sie aufs Pflaster zu speien. Die Bezeichnung „Gum-Wall“ für diese Entsorgungsstationen mutet ebenfalls eher dümmlich an, ein besseres Wort kann ich indes spontan auch nicht anbieten. „Kaugummiaufklebestation“ dürfte die Motivation der Kauer jedenfalls nicht heben, Ausschau nach der nächstgelegenen amtlichen Entsorgungsstelle zu halten, anstatt das Gekaute wie gewohnt dem Nächsten vor die Füße zu spucken.

Das erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn, die vor einigen Jahren in der Nähe größerer Bahnhöfe weiße Plakatwände aufstellte mit der sinngemäßen Aufschrift „Bitte hier sprühen“. Sie erhoffte sich hierdurch weniger von Graffiti beschmutzte Züge, indem sie die Kreativität der Sprayer auf diese Wände umzulenken suchte. Nach kurzer Zeit wurden sie wieder abgebaut. Wir werden sehen, wie lange es die „Gum-Walls“ geben wird.

Abends gab es Wein in nennenswerten Mengen, ohne Ausspucken.

KW34 - 1

KW34 - 1 (1)

(Man beachte den eher missglückten Versuch, dem Klimawandel Positives zuzuschreiben.)

Sonntag: Yuval Noah Harari schreibt in »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«:

„Zwar hat die Globalisierung die kulturellen Unterschiede auf unserem Planeten enorm reduziert, gleichzeitig hat sie es jedoch deutlich leichter gemacht, Fremden zu begegnen und sich über deren Eigenheiten aufzuregen.“ 

Noel Gallagher in einem Zeitungsinterview:

„Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.“ 

Wenn die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut

Es liegt mir fern, für irgendein Unternehmen Werbung zu machen, auch nicht für eine öffentlich-rechtliche Medienanstalt. Doch fragte man mich nach meinem Lieblings-Radiosender, so lautete meine Antwort: WDR 2. Jedenfalls hier zu Hause und dort, wo seine Wellen das Radiogerät erreichen (jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Internet-Radio). In Frankreich hingegen ist es eindeutig Radio Nostalgie, da stört mich nicht mal die Werbung, weil ich das Geplapper nicht verstehe und es außerdem irgendwie zum Urlaub dazu gehört.

WDR 1 mochte ich auch, vor allem wegen Musiksendungen wie der „Flipp-Zeit“, und empfand seine zwanghafte Verjüngung zu 1Live in den Neunzigern als Verschlechterung. Mittlerweile ertrage ich 1Live fast gar nicht mehr, vor allem dann nicht, wenn sie witzig sein wollen („Lukas’ Tagebuch“ – Gähn…) und die Stellen, an denen der gequälte Hörer den Witz bemerken soll, mit einem überflüssigen Geräusch markieren; das gilt allerdings auch für andere Sender, insbesondere SWR 3, der sich hier im Rheinland aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen allgemein großer Beliebtheit erfreut.

Zurück zu WDR 2. Er war schon in meiner geraume Zeit zurückliegenden Jugend Begleiter meiner einst liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Basteln an der Modelleisenbahn auf dem Dachboden. Als Medium diente ein uraltes, riesengroßes Röhrenradio, das ich von irgendwem „geerbt“ hatte und das nach dem Einschalten immer knapp eine Minute brauchte, bis was zu hören war. Höhepunkt meiner Woche war die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“ samstags ab vier, eine Mischung aus Humor (heute heißt das wohl Comedy) und Musik; Krone dieses Höhepunkts wiederum war die „Kleine Dachkammermusik“ mit Hermann Hoffmann, Otto de Vries, Pankratius Schräuble, Herrn Schlotterbeck und vielen anderen, alle gesprochen von Hermann Hoffmann daselbst. Kennt heute vermutlich kaum noch einer.

Stunden verbrachte ich vor dem Radio, wenn „Mal Sandocks Hitparade“ oder die „Schlagerrallye“ mit Wolfgang Roth lief, die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders im Anschlag, für die Generation mp3 heute kaum vorstellbar.

Was ich an WDR 2 immer sehr schätzte und bis heute schätze, war und ist die Musikauswahl, eine Mischung aus alten Sachen der Achtziger („meine“ Zeit) bis hin zu Aktuellem, wobei ich bei den meisten alten die Titel und Interpreten spontan nennen könnte, was mir bei den aktuellen nur selten gelingt. Doch kein Licht ohne Schatten – im Repertoire von WDR 2 halten sich einige Songs, teilweise über viele Jahre, die ich nicht mehr hören kann und will. Hier meine persönliche Anti-Hitparade, völlig subjektiv und unvollständig:

1 – Huey Lewis And The News: Hip To Be Square

2 – Mr. Mister: Kyrie

3 – Des’ree: Life

4 – Sunrise Avenue: You can never be ready (grauenvoll!)

5 – Revolverheld: Lass uns gehen

6 – Michael Bublé: It’s A Beautiful Day

7 – Of Monsters And Men: Little Talks

8 – James Blunt: Postcards

9 – Bruno Mars: Locked Out Of Heaven

10 – The Goo Goo Dolls: Give a little bit (völlig überflüssige Kopie des ansonsten schönen Supertramp-Hits)

11 – AnnenMayKantereit – Oft gefragt (ganz neu, ganz schlimm)

Listete ich hingegen alle Songs auf, über die ich mich jedes Mal freue, wenn sie gespielt werden, fiele die Reihe wesentlich länger aus. Daher erspare ich Ihnen das. Manchmal werde ich sogar angenehm überrascht, wie vor ein paar Jahren, als sie für mehrere Wochen das großartige Lied A New South Wales von The Alarm im Programm hatten; bis dahin war ich der festen Überzeugung, der einzige Mensch zu sein, der das überhaupt kennt. Das sind dann diese Momente, in denen die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut.

(Apropos Zahlung: Dieser Aufsatz ist fünf Euro wert.)