Zugewachsen

Wir leben in einer Zeit des Jugendwahns: Gesichtsfalten werden mit Cremes glattgespachtelt, Männer oberhalb der Fünfzig tragen T-Shirts mit tiefem V-Ausschnitt, Kapuzenshirts und aufgekrempelte oder per se etwas zu kurze, nach unten verengte Röhrenhosen, dabei zu jeder Jahreszeit Sneakersöckchen, welche einen Blick auf ihre runzligen Fesseln gewähren, in Sneakers mit heller Sohle oder Chucks; zudem transportieren sie ihre Pillen gegen nächtlichen Harndrang in trendigen Umhängetaschen oder Rucksäcken (schlimmstenfalls mit niedlichen Stoffbärchen daran baumelnd), anstatt dafür altersangemessene Herrenhandtaschen zu benutzen. Das ist nicht schlimm und auch nicht neu.

Doch gibt es seit einiger Zeit einen gegenläufigen Trend, den ich mit zunehmender Sorge wahrnehme: die Vergreisung der Jugend. Damit meine ich nicht diese seltsam-gruselige Krankheit, deren Namen zu recherchieren ich gerade zu faul bin, welche bereits Kleinkindern das Antlitz von Helmut Schmidt oder Inge Meysel im Spätherbst ihrer Jahre zuteil werden lässt. Vielmehr meine ich die freiwillige Verunstaltung junger Männer, die immer mehr um sich greift: Bärte. Nicht Drei- oder Mehrtagesbärte, denen eine gewisse Ästhetik abzusprechen mir fern liegt, zumal ich selbst seit längerem – allein schon aus Gründen der morgendlichen Zeitersparnis – auf die tägliche Rasur verzichte. Ich meine diese Rauschebärte, welche in früheren Zeiten Karl Marx, Rübezahl, der Nikolaus oder Vader Abraham trugen, allesamt Herren im gesetzteren Alter.

Heute hingegen lassen sich bereits Zwanzig- bis Dreißigjährige mit großer Begeisterung die Physiognomie zuwuchern. Zum Beispiel Philipp, der Student von gegenüber*. Seine das Äußere bestimmenden Gene meinen es gut mit ihm; als er vor zwei Jahren einzog, war er ein Jüngling von ausnehmender Schönheit, mit jungenhaften Gesichtszüge von auffallender Symmetrie wie eine antike Marmorstatue, nur nicht so nackt. Ihn mit einer aschenbachschen Bewunderung zu beschwärmen drängte sich mir geradezu auf. Doch dann beschloss Philipp, sich nicht mehr zu rasieren. Anfangs sah das richtig gut aus, siehe oben; diese Mischung aus Jungenhaftig- und Männlichkeit entbehrte nicht ihres Reizes. Doch leider ließ Philipp es weiter wachsen, heute sieht er aus wie der Almöhi auf Stadtbesuch.

Bis vor einiger Zeit las ich regelmäßig ein Blog, dessen Verfasser Mitte dreißig und ebenfalls stolzer Träger eines papaschlumpfartigen Rauschebartes ist. Da er ungefähr in jedem zweiten Eintrag sein Gesichtsgewächs thematisierte, stets mit dem Hinweis darauf, dass seine Mitbewohnerin nur mäßig angetan von dem Gestrüpp war, verzichte ich irgendwann auf die weitere Lektüre, es wurde mir einfach zu haarig. Warum wollte er auch nicht auf seine Freundin hören?

Doch damit nicht genug: Auch die Kopfbehaarung wird zunehmend Gegenstand gewollter jungmännlicher Verunstaltung. Früher waren es Pferdeschwänze, die manche Männer aus mir unerfindlichen Gründen zum Zwecke der Selbstverhässlichung trugen. (Hier könnte ich darauf hinweisen, dass ich darauf verzichte, den reichlich ausgefransten Scherz anzubringen, mit Pferdeschwanz selbstverständlich nur die Frisur zu meinen und nicht tieferliegende Körperregionen; doch erspare ich uns diesen nur mäßig originellen Hinweis, daher betrachten Sie diesen Klammervermerk bitte als ungeschrieben.) Der heutige Jungmann trägt stattdessen eine Art Dutt am oberen Hinterkopf wie früher meine Großmutter mütterlicherseits; es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis entsprechende Wollmützen angeboten werden mit einer kleinen Ausstülpung ähnlich einem Kondom. Was indes junge Männer dazu treibt, auch im Hochsommer Wollmützen über ihr Haupt zu stülpen, ist ein weiteres Rätsel dieser modisch fragwürdigen Zeiten.

Jungs, ich weiß nicht, welchem Wahn ihr verfallen seid, anzunehmen, hotzenplotzeske Rauschebärte seien eine Zierde. Angeblich sollen ja irgendwelche Berliner Hipster damit angefangen haben. Bitte glaubt mir, beim Barte des Proleten, es sieht einfach nur scheiße aus. Und wenn nicht mir, so wenigstens eurer Freundin oder Oma. Oder schaut einfach mal wieder in den Spiegel.

Der ostwestfälische Heimatdichter Heinrich Heidland brachte es einst auf den Punkt:

Vollbärte
Einst trug ihn Rübezahl, Karl Marx,
Der Öhi und der Nikolaus.
Heut’ junge Männer in den Parks.
Doch scheiße siehts noch immer aus.

—————

* Eine Kunstfigur, gegenüber ist das Landgericht, da wohnt kein Student und auch sonst niemand, jedenfalls nicht dauerhaft. Aber aus Gründen der Dramaturgie habe ich Philipp soeben erfunden; er steht stellvertretend für tausende junge Männer, auf die das Beschriebene haargenau** zutrifft.

** Ich hoffe, Sie erkennen das Wortspiel.

Ein Fall für die Schublade gemachter Erfahrungen

Seit der Mensch Geld als Zahlungsmittel erfunden hat, überlegt er, wie er es mit möglichst geringem Aufwand vermehren kann. Dabei hat sich bewährt, es anderen Leuten abzunehmen. Fragwürdige Methoden lernte ich am zurückliegenden Osterwochenende kennen, welches wir im elsässischen Colmar und seiner liebreizenden Umgebung verbrachten. Dort, im Elsass, kann man vorzüglich essen und ausgezeichneten Wein trinken, wofür nicht geringe Summen auszugeben mir keinerlei Schmerz bereitete. Doch sie können auch anders, die Elsässer: So wird in zahlreichen Geschäften Krempel feilgeboten, welcher augenscheinlich der Abzocke von Touristen dient; ganz vorne auf der Beliebtheitsscala scheinen Plüsch-Störche in allen Größen zu stehen, zumal der Storch wohl eine Art Wappentier der Umgebung ist, auch in seiner unverkäuflichen, natürlichen Erscheinungsform, wie Sie auf dem nachfolgenden Bild erkennen können (Pfeil).

storch - 1

Auch die örtlichen Einrichtungshäuser bieten tierähnliche Gegenstände an, deren Gebrauchswert sich dem schaufensterschauenden Betrachter nicht auf Anhieb erschließt:

pudel - 1

Ansonsten sind das Elsass und Colmar jedoch sehr schön, eine Reise dorthin unbedingt zu empfehlen.

Nicht so schön war das Erleben einer weiteren Methode der Geldbeschaffung, welches uns auf der Rückfahrt am Montagmittag widerfuhr. Auf der Autobahn bei Straßburg, in einer leichten Rechtskurve, überholte uns ein Audi mit deutschem „UN“-Kennzeichen (also Unna, nicht Vereinte Nationen) und gab uns durch Handzeichen und Warnblinker zu verstehen, ihm auf den Seitenstreifen zu folgen. Was wir auch taten, vielleicht war ja irgendetwas an unserem Wagen, was einer unbekümmerten Weiterfahrt im Wege stand. Kaum standen wir, entstieg dem Audi der in Anzug und Krawatte gekleidete Beifahrer, den ich einer im weitesten Sinne arabischen Herkunft zuordnen würde, kam zu uns und sprach durch das geöffnete Seitenfenster also dieses: Er habe gerade ein großes Problem, hier in Frankreich seine Bankkarten verloren, müsse aber mit Frau und Kindern, welche vorne im Audi säßen (was wir wegen der getönten Heckscheibe nicht überprüfen konnten) noch nach Hause fahren, ob wir ihm Geld leihen könnten, er würde es gleich morgen zurück überweisen. Als „Sicherheit“ reichte er mir ein abgewetztes iPhone, schwallte tausende Schwüre auf seine Ehre, seine Familie, seinen Gott und alles was ihm wert und wichtig war, und begann, sich güldenen Schmuck vom Handgelenk zu rupfen. Außerdem übergab er mir eine abgeranzte Visitenkarte.

baky - 1

Was tun? Sie kennen das vielleicht vom Bahnhof, wo fragwürdige Gestalten einem glauben machen wollen, für die dringend benötigte Fahrkarte fehlten ihnen noch ein paar Euro, ob man damit aushelfen könne. Bietet sich jedoch auf dem Bahnhof die Möglichkeit, mit einem freundlichen Nein das Gesuch ablehnen und wegzugehen, so saßen wir hier fest: Vor uns der Audi, links die vorbeirasenden Autos und rechts der lamentierende Autohändler. Und vielleicht bestand die vorgetragene Not ja wirklich, wer war ich, einem Bedürftigen die Hilfe zu verweigern? Also gab ich ihm zwanzig Euro, woraufhin er jedoch keine Spur Dankbarkeit erkennen ließ (den Schein aber trotzdem nahm), vielmehr sein Flehen verstärkte, mich geradezu beschimpfte ob des an den Tag gelegten Geizes. Bevor er seinen hässlichen Armschmuck in unser Auto werfen konnte, fuhr ich die Scheibe hoch. Er schrie noch ein paar Minuten herum, dann gab er auf, ging zurück zum Audi und fuhr ab. Auch wir konnten unsere Fahrt endlich fortsetzen, mit einem eigenartigen Gefühl an Bord.

Noch am selben Tag schrieb ich eine freundliche Mail an die angegebene Adresse, woraufhin – wenig überraschend – sofort eine Unzustellbarkeitsmeldung kam.

Was mich an der ganzen Sache ärgert:

  1. Zwanzig Euro weniger, die nun einem Halunken gehören.
  2. Unser Versäumnis, das Kennzeichen des Audis zu notieren.
  3. Unsere Unbedarftheit, die uns verleitete, auf den Seitenstreifen zu fahren anstatt einfach weiter.
  4. Meine nunmehr geringere Bereitschaft, fremden Menschen zu helfen. Da anzunehmen ist, dass wir nicht die einzigen waren und sein werden, werden auch andere Menschen nicht mehr helfen, wenn ich mal in Not sein sollte.

Aber es hat auch sein Gutes:

  1. Nur zwanzig Euro, nicht mehr. Abzüglich der Ironblogger-Gebühr für Nichtbloggen sogar nur fünfzehn.
  2. Er hat immerhin keine Knarre gezogen, um seinem Ansinnen Nachdruck zu verleihen.
  3. Ich habe wieder was zu erzählen.

Also lege ich das Erlebnis ab in die Schublade der gemachten Erfahrungen und begegne meinen Mitmenschen fürderhin mit erhöhter Wachsamkeit. Und immer schön das Kfz-Kennzeichen notieren!

Herzlichen Glückwunsch, Twitter!

10Jahre_Twitter

Liebes Twitter,

ich gratuliere dir zu deinem zehnten Geburtstag! Selbst bin ich jetzt seit sieben Jahren dabei, ist ja auch schon ganz schön lange in dieser schnelllebigen Welt. Leider liest man in letzter Zeit nur wenig Gutes über dich: Der Aktienkurs schwächelt, die Nutzerzahl geht zurück, deine Manager verlassen dich. Dann ärgerst du auch noch deine Stammnutzer, indem Algorithmen die Anzeige des Verlaufs beeinflussen und du ihnen erlauben (!) möchtest, künftig mehr als die berühmten hundertvierzig Zeichen zu schreiben (worüber sich zu empören mir besonders abwegig erscheint. Wann haben sich zum letzten Mal Menschen darüber beschwert, dass ihnen ein Mehr gestattet wurde?).

Und doch hat sich unser beider Verhältnis in den letzten Jahren gewandelt, meine anfängliche Leidenschaft für dich ist deutlich abgekühlt. Was du falsch gemacht hast, fragst du? Nichts. Immerhin: Facebook, Wer-kennt-wen und XING habe ich längst den Rücken gekehrt; Google+, Snapchat und wie sie alle heißen habe ich gar nicht erst ausprobiert; dir hingegen halte ich noch immer die Treue, wenn auch nicht mehr mit so großer Begeisterung wie früher. Früher, als ich täglich viel Zeit damit verbrachte, zu lesen, was andere schrieben, selber regelmäßig schrieb, mich freute über Sternchen (warum sind das jetzt eigentlich Herzchen??) und neue Folger, sogar mehrfach an Twittertreffen teilnahm, wo ich viele nette Menschen kennen lernte, auch aus den Reihen der „Twitter-Prominenz“. Durch dich nahm ich an Lesungen teil, manchmal sogar aktiv.

Doch spürte ich bald auch das Suchtpotential, das von dir ausgeht: Sternchen und Folger bedeuten Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit schreit nach mehr Aufmerksamkeit. Hinzu kam manchmal Neid: „Wieso bekommt der für so einen Mist jetzt so viele Sterne?“ oder, schlimmer: „Verdammt, warum ist mir das nicht eingefallen?“

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 21.17.23

Dieser Wandel meiner inneren Einstellung zu dir störte mich. Ich schrieb auch hier über dich, was ganz gut ankam (und die vorgenannte Aufmerksamkeitsspirale weiter anspannte).

Doch irgendwann war es vorbei. Ich selbst las immer seltener, was andere schrieben, und wenn, brach ich gelangweilt nach wenigen Minuten ab (vor allem sonntags zur Tatort-Zeit). Viele von denjenigen, deren Zeugs ich immer gerne gelesen hatte, schrieben weniger oder gar nicht mehr. Auch mir fiel immer seltener etwas ein, was mir twitternswert erschien, und wenn doch, kam kaum noch Resonanz. Vielleicht, weil das, was ich selbst schrieb, nicht mehr gut war, vielleicht auch, weil die, die mich früher im Sternenglanz erstrahlen ließen, selbst nicht mehr bei dir reinschauten. Die Suchtspirale hat sich seitdem langsam entspannt, heute ist mir das vollkommen schnuppe.

Liebes Twitter, ich wünsche die für die nächsten mindestens zehn Jahre weiterhin alles Gute! Ob ich dann allerdings noch dabei sein werde, kann ich dir nicht versprechen. Und doch: Du hast mir in den vergangenen sieben Jahren viel Freude bereitet. Manchmal gelingt dir das heute noch. Deswegen bleibe ich. Erstmal.

Dein Postwestfale / @PlanC_

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 21.03.16

Ein Schiff voller Irrer

In der vergangenen Nacht hatte er einen eigenartigen Traum: Er flitzte als Pinguin auf der Jagd nach frischem Fisch durch das Eismeer. Als er einmal zum Zwecke des Luftschnappens auftauchte, sah er dieses Schiff: ein riesiges Passagierschiff, aus dessen unterem Deck, kurz über der Wasserlinie, aus runden Öffnungen hunderte Ruder im Gleichtakt das Meer pflügten, wie bei einer römischen Galeere. Vorne trug das Schiff den Namen eines großen Konzerns, am Heck flatterten zwei Flaggen: eine mit dem Konzernlogo, die andere mit dem Namen einer bekannten Unternehmensberatung. (Es ist nicht anzunehmen, dass Pinguine Konzerne und Unternehmensberatungen kennen, auch wenn bei diesen zahlreiche pinguinartig gekleidete Menschen mit irgendetwas beschäftigt sind. Aber es war halt ein Traum. [Den letzten Satz hätte ich auch mit „Aber hey“ beginnen können, doch steht dem meine uneingeschränkte Abneigung gegenüber dieser Einleitung eines Abersatzes entgegen.]).

Während im großen Saal auf dem Oberdeck der Kapitän zu Investoren und Aktionären sprach, ihnen steigende Gewinne und Dividenden für die kommenden Jahre in Aussicht stellte, drang von der Brücke unverständliches Stimmengewirr. Da der Pinguin nichts verstand, flog er zur Brücke und beobachtete das dortige Treiben: Die anwesenden Offiziere riefen wild durcheinander, keiner hörte dem anderen zu. „Links!“, rief einer, „rechts!“ ein anderer. „Die Ruderer sind zu teuer, wir müssen ihre Löhne marktgerecht anpassen“, hörte der Pinguin. „Wir müssen die Schlagzahl erhöhen und sie stärker peitschen!“ – „Wir beschäftigen viel zu viele Peitscher, was die kosten…“

Da sah der Pinguin durch die Nebelschwaden einen riesigen Eisberg, auf den das Schiff direkt zu raste; aus dem Unterdeck hörte er den beschleunigten Takt der Trommel, Peitschenhiebe und Schreie. Die Bordkapelle spielte den alten Flash And The Pan-Hit „Down Among The Dead Men“. Der Eisberg kam rasch näher, auf seinem Gipfel wehte die Fahne eines anderen großen Konzerns, der als der größte und mächtigste Kunde des Schiffes galt. Der Pinguin rief „Achtung, der Eisberg…!“ zur Brücke, doch die Offiziere stritten immer noch, hörten ihn nicht. Dann eben nicht, dachte er und sprang zurück ins Meer, Fische jagen.

Kurz bevor die Bugspitze auf den Eisberg prallte, wachte er auf. Später, in der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro, erschrak er heftig, als er – noch matt vor Morgenmüdigkeit – aufblickte und auf dem Sitz gegenüber einen Pinguin erblickte. Dann bemerkte er den albernen Aktenrollkoffer zu dessen Füßen, es war wohl doch nur ein Unternehmensberater.

Alternativer Schluss:

In der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro, fragte er sich, warum Pinguine nicht fliegen können (was man halt so vor sich hindenkt, wenn die Morgenmüdigkeit einen noch umnebelt). Vielleicht, weil sie dadurch auch keinen Größenwahn verhindern können.