Schreib mal wieder

Erik hat wieder zu einer Blogparade aufgerufen. Dieses Mal geht es um schriftliche Kommunikation. Da Schrift meine bevorzugte Art der Kommunikation ist, wohingegen ich nur ungern telefoniere beziehungsweise, je nach Tageszeit, überhaupt ungern spreche, ist das genau mein Thema.

Ich komme noch aus einer Zeit, da schriftliche Kommunikation bedeutete, das Mitzuteilende mit Stift oder Schreibmaschine, bestenfalls einer elektrischen, auf Papier zu schreiben und dann ab die Post. Telefax, E-Mail, Kurznachricht und Messanger kamen erst später. Entsprechend war das erwartete Antwortverhalten: nicht innerhalb von Stunden, Minuten oder sofort, sondern Tage oder Wochen. Wer es eiliger hatte, musste ein Telegramm verschicken. Dazu suchte man das nächste Postamt auf, schrieb die zu übermittelnde Nachricht in ein amtliches Formular und bezahlte je Wort, lange Wörter kosteten doppelt. Danach gab der Postbeamte die Nachricht telefonisch weiter an die Telegrafie, die wiederum rief das zuständige Postamt im Zielgebiet an, wo die Nachricht wieder zu Papier gebracht und durch einen Eilboten zugestellt wurde.

„Schreib mal wieder“ lautete der Werbespruch der Deutschen Bundespost. Heute werden immer weniger Briefe geschrieben, die dänische Post hat deshalb die Briefbeförderung Anfang dieses Jahres ganz eingestellt. Ich schreibe noch gerne Briefe und Postkarten, wenn auch nur selten. Zurzeit unterhalte ich drei Brieffreundschaften, allerdings schreiben wir uns nur unregelmäßig, ich wüsste nicht mal, wer als nächstes dran ist mit Schreiben. Außer bei M., von dem ich kürzlich eine Postkarte erhielt, die zu beantworten ich mir schon lange vornehme, aber man kommt ja zu nichts.

Die ersten E-Mails schrieb ich Ende der Neunziger mit aufkommender Vernetzung, zunächst beruflich, etwas später auch privat. Seitdem ist das mein am häufigsten genutzter Kommunikationskanal. Ich finde Outlook sehr praktisch, man kann Ordner anlegen und per Mausklick aus einer Mail eine Aufgabe erzeugen, das nutze ich sehr rege. Worüber ich mich regelmäßig aufrege, ist der unüberlegte Gebrauch der Allen-antworten-Funktion, etwa wenn ein einfaches „Danke“ an einen großen Verteiler statt nur an den gemeinten Absender geht.

Fax oder Telefax, wie es korrekt heißt beziehungsweise hieß, nutzte ich nur selten. Ab und zu beruflich, privat mangels entsprechendem Endgerät gar nicht, im Gegensatz zu Freunden, die zu Hause ein Faxgerät hatten. Mittlerweile hat es sich weitgehend ausgefaxt, das Wort Fax wird gerne genutzt als Synonym, wenn nicht Schimpfwort für Rückständigkeit. Ich vermisse es nicht mit seinem rasselnden Gefiepe.

Mit Ausweitung der Mobiltelefonie auch auf Normalverdiener in den Neunzigern wurde die Kurznachricht, die SMS geboren. Das war bis zur Erfindung des Smartphones ein mühsames Unterfangen: Jeweils mehrere Buchstaben und Sonderzeichen waren einer Zifferntaste zugeordnet, die entsprechend oft schnell hintereinander gedrückt werden musste (soweit ich mich erinnere, musste man viermal die neun drücken, um ein S zu schreiben); war man zu langsam, wurde der falsche Buchstabe gesetzt und der Curser sprang zum nächsten. Später unterstützte eine wundersame Technik namens „T9“ beim Schreiben, damit musste jede Taste nur einmal gedrückt werden und eine rätselhafte Intelligenz erkannte, welches Wort man schreiben wollte. Wenn man Glück hatte. Wenn nicht, siehe oben. SMS zu schreiben machte wenig Spaß, außerdem war es teuer. Deshalb nutzte ich sie nur für wirklich kurze Nachrichten. Mit den Smartphones und ihrer Buchstabentastatur verbesserte sich die Nutzerfreundlichkeit deutlich. Als iPhone-Besitzer schreibe ich Kurznachrichten heute fast ausschließlich an iPhone-Nutzer, weil es dann nichts kostet.

Für alle anderen gibt es WhatsApp. Ja ich weiß, WhatsApp ist böse, weil es zum Meta-Konzern gehört, der unsere Daten absaugt. Aber es ist nunmal am weitesten verbreitet, bislang war ich zu bequem, mich um eine Alternative zu kümmern. Nicht nur die meisten meiner Bekannten nutzen es, auch bin ich in ein paar Gruppen, von deren Kommunikation ich sonst ausgeschlossen wäre. Das ist manchmal durchaus wünschenswert, etwa wenn ein Gruppenmitglied sich krank meldet und alle anderen ihre Genesungswünsche darbringen, jeweils immer an die ganze Gruppe. Zum Glück kann man Gruppenchats vorübergehend oder dauerhaft stummschalten.

Chat-Nachrichten per Teams werden auch zunehmend Teil der Bürokommunikation. Statt einer Mail, die man bei Bedarf weiterleiten oder zum späteren Wiederfinden geordnet ablegen kann, werden immer mehr Nachrichten per Chat durch die Gegend gejagt, auch solche, die weit über die Frage hinausgehen, ob ich mitkomme zum Mittagessen oder kurz Zeit habe für ein Gespräch. Gewöhnlich reagiere ich nur auf Chatnachrichten, die ich sofort beantworten kann. Alle anderen geraten schnell in Vergessenheit, spätestens nach einer Woche sind sie unauffindbar verloren im Strom des allgemeinen Geplappers, wohingegen ich den Maileingang in Outlook für gewöhnlich komplett abarbeite, da (und nicht nur da) bin ich altmodisch. Vermutlich kann man auch Teams-Nachrichten weiterleiten und in Ordner ablegen, doch fehlte es mir bislang an Lust, mich näher damit zu befassen. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

Falls Sie mir einen Brief oder eine Postkarte schreiben möchten, sehr gerne, ich würde mich sehr darüber freuen. Meine Adresse finden Sie im Impressum. Ich werde auf jeden Fall antworten, es kann nur etwas dauern.

Woche 19: Ohne einen Ausdruck des Bedauerns

Montag: „Wie können wir das challengen?“, fragt die Kollegin in einer Besprechung. Ich bin einfach zu müde, um sie zu fragen, was sie meint. Nicht ganz dazu passend, irgendwie aber doch, diese Fundsache:

„Ich beschließe, ihm mehrmals an diesem Vormittag lebhaft zuzustimmen und dabei einen leicht blöden Ausdruck der Bewunderung aufzusetzen, als würde er mir ungeahnt überraschende, weitgespannte Perspektiven der Weisheit eröffnen.“

Aus: Michel Houellebecq, „Ausweitung der Kampfzone“

Kurz nach Feierabend zaubern zwei Enten im Abklingbecken neben dem Werk ein Lächeln in mein Gesicht, weil ich, wahrscheinlich erwähnte ich es bereits, Enten sehr mag, zum einen wegen ihres sympathischen Wesens, zum anderen in kulinarischer Hinsicht.

KW19 - 1 (1)

Noch eine Fundsache, die Aufnahme fände in die Liste der besonders gelungenen Sätze, so ich denn eine führte, erst heute Abend gelesen bei Herrn Buddenbohm:

„Man muss aber doch unbedingt sicher sein, wo diese hübsche Sinnlosigkeit am meisten Sinn hat, das ist im Garten nicht anders als im restlichen Leben auch.“

Vielleicht sollte ich eine solche Liste mal anlegen.

Dienstag: Auf der Fahrt mit der Bahn nach Bad Neuenahr sehe ich im Bahnhof Remagen einige Bauarbeiter in grellen Warnwesten. Während einer mit einer Schaufel schaufelt, stehen mindestens vier andere – möglicherweise besser bezahlte – drumherum und schauen ihm beim Schaufeln zu oder auf ihr Telefon. Also wie so oft im Leben.

Mittwoch: Es behagt mir nicht, mit eingeschaltetem dienstlichen Mobiltelefon im Zimmer zu übernachten, etwa so, wie nachts durch einen Park zu gehen – besteht doch in beiden Fällen latent die Gefahr einer unerwünschten Belästigung. Ersterem kann man durch Aktivierung des Flugmodus begegnen, und durch einen dunklen Park sollte man ohnehin nicht laufen.

Die Hoffnung auf einen durch Knopfdruck angeforderten besonderen Zimmerservice in Form eines attraktiven Hotelmitarbeites, der beim Waschen des Rückens behilflich ist, erfüllte sich leider nicht.

Donnerstag: Ein neues Wort gelernt: Ein „Canophop“ ist ein Hundehasser. Ich mag Hunde – im Gegensatz zu Enten – nicht besonders, „hassen“ wäre indes übertrieben, zumeist können die Tiere ja nichts für ihre bekloppten Herr- oder Frauchen. Gibt es auch ein Wort für Hundehalterkomischfinder?

Freitag: Ich nahm an einer „Operation Finance Challenge“ teil, fragen Sie bitten nicht, was das ist. Gegen Ende schauten sechs gut bezahlte Leute zu, wie der Projektleiter, an die Leinwand projiziert, eine Mail an die Teilnehmer verfasste. Gut, es gibt wesentlich härtere Bedingungen, um sein Gehalt zu verdienen.

In einer anderen Mail teilt der Arbeitgeber mit, dass das Werk am Wochenende wegen Wartungsarbeiten nicht betreten werden kann. Und jetzt?

Noch ein Hinweis an die Bahnnutzer, die ohne Not mit ihrem Scheißtelefon im Türbereich stehen, obwohl es in der Bahn genug Platz gibt: Falls euch jemand beim Aussteigen scheinbar versehentlich anrempelt ohne einen Ausdruck des Bedauerns, dann könnte ich das sein.

Samstag: Hier ein lesenswerter Artikel von Thomas über das antiquierte, gleichwohl noch nicht ausgestorbene Kommunikationsmedium Telefax. (Ich weiß, man sagt heute nur noch Fax, nicht Telefax. Egal – soviel Zeit muss sein.)

Am Abend Weinprobe. Zu fortgerückter Stunde mit etwas Alkohol im System widerstehe ich nur ganz knapp der Versuchung, meine Lieben um eine Zigarette zu bitten. Aber ich widerstehe, worauf ich ein ganz kleines bisschen stolz bin. Es geht also, das Nichtrauchen.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führt mich an den Rand eines Landschaftsschutzgebietes im Bonner Norden, wobei die schützenswerte Landschaft nicht unmittelbar ins Auge springt.

KW19 - 1

Trotz der darüber brausenden Autobahn erklingt hier ein erstaunlich vielstimmiges Vogelgezwitscher, anscheinend stören sich die Tiere nicht am menschlichen Fortbewegungsdrang. Ein bemerkenswerter Kontrast zu der Meldung vom Wochenbeginn, dass eine Million Arten vor dem Aussterben stehen (was bitte keineswegs als „alles halb so schlimm“ verstanden werden soll).

Bemerkenswert nicht weit davon entfernt auch das Händchen eines Kleingartenbesitzers für die naturnahe Gestaltung seiner Parzelle (passend zum Buddenbohm-Satz von Montag):

KW19 - 1 (2)

Ein künstlerisches Händchen beweist der Schöpfer eines Straßenkunstobjekts in der Inneren Nordstadt, zugleich eine erfreuliche Alternative zu den sonst hier vorherrschenden Graffiti-Schmierereien:

KW19 - 1 (3)