Woche 24/2022: Hinsetzen und Köpfe runter

Montag: Bevor Sie zu lesen beginnen, klicken Sie bitte hier, ich erkläre Ihnen später, warum. Während des Lesens einfach laufen lassen…

Ein kleiner Nachtrag zu gestern, so ein Urlaub bringt den gewohnten Blogrythmus ganz durcheinander. Kurz nach dem Ablegen unseres Schiffes in Lyon begann das Abendessen. Beim Passieren des Musée des Confluences, ein sehr beeindruckendes Gebäude, vernahm ich am Tisch nebenan diesen Dialog: „Was ist denn das?“ – „Weiß ich nicht. Ich schau mal. (schaut im Datengerät) Ein Museum … Confluence. Was heißt denn das?“ – „Gesundheit.“

Das Musée des Confluences in Lyon

Nach dem Essen fuhren wir durch die Dämmung über die Saône in Richtung Tournus.

Vor Neuville-sur-Saône

Besonders gut schlief ich in der ersten Nacht an Bord nicht, so ein Schiff macht ja immer Geräusche. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Wird schon.

Morgens erwachten wir nach nächtlicher Fahrt in Tournus, wo wir uns eine romanische Abtei anschauten. Am Mittag ging es weiter nach Chalon-sur-Saône, deshalb musste ich die Schreiberei unterbrechen und mich dem kuckenden Nichtstun hingeben.

Tournus, kurz nach dem Ablegen

Nach Ankunft in Chalon-sur-Saône besichtigten wir eine Kathedrale, somit ist mein Tagesbedarf an Kirchenkucken gedeckt. Außerdem kann man hier Platten kaufen, nur heute nicht, weil montags fast alle Geschäfte geschlossen sind.

Chalon-sur-Saône

Abends ging weiter nach …

Dienstag: … Trevaux, immer noch an der Saône, wo wir nach gut durchschlafener Nacht erwachten. Langsam gewöhne ich mich an die nächtlichen Schiffsgeräusche, auch dank der Ohrstöpsel, die uns die freundliche Rezeptionistin gegeben hat.

MS Annabelle am Anleger von Trevaux

Die Reiseleitung wünscht einen aufregenden Tag. Das muss nun wirklich nicht sein. Weiterhin das offizielle Ausflugsangebot ignorierend gingen wir nach dem Frühstück durch den Ort, wo wir uns, Sie ahnen es, eine (hier nicht ganz so) alte Kirche anschauten. Nicht weil wir so religiös wären, vielmehr weil der Liebste sich dafür in geschichtlicher wie (er-)baulicher Hinsicht interessiert. Seine Erläuterungen nehme ich stets mit Interesse zur Kenntnis, auch wenn ich mir nicht alle Details merken kann. Beeindruckend sind die Kirchen allemal, vor allem wenn man bedenkt, welche technischen Hilfsmittel einst bei ihrer Errichtung zur Verfügung standen.

Die Weiterfahrt am Abend führte durch Lyon, was sehr beeindruckend war.

„Only Lyon“ – nahezu genial.

Mittwoch: Nach angenehmer Nachtruhe standen wir vor der defekten Schleuse von Gervans, die wir bereits Stunden zuvor hätten passieren müssen, wie die Reiseleiterin per Durchsage erklärte. Zum Frühstück war die Schleusenschwäche offenbar behoben und mit mehrstündiger Verspätung ging es, ohne den vorgesehenen Halt in Le Pouzin, direkt weiter nach Viviers, wo statt eines längeren Aufenthaltes nur kurz die Landausflügler auf ihre Busse verteilt wurden, somit blieben örtliche Kirchen unbesichtigt. Ich stelle mir den Wirbel vor, den so eine schleusenstörungsbedingte Programmänderung für die Reiseleitung mit sich bringt: Busse umdisponieren, Telefonate, Erklärungen, Beschimpfungen, Tränen vielleicht. Die Stimmung an Bord blieb indessen fröhlich, und auf unsere Untätigkeit, die den weitgehenden Verzicht auf das angebotene Landausflugsprogramm mit einschließt, hatte die Änderung ohnehin keinen Einfluss.

Im Übrigen sind auch die Schleusenanlagen an der Rhone mit einem Höhenausgleich von bis zu zwanzig Metern sehr beeindruckend.

Schleuse Châteauneuf-du-Rhône, Richtung Süden
Schleuse bei Bollène, Richtung Norden

Ein gewisses Problem stellen die zahlreichen sehr niedrigen Brücken dar, die oft mit nur wenigen Zentimetern Abstand über das Deck fegen. Dadurch ist das obere, größere Sonnendeck die meiste Zeit gesperrt, das untere entsprechend belegt und unbeschirmt, dann heißt es „Hinsetzen und Köpfe runter“. Ich zeige Ihnen das mal:

Bei La Garde-Adhémar

Donnerstag: Südlicher Endpunkt der Reise war Tarascon, das wir in den frühen Morgenstunden erreichten, nach meinem Empfinden ein verkehrslauter, leicht schmuddeliger Ort. Der Legende nach ernährte sich hier einst ein in der Rhône wohnender Drache von Menschen, dem trotz aller Mühen nicht beizukommen war. Erst der Heiligen Martha gelang es mit Hilfe von Weihwasser, Rhônny (den Namen habe ich mir gerade ausgedacht) zu besiegen. Ihr zu Ehren wurde später – Sie ahnen es – eine Kirche erbaut (die wir uns selbstverständlich angeschaut haben), was mal wieder deutlich macht, die Menschen waren früher schon bekloppt, nur anders.

Die heutige Beklopptheit wird in einer Zeitungsmeldung deutlich, wonach in der Schweiz fünfundfünfzig Menschen mit zum Teil schweren Verbrennungen behandelt werden mussten, nachdem sie über glühende Kohlen gelaufen waren.

Es ist warm. Sehr warm. Während an Bord und in den Blogs ob der Hitze gestöhnt wird, dreht uns Herr Putin langsam den Gashahn zu. Dann wird es irgendwann kalt, daher warte ich noch mit Stöhnen.

In Frankreich wird wieder gewählt, wobei die Tierischen den sympathischsten Kandidaten haben.

Tarascon

Freitag: In der ersten Tageshälfte nahmen wir am für uns ersten und einzigen Busausflug teil Richtung Luberon mit Zwischenhalten in Gordes, Abbaye de Sénanque und Roussillon teil. Das erforderte ein zeitiges Aufstehen zur Unzeit, hat sich aber gelohnt.

Gordes
Abbaye de Sénanque (Pfeil)
Roussillon

In der Reisegruppe kam leichter Unmut auf, weil der besichtigte Lavendel nicht die farbliche Intensität aufwies, wie sie es von den Postkarten her kennen. Oder so, wie wir ihn vor etwa vier Jahren nördlich von Aurel antrafen:

Archivbild

Ansonsten lagen wir vor Avignon und sahen zugunsten eines Mittagsschlafes von einem Gang durch die Stadt ab, zumal wir sie aus früheren Urlauben bereits kennen und es viel zu heiß für Spaziergänge ist.

Hätte ich Talent zum Romaneschreiben, ließe ich einen vielleicht so beginnen: „Als er aus dem Mittagsschlaf erwachte, war die Welt zu einer anderen geworden.“ Leider habe ich keins. Stattdessen schaute ich nach dem Erwachen durch das Fenster unserer klimatisierten Kabine dem inzwischen aufgekommenen Mistral beim Föhnen zu.

Für den „Kapitän‘s – Cocktail“ (genauso geschrieben) am Abend empfiehlt die Reiseleitung Bekleidung in „leichter Eleganz“. Ich wählte Socken und Unterhose in gedeckten Farben.

Samstag: Aus dem Bordquiz: „Wer oder was brachte in früherer Zeit Kapitäne auf den richtigen Kurs? a) Erosschwestern, b) Amorcousinen, c) Sextanten“ – Humor, den ich mag.

Nach einem kurzen Zwischenhalt am Nachmittag in Vienne ging es weiter nach Lyon, wo die Reise am vergangenen Sonntag begann und heute am frühen Abend endete. Noch eine Übernachtung auf dem Schiff, morgen früh geht es von Bord.

Über die Mitreisenden kann ich nichts Böses schreiben. Wie erwartet lag der Altersdurchschnitt etwa im Herbst des Lebens, die völlige Abwesenheit von Kindern empfand ich persönlich als angenehm, man möge es mir verzeihen. Soweit ich es mitbekommen habe überwiegend verträgliche Menschen, keine Hobbynörgler und Berufsbeschwerdeführer. Gut, der eine erschien nicht so sympathisch, mit der anderen wechselte man lieber ein paar Worte, sofern man nicht wie ich eine grundsätzliche Abneigung gegen Gespräche mit fremden Menschen hat. Beim Frühstücksbüffet (mit ausreichend großen Saftgläsern) kein Gedränge, und trotz des brückenbedingt die meiste Zeit gesperrten Oberdecks fand sich auf dem vorderen Deck immer ein Platz, wenn man wollte.

Meine besondere Bewunderung gilt dem Servicepersonal an Bord. Überwiegend junge Leute aus Osteuropa, die uns von morgens bis abends bekochten, bedienten und das Zimmer reinigten, sich dabei Zeit für Details nahmen:

Das möchte ich zu Hause künftig auch so haben.

Trotz nicht perfekter Deutschkenntnisse fühlten wir uns von ihnen gut umsorgt. Was nehmen sie dabei auf sich: Sie sind wochen-, vielleicht monatelang an Bord, wohnen im Unterdeck in Doppelzimmern, haben zwischendurch keinen freien Tag, höchstens mal ein paar Stunden, wenn die Touristen mit Bussen ihre Landausflüge machen. Keine Zeit für sich alleine, für mich eine schreckliche Vorstellung; sie dürfen keinen schlechten Tag haben, wenn doch, dürfen sie es nicht zeigen. Wenn wir morgen früh das Schiff verlassen, bereiten sie schon wieder alles vor für die neuen Gäste, die nachmittags eintreffen. Und sie müssen sich ständig dieses Lied anhören, das ich Ihnen am Montag nahelegte, jedesmal, wenn das Schiff irgendwo ablegt. Aber vielleicht ist das so ähnlich wie wenn man an einer Bahnlinie wohnt: Irgendwann hat man sich daran gewöhnt und hört es nicht mehr. Das ist ihnen zu wünschen.

Sonntag: Am Morgen gingen wir planmäßig von Bord. Für Ausschiffungen ganz anderer Art stehen am Rhôneufer in Lyon Erleichterungsvorrichtungen für die Dame und den Herrn bereit.

Bitte nehmen Sie sich ein wenig Zeit, die Beschriftung der Damenzelle genauer zu betrachten.

Zurück fuhren wir über Land bis Beaune mit Zwischenhalten in Cluny, wo die Reste einer ehemals riesigen Abtei besichtigt wurden, und Paray-le-Monial, wo wir beinahe eine Kirche angesehen hätten, wenn sie nicht gerade in Verwendung gewesen wäre.

Auf dem weiteren Weg sprang dieser schöne Trafoturm ins Bild, der sogleich Eingang in meine Sammlung fand:

Bei Charmoy

Nach Ankunft in Beaune am späten Nachmittag holten wir als erstes die in der letzten Woche vergessene Kulturtasche ab, die das Hotel freundlicherweise aufbewahrt hatte. Alles wird gut.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

2 Gedanken zu “Woche 24/2022: Hinsetzen und Köpfe runter

  1. Kraulquappe Juni 20, 2022 / 09:11

    Lieber C.,
    interessante Impressionen, merci beaucoup! Schon jetzt sehe ich mit Freude der Fortsetzung Ihres Reiseberichts entgegen, der ja nichts entfegenstehen dürfte, da Sie heilen Schädels wieder an Land gegangen sind.
    Besonderer Dank für den Augenwurm (das spontankreierte Pendant zum Ohrwurm) „Pipi seulement“ (nebst Grafiken).
    Herzlichst aus Badgastein,
    Ihre N.

    Gefällt 1 Person

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