Woche 21: Nicht weniger leiden die Büropflanzen

Montag: Das sogenannte Bundesbüdchen ist nach rund zwanzig Jahren am vergangenen Wochenende in die Nähe seines früheren Standplatzes am ehemaligen Bundestag zurückgekehrt, wo es bis zum Umzug der „Politik“ nach Berlin der Nahversorgung diverser Bonner Politiker diente.

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Bei Bedarf kann man darüber streiten, ob die für die Wiederherrichtung erforderlichen 400.000 Euro vielleicht sinnvoller auszugeben gewesen wären, darüber möchte ich gar nicht befinden. Interessanter dagegen die Frage, wie lange es dauern wird, bis Irre das Häuschen beschmiert und beschädigt haben.

Dienstag: „Damit unterstützt die Bundesrepublik seine Wirtschaft in der aktuellen Corona-Krise mit mehr Geld als alle anderen EU-Staaten zusammen“, steht im General-Anzeiger. Wessen Wirtschaft, geht aus dem Artikel nicht hervor.

Wesentlich besser, auch weil fehlerfrei, gefällt mir dieser Satz von Prof. Clemens Albrecht, Universität Bonn: „Moralisierung des eigenen Lebensstils ist der erste Grad der Verspießerung.“

Mittwoch: „Das war für uns so nicht visibel“ las ich in einer Mail und habe wieder eine neue Variante gelernt, mehr Silben als erforderlich zu verwenden, um gebildet zu erscheinen.

„Am meisten leiden die Kinder“, heißt es oft. Nicht weniger leiden im Moment wohl die Büropflanzen, weil die, die sie sonst gießen, zu Hause arbeiten. An die denkt mal wieder keiner.

Donnerstag: Die Christen feiern heute Himmelfahrt, die Väter sich selbst, oder auch nicht; testosteronlautes Bollerwagengeziehe erscheint ja im Moment unangebracht. Was feiern christliche Väter? Egal, verkomplizieren wir das ganze nicht unnötig.

Ich blieb lieber zu Hause, wo ich auf dem Balkon einen vor mehreren Tagen begonnenen Aufsatz über Kindheitserinnerungen an einen Glücksort zu Ende brachte. „Ich merke, meine ursprüngliche Absicht, [dem Thema] einen 10-Minuten-Aufsatz zu widmen, lässt sich nicht umsetzen, zu viel fällt mir dazu ein, das aufgeschrieben sein will, wobei das Glücksgefühl beim Aufschreiben fast so groß ist wie das, welches ich als Kind dort empfand.“ Den Rest gibts irgendwann demnächst hier zu lesen.

Freitag: „Audi – das sind doch die Sozenkarren von dem Schröder, das sieht man schon an den vier Ringen, für jede Ehe von dem einer. Eigentlich müssten es fünf sein, aber die wissen noch nicht, wohin mit dem fünften.“ Die Weltanschauungsideen des Geliebten müssen sich hinter den aktuellen Verschwörungstheorien keineswegs verstecken.

Samstag: »Die „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ hat sich ausgeküsst, ein Umstand, den manche klammheimlich begrüßen, die überschwengliche Begrüßungsrituale von entfernteren Bekannten und sich gar nicht so Nahestehenden stets als übergriffig empfunden haben, aber ein Nein nicht auszusprechen wagten«, steht im General-Anzeiger. Ich fühle mich gemeint, wobei von „klammheimlich“ keine Rede sein kann, ich bekenne, dieses Getue überhaupt nicht zu vermissen. Sich für irgendetwas gegenseitig abzuklatschen ist im Übrigen auch so eine ebenso dümmliche wie überflüssige Geste, die bei der Gelegenheit gleich mit entsorgt gehört.

Dank rechtzeitiger Einschränkung der Einschränkungen verbrachten wir, wie schon länger geplant, das Wochenende an der Mosel mit Hotelübernachtung in Brauneberg, einem kleinen Ort, dessen pittoreske Anmutung einem Fotografen wohl die Motivklingel anschlagen und manchen Maler zum Pinsel greifen ließe.

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Wenn auch vielleicht nicht an allen Stellen, jedenfalls bliebe nachfolgendes Motiv in den Ansichtskartendrehständern einschlägiger Geschäfte vermutlich länger vorrätig.

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Abends im aus unserer Sicht ausgezeichneten Hotelrestaurant gewährten die Gäste am Nebentisch einen Blick auf die Schattenseite menschlichen Umgangs. Vorausschicken muss ich, da das Hotel erst am Montag zuvor seinen Betrieb wieder aufgenommen hat, war es personell schwach besetzt: das sehr freundliche Betreiber-Ehepaar und ein Koch. Nach dem Essen nun baten diese Gäste die Dame des Hauses an den Tisch, um ihr freundlich gemeinte „konstruktive Kritik“ zukommen zu lassen. Erstens: Man habe es versäumt, Brot zu bringen. Zweitens, beim Frühstück sei das doch bestellte Rührei nicht serviert worden. Unfreundlich waren sie dabei nicht, aber: Was ist so schwer daran, kurz nach dem Vermissten zu fragen, anstatt es hinterher für alle im Raum hörbar als „konstruktive Kritik“ anzubringen? Merke: Ratschläge sind auch Schläge.

Sonntag: Während der Rückfahrt nach Hause hörte ich zum ersten Mal nach Längerem wieder Bundesliga-Berichterstattung im Radio. Was habe ich das nicht vermisst.

Zum Schluss noch was mit Liebe, gelesen in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Ebenso wie zum Glauben gehört zur Liebe das Mysterium des Nichtverstehens.“ Und: „Sexualität ist ein Medium der Kommunikation.“ Stimmt schon, wir sollten mehr miteinander reden. In diesem Sinne wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit viel Liebe und erbaulicher Kommunikation.

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