Über alte Häuser, frische Erbsen und den Rechtsstaat

Schon immer erfüllte es mich mit großem Unbehagen, zuzuschauen, wenn ein Bagger ein altes Haus in einen Haufen Schutt verwandelt. Als Kind beobachtete ich, wie nahe meinem Elternhaus Bauernhäuser mitsamt altem Baumbestand drumherum dem Erdboden gleichgemacht wurden, um Platz zu schaffen für seelenlose Mehrfamilienhäuser, die alle gleich aussahen, oder, schlimmer, für ein an Hässlichkeit nicht zu überbietendes Einkaufszentrum in Waschbeton-Optik und Parkplätze. Dabei dachte und denke ich an die Mühe, die sich Menschen einst gemacht hatten, diese Häuser zu bauen, und an die Menschen, die einst darin lebten und denen der Bagger jetzt vielleicht die Heimat zerstörte.

Besonders nahe ging mir, obwohl ich nicht persönlich dabei war, der Abriss des Hauses meiner Großeltern, ein altes Bahnwärterhaus auf dem Land in der Nähe von Göttingen. Die Bundesbahn, der es gehörte, wollte es so. Für mich wurde damit ein kleines Paradies zerstört, in welchem ich einige der schönsten Zeiten meiner Kindheit verbracht hatte: das Haus, das ehemalige Stallgebäude, die Schuppen, der Gemüsegarten – Bahnbedienstete auf dem Land waren früher Selbstversorger. Hinter dem Haus die Bahnstrecke mit den Schranken, die sich nur noch wenige Male am Tag bimmelnd senkten; es gab immer was Neues zu entdecken, zum Beispiel den wunderbaren Geschmack frisch gepflückter Erbsen. Und die Katzen, die sich im Wesentlichen von selbstgefangenen Mäusen ernährten und den Resten vom Mittagessen, die Oma ihnen auf einen Teller kratzte. Ins Haus duften die nicht.

Meine Großeltern dürften die bahnamtliche Abrissentscheidung indes nicht ganz so bedauert haben: Die Wohnung, die sie danach bezogen, verfügte über ein Bad und Zentralheizung, wohingegen sie im alten Haus zum Heizen und Kochen Holz hacken und schleppen mussten, und zum Baden wurde einmal in der Woche der Waschkessel in der Waschküche – natürlich ebenfalls mit Holz – angeheizt; gebadet wurde dann in einer langen Zinkwanne. Aus heutiger Wohlfühlbürgersicht unvorstellbar, als Kind störte es mich nicht: Mindestens einmal täglich zu duschen war noch nicht üblich, und immerhin musste man seit dem Anbau bei nächtlichem Harndrang nicht mehr über den Hof ins Stallgebäude, wo sich ein klassischer ‚Donnerbalken‘ befand. (Opa hatte wegen seines Hüftschadens immer einen Nachttopf unter dem Bett stehen, den er dann morgens in weitem Schwall aus dem Fenster in Richtung Kartoffelacker entleerte. Unmittelbar unter dem Fenster befand sich der Sandkasten für uns Kinder, doch hinterließen die Morgenschauer bei uns keine erkennbaren bleibenden Schäden. Zudem bestand keine unmittelbare Gefahr, da Opa immer sehr früh aufstand.)

Blog-Rischenkrug

Sind oben genannte Betrachtungen womöglich von einer naiv-romantischen Verklärtheit gefärbt – zumeist gibt es gute und nachvollziehbare Gründe, ein altes Haus abzureißen – so erfüllt mich eine andere Ausprägung dieses Themas immer wieder mit Fassungslosigkeit und Wut. Zum ersten Mal erlebte ich es in den Siebzigern, als ich mit meinem Onkel, der damals mit Familie in Hamburg wohnte, durch Alterwerder fuhr, ein schönes, geradezu idyllisches Dorf mit alten Ziegelhäusern. Nur noch wenige davon waren bewohnt, denn Altenwerder war komplett dem Abriss geweiht für die Erweiterung des Hamburger Hafens.

Dieselbe Wut überkommt mich noch heute, wenn ich Berichte aus dem rheinischen Braunkohlerevier sehe, wo seit Jahrzehnten alte, gewachsene Dörfer plattgemacht werden, um die darunter lagernde Braunkohle abbauen zu können. Die Bewohner werden umgesiedelt in schmucklose Neubausiedlungen; wer nicht freiwillig geht, wird enteignet, Allgemeinwohl geht vor Eigentum. Allgemeinwohl? Wohl eher das Wohl von RWE. Niemand soll ernsthaft behaupten, bei uns gingen die Lichter aus, bliebe die verrottete Blumenerde wo sie ist. „Denk doch an die Arbeitsplätze!“ höre ich sie rufen. Ja ja, die Arbeitsplätze, damit lässt sich so ziemlich alles rechtfertigen, sogar die Rüstungsindustrie und schlimmeres.

Wie mag es sich anfühlen, wenn man von einem Konzern aus seinem Dorf vertrieben wird, in dem man aufgewachsen ist, das man als seine Heimat ansieht? Dies ist einer der wirklich seltenen Momente, in denen mir Zweifel an unserem Rechtsstaat kommen. Aber vielleicht empfinden es ja auch einige der Zwangsumgesiedelten als Verbesserung, von einem mehr als hundert Jahre alten Haus in einen Neubau mit Wärmedämmung und Solaranlage zu ziehen.

Auch in meiner geliebten Wahlheimat Bonn wurden und werden Häuser abgerissen. Eines der traurigsten Kapitel ist wohl die Godesberger Altstadt, welche in den Sechzigern plattgemacht wurde, um Platz zu machen für eine Betonwüste, die heute für Leerstand und Jugendkriminalität bekannt ist. Ein ähnliches Schicksal sollte die Bonner Südstadt einst ereilen, heute eines der größten deutschen Stadtviertel mit zusammenhängender Gründerzeit-Bebauung und zugleich Bonns wohl teuerste Wohngegend. (Ja, liebe Godesberger, euer Villenviertel ist auch sehr schön.)

Nicht so recht verstehen kann ich indes – zumindest aus städtebaulich-architektonischem Blickwinkel – das Geschrei, das zurzeit um das sogenannte Viktoriakarree in der Innenstadt gemacht wird, an dem für meinen Geschmack nichts Schönes ist. Ganz in der Nähe davon wird zurzeit ein großes Geschäfts- und Bürohaus abgerissen, dem unter ästhetischen Aspekten ebenfalls keine Träne nachzuweinen ist, trotz aller Mühen, die sein Bau damals verursacht haben mag. Das gleiche Schicksal soll demnächst auch die ungeliebte ‚Südüberbauung‘ gegenüber vom Hauptbahnhof ereilen.

blog-belderberg - 1

Zahlreiche alte Häuser mussten seinerzeit auch weichen für das Bonner Stadthaus. Mittlerweile ist es selbst in die Jahre gekommen und bedarf dringend der Sanierung. Würde es – womit in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist – eines schönen Tages gesprengt, so säße ich in der ersten Reihe und würde applaudieren, trotz aller Mühen.

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2 Gedanken zu “Über alte Häuser, frische Erbsen und den Rechtsstaat

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