Woche 25: In artgerechter Haltung

Montag: Vergangene Woche ließ ich mich ein wenig über Businesskasper aus. Hierzu ein sehenswerter Nachtrag, vielen Dank an Frau Kraulquappe dafür.

„Für mich fein“ schrieb mir heute ein Businesskasper lieber Kollege. Nach meiner Antwort „Das ist fein“ merkte er es selbst.

Ansonsten muss ein Montag nicht grundsätzlich schlecht sein. Eine gute Nachricht des Chefs hob meine persönliche Tageslaune erheblich.

Eine örtliche Partei wirbt anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahl mit der Inaussichtstellung von „Sicherheit und Sauberkeit“ um Stimmen. Ich weiß ja nicht, klingt ein wenig nach „Zucht und Ordnung“ oder schlimmerem.

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Wobei ich die Werbung einer anderen, zurzeit noch etwas größeren Partei auch nicht besonders überzeugend finde. Wie, was machen? Was macht das mit mir?

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Dienstag: Nachdem es seit gestern wieder möglich ist, machten sich die Nachbarn heute auf den Weg zu ihrem Haus in Südfrankreich. Mit ihnen, vielleicht im Handschuhfach, eine ganz kleine Prise Neid meinerseits, wobei ich ihnen die Reise und den Aufenthalt dort ohne jede Einschränkung gönne.

Am Abend auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich vom Regen etwas nass, was meine nach wie vor ausgezeichnete Laune nicht zu trüben vermochte. Dafür fand ich daheim meine Lieblingsmenschen ohne erkennbaren Grund übellaunig vor. Ich erkläre mich unschuldig daran. Während der eine seine Verstimmung mit dem Staubsauger bekämpfte, ging der andere einkaufen. Ich verschanzte mich unterdessen in meinem Zimmer und notierte vorstehendes. Jeder hat so seine Strategie, atmosphärischen Störungen zu begegnen.

Mittwoch: Der Regen hat aufgehört, es bleibt trübe. Während der Fahrt ins Werk sah ich auf der anderen Straßenseite einen mit Sonnenbrille. Affiger als das Tragen von Sonnenbrillen ist wohl nur, es ohne Sonnenschein zu tun, oder in geschlossenen Räumen.

Der innerhäusliche Mistral hat sich erfreulicherweise auch wieder einigermaßen gelegt.

„anyway“ sagt einer. Sei es drum.

Chorproben sind noch bis mindestens Ende August nicht möglich, erfahre ich. Anyway.

Chorproben würden der Singstar-Krähe von gegenüber vermutlich auch nicht helfen. Am frühen Abend kreischte sie solo Fetzen eines unerkannten Liedes in die Siedlung.

Später kam es erneut zu nennenswerten meteorologischen Unruhen mit Blitz und Donner. Zum Glück nur draußen.

Donnerstag: Abends besuchte uns eine Taube. Sie betrat die Wohnung durch die geöffnete Balkontür, durchquerte zu Fuß unbemerkt die Küche und kam ins Wohnzimmer, wo ich auf dem Sofa in Lektüre vertieft war. Als wir uns gegenseitig bemerkten und etwa gleichzeitig erschraken, begann sie wild zu flattern, ihre Flucht nach draußen scheiterte jedoch an der geschossenen Fensterscheibe vorne raus, und auf die Idee, die Wohnung einfach wieder durch die Küche und die Balkontür zu verlassen, kam sie augenscheinlich nicht. Dabei las ich mal, Tauben seien sehr klug; vermutlich gibt es auch da, wie bei uns Menschen, solche und solche. Schließlich ergriff der Geliebte die Initiative und den Vogel und setzte ihn durch das Fenster an die Luft. Der Grund ihres Besuches blieb unbekannt. Hoffentlich ist sie gut nach Hause gekommen.

Interessante Entwicklung in der Fernsehreklame: Die reifere Dame, die im Beisein ihrer vorlauten vermeintlichen Enkeltochter für ein Darmbeschwerden linderndes Mittel wirbt, sagt nicht mehr „Für die Kleine war ich gar nicht mehr die Alte“. Anscheinend haben sie es gemerkt.

Freitag: Besonders aufregend war der Tag nicht, jedenfalls nicht für mich. Für die Karstadt-Mitarbeiter hingegen schon: Wie ihnen abends mitgeteilt wurde, ist ihr Bonner Kaufhaus eins von denen, die geschlossen werden. Das tut mir sehr leid. Bei solchen Nachrichten wird mir bewusst: Meine heile Welt ist ein sehr fragiler Planet ist, der jederzeit untergehen kann.

„Du machst so lange, bis der Kelch am Brunnen bricht.“ Mit Sprichwörtern hat es der Geliebte nicht so, was immer wieder zu notierenswerten Varianten führt.

Samstag: Während die Mitarbeiter der Kaufhäuser ihre Jobs verlieren oder darum bangen, erhielten wir im Laufe des Tages (Stand 17:14 Uhr) vier Pakete von vier Paketdiensten zugestellt. Irgendwas läuft schief.

Sonntag: Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich in artgerechter Haltung im Liegestuhl auf dem Balkon, wo ich in der FAS diesen schönen Satz las und ihn sogleich notierte: „An den meisten Stränden gilt spärliche Bekleidung schon lange als banal und unter sittlichen, wenn auch nicht immer unter ästhetischen Vorzeichen als unproblematisch.“ Ähnliches gilt für Fußgängerzonen, sei ergänzt.

9 Gedanken zu “Woche 25: In artgerechter Haltung

  1. „Affiger als das Tragen von Sonnenbrillen ist wohl nur, es ohne Sonnenschein zu tun, oder in geschlossenen Räumen.“ – Dazu möchte ich anmerken, dass es Brillen gibt, die bei UV-Strahlung automatisch abdunkeln (und, habe ich gestern gelernt, sogar entsprechende Kontaktlisten, was ziemlich außerirdisch aussieht). So kommt es dann eben auch mal vor, dass ich im Winter oder bei Bewölkung mit abgedunkelter Brille herum laufe. Oder in einem Geschäft, weil die Brille eine Weile braucht, um sich wieder aufzuhellen. In der Regel bekomme ich als Träger das nur dadurch mit, dass Leute mich komisch ansehen.

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  2. Mein Lichtblick zum Montag Abend – wenngleich ich irritiert bin ob des grammatischen Fehlers im Abschnitt mit der Singstar-Krähe. Aber das kann meinen Genuss nicht trüben.
    Allerdings das erwähnte Chorprobenproblem. Nachdem ich in einem sehr großen Chor singe, sehe ich im wahrsten Sinne des Wortes schwarz für das Mozartrequiem an Totensonntag im November. Und das allein schon erfüllt mich mit Trauer. Oratorienchorgröße braucht so viele Kubikmeter (!), das schafft unsere große Stiftskirche trotzdem nicht.
    Nun denn, abwarten….
    Herzlich grüßt
    Eva

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  3. So ist es richtig. Eines unerkannteN Liedes.
    Entschuldigung, ich komme mir sehr besserwisserisch vor. Oben im Text steht unerkannteS.
    Dabei bin ich gar nicht wirklich von der Rechtschreibpolizei. Es springt mir nur immer so in‘s Auge.

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