Über den freien Willen

„Dein Wille geschehe“ – die bibelfesten unter Ihnen mögen diesen Satz noch als Bestandteil des Vaterunser kennen. Wenn auch die Bibelfestigkeit in heutiger Zeit eine immer geringere Rolle spielt, so hat dieser Satz an Aktualität nichts verloren, im Gegenteil: Einige Geisteswissenschaftler vertreten die Ansicht, der freie Wille des Menschen sei nicht in dem Maße existent, wie wir es bislang dachten und es uns vielleicht wünschten; im Grunde seien wir trieb- und instinktgesteuert wie die Motte, die ziellos die Kerzenflamme ansteuert und verglimmt.

Erst neulich las ich hierzu wieder ein interessantes Interview, in dem unter anderem die Frage aufgeworfen wurde, wie denn unter dieser Annahme mit Straftätern umzugehen sei; kann man sie für ihre Taten wirklich zur Verantwortung ziehen, wenn sie nicht aus freiem Willen heraus handelten, sondern vielmehr eine innere oder äußere Macht, die sie selbst nicht beeinflussen können, ihnen die Hand führte, als sie der Oma die Handtasche raubten oder schlimmeres taten? Aber so weit will ich gar nicht gehen, diese Diskussion überlasse ich anderen.

Fest steht: Ich habe keinen Zweifel an der Begrenztheit des freien menschlichen Willens, dazu muss ich nicht auf Gauner und Verbrecher schauen, ein Blick in den Spiegel genügt. Es fängt schon morgens an, wenn der Wecker mir auf den Wecker geht und mich aus dem Bett treibt. Von freiem Willen ist dieses Aufstehen zur Unzeit, nur weil mein Arbeitgeber mich gerne sehen möchte, weit entfernt.

Nehmen wir das weite Feld des Genusses. Ein Glas guten Weines umschmeichelt Gaumen und Seele, ein zweites lässt das Licht der Leichtigkeit leuchten, ein drittes unterstreicht die erfreulichen Auswirkungen der ersten beiden. Dazu ein bis zwei Zigarettchen, und das Leben ist unbeschwert schön. Bis dahin. Dann verabschiedet sich der freie Wille, vielleicht geht er schlafen, oder er wird gefangen genommen und verschleppt, wie auch immer, jedenfalls wache ich am nächsten Mittag auf, der Schädel brummt, der Magen mosert, in der Küche schauen mich zwei leere Weinflaschen und eine leere Zigarettenschachtel unschuldig an.

Eines der anschaulichsten Kapitel menschlicher Willenlosigkeit ist der Geschlechtstrieb, dessen ursprüngliche Funktion der Arterhaltung längst ein kümmerliches Randdasein fristet, was ich keineswegs beklage, im Gegenteil. Was treiben wir doch manchmal für einen Aufwand für diese paar Minuten hin und her, bis das schöne Gefühl kommt, gehen nächtelang in dunklen Spelunken auf die Jagd, auf dass eine(r) – na ja – anbeiße; manche geben richtig viel Geld aus für triebmindernde Dienstleistungen, was ich ebenfalls keineswegs anprangere, weder die Nutzer- noch die Anbieterseite. Gäbe es hingegen einen freien Willen, bliebe man mit dem oder der Liebsten, oder in Ermangelung derer, alleine zu Hause und genösse das Leben bei einem Buch oder einem Glas Wein, siehe oben.

Ein weiteres Feld, welches nur schwer mit der Existenz eines freien Willens in Einklang zu bringen ist, sind die so genannten sozialen Netzwerke, Facebook, Twitter und wie sie alle heißen. (Ja, dieses Blog natürlich auch, siehe vorangegangenen Blog-Eintrag.) Was veranlasst einen Menschen, sich derart vor aller Welt zu entblößen, durch Geschwätz und Bilder? Die Antwort ist einfach: das Streben nach Aufmerksamkeit in Form von Rückmeldungen, „Gefällt mir“-Daumen, Sternchen, immer mehr „Freunde“ und „Follower“, einem gewissen Ruhm innerhalb der jeweiligen virtuellen Welt, der außerhalb dieser keinen Cent wert ist. Das Buhlen um Beachtung ist gewissermaßen der natürliche Feind des freien Willens.

Weitere Belege ließen sich mühelos finden, doch möchte ich Sie nicht länger mit meinen Schwächen und Unzulänglichkeiten langweilen. Ich muss jetzt auch Schluss machen, der Fernseher ruft.

2 Gedanken zu “Über den freien Willen

  1. >Was veranlasst einen Menschen, sich derart vor aller
    >Welt zu entblößen, durch Geschwätz und Bilder? Die
    >Antwort ist einfach: das Streben nach Aufmerksamkeit
    >in Form von Rückmeldungen, „Gefällt mir“-Daumen,
    >Sternchen, immer mehr „Freunde“ und „Follower“, einem
    >gewissen Ruhm innerhalb der jeweiligen virtuellen
    >Welt, der außerhalb dieser keinen Cent wert ist.

    Aber daran sieht doch mal, wie viele Menschen es offenbar gibt, die nach aufrichtiger Anerkennung und positiver Bestätigung geradezu dürsten. Würde jeder diese Vitaminspritzen im realen Leben erhalten (z.B. am Arbeitsplatz) … vielleicht könnten Plattformen wie Youtube, Facebook und twitter dann direkt dicht machen. Bzw. Herr Tutorial könne all diese Plattformen ganz für sich allein nutzen. 😉

    Wenn man zu sehr darüber nachdenkt, eigentlich eine tieftraurige Angelegenheit.

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