Abgeschrieben: Kaum zu glauben…

Eher zufällig stieß ich auf einen Text, der bereits im Dezember 2007 in der Zeitung DIE WELT veröffentlicht wurde. Der ungenannte Autor stellt die Frage, wie wir Kinder der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre überleben konnten ohne die Segnungen der heutigen Zeit wie Kindersitz, Airbag, Fahrradhelm und Mobiltelefon. Es ist so herrlich wahr, selten habe ich mich in einem Text so sehr wieder gefunden!

Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, uns jeden Morgen zur Schule zu fahren und mittags wieder abzuholen, weder zur nahen Grundschule, wo wir auf dem Weg ständig von den bösen Schülern der Sonderschule bedroht und manchmal auch geschlagen wurden, noch später zum sieben Kilometer entfernten Gymnasium, warum auch, schließlich konnten wir problemlos mit Bus oder Fahrrad dorthin fahren; auch wären wir niemals auf die Idee gekommen, unsere Eltern danach zu fragen. Lesen Sie selbst:

***

„Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt. Wenn du als Kind in den 50-er, 60-er oder 70-er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten!

Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!

Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht.

Wir aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chatrooms. Wir hatten Freunde.

Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns. Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus.

Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.

Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit all dem wussten wir umzugehen. Und du gehörst auch dazu. Herzlichen Glückwunsch!“

Quelle: http://www.welt.de/welt_print/article1468743/Kaum-zu-glauben-dass-wir-so-lange-ueberleben-konnten.html

5 Gedanken zu “Abgeschrieben: Kaum zu glauben…

  1. Mag ja sein das vieles damals etwas einfacher gestrickt war.Ich bin übrigens Baujahr 83. Die Generation vor uns hat es insgesamt etwas einfacher gehabt. Die Anforderungen im Berufsleben sind gestiegen,Leistungsdruck und Stress sind die Folge. Heute brauch man mindestens Abitur um Mülltonnen auslehren zu dürfen. Die Anforderungen sind insgesamt gestiegen, trotzdem glaube ich das ein großer Teil meiner Generation etwas abgestumpft oder sogar etwas doof ist. Ich hasse Handys, wenn sich nachfolgende Generationen Kabel in den Nacken stecken um Tv zu gucken soll es mir recht sein. 😉 Ich werde mich hüten in 30-40 Jahren den Geh Stock zu schwingen um doofe Teenies von meinem Rasen fern zu halten. Ich denke ich wurde gut erzogen. Ich glaube allerdings nicht das sich deine Kindheit so sehr von meiner unterscheidet. Handys wurden erst Ende der Neunziger Populär und Videospiele gab es bereits schon zu deiner Zeit. ;)Das mit dem Tv mag stimmen,ich kann mich noch gut erinnern als wir Ende der Achtziger die erste Satelittenschüssel bekamen. Man was war ich Fernsehsüchtig! 😀 Ich wurde übrigens nie zur Schule gefahren, ich hatte einen Schulweg von 2 Kilommetern und kam eigentlich fast immer zu spät.:P Ich kann da nicht für andere sprechen, aber bis auf die Weiterentwicklung der Technik hat sich da nicht ganz so viel geändert. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor da ich ja praktisch auf dem Land aufgewachsen bin. Ich vermisse die Abende mit Lagerfeuer,Würstchen und Stockbrot. 😉

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  2. Das mit den gestiegenen Anforderungen stimmt zweifellos, die Zeiten, wo wir mittags aus der Schule kamen, unsere Hausaufgaben machten und dann einfach nur Freizeit zum Spielen und fürs Hobby zu hatten, sind wohl vorbei. Auch stelle ich die Sinnhaftigkeit von Kindersitzen und Fahrradhelmen nicht in Frage, viele schwere Verletzungen haben sie verhindert. Handys mag ich auch nicht, dennoch gehe ich ohne iPhone nicht aus dem Haus…

    Was ich so schlimm finde: wegen der geringsten Kleinigkeit werden heute Anwälte und Gerichte bemüht, Schuldige gesucht, Schadensersatz gefordert, das war früher nicht so. Und doch bin ich der letzte, der sagen würde: „Früher war alles besser“.

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  3. In zwei Punkten war ich anscheinend ein Ausnahmefall. Tatsächlich bin ich öfters mal von der Schule abgeholt woden, nachdem ich mit 7 jahren mal auf dem Schulweg angefahren wurde. Und ich war stolzer Besitzer eines eigenen kleinen Schwarzweißfernsehers mit 10 cm Bilddiagonale. Der funktioniert sogar immer noch. Später als Jugendlicher habe ich mir dann immer die alten Fernsehgeräte meiner Eltern unter den Nagel gerissen, wenn die sich ein neues geleistet haben.
    Vielleicht ist ja deshalb so ein totales Weichei aus mir geworden. 😉

    Ansonsten kann ich das Beschriebene in etwa bestätigen. Bis hin zu den prügelnden Sonderschülern, mit denen auch wir zu tun hatten. Aber die können ja schließlich auch nix dafür, dass die so dumm und so gestört sind. Heutzutage würde man die eh als Förderschüler bezeichnen.

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  4. Wobei ich mich frage, was es da eigentlich noch zu fördern gibt. Das Essenzielle haben die eh begriffen: Hau den Leuten einfach wahllos aufs Maul (namentlich Jüngeren und Schwächeren) und du kommst weiter im Leben.

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  5. Was für ein schrecklich undifferenzierter Früher-war-alles-besser-Text!
    Es ist unglaublich, aber auch „wir“ werden erwachsen werden mit „Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chatrooms.“ Und mit Freunden.
    Dass der Umgang mit Freunden sich verändert und der Horizont durch mögliche internationale Kontakte erweitert und die Menschen offener werden, kann so schlecht nicht sein. Dass andere Zeiten so konservativ und repressiv waren, lag vor allem am mangelnden Kontakt außerhalb des etablierten sozialen Gefüges.

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