#WMDEDGT im August: Schlange und anderes Gemüse

Heute ist der fünfte August, am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn hier.

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Heute versuchsweise in neuem Format

Geschlafen: Grundsätzlich gut, unterbrochen von Schnarchgeräuschen und daraus resultierenden Unmutsäußerungen.

Geträumt: Nach einer kollegialen Zusammenkunft hatte ich Schwierigkeiten, zurück zum Hotel zu finden. Erschwerend kam hinzu, dass ich mit nichts außer einem T-Shirt bekleidet war, das ich aus Verhüllungsgründen so weit es ging herunterzog. Übrigens nicht zum ersten Mal, manchmal fehlt auch das T-Shirt. Traumdeuter und -innen dürfen das gerne interpretieren.

Gelesen: Neben dem üblichen geschäftlichen Kram die Tageszeitung, im SPIEGEL und die abonnierten Blogs. Wie ich aus der Zeitung erfuhr, wird Helene Fischer heute vierzig. Auch wenn sie es nicht liest, meine Gratulation. Zum SPIEGEL siehe unten.

Geschrieben: Ein paar geschäftliche Mails, eine kurze eBay-Bewertung zu einer Lieferung (siehe unten), was ins Tagebuch, diesen Blogeintrag (logisch).

Gedacht: Ich sollte mir bald mal überlegen, was ich am 8. September bei den TapetenPoeten vorlesen werde.

Gelacht: Über einen bereits am späteren Freitagabend gehörten und notierten Dialog, den ich erst heute wieder las. Der ging so: „Was hatten Adam und Eva noch mal gegessen?“ – „Ne Schlange haben die gebraten.“ – „Nee, das war ein anderes Gemüse.“

Über einen Satz im SPIEGEL über Unterleibsspielzeug: „Weltweit mehr als zehn Millionen Mal. So viele »Womanizer« sind verkauft. Ein eingeführtes Produkt.“

Gewundert: Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: Wie schaffen es andere Blogger, täglich einen langen, lesenswerten Artikel zu verfassen, außerdem Filme/Serien zu schauen und so viele Bücher zu lesen? Woher nehmen sie die Zeit? Schlafen die nicht?

Gegessen/getrunken: Kaffee und Wasser, mittags Bratwurst mit Wirsing und Bratkartoffeln, zum Dessert Vanillecreme mit Butterkeksbröseln darauf und Rhabarbermus darunter. Abends Laugengebäck mit Rosé. Zum Abschluss Underberg.

Gehört: Morgens im Radio „Sun Of Jamaica“ von Goombay Dance Band, das mich danach noch einige Zeit ohrwurmend begleitete. Als es Ende der Siebziger herauskam, war es ein großer Hit, wir kauften sogar die Single, möglicherweise habe ich sie noch. Heute frage ich mich: Wie konnte das sein? Wenn Sie es nicht kennen, haben Sie nichts verpasst und ich empfehle nicht, danach zu recherchieren, aus akustischen wie optischen Gründen.

Gewesen: Beim Friseur um die Ecke, der nur kurz „Wie immer?“ fragte und mir danach weitgehend schweigend in weniger als einer Viertelstunde zu meiner vollen Zufriedenheit die Haare schnitt.

Gefreut: Über eine Lieferung mit Kindheitserinnerungen.

Wagen 778 der Stadtwerke Bielefeld, mit dem ich vermutlich des öfteren zur Schule fuhr, im Maßstab 1 zu 87

Geärgert: Heute über nichts und niemanden, was nicht heißt, ich wäre mit allem und jedem einverstanden gewesen. Aber man muss sich ja nicht immer gleich ärgern. Auch hege ich die Hoffnung, meinerseits niemanden geärgert zu haben.

Liebes Internet…

… wir müssen reden. Wie ich las, schrieb dir ein türkischer Blogger einen bewegenden Abschiedsbrief, weil Freund Erdogan sein Gesetz durchgesetzt hat, mit dem er dich an die Kette legen will. Das ist ohne wenn und aber inakzeptabel. Also Erdogans Erlass, nicht der Blogbrief. Nun will ich auf die türkischen Zensurbestrebungen gar nicht weiter eingehen, das haben andere, die das viel besser können, längst getan. Aber die Idee, dir einen Brief zu schreiben, gefällt mir.

Ich war schon reich an Jahren, über dreißig, als du per fiependem Modem in meine Stube und mein Leben tratest, vielleicht ist unser Verhältnis deshalb stets etwas distanziert geblieben. Dabei war auch ich beeindruckt von den Möglichkeiten, die sich mit dir plötzlich auftaten, von der Routenplanung über nicht ganz jugendfreie Naturbilder und -filme bis hin zur Kontaktaufnahme zu bekannten oder fremden Menschen, sei es zum Schwätzen, zum Austausch über bestimmte Themen oder von Körperflüssigkeiten.

Du hast uns Menschen heute fest im Griff – wir gehen für dich auf die Straße, siehe Türkei, und mit dir sowieso, den Blick stets auf unser Modag* gesenkt. Demnächst nicht mal mehr das, weil wir diese modisch zweifelhafte Google-Brille tragen, irgendwann auch das nicht mehr, dann tragen alle einen kleinen Chip im Kopf. Und wir empören uns weiterhin über die NSA und ähnliche große Brüder, derweil wir jeden unserer unbedeutenden Fürze auf Facebook ‚posten‘ (wie ich dieses Wort hasse…)

Weißt du was, liebes Internet? Nimm es mir nicht übel, aber du nervst. Denn das alles gibst du mir ja nicht umsonst, sondern frisst dafür etwas sehr kostbares: meine Zeit. Wie viele Stunden habe ich schon damit verbracht, Profile auf Paarungsportalen zu studieren, rein interessehalber, versteht sich („Spinner und Faker könne sich das Anschreiben sparen“), dumme oder unverschämte Kommentare unter Forumsbeiträgen zu lesen, mich im Linkgestrüpp diverser Blogartikel zu verheddern, unverlangt zugeschickte Youtube-Filmchen anzuschauen, obwohl sie mich nicht interessierten, meine Twitter-Timeline nachzulesen und mir selbst halbwitzige Textchen auszudenken; Facebook indes kann ich hier nichts vorwerfen: das finde ich seit jeher so langweilig, dass ich es dort für gewöhnlich keine zwei Minuten lang aushalte.

Es reicht. Ich will das nicht mehr. Na ja, so ganz ohne dich geht es nicht, dazu bin auch ich schon zu abhängig von dir, und du hast ja auch ohne Zweifel deine guten, nützlichen Seiten. So erhalte ich die Tageszeitung über dich, was der Welt einen kleinen Berg Altpapier erspart; wenn ich was wissen will, frage ich Wikipedia oder Google; und so einige liebgewonnene Blogs möchte ich nicht mehr missen. Aber es muss auch wieder ohne dich gehen, wenigstens stundenweise, vielleicht auch mal ein paar Tage. Das heißt: alle Benachrichtigungen auf dem iPhone deaktivieren und es weglegen, oder einfach mal ausschalten. Und dann: mit dem Liebsten einen Film im Fernsehen schauen, ein Buch lesen, einen Spaziergang machen, ohne zwischendurch immer wieder auf dieses Ding zu schauen. Oder einen Blogtext schreiben. Davon kann und möchte ich auch nicht ablassen.

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*Mobiles Datenendgerät