Woche 31: Heiße Luft als Stütze des Geschäftsmodells

Montag: Laut Zungenbelagsorakel könnte die Woche ganz gut werden.

Dienstag: Am Morgen saß in der Bahn ein junger Kerl mit weit geöffnetem Hemd, welches einen Blick auf verstörende Brustbehaarung gewährte. Aus Gründen des emotionalen Selbstschutzes wählte ich einen Platz hinter ihm. Dazu passt gut die Frage des Tages im Blog Quergefönt: „Brauchst du eine kalte Dusche?“ – Auf der Rückfahrt am späten Nachmittag wurde ich dann Zeuge, wie eine mobilschwätzende Projektleiterin „alles rotscher“ sagte. Das hatte ich zuvor lange nicht mehr gehört.

Mittwoch: Die Menschen, die yagan sprechen (wer auch immer das tut), nennen den Blick zwischen zwei Menschen, der große gegenseitige Lust zum Ausdruck bringt, jedoch unausgesprochen bleibt, „Mamihlapinatapai“. (Aus: Einzigartige Wörter von David Tripolina)

Donnerstag: „An klaren Sommerabenden kommt ihre Zeit: Heißluftballons steigen über Stadt und Land auf. Was aus der Ferne fast schwerelos wirkt, erfordert viel Energie. Je mehr, desto höher hinaus geht es. Genauso stellt sich auch [unser Unternehmen] den weiteren Aufstieg vor. Die Energie dafür sollen neue Umsätze liefern“. So zu lesen in einem internen Mitteilungsblatt. Heiße Luft als Stütze des Geschäftsmodells ist ja nun auch nichts so wahnsinnig neues.

Freitag: „Hey, ich bins, Sabine Kunze“ plärrt die Frau in der Radiowerbung. Wer ist das?

Samstag: „Wir verschenken 500 Euro gratis“, schreibt man mir per Mail. Ja wie denn sonst?

Sonntag: Ein weiteres einzigartiges Wort ist „Yutta-hey“. Wenn die Cherokee-Indianer so sagen, meinen sie einen guten Tag zum Sterben, an dem man das Leben auf dem Höhepunkt verlässt. Einen ähnlichen Gedanken hegte ich in der Frühe, als ich nach einem perfekten Abend und einer lauschigen Nacht leicht verkatert erwachte und bald wieder einschlief. Seit dem Mittag erscheint es mir indes vorteilhafter, doch noch ein wenig weiterzuleben.

Kindlos glücklich

„Willst du denn keine Kinder?“, fragen sie mich manchmal, und ich antworte aus voller Überzeugung: Nein, will ich nicht. „Warum denn nicht?“ fragen sie mich dann mit einem Blick, als hätte ich bekanntgegeben, mich bevorzugt von Einhörnern und Katzenbabys zu ernähren. – Nun, wie erkläre ich meine unpoluläre Haltung zum Nachwuchs: Es gibt mehrere in meinen Augen triftige Gründe, keine Kinder zu wollen.

Erstens: Ich kann mit Kindern nichts anfangen, sie sind für mich Wesen von einem anderen Planeten. Es gelingt mir nicht, mit ihnen in eine Interaktion zu treten, und wenn mir in der Bahn ein Kind gegenübersitzt, mich mit großen Augen anstarrt und immer wieder dieselbe Melodie singt, während es vom Vater oder der Mutter daneben ermahnt wird, den Mann nicht mit den Füßen ans Knie zu treten, wechsle ich lieber den Platz, als dass ich so etwas sage wie „Aber das macht doch nichts. Wie heißt du denn?“

Zweitens: Zurzeit leben rund siebeneinhalb Milliarden Menschen auf dieser Welt, Tendenz steigend. Das sind jetzt schon mehr, als die Welt verkraften kann. Dieser Vermehrung möchte ich durch eigenen Fortpflanzungstrieb nicht Vorschub leisten.

Drittens: Ich fürchte, unsere gewohnte „westliche“ Lebensweise in Frieden und weitgehender Freiheit ist ein Auslaufmodell. Die Entwicklungen in den USA, der Türkei, Polen, Ungarn, Großbritannien, Nordkorea und einigen weiteren Ländern sowie das zunehmende Erstarken der Rechten und die Zunahme religiös motivierter Gewalt deuten darauf hin. Wenn ich Glück habe, muss ich die großen Umwälzungen selbst nicht mehr miterleben. Für meine Kinder könnte ich das nicht garantieren.

Viertens: Ich kann ein Glas Wein trinken, Zigaretten rauchen und rote Fußgängerampeln ignorieren, ohne meiner Brut ein schlechtes Vorbild zu sein (für die Erziehung fremder Kinder bin ich nicht zuständig). Und ich kann am Wochenende ausschlafen, so lange wie ich will!

„JA ABER:“

„Kinder sind deine Altersversorgung!“ – Ich gebe zu, das ist ein gutes Argument. Jedoch setzt dies voraus, dass meine Kinder eine sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle finden. Angesichts zunehmender Job-Miniaturisierung, „Freelancertum“ und sonstiger Errungenschaften der vielgepriesenen Digitalisierung bin ich mir dessen nicht sehr sicher.

„Willst du euren Stammbaum nicht fortsetzen?“ – Das ist nun wirklich das geringste Problem. Richtig, ich bin der Letztgeborene unserer Familie, und mit meinem Tod wird die Linie abreißen. Na und? Die Welt wird es überstehen. Der Familienname wird dennoch weiterbestehen, sogar an prominenter Stelle in Schleswig-Holstein, wenn auch ohne verwandtschaftliche Verbindung, jedenfalls ist mir keine bekannt.

„Du warst doch auch mal Kind.“ – Das ist richtig, ich bin es sogar noch heute, jedenfalls so lange meine Mutter lebt, also hoffentlich noch lange.

„Kinder zu haben ist das größte Glück, dagegen verliert alles andere an Bedeutung.“ – Mag sein, dass das für euch so ist; für mich zweifle ich sehr daran. Während der Satz „XY wird Papa“ bei euch Freude oder womöglich Neid auslöst, denke ich nur: Der Arme. Im Gegenteil, ich bin glücklich ohne Kinder und ohne den Wunsch, welche zu haben. Ansonsten fehlt es mir an nichts, Danke.

Übrigens gilt vorstehendes grundsätzlich auch für Hunde, nur dass ich mir durchaus vorstellen kann, Hundefleisch zumindest einmal zu probieren; zudem dürfte der Beitrag des Hundes an meiner Altersversorgung gering sein, selbst wenn er vollzeit berufstätig wäre. Andererseits würde ich mein Kind vermutlich nur in Ausnahmefällen an Laternenpfähle pinkeln und in fremder Leute Vorgarten kacken lassen.