Woche 43/2022: Lärmemission von Straßenkehrmaschinen und individuelle Freiheiten

Montag: Während der Radfahrt ins Werk und zurück wurde ich heute zweimal von Autos behindert, die unmittelbar vor mir auf dem Radstreifen anhielten, und zweimal von Radfahrern, die ohne nach hinten zu schauen einfach vor mir einbogen. Viel mehr ist über diesen ansonsten an Ungemach armen Tag nicht zu vermerken.

(Bitte denken Sie sich hier ein ausgiebiges Stöhnen und Seufzen.)

Dienstag: Als grundsätzlich und erst recht öffentlich ungern Telefonierender wird es mir für den Rest meiner vielleicht noch zahlreichen Tage ein Rätsel bleiben, warum so viele bereits morgens deutlich vor acht schon mit dem Telefon am Ohr (beziehungsweise flach vor das Gesicht gehalten) durch die Gegend laufen.

Dienstag ist Gehtag.

Zum Weltnudeltag gab es in der Kantine Spaghetti Bolognese. Dessen ungeachtet entschied ich mich für Krakauer an Kartoffelsalat.

Das Duden-Wort des Tages lautet „resultativ“, das Jugendwort des Jahres „smash“. Von mir aus.

Mittwoch: Zu früher Morgenstunde erwachte ich aus einem Traum und dachte: Das ist witzig, das muss ich mir merken und später bloggen. In der Tat gelang es, was keineswegs selbstverständlich ist, mir das Geträumte bis zum Morgen und darüber hinaus zu merken. Nur war es bei Lichte betrachtet weder witzig noch sinnergebend, daher bleibt es ungebloggt.

Mittags auf dem Rückweg vom Essen begegneten mir zwei Damen, deren eine also sprach: „Es gibt ja so‘ne und solche, aber DAS sind die allerschlimmsten.“ Ich weiß nicht, wer oder was gemeint war, fand es indes notierenswert.

Ich weiß wirklich nicht, warum dieses Gebäude immer wieder ins Bild springt.

Die dümmste Überschrift des Tages las ich im Tagesspiegel: »Wenn‘s am Briefschlitz selten klappert«.

Es ist fast November, und der Wettermann verkündet für die nächsten Tage bis zu sechsundzwanzig Grad. Was für Zeiten.

Donnerstag: Das Schöne an einer Partnerschaft ist, man hat jemanden an der Seite. Das Schlechte: Man wird nachts von der Seite angeschnarcht.

Ein weiteres zu unrecht vernachlässigtes Problem ist die Lärmemission von Straßenkehrmaschinen.

Freitag: Morgens fand ich die Haupteingangstür zum Bürogebäude verschlossen vor. Doch zeigte sich der Werkssesam am Seiteneingang einlassbereit, wodurch sich die Hoffnung auf einen arbeitsfreien Tag schnell verflüchtigte.

Schnell und zudem lichtlos war der Geliebte morgens mit dem Fahrrad unterwegs, was von der Staatsgewalt nicht unbemerkt blieb.

Augenscheinlich sieht sich auch der Freund und Helfer inzwischen als kundenorientierter Dienstleister.

Samstag: Besuch der Mutter in Bielefeld, aus logistischen Gründen mit dem von mir wenig geschätzten Automobil. Wieder einmal wurde deutlich, wir benötigen nicht nur ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, sondern auch mehr Kontrollen und schmerzhaftere Bußgelder. Es ist schon bemerkenswert, wie viele Autofahrer bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen mit großer Selbstverständlichkeit und hohem Tempo ignorieren. Dazu passend schrieb Dr. Stefan F. aus N. in seinem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger: »Nach meiner Überzeugung ist die größte Gefahr für unser Gemeinwesen nicht der Klimawandel, sondern die Forderung, individuelle Freiheiten zur Bekämpfung des Klimawandels zu beschneiden.« Überzeugungen wie diese sind es, die mir jede Hoffnung auf einen längerfristigen Fortbestand unserer Spezies längst genommen haben und die diesen auch nicht länger rechtfertigen lassen.

Das WESTFALEN BLATT über die Zeitumstellung

Sonntag: Die Rheinnixe hat ausgedient. Jahrzehntelang verband sie das Bonner Rheinufer mit Bonn-Beuel. Nachdem der Fährmann seine letzte Überfahrt ins Jenseits angetreten hat, findet sich niemand, der den Job übernimmt, auch sollen die Fahrgastzahlen rückläufig sein. Deshalb haben sich die Betreiber entschlossen, die Verbindung einzustellen. Ich habe sie höchstens zwei- oder dreimal benutzt; mir leuchtete nicht ein, sich gegen – wenn auch geringes – Entgelt mit der Fähre ans andere Ufer bringen zu lassen, wenn man auch entgelt- und wartezeitfrei die naheliegende Brücke nutzen kann. Trotzdem schade, mit der Rheinnixe verschwindet ein kleines Stück Bonn. Jetzt ist sie am Beueler Ufer festgemacht und harrt ihrem weiteren Schicksal entgegen. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die üblichen Idioten damit beginnen, sie zu beschmieren und die Scheiben einzuschlagen.

Die Rheinnixe heute Mittag in Beuel

Aufgrund der aktuellen Wetterlage waren beide Rheinufer von mehr oder weniger sommerlich bekleideten Menschen zu Fuß und zu Fahrrad bevölkert. Zurück auf der Bonner Seite endete der Spaziergang mit dem in diesem Jahr voraussichtlich letzten Besuch des Lieblingsbiergartens, wo ich die persönliche Untergangsstimmung bei einem kühlen Hellen genoss.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 22: Manchmal muss es wehtun

Montag: Passend zum Montagmorgen dringen beim Aufwachen Würgegeräusche aus der Nachbarschaft an mein Ohr. Zum Kotzen fand ich auch die Erpressermail, welche ich in meinem Postfach vorfand.

„Wir können nur die sein, die wir in diesem Moment nun mal sind“, sagt Kylie Minogue anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages. Da hat sie wohl recht.

Unterdessen verbietet die EU zur Eindämmung des Plastikmüllproblems Strohhalme (die schon seit dem Mittelalter nicht mehr aus Stroh sind) und Luftballonhalter aus Kunstoff. Ersteres ist nicht tragisch, es ist schon ziemlich affektiert, ein Gefäß mit einem Trinkhalm zu leeren. Zu den Ballondingern ist anzumerken: Manchmal muss es einfach richtig wehtun, wenn es wirken soll.

Dienstag: In Amerika blieben heute zahlreiche Starbucks-Filialen geschlossen, weil sich die Mitarbeiter einer Schulung zum Thema Rassismus unterziehen mussten. So weit ich es mitbekommen habe, hatten zuvor in einer Filiale zwei dunkelhäutige Personen auf einen dritten gewartet, jedoch den Erwerb und Verzehr des überteuerten Kaffees verweigert, woraufhin sie vom Personal des Ladens verwiesen wurden. Da sie es jedoch vorzogen, zu bleiben (vielleicht regnete es gerade, ich weiß es nicht), wurde nach der Staatsgewalt gerufen, welche die Wartenden schließlich entfernte. Gewiss ein unschöner Vorfall. Aber: Wäre das nicht jedem weißen Bürger in jeder beliebigen Gaststätte genau so ergangen, und das zu recht? Vielleicht waren die Polizisten mal wieder unangemessen gewalttätig, wäre ja nix neues. Aber schult man dann nicht die falschen?

Mittwoch: In der Nacht rissen uns (mindesten) zwei Rauchmelder von irgendwo nebenan aus den Träumen, mindestens eine Viertelstunde lang tanzten ihre Warntöne umeinander, immer wieder changierend zwischen einem synchronen „Piep piep piep“ bis hin zu einem scheinbaren Dauerton, und wieder zurück. Dann war Ruhe, offenbar und zum Glück blinder Alarm oder eine Übung. Das erinnert mich an einen Zeitungsbericht vor einiger Zeit über eine Schmorbrand, der durch einen Kurzschluss im Steuermodul einer Brandschutztür entstanden war.

„Mehr Flüchtlinge über den Balkon“, las ich am Mittag in der Zeitung. War dann aber doch ein vermutlich durch mittägliche Müdigkeit verursachter Verleser.

Am Abend kam die Anfrage von Johannes, ob ich bei der nächsten #Mimimimi-Lesung im August wieder was vorlesen möchte. Darüber freue ich mich sehr und mache es gerne.

Donnerstag: Fronleichnam. Die Katholen feiern irgendwas mit Brot und Wein, so ganz verstanden habe ich es nicht. Laut Kardinal Wölki geht es dabei um nicht weniger als Leben und Tod, aber trifft das nicht im Endeffekt auf alles zu? Egal: Hauptsache ich muss nicht ins Büro, und es gibt Wein.

Freitag: In den frühen Morgenstunden raubte mir ein beeindruckendes Gewitter etwa eine Stunde Schlaf, was sich jedoch nicht negativ auf meine Tageslaune auswirkte, obwohl es den ganzen Tag nicht richtig hell wurde und bis zum Abend regnete. Dies hielt mich nicht davon ab, nach Feierabend endlich mal wieder eine Runde zu laufen.

Schon wieder Juni, kaum zu glauben. Wachsen Fingernägel mit zunehmendem Alter eigentlich wirklich schneller, oder kommt mir das nur so vor, weil alles irgendwie schneller vergeht?

Der Geliebte bestellt haufenweise WM-Fanartikel. Ich habe Angst.

Samstag: Vergang der Zeit bedeutet auch Abschied von liebgewonnenen Dingen. Wie wir erst heute erfuhren, hat das Petit Poisson, ein ausgezeichnetes Restaurant gleich um die Ecke, nach vierzig Jahren für immer geschlossen. Sehr schade.

KW22 - 1

 

Zurzeit wird das komplette Inventar an Ort und Stelle verkauft. Wir erstanden unter anderem vier wunderschöne Teller.

KW22 - 1 (3)

Sonntag: Die am Montag vom Erpresser gesetzte Frist ist verstrichen. Da ich nicht gezahlt habe, müsste all meinen Kontakten inzwischen mein persönlicher Porno zugestellt worden sein. (Der Kölner sagt dazu übrigens „et Äffje pelzen“; „einen sicherstellen“ finde ich auch nicht schlecht, wobei ich nicht weiß, ob diese Umschreibung ebenfalls regionaltypisch ist.) Bis jetzt hat sich niemand bedankt. Vielleicht hat der Typ auch Abstand genommen von einer Verbreitung, da er nach Lesen dieses Blogs festgestellt hat, dass meinem Ruf kaum noch Schaden zuzufügen ist.