Woche 23: Pfuscher

Montag: Immer noch Pfingsten. Frau Marie weiß nicht, was sie schreiben soll. Ich heute auch nicht. Nur finde ich dafür nicht so schöne Worte wie sie. Oder wie einst Wilhelm Busch: „Gedanken sind nicht stets parat / Man schreibt auch, wenn man keine hat.“

Dienstag: Manchmal melde ich mich in Besprechungen nur deshalb zu Wort, um mich zu vergewissern, nicht eingeschlafen zu sein.

„Das gefällt mir mehr oder weniger gar nicht“, sagt eine. Vielleicht habe ich das auch geträumt.

Mittwoch: Immer wenn es heißt, jemand trete seinen „wohlverdienten“ Urlaub oder Ruhestand an, klingt im Hintergrund stets ein leises Rauschen der Missgunst mit.

Ein ganz anderes, leider lautes Hintergrundgeräusch bei Rückkehr aus dem Werk. Die Singstarkrähe von gegenüber war heute wieder gut in Form, hören Sie selbst:

Erkennen Sie die Melodie? (Bitte entschuldigen Sie die schlechte Tonqualität, andererseits klang es in natura keineswegs besser.)

Bleiben wir beim Thema (im weitesten Sinne) Musik: Beim Friseursalon meines Vertrauens, den ich am Abend aufsuchte, steht eine güldene Beethovenfigur im Schaufenster, wie es sie im vergangenen Jahr in Bonn unter reißendem Absatz zu kaufen gab, dekoriert mit einer Schutzmaske. Davor ein Zettel an die Scheibe geklebt: „SEI WIE LUDWIG“. Während ich draußen auf den Haarschnitt wartete, überlegte ich, wie genau ich denn sein soll: Goldig? (Bin ich.) Schwerhörig? (Auch, manchmal ein bisschen.) Musikbegabt? Stumm? Dann schlage ich vor, der Krähe eine solche Puppe samt Zettel vor das Fenster zu stellen.

Donnerstag: Die Mehrwertsteuer wird vorübergehend gesenkt. Der Finanzminister erwartet, dass die Wirtschaft das nicht zu ihrem Vorteil nutzt, sondern an die Bürger weitergibt. Entweder glaubt Herr Scholz auch an das Sandmännchen oder er verfügt über bislang ungeahnten Humor.

Humor zeigt auch der Projektleiter, als er um Verständnis für die Verkürzung des Jour Fixe bittet.

Freitag: In einer internen Werksmitteilung las ich diesen Satz: „In dieser schnelllebigen Zeit ist die Vergangenheit kurz, die Gegenwart äußerst dynamisch und die Zukunft zeitnah zu gestalten.“ Auch wenn ich ihn nicht verstehe, vor allem das mit der kurzen Vergangenheit, ist er sehr schön, nicht wahr.

Samstag: O ihr Pfuscher …

KW23 - 1

(General-Anzeiger Bonn)

„Viele Männer sind ,Dramaqueens‘ und kommen damit durch“, steht in der neuen PSYCHOLOGIE HEUTE. Ja, das kann ich aus täglicher Anschauung bestätigen.

Sonntag: Und wenn das jetzt für immer so bleibt? (Bitte denken Sie sich hier eine gedankliche #Gitterbox# mit den üblichen Schlagworten darin: Kontaktbeschränkungen, Kontaktpersonennachverfolgung, Abstandsregel, Kurzarbeit, Heimarbeit, Verschwörungstheorien, Herdenimmunität, Infektionskette, Neuinfektionen, Durchseuchung, Maskenpflicht, Lockerungen, Lockdown, Shutdown,  Homeoffice, Homeschooling, Videokonferenz, Reisewarnung, Händewaschen, neue Normalität, abgesagt, verschoben, verboten, ZDF-Spezial, Geisterspiele, systemrelevant, Kaufprämien, Umsatzeinbußen, Rettungspaket, Quarantänemaßnahmen, Social Distancing, …)

Oder so: „Damals, als wir uns zur Begrüßung noch die Hand gaben.“ – „Ihr habt WAS?“

„Irgendwann ist der Zappes mal duster“, sagte der Geliebte am Abend. Das lasse ich als Schlusswort mal so stehen.

5 Gedanken zu “Woche 23: Pfuscher

  1. Vielen Dank für den Einstieg in eine neue Arbeitswoche.

    Der Link führt leider nicht zum gewünschten Foto von der Beethoven-Büste, die ich mir sehr gern angesehen hätte. (Wissen Sie, ich habe auch etwas mit ihm gemeinsam.)
    Vielleicht können Sie hier im Kommentarfeld schreiben, in welchem Zeitraum Sie das Foto hier im Blog veröffentlicht haben und ich sehe dann in Ihrem Archiv nach?

    Herzliche Grüße aus Wien!

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    • Guten Morgen, vielen Dank für den Hinweis, ich habe es neu verlinkt, nun sollte es funktionieren.
      Ihnen eine angenehme Woche, viele Grüße nach Wien (wo Herr Beethoven sich dem Vernehmen nach ja auch aufgehalten haben soll).

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      • Vielen Dank für die Korrektur!
        Ja, Wien hat sich so sehr auf das fast ganzjährige Festival unter dem Motto „250 Jahre Beethoven“ gefreut und wird dieses Programm nun in abgespeckter Form durchführen. (Was dem Herrn Beethoven sicher recht wäre, würde er noch leben.)

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