Woche 24: Schiefe Bilder und seltsame Erscheinungen

Montag: Aus der beliebten Reihe Schiefe Bilder: „Das ist schon in der Pipeline eingestielt“, sagt jemand in der Besprechung. Ein anderer sagt zum Abschied „Okidoki“. Jedesmal wenn jemand „Okidoki“ sagt, stirbt irgendwo ein Phrasenkasper.

Während der Rückfahrt vom Werk wurde ich am Rheinufer geblitzt, bei mittlerer Geschwindigkeit auf dem Fahrrad, von so einer mobilen Blitzanlage im Gebüsch am Radweg, deren Standorte absurderweise wöchentlich in der Zeitung veröffentlicht werden. Auf das Knöllchen bin ich gespannt.

Ansonsten hat der Liebste unseren Urlaub gebucht, eine Flusskreuzfahrt auf Rhein und Mosel. Wenngleich nicht unwahrscheinlich ist, dass wir durch unsere Teilnahme das Durchschnittsalter an Bord um ungefähr fünf Minuten senken werden, so freue ich mich doch sehr darauf.

Dienstag: Vergangene Nacht träumte ich von einer Wohnung, vollgestopft mit tausenden von Büchern, Heften und losen Blättern; ob es meine eigene war oder die meiner Eltern oder eine ganz andere, ist schwer zu sagen, sowas wechselt in Träumen ja oft minütlich. Ich war auf der Suche nach einigen bestimmten Büchern, die ich mal gekauft, aber noch nicht gelesen habe, um sie demnächst mit in den Urlaub zu nehmen. Eins davon hieß, soweit ich mich erinnere, „Mein Leben mit Harald“, wer auch immer Harald ist; die mir bekannten Personen dieses Namens sind sehr angenehme Menschen, als literarische Figuren indes nur bedingt geeignet. Neben Büchern fand ich in der Wohnung übrigens größere Mengen an in Klarsichtfolie abgepackten Roastbeefscheiben, laut Aufschrift haltbar bis Oktober 2010, äußerlich jedoch noch von rosiger Färbung und gut erhalten. Falls Sie ein Talent für Traumdeutungen haben und Vorstehendes zu erklären wissen, schreiben Sie bitte eine Nachricht.

Aus einem Gespräch des SPIEGEL mit der Historikerin Jill Lepore:

Die traut sich was.

Außerdem fragt der SPIEGEL: „Was macht das An­geln mit dem Ang­ler?“ Antwort A: Fischers Fritz fischt frische Fische. Oder Antwort B: Düdüüü düdüdü.

Im Zusammenhang mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgericht darüber, inwieweit der Innenminister die AfD beschimpfen darf, habe ich ein (mir) neues Wort gehört: „Meinungskampf“. Es passt gut in die Zeit, da alle meinen, irgendwas meinen und kundtun zu müssen, und abweichende Meinungen umgehend auf Empörnis stoßen.

Mittwoch: §1 Absatz 1 Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen:

„Jede in die Grundregeln des Infektionsschutzes einsichtsfähige Person ist verpflichtet, sich im öffentlichen Raum so zu verhalten, dass sie sich und andere keinen vermeidbaren Infektionsgefahren aussetzt.“

Die Menschen draußen hingegen demonstrieren und pfeifen auf Abstandhalten, als wollten sie die zweite Welle auf keinen Fall verpassen. Im Werk geht unterdessen alles seine geregelten Wege.

Wahrscheinlich beschrieb ich es schon mal, als Chronist des Alltäglichen verliert man ja manchmal den Überblick, ob man etwas schon notierte oder nur dachte: Viren treten nicht nur als biogene Kleinstkörper auf, sondern auch in verbaler Form, sie breiten sich besonders in Besprechungen aus. Ein Teilnehmer wirft ein bestimmtes, zumeist überflüssiges Wort in den Raum, rasch springt es auf andere über, und bald wird kein Satz mehr gesagt, in dem es nicht vorkommt. Verbreitete Verbalviren sind: „quasi“ und „tatsächlich“, eine bekannte Mutationen ist „genau“. Ein Impfstoff ist nicht in Aussicht. Warum ich das (erneut) schreibe: Heute rutschte mir in einer Besprechung dieses Füll-„tatsächlich“ raus, woraufhin ich mir am liebsten die Zunge abgebissen hätte. Hat aber wohl keiner gemerkt.

Donnerstag: Feiertag, die Christen feiern wieder „Fronleichnam“, weil Jesus vor gut achthundert Jahren einer Nonnen erschienen sein soll, um sie darauf hinzuweisen, im Kirchenjahr fehle noch ein Feiertag, weiß der Himmel. Vielleicht lag es auch nur am Messwein, den die Gute zuvor in unbekömmlicher Menge gekostet hatte, danach hat man ja schon mal seltsame Erscheinungen. Wie auch immer – bemerkenswerterweise beschert uns dieses Märchen bis heute einen arbeitsfreien Donnerstag, wer wollte das beklagen, im Gegenteil: Jesus dürfte gerne öfter erscheinen, ein paar weitere Feiertage würde mein Jahr ganz gut vertragen.

Diejenigen, die nicht feiern oder wie ich zu faul sind für nennenswerte Aktivitäten, würden heute normalerweise zum Einkaufen in benachbarte (Bundes-)Länder fahren, weil das, was wir „Wohlstand“ nennen, nun einmal im Wesentlichen darauf basiert, möglichst viel Zeug zu kaufen, das man nicht benötigt. Jetzt wäre Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob das für immer so bleiben muss, stattdessen wünschen sich viele nichts sehnlicher zurück als genau das. Eine Lösung dafür weiß ich auch nicht.

Freitag: Man informiert übrigens nicht mehr, sondern man „teilt“, so wie Sankt Martin den Mantel, Jesus Fische und Brot und der heilige Sankt Nikolaus die Schokoladenfiguren.

„Alle für alle“ teilt das große Flugzäpfchen, das dieser Tage über Bonn seine Runden dreht.

KW24 - 1 (2)

Samstag: Der Gebrauch von Anglizismen in Businesskasperkreisen* wird hier regelmäßig belästert. Aber auch manche Verfasser* von mir regelmäßig und gerne gelesenen Blogs (ich vermeide bewusst den Begriff „Kollegen*“, das wäre vermessen, es sind zum Teil echte Bloggrößen mit großer Leserschaft*, nicht so Kleinschreiber wie ich, was man mir bitte nicht als Neid auslegen möchte, ich bin tatsächlich sehr zufrieden) flechten immer wieder englische Einsprengsel in ihre ansonsten lesenswerten, auf Deutsch verfassten Texte ein. Warum tun die das? I do not like that.

* Einige von ihnen haben es sich zudem zur Gewohnheit gemacht, stets die weibliche Form zu nutzen, wenn sie beides meinen, also zum Beispiel „Leserinnen“ statt „~innen“ und „~er“. Damit setzen sie ein Zeichen gegen das hergebrachte und durch nichts zu rechtfertigende General-Maskulinum, was ich durchaus nachvollziehbar und sympathisch finde, zumal leserlicher als Binnen-I, -Sternchen und ähnliche Inklusionsformen. Dennoch sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich mich ihnen diesbezüglich nicht anschließe.

Sonntag: „Lästig sind all jene, die wir nicht ignorieren können, selbst wenn wir es wollen“, zitiert die PSYCHOLOGIE HEUTE den amerikanischen Psychologen Joe Palca zum Thema Dinge, die uns auf die Nerven gehen.

Ansonsten gilt: Besuch am Sonntag ist besonders willkommen, wenn er woanders stattfindet.

5 Gedanken zu “Woche 24: Schiefe Bilder und seltsame Erscheinungen

  1. Ich danke Ihnen wieder einmal sehr für diesen überaus erquickenden Lektüreauftakt in die neue Woche und erlaube mir, die Frage anzuschließen, ob Sie das grandiose Businesskaspervideo kennen. Ich gehe fast davon aus, da es Ihren humoristischen Nerv überaus gut treffen dürfte, wollte aber sicherheitshalber nachgefragt haben und sende es Ihnen sonst gern zu.
    Herzliche Grüße aus München!

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