Kurzgeschichte: Am Ende des Tages

Grau und scheinbar unbewegt erstreckt sich die Ostsee unterhalb des Fensters der weißen Villa; nur undeutlich ist am Horizont die Trennlinie zwischen dem Meer und dem Grau des Himmels auszumachen. Den ganzen Tag lang schon regnet es, zudem weht ein zwar leichter, jedoch eisig kalter Ostwind. Nur wenige Menschen spazieren heute dick vermummt die Strandpromenade und den kilometerlangen weißen Sandstrand entlang; fast menschenleer auch die Seebrücke, die unweit der Villa etwa hundert Meter weit ins Meer ragt. Im Sommer muss hier Hochbetrieb herrschen, doch jetzt ist eindeutig Nebensaison, worauf auch die zahlreichen Schilder „Zimmer frei“ in den Fenstern der Hotels, Pensionen und Ferienhäuser hindeuten.
Heinrich Kahmann sitzt in der rundum verglasten Veranda, die seinem erstaunlich großem Zimmer vorgelagert ist, deren Fenster sich bei schönem Wetter großflächig öffnen lassen, um der frischen Seeluft Einlass zu gewähren. Doch dazu besteht heute keine Veranlassung: Regentropfen perlen an der Scheibe herunter, und dass es jenseits der Fenster saukalt ist, das spürt Heinrich, auch ohne heute schon einen Fuß vor die Tür der Villa gesetzt zu haben. Er zündet sich eine Zigarette an, bereits die dritte seit dem Frühstück, von welchem er noch nicht lange zurückgekehrt ist, vielleicht eine knappe Stunde oder so. Frühstücksräume in Hotels und ähnlichen Häusern sind ihm verhasst, immer schon, vor allem wenn er alleine reist, was sein Job mit den vielen Geschäftsreisen immer wieder mit sich bringt. Aber das ist ja nun bald vorbei. Er mag es nicht, so kurz nach dem Aufwachen schon von fremden Menschen umgeben zu sein, mit ihnen Brötchen, Butter, Wurst und das immer und in ausnahmslos allen Hotels (warum nur?) lächerlich kleine Glas mit Fruchtsaft vom Büffet zu holen und dann, in der einen Hand den Teller und in der anderen das Säftlein, nach einem freien und möglichst frisch eingedeckten Tisch Ausschau zu halten, wo er in Ruhe und vor allem unbehelligt von irgendwelchen sinnlosen Gesprächen, die ihm ebendiese fremden Menschen aufzudrängen suchen, mit morgendlich-mäßigem Appetit sein Frühstück einnehmen kann, schweigend, umgeben vom geschäftigen Geklapper und Geplapper der Nachbartische. Die Strandvilla scheint nicht mal zur Hälfte belegt zu sein; im Frühstücksraum waren heute Morgen nur zwei ältere Ehepaare, ein alter Mann im schwarzen Anzug, dessen gesamte Aufmerksamkeit der Tageszeitung galt, und ein jüngeres Paar mit seinem missmutig dreinschauenden Sohn im Pubertätsalter. In dem Raum herrschte eine geradezu sakrale Stille, keiner sprach, keiner von ihnen suchte Kontakt zu einem der Nachbartische.
Heinrich ist froh, wieder hier oben in seinem Zimmer zu sein, alleine und ungestört. Genüsslich bläst er den Rauch in den Raum, wo er sich nach kurzer Zeit verliert. Im Frühstücksraum ist Rauchen nicht erwünscht, jedenfalls legen das die nicht vorhandenen Aschenbecher nahe. Ein tiefer Zug noch, dann drückt Heinrich die kaum mehr als halb aufgerauchte Zigarette neben ihren erloschenen Vorgängerinnen aus; ein dünner Rauchfaden steigt zunächst gerade, dann sich kräuselnd nach oben, ehe die Glut erstirbt.
Ein Seewind kommt auf, der die Regentropfen frontal gegen die Scheiben peitscht. Nur noch vereinzelte Menschen sind auf der Strandpromenade zu sehen, in diesem Moment gibt es wahrlich gemütlichere Orte. Umgeben von der wohligen Wärme seines Zimmers betrachtet Heinrich die winterlich-kalte Ungemütlichkeit jenseits des nur wenige Millimeter dicken Glases. Genau so hatte er sich das vorgestellt, als er diese Reise plante. Er zündet sich eine neue Zigarette an. Ich sollte nicht so viel rauchen, denkt er. Aber was spielt das jetzt noch für eine Rolle …
Damals, vor sechs Jahren, rauchte er noch nicht. Sie waren nicht weit von hier untergebracht, er und Matthias, im Vier-Sterne-Hotel „Seestern“. Ihren dritten Jahrestag feierten sie dort, im Hotelrestaurant, was nicht gerade billig war, aber wer schaute zu einem solchen Anlass schon auf den Cent, zumal sie es sich ohne Probleme leisten konnten. Auf die ewige Liebe stießen sie an, zumindest aber, unausgesprochen, darauf, dass sie noch viele gemeinsame Jahrestage feiern würden. Doch bereits wenig später ahnte Heinrich, dass nicht mehr gar so viele gemeinsame Jahre zu erwarten wären. Dabei gab es keinerlei äußere Anzeichen, die diese Vermutung bestätigt hätten; beide erfreuten sich bester Gesundheit, und ihre Beziehung stand im Lichte einer geradezu bilderbuchhaften Harmonie. Und doch war plötzlich, gleichsam über Nacht, diese einerseits vage und andererseits erschreckend konkrete Erkenntnis da, dass er, Heinrich, nicht mehr lange zu leben habe, konkret noch sechs Jahre; das hieß, im Jahre Zweitausendsechs, im Alter von gerade mal vierundvierzig Jahren würde für Heinrich das Licht ausgehen. Über den genauen Zeitpunkt sowie die Ursache seines Ablebens schwieg sich die Erkenntnis aus, somit blieb offen, ob er durch einen Unfall, eine Krankheit oder gar eine Gewalttat aus dieser Welt scheiden wird. Auch die Herkunft dieser Ahnung blieb im Dunkeln; weder war ihr ein finsterer Traum noch eine mysteriöse Begegnung vorausgegangen. Auf beides hätte Heinrich ohnehin nichts gegeben; seit jeher ist er ein Mensch, der nicht an Zeichen und Prophezeiungen aller Art glaubt, der die Dinge stets nüchtern-analytisch betrachtet. Auch den Glauben an Gott hat er bereits kurz nach dem Kindergartenalter verloren, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die ihn gerne im Sinne christlich-moralischer Grundsätze erziehen wollten. Aber die leben ohnehin in einer anderen Welt, einer Welt, zu der Heinrich keinen Zugang findet und ihn auch nicht sucht. Seit er sie darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er mit Matthias zusammen lebt und sie von ihm keine Enkelkinder erwarten können, haben sie sich völlig von ihm zurückgezogen. Gut, ein Stück weit ist es auch er, der sich von ihnen zurückgezogen hat und ihnen niemals eine Chance gegeben hat, ihn und seine Welt zu verstehen. Doch so lange jedes Mal, wenn er mit seiner Mutter telefoniert, was selten genug vorkommt (mit seinem Vater hat er seit Jahren kein Wort mehr gesprochen, weil diese Gespräche stets nach kurzer Zeit zu einem heftigen Streit ausarteten), dieser unausgesprochene Vorwurf anklingt, sieht er keinen Grund, daran etwas zu ändern. Dabei macht er ihnen keinen Vorwurf; aus ihrer Sicht der Welt können sie wohl nicht anders. Das einzige, was Heinrich seinen Eltern seit frühester Kindheit vorwirft, ist die Auswahl seines Vornamens. Nur weil sein Großvater, der Vater seines Vaters so hieß! Wie er diesen Namen hasste: Die anderen Jungs in seiner Klasse hießen Markus, Stefan, Jens, Jörg, Frank, Michael, Torsten, Thomas, Christian, Philipp; keiner jedoch August, Gustav, Herrmann, Walter, Oskar, Günther (wie sein Vater) – oder eben Heinrich. Keiner außer ihm jedenfalls. Wie peinlich war es ihm jedes Mal, wenn der Lehrer ihn aufrief, oder wenn er sich irgendwo vorstellen musste. Stets fühlte er sich viel älter, als er tatsächlich war, was in einem krassen Gegensatz stand zu seinem Äußeren: Während seine männlichen Mitschüler nach und nach in den Stimmbruch kamen und ihnen, wie Heinrich neidvoll beim Umkleiden für den Sportunterricht sah, Haare in verschiedenen Körperregionen wuchsen, blieb seine Stimme noch lange Zeit piepsig und die Körperregionen kindlich-kahl. Noch heute blickt er – jetzt nicht ohne eine gewisse Selbstzufriedenheit, so ändern sich die Bewertungen – in das Spiegelbild eines jungen Mannes, dessen Alter zumeist auf Anfang bis Mitte Dreißig geschätzt wird. Schon oft wurden sie gefragt, wer von Ihnen der jüngere sei: Er, Heinrich, oder Matthias, sein fast fünf Jahre jüngerer Freund.
Wie mag es Matthias jetzt gehen, ist er glücklich? Heinrich hat länger nichts von ihm gehört. Matthias die große Liebe seines Lebens. Nie zuvor hat er einen Menschen dermaßen geliebt, und er weiß, nie wieder würde er einen Menschen so lieben. Aber dazu bleibt ihm ja auch keine Zeit mehr. Ihr gemeinsamer Traum, irgendwann zusammen ein kleines Haus auf dem Land zu kaufen, wo sie zusammen alt werden können, ist ausgeträumt, wobei es für Heinrich allein schon am Altwerden scheitert, ob mit oder ohne Matthias. Durch die regentropfenbehängte Scheibe blickt er auf die weite Ostsee, deren einheitliches Grau von einzelnen weißen Gischtkronen getupft ist. Der Wind ist stärker geworden und weht hörbar in Böen um die Villa, deren weiß gestrichene und reichlich mit filigranen Holzschnitzereien versehenen Holzbalken, die die Balkons und Veranden einfassen, ab und zu unter der Windlast knacken, ohne den geringsten Anlass zur Sorge um die Standfestigkeit des Hauses, das in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte schon ganz anderen Stürmen standgehalten hat. Was für ein wunderbarer Tag zum Sterben, denkt Heinrich und zieht genüsslich an der Zigarette, deren Glut daraufhin hell aufleuchtet. Wenn er nur wüsste woran … Abgesehen von einer leichten Erkältung, die in dieser Jahreszeit ja nichts Besonderes ist, fühlt er sich bestens. Vielleicht breitet sich ja auch seit Längerem, bislang unbemerkt und ungestört, ein Gehirntumor aus, der bereits ein Stadium erreicht hat, das jede Operation in die Zwecklosigkeit verweist. Waren da nicht neulich diese schrecklichen Kopfschmerzen? Gut, da hatte er tags zuvor eine ganze Flasche Whisky alleine geleert, weil er keine Lust hatte, seinen vierundvierzigsten Geburtstag mit irgendjemandem zu feiern. Niemanden hören und sehen wollte er, nicht einmal Matthias. Keine Glückwünsche, das Mobiltelefon war ausgeschaltet (wie fast immer), ans Telefon ging er nicht, und zu Besuch kam niemand. Wozu auch noch Glückwünsche entgegennehmen, es war schließlich sein letzter Geburtstag, und das ist auch gut so. Als die Erkenntnis seines nahenden Endes über ihn kam, damals vor nunmehr sechs Jahren, reagierte er keineswegs schockiert, sondern er nahm es mit einer Leichtigkeit hin, die ihn selbst erstaunte. Gut, sechs Jahre, die vor einem liegen, erscheinen lang; wenn man denselben Zeitraum jedoch rückblickend betrachtet, so sind sechs Jahre erschreckend kurz. Doch nahm Heinrichs Gelassenheit über sein näher kommendes Ende nicht ab, je mehr die ihm noch verbleibende Zeit hienieden auch zusammenschmolz: fünf, vier, drei, zwei Jahre, ein Jahr, dann eine ihm unbekannte Anzahl von Monaten, Wochen, Tagen, Stunden …
Den letzten Jahreswechsel feierte er noch mit Matthias und ein paar Freunden in ungetrübter Ausgelassenheit. Immerhin, so viel hatte ihm die Erkenntnis verraten, dass er seinen vierundvierzigsten Geburtstag noch erleben würde, und der war ja erst im September, mithin blieben ihm mindestens noch neun Monate und ein paar Tage; selbst dieser Zeitraum erscheint lang, wenn er vor einem liegt. Sind seitdem wirklich schon elf Monate vergangen, seit sie, wie immer zu Silvester, um die schon traditionelle Feuerzangenbowle herum saßen, einschließlich dem berühmten gleichnamigen Film mit Heinz Rühmann? Unglaublich. Auch jetzt, da der finale Termin fällig, wenn nicht überfällig ist, empfindet Heinrich nicht die Spur von so etwas wie Todesangst. In den zurückliegenden sechs Jahren hat er eine geradezu erstaunliche Nüchternheit in Bezug auf den Tod, insbesondere seinen eigenen, entwickelt. Die Erkenntnis über den nahenden Tod von Matthias hätte ihn, wenn es sie denn gäbe, ungleich schmerzlicher getroffen. Irgendwann ist jeder einmal dran, warum nicht schon jetzt mit Vierundvierzig? Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. In der Tat empfindet Heinrich seit längerem eine gewisse Lebensmüdigkeit, allerdings in äußerst positivem Sinne. Sein Leben ist bislang sehr geradlinig mit steigender Tendenz verlaufen, mal abgesehen von seinem Verhältnis zu den Eltern; nie gab es irgendwelche Schicksalsschläge, die ihn zurückgeworfen hätten. Und so ist die Bilanz seines Lebens durchaus sehenswert: Er ist gesund, zumindest fühlt er sich so; er hat eine gut bezahlten Job, den er dazu nicht ungern ausübt und der es ihm ermöglicht, sein Dasein in zwar nicht luxuriösen, jedenfalls aber äußerst zufrieden stellenden wirtschaftlichen Verhältnissen zu fristen; er wohn in einer schönen Wohnung in einer wunderbaren Stadt; er hat gute Freunde, zwar nicht viele, aber immerhin welche, auf die er sich verlassen kann. Und – das wichtigste von allen – in Matthias hat er die Liebe seines Lebens gefunden. Mit anderen Worten, er hat allen Grund, wunschlos glücklich zu sein. Jedenfalls kann er sich nichts vorstellen, auch nicht ein Lottogewinn, wenn er denn Lotto spielte, das ihn langfristig glücklicher machen würde. Aber ist es nicht geradezu fatal, wunschlos glücklich zu sein? Auf was soll man sich noch freuen, wenn nichts besser werden kann? Schlimmer noch: Wenn nichts besser werden kann, dann kann es doch nur schlechter werden! Wenn auch nicht sofort, so doch ganz sicher irgendwann. Und genau das ist es, wovor Heinrich, der, dessen Leben sich bislang nur, ungetrübt durch irgendwelche Schicksalsschläge, positiv entwickelt hat, Angst hat. Wie soll er, ungeübt im Umgang mit negativen Ereignissen, damit klarkommen, wenn sich die Entwicklung eines Tages, und der Tag würde unweigerlich kommen, umkehrt? Ist es da nicht viel besser, jetzt, da alles um ihn so gut bestellt ist, aus der Zeit zu gehen? Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören, in dieser abgegriffenen Floskel steckt doch eine Menge Wahrheit.
Der Regen hat nachgelassen, daher beschließt Heinrich, die warme Behaglichkeit seines gemütlichen Zimmers zu verlassen, sich im Ort eine Tageszeitung zu kaufen und diese im Café am anderen Ende der Strandpromenade in Ruhe zu lesen. Heftiger eisiger Wind umweht ihn, als er die Strandvilla verlässt und auf die nahezu menschenleere Promenade tritt; trotz der dicken Winterjacke ist im kalt. Dennoch nimmt er nicht den direkten Weg zum Zeitungsladen im Ort, sondern er schlendert die Promenade entlang, die aufgewühlte Ostsee zu seiner Rechten. Damals, Ende August vor sechs Jahren, war es warm, die See lag ruhig unter einem strahlend blauen Himmel, auf dem der Promenade vorgelagerten fast weißen Sandstrand standen Strandkörbe in einer in einer unendlich erscheinenden Anzahl, aus dem Wasser lugten zahlreiche Köpfe badender Urlauber, Kinder kreischten vergnügt. Und doch fühlt sich Heinrich hier heute, da er fast alleine ist, nicht weniger wohl. Er betritt die menschenleere Seebrücke, die ins Meer ragt und an deren Pfählen sich einige Meter unter ihm die Wellen weiß schäumend und mit rhythmischem, nicht enden wollendem Rauschen brechen, so dass die Luft erfüllt ist von einem salzigen Niesel, eine vage Andeutung von Naturgewalt, die Heinrich in wohligen Schauer versetzt und ihn die Kälte augenblicklich vergessen lässt. Trotz heftiger Windböen, die ihn immer wieder fast von den Füßen reißen, geht er weiter bis zum Ende der Seebrücke, wo sie sich zu einer Aussichtsplattform verbreitert, an der Stirnfront ein fest installiertes Fernrohr, das, heute arbeitslos, nach Münzeinwurf für einige Minuten einen näheren Blick auf das gegenüberliegende Ufer der Bucht und die Weite der Ostsee ermöglicht. Immer wieder schießen Gischtwolken hoch und erfüllen die Luft mit Wasser, Salz und Rauschen. Heinrich dreht sich um und blickt zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist, das Ufer, an dem sich die Villen und Hotels, zumeist in der für diese Gegend typischen weißen Bäderarchitektur gehalten, wie eine Perlenkette aufreihen. Bei einigen von ihnen blättert, aus der Nähe betrachtet, die weiße Farbe ein wenig ab, was ihnen jedoch eher den Anschein einer gewissen Patina und weniger den des Verfalles verleiht. Doch von hier, aus der Ferne der Seebrückenspitze, wirken sie alle gleich adrett und einladend. Davor der menschenleere helle Sandstrand, der sich kilometerweit nach rechts erstreckt. Links, auf einer kleinen Anhöhe, der alte Leuchtturm, der während der dunklen Stunden, vielleicht auch nur noch für die Touristen, Heinrich weiß es nicht, seinen Lichtkegel im gleich bleibenden Rhythmus über die schwarze See streichen lässt. Heinrich dreht sich wieder um, lehnt sich auf das Geländer, das die Spitze der Seebrücke umschließt, und blickt nach unten auf das schäumende Wasser. Nur noch ein Schritt, ein kleiner Sprung, und er hätte der Vorahnung genüge getan. Niemand würde es heute bemerken, man würde ihn vielleicht erst Tage später finden, wenn die Wellen seinen Körper an den Strand getragen hätten, wie einen unzeitigen Badegast. Wie lange würde es wohl dauern, bis der Tod eintritt, vielleicht drei Minuten, vielleicht fünfzehn, bis die eisige Kälte des Wassers dem Körper das Leben entzogen hätte? Keine angenehme Vorstellung, womöglich minutenlang im Eiswasser darauf zu warten, dass das Bewusstsein erlischt. Zudem ist Heinrich ein ausgezeichneter Schwimmer, was der Sache vermutlich nicht gerade dienlich ist. Nein, das ist keine Idee, die weiter zu verfolgen ist. Schon oft hat Heinrich darüber nachgedacht, wie er es anstellen würde, sich das Leben zu nehmen, wenn es denn erforderlich würde, einfach so darüber nachgedacht, ohne konkreten Anlass und erst recht ohne konkrete Absicht. Eine abschließende Antwort hat er bis jetzt nicht gefunden, denn zwei Kriterien müssten die Umstände seines Suizides erfüllen: Es dürft nicht zu qualvoll für ihn sein, womit der Tod durch Ertrinken, Ersticken, Erfrieren und Verbrennen schon einmal ausscheidet; und es dürften keine weiteren unbeteiligten Personen mit hineingezogen werden, der Lokführer, dem er vor den Zug springt, oder der Spaziergänger, der ihn im Wald an einem Baum baumelnd findet. Da bleibt dann nicht mehr viel, gar nicht so einfach, für alle Beteiligten einigermaßen angenehm zu sterben …
Durchgefroren verlässt Heinrich den ungemütlichen Ort und die düsteren Gedankengänge, über die umtoste Seebrücke zurück in Richtung Strand und Stadt, um sich endlich eine Zeitung zu kaufen. Die launige, in mecklenburgischem Dialekt vorgetragene Bemerkung des Zeitungsverkäufers über das ungemütliche Wetter quittiert er wortlos mit einem freundlichen Lächeln. Eine Viertelstunde später sitzt er im Café, an einem kleinen Tisch direkt am Fenster mit Blick auf die See, über der dunkle Wolken aus Richtung Westen aufziehen, vor sich einen dampfenden Grog mit einem robusten Mischverhältnis Rum – Heißwasser, der die Lebensgeister langsam wieder erweckt, welche Heinrich vor weniger als einer halben Stunde noch, jedenfalls theoretisch, der Ostsee zu übergeben überlegte. Er studiert die Todesanzeigen in der Zeitung mit einer besonderen Aufmerksamkeit, die er hierbei schon seit Längerem an den Tag legt. Vor allem interessiert er sich für die Geburtsdaten, begleitet von einer unerklärlichen Zufriedenheit, wenn einer der Schwarzgerahmten in Heinrichs Alter oder gar jünger war, so als ob diese an sich bedauernswerte Tatsache direkt zu ihm spräche: Siehst du, die Einschläge kommen näher, bald steht dein Name auch hier, oder als ob es einer Rechtfertigung bedurfte, bereits in seinem Alter das Zeitliche zu segnen. Da, wieder einer: ein junger Mann, geboren 1969, plötzlich und unerwartet … aus unserer Mitte gerissen. Heinrich lässt mit einem kaum merklichen Lächeln die Zeitung sinken und schaut auf das unsterbliche Meer, jedenfalls aus der Sicht eines begrenzten Menschenlebens. Wie wird seine eigene Todesanzeige wohl aussehen? Wird es überhaupt eine geben, wenn ja, wer wird sie formulieren und in die Zeitung setzen? Seine Eltern („… für uns unfassbar …“)? Matthias („… in Liebe …“?)? Seine Freunde („… du fehlst uns…“)? Seine Firma („… haben wir einen wertvollen Mitarbeiter verloren …“)? Wirklich schade, dass er sie nicht selbst lesen können wird.
Nach einem weiteren Grog hat Heinrich die Zeitung durch. Da er müde wird, entschließt er sich, zurück in seine Villa zu gehen und sich etwas hinzulegen. Er muss an Matthias denken, als er auf dem Bett liegt, über sich die stuckverzierte Zimmerdecke. Er fehlt ihm sehr, der Mann, die Liebe seines (voraussichtlich nicht mehr allzu langen) Lebens. Drei Monate ist es her, seit er ihn verloren, kampflos aufgegeben, oder sozusagen umständehalber in gute Hände abgegeben hat. Ja, wenn es sich nicht um Matthias sondern um ein Haustier, einen Hund vielleicht, handeln würde, wäre diese Formulierung wohl die zutreffendste. Es begann ganz harmlos: In ihrer Lieblingskneipe kamen sie mit Ottmar ins Gespräch, aus einer zunächst oberflächlichen Unterhaltung wurde bald heftiges Flirten, zunächst scheinbar zufällige Berührungen, die im Laufe des Abends immer häufiger und immer absichtlicher wurden, später, nach mehreren gemeinsamen Bieren, war allen dreien klar, dass man sich nicht nur sympathisch fand und dass man die Nacht zusammen verbringen würde, und das nicht Bier trinkend. Es war nicht das erste Mal, dass Heinrich und Matthias einen Dritten mit zu sich nahmen. Da er anschließend keine Möglichkeit mehr hatte, nach Hause zu fahren, blieb Ottmar über Nacht, nicht auf dem Gästesofa, sondern in ihrem Bett, zwischen ihnen. Am nächsten Morgen wurde Heinrich bereits früh geweckt, dadurch, dass sich seine beiden Bettgenossen schon wieder miteinander beschäftigten. Als morgendlicher Muffel bezüglich derartiger körperlicher Betätigungen verzichtete er drauf, mitzuspielen und ließ die beiden machen. Wie Heinrich später beim gemeinsamen Frühstück bemerkte, verstanden sich sein Matthias und dieser Ottmar offenbar auch auf einer anderen Ebene sehr gut. Gewiss, ihr Gast war schon sehr attraktiv, keine dreißig Jahre alt, schlank, sympathisch, witzig und in speziellen Dingen nicht unbegabt. Doch hätte Heinrich nichts dagegen gehabt, wenn er vor dem Frühstück verschwunden wäre; das ungestörte Frühstück am Sonntag mit Matthias war ihm heilig. Doch der schien gar nicht daran zu denken, vielmehr schwatzten die beiden angeregt miteinander, Heinrich kam kaum dazwischen. Plötzlich war er der Dritte, hatte er den Eindruck. Dieser Eindruck verstärkte ich in den folgenden Tagen: Ottmar rief fast täglich an. Während es zwischen Heinrich und ihm immer nur zu einem Austausch von Höflichkeiten kam, was innerhalb weiniger Minuten erledigt war und dann in beidseitiger Sprachlosigkeit mündete, konnte Ottmar mit Matthias kleine Ewigkeiten, für Heinrich gefühlte Stunden lang plaudern, wobei Matthias einen Tonfall bekam, der in Heinrichs Ohren sehr intim, zu intim klang. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen, die Zügel ein wenig anzuziehen, doch Heinrich kam ein anderer Gedanke: Kam es nicht geradezu einer günstigen Fügung des Schicksals gleich, dass Ottmar jetzt in ihr Leben trat, da Heinrich nicht mehr lange für Matthias da sein konnte? War er nicht genau der richtige, der Matthias auffangen, seinen Kummer mildern konnte, wenn er, Heinrich, nicht mehr da war? Aber reichte es aus, so lange zu warten? Bis zu Heinrichs Abgang konnte noch einiges geschehen, Ottmar konnte inzwischen einen anderen kennenlernen, so dass Matthias dann doch alleine da steht. Nein, die Sache duldete keinen Aufschub, Heinrich musste die Übergabe sofort in die Wege leiten, so schmerzlich das auch war, aber für Matthias war es das Beste, und nur darum ging es, schließlich liebte er ihn über alles. Genau darin lag die Schwierigkeit seines Vorhabens: Wie trennt man sich von dem Menschen, den man liebt, und das möglichst ohne Drama? Am besten, indem man die Trennungsabsicht bei dem anderen weckt. Die Voraussetzungen hierfür waren nicht schlecht: Dass Matthias für Ottmar mehr empfand als Sympathie und Freundschaft, war offensichtlich; klar war auch, dass sie regelmäßig Sex miteinander hatten, ohne Heinrich. Heinrich ertrug es, obwohl er hätte schreien können: die täglichen Telefongespräche, manchmal auch mehrere an einem Tag, bei denen Heinrich, um Matthias´ liebevoll säuselnde Stimme nicht ertragen zu müssen, stets den Raum verließ, am liebsten fortgelaufen wäre, aus der Wohnung, aus der Stadt; die Erwähnung Ottmars in jedem zweiten Satz, den Matthias von sich gab; die Nächte, in denen Matthias erst spät nach Hause kam, was keiner Erklärung bedurfte. All das nahm Heinrich fragen- und widerspruchslos hin, auch wenn es ihn innerlich fast zerriss. Als Matthias eines Abends sagte: „Wir müssen mal miteinander reden“, da wusste Heinrich, sein Plan war aufgegangen, die Übergabe vollzogen. Kurz darauf buchte er eine Woche Ostsee, für eine Person …
Heinrich schreckt hoch, irgendetwas hat ihn aufgeweckt. Auf die Ellenbogen aufgestützt, horcht er. Es ist dunkler geworden im Zimmer, offenbar hat die Abenddämmerung bereits eingesetzt, wie spät ist es eigentlich? Das Wetter scheint sich beruhigt zu haben, kein Wind mehr weht um das Haus, kein Regen peitscht gegen die Fenster. Wie lange mag er geschlafen haben? Als er zu seiner Armbanduhr greifen will, die auf dem Nachttisch liegt, ein erneutes zaghaftes Klopfen an der Zimmertür, so als ob der Klopfende auf keine Fall stören wolle, ihm jedoch bewusst ist, dass er genau dieses tut. Mit einer Mischung aus Verärgerung und Neugierde erhebt sich Heinrich vom Bett, schließt die Tür auf und öffnet sie. Er wähnt sich noch im Traum des soeben abgebrochenen Nachmittagsschlummers, doch er ist wach, daran besteht kein Zweifel, vielleicht sogar so wach wie schon lange nicht mehr: Vor ihm steht, mit feuchten Augen lächelnd, Matthias. Als sie sich wortlos, noch im Türrahmen, in den Armen liegen, weiß Heinrich, dass er nicht sterben wird. Noch nicht.

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