Woche 4: Pelzkapuzen, kurze Hosen und andere Wahrnehmungen

Montag: Ein Plakat wirbt in ungelenkem Glückskeksjargon für Präkrastination: „Tu es jetzt! Aus später wird schnell ein Nie“. Dem möchte ich entgegenplakatieren: „Aber bedenke: In der Ruhe liegt die Kraft — vieles erledigt sich von selbst.“

Beim Mittagstisch erzählt der Kollege, er strebe den „Eis-Tauchschein“ an. Allein der Gedanke lässt mich bis in den frühen Nachmittag hinein gänsehäutig bibbern. Auch sein Einwand „Wieso, kälter als vier Grad wird das Wasser nicht“ ist behaglichen Gedanken nicht förderlich.

Bis zum späten Nachmittag ist die Etagen-Kaffeemaschine defekt. Wegen sowas fielen schon Flüge aus, und Züge verkehrten in umgekehrter Wagenreihung!

Dienstag: Es ist kalt, pelzbesetzte Kapuzen prägen das Straßenbild. Dessen ungeachtet kommt mir am Morgen auf der Straße ein junger Mann von passablem Erscheinungsbild entgegen – in kurzer Hose. Heiß und kalt liegen manchmal nahe beieinander. (Es gibt Formulierungen, die einem trotz zeitloser Eleganz nur selten im Alltag begegnen. Vielleicht entsteht ihre Eleganz auch erst durch den seltenen Gebrauch. Zu diesen zählt zweifellos „dessen ungeachtet“.)

Weniger appetitanregend hingegen der Anblick des trüben, grünflockigen Getränks von geringer Drinkability und Instagramability, welches der Kollege während einer Besprechung zu sich nimmt. Als hätte er von den Teichen in den Rheinauen das grüne Zeug abgeschöpft, das sich im Sommer an der Wasseroberfläche bildet.

Mittwoch: Während ich mich müde und mit der üblichen latenten Grundangst ins Werk begebe, geht vor mir ein junger Mann mit einem drollig auf dem Pflaster rappelnden Akten-Rollköfferchen. Von allen Businesskasper-Accessoires ist das wohl das mit Abstand lächerlichste.

Mitschrift aus einer Besprechung zum Thema Kraftfahrzeuge: „Von ARAL zu TOTAL – egal.“ Ein Hauch von Poesie im tristen Büroalltag.

Apropos Büroalltag: Auch Frau Marie mag Businesskasperfloskeln.

Donnerstag: Auf dem Weg ins Werk lese ich in meiner aktuellen Stadtbahnlektüre dieses:

„Besonders peinlich wirkt der Selbstdarstellungsdrang vieler Manager, wenn er sich mit dem Mäntelchen der Imageförderung des Unternehmens tarnt. Das ganze nennt sich dann »Sponsoring« und erinnert stark an das gönnerhafte Mäzenatentum wie dem Renaissancefürsten Lorenzo de Medici oder dem Bayernkönig Ludwig I. Und genauso, wie die absolutistischen Herrscher ihre Untertanen für ihre Liebhabereien bezahlen ließen, so bitten heute die angestellten Mäzene der Großunternehmen ihre Aktionäre und Gesellschafter zur Kasse, um sich im Glanze prominenter Sportler, internationaler Kulturträger oder Wissenschaftler zu sonnen.“ 

(Günter Ogger, „Nieten in Nadelstreifen“ von 1992)

Aus unerfindlichen Gründen denke ich dabei an gelbe Rodelschlitten.

Auf dem Rückweg zur Bahn geht vor mir einer, dessen rechtes Bein ganz leicht nach außen knickt, das andere hingegen ist gerade. Wie nennt man das, „D-Beine“?

„Kriminelle Familienclans außer Kontrolle?“, fragt die Talkshow-Tante Maybrit Illner am Abend. Ob es dabei um VW geht, werde ich aufgrund konsequenter Talkshowabstinenz nicht erfahren.

Freitag: Laut Zeitungsbericht hat in Köln der Koch eines China-Restaurants seinen Kollegen getötet und die Leiche zerteilt, „wie er es im Rahmen seiner Kochausbildung gelernt hatte“, so die Zeitung. Kinder fanden Kollegenteile in einem Plastiksack am Rheinufer. Das hätte schlimmer ausgehen können. Nicht für den Zerlegten, aber für die Restaurantgäste.

Samstag: Familie Hannemann lässt zur Frühstückszeit (die in den meisten anderen Haushalten eher der Mittagszeit entspricht) die WDR-2-Hörer wissen, dass sie sich entschieden habe, wie sie die Einladung zu ihrer Goldhochzeit zu gestalten gedenke und wer eingeladen wird. Auch wenn ich nicht zu Gästen zähle, so sind es diese Momente, welche jeden Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Rundfunkgebühren zerstreuen und mich der nächsten Abbuchung mit Freude entgegen blicken lassen.

Nun bin ich auf das Radio nicht angewiesen, besitze ich doch nach wie vor zahlreiche Musikkassetten und ein entsprechendes Abspielgerät, ich erwähnte es unlängst. Beim Einräumen des neuen Bücherregals entdeckte ich daher nicht nur einige Bücher, die ich gelegentlich mal wieder lesen sollte, sondern auf einer Kassette auch diesen Song der Bee Gees von 1987, den mein Gedächtnis im Laufe der Zeit in eine abgelegene, hintere Ecke geräumt hatte:

 

Nicht schlecht. Kaum zu glauben, dass von den drei Gebrüdern Gibb nur noch einer, Barry, lebt.

Sonntag: Nach einem ruhigen, überwiegend trüben Tag haben wir am frühen Abend einen Auftritt mit der Karnevalsgesellschaft in der Godesberger Stadthalle. Meine Vorfreude hält sich in Grenzen. Wozu braucht man sonntags Karnevalssitzungen? (Wozu braucht man überhaupt Karnevalssitzungen, fragen Sie? Das ist natürlich eine ganz andere Frage. Gegenfrage: Wozu braucht man einen Eis-Tauchschein?)

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