Immer zu kalt

Irgendetwas muss bei meiner persönlichen Temperatureinstellung gründlich schief gelaufen sein. Schon als Kind fror ich beim leisesten Lufthauch, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Vielleicht lag es daran, dass ich ein sehr dünnes Kind war – den Satz „Du musst mal was auf die Rippen kriegen“ hörte ich mindestens so oft wie „Du bist aber groß geworden“ und „Iss wenigstens das Fleisch auf“ zusammengenommen; wenn ich in den Park ging, kamen die Enten angewatschelt und wollten mich füttern.

Während die anderen Kinder in des Frühlings erster Wärme schon in kurzen Hosen (meistens Modell Seppel-Lederhose) und T-Shirts herumliefen, trug ich noch lange Hose und Pulli. Besonders extrem waren die Kinder in der Engländer-Siedlung: schon wenn im Februar mal die Sonne raus kam und normal temperierte Menschen sich noch in dicke Winterjacken hüllten, liefen sie herum wie ich maximal im Hochsommer, hier und da blaue Frostbäulchen an Armen und Beinen schienen sie nicht zu stören.

Wenn das Thermometer dann doch endlich die dreißig Grad erreichte, konnte auch ich Mamas Drängen „Nun lass doch mal Luft an deinen Körper“ nicht widerstehen und stieg widerwillig in dieses sperrige Lederteil mit dem beeindrucken Hosenstalltor und den albernen Hosenträgern. Das ging auch gut. Bis es Abend wurde und die Sonne sich langsam senkte. Ein leichter Abendhauch, der selbst den Rauch meiner Zigarette kaum ablenkte, schon zierte eine Gänsehaut meine dürren Spillerärmchen und die kleinen Härchen darauf stellten sich senkrecht.

Als besonders leidvoll sind mir die Familienurlaube in Büsum an der Nordsee in Erinnerung geblieben. Nicht nur, weil dort permanent ein mehr oder weniger kühler Wind weht, vor allem das Meer war mein Feind. Bei Ebbe war alles gut, vor unserem Strandkorb erstreckte sich das Watt, wo ich nach Muscheln und Würmern buddeln konnte, während das Wasser in sicherer Entfernung am Horizont vor sich hin plätscherte und Krabbenfischer malerisch darauf kutterten. Doch aufkommende Flut beendete den Frieden, bald schwappte die grau-kalte Brühe gegen den Deich. Während mein großer Bruder es kaum erwarten konnte, sich todesmutig in die Fluten zu stürzen (er war schon immer der härtere von uns), musste ich unter Geschrei meinerseits an Armen und Beinen ins Wasser gezerrt werden, wo Kälte, Quallen, Krebse und anderes Getier nur darauf warteten, mich zu quälen.

Erst wenn die Blaufärbung meiner Lippen ins Violette schlug, hatte meine liebe Familie ein Einsehen, dass es nun genug war und ich wieder zum Auftauen, in Tücher gewickelt, in den Strandkorb durfte. Nordsee ist Mordsee, nicht nur der Titel eines Films, sondern die pure Wahrheit.

Doch zwischen Eismeer und Strandkorb gab es noch eine Folterstation: An den Treppenaufgängen vom Watt standen Holzkübel mit Süßwasserduschen, wo man nach der Badequal das Meerwasser abzuspülen konnte. Ich weiß nicht, wie die Büsumer Kurverwaltung das hinbekam, aber dieses Süßwasser war noch einmal mindestens zehn Grad kälter als das Meer. Schon damals war Waterboarding ein probates Mittel, um jeden kindlichen Willen zu brechen.

Ortswechsel. Ich werde nie verstehen, warum auf Kneipentoiletten zu jeder Jahreszeit das Fenster auf Kipp stehen muss. Gewiss, rein olfaktorisch mag einiges dafür sprechen, aber was, wenn man mal muss? Beim kleinen Geschäft ist das ja noch nicht so schlimm, jedenfalls für uns Männer; güldene Eiskristalle im Pinkelbecken entbehren ja nicht einer gewissen Ästhetik, vorausgesetzt, man trifft es mit den wenigen Zentimetern, die ob der Kälte noch zur Verfügung stehen. Doch was, wenn man eine Frau ist und/oder mal ,groߑ muss? Kaum sitzt man, schon ist man an der Klobrille festgefroren.

Ich benötige eine warme Umgebung zum Überleben. Daher habe ich für Skiurlaube etwa so viel Verständnis wie für Menschen, die Löcher in einen zugefrorenen See hacken, um darin zu baden. Der einzige Ort, an dem ich Kälte akzeptiere, ja fordere, ist mein Bierglas.

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