Für immer dreiunddreißig – über Jogginghosen, Sportsocken und Fußballerfrisuren

Vor ein paar Tagen hatten die Medien wieder Gelegenheit, das bei ihnen so beliebte Synonym ‚Modezar‘ weiter abzunutzen: Karl Lagerfeld feierte Geburtstag, möglicherweise seinen achtzigsten. Genau weiß man es nicht, auch weiß man nicht, ob er selbst es weiß; ist ja auch nicht so wichtig, das Alter ist nur eine Zahl, die manchmal erheblich vom Spiegelbild und dem persönlichen Eigenempfinden abweicht. Ich habe Verständnis für seine Zurückhaltung ob der Bekanntgabe seines Alters, fühle ich mich doch selbst seit Jahren wie dreiunddreißig, aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich mich in frühestens zwei Jahren vielleicht mal äußern werde.

Vielleicht stehe ich nicht ganz alleine in dieser Welt mit meinem Eindruck, Karl Lagerfeld sei eine – nennen wir es mal – spezielle Person. Sein Auftreten, seine Bekleidung, seine Art zu sprechen heben ihn hervor als einen Menschen, wie ihn wohl nur die wenigsten in ihrem engeren Bekannten- und Familienkreis wissen. Ob man ihn deswegen mag, mag jeder für sich selbst entscheiden. Ich mag ihn, vor allem wegen des ihm zugeschriebenen Zitats: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Nun kenne ich diesen Ausspruch nur alleinstehend, aus dem Zusammenhang gerissen. Auch würde ich mich nicht als einen ausgewiesenen Kenner in Modefragen bezeichnen. Wie dem auch sei – er spricht mir aus der Seele. Sofort denke ich dabei an junge Männer (ja, es sind fast ausschließlich Jungs, sehr selten Mädchen), die dieses abscheuliche Teil aus hellgrauem Baumwollstoff tragen, oben vorne zwei Bommel zum Zuschnüren, unten umschmiegen Gummibunden die bloßen oder in weiße Sportsocken gehüllten Fußfesseln, wobei ich entgegen der herrschenden Modemeinungen weißen Sportsocken grundsätzlich und je nach Trageanlass (Sport, Porno) eine Daseinsberechtigung, gar eine gewisse Ästhetik zugestehe. Junge Männer also, mit tätowierten Unterarmen und dieser allgegenwärtigen Fußballerfrisur, an den Seiten kurz, oben länger und streng zur Seite gegelt, die Sätze wie „Alda, wo bist du“ und „Isch bin U-Bahn“ in ihr Mobilgerät nuscheln.

Unter Umständen, mit sehr viel Wohlwollen, kommt auch der Jogginghose eine gewisse Daseinsberechtigung zu, etwa an Winterabenden zu Hause auf dem Sofa vor dem Fernseher, wenn einen niemand sieht. Doch wie sehr muss ein Mensch sich selbst aufgegeben, jedes Gefühl für Selbstwahrnehmung verloren haben, wie verzweifelt über an Selbsthass grenzende Gleichgültigkeit um sein Äußeres muss er sein, wenn er in einem solchen Beutel das Haus verlässt?
Lieber Karl Lagerfeld, ich erhebe mein Glas Rosé auf Sie, mögen Sie noch viele Jahre lang die Welt mit modischen Kreationen bereichern, vor allem aber mit solch klugen Sätzen!

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Hinweis: Vorstehende Zeilen wurden nachträglich eingereicht für die wunderbare Aktion „Kleider machen Leute“ vom Wortmischer. Bitte lesen Sie hier:

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