Woche 43/2025: Alles in allem zumeist sinnvolle oder wenigstens tagfüllende Tätigkeiten

Montag: Die neue Woche begann mit einer Lüge und einer Fehleinschätzung. Gelogen hatte – mal wieder – die Wetter-App, die morgens anzeigte, der Regen sei durch. Die anschließende Fehleinschätzung lag darin, das, was bei Verlassen des Hauses vom Himmel fiel, als ein paar letzte Tropfen zu interpretieren, die sicher gleich zu fallen aufhören würden, und deshalb das Fahrrad zu nehmen. Nach einer Stunde am Schreibtisch waren die Hosenbeine wieder trocken.

Dessen ungeachtet gingen mir die Gewerke ganz gut von der Hand und der Arbeitstag endete zeitig, man muss es nicht gleich zu Wochenbeginn übertreiben, nicht wahr.

In einer Regelung las ich das Verb „händeln“. Wie eine schnelle Duden-Recherche ergab, gibt es das Wort nicht, oder jedenfalls kennt es der Duden noch nicht, obwohl es in fast jeder Besprechung gebraucht wird und dann mutmaßlich alle wissen, was gemeint ist.

Die Rückfahrt erfolgte indessen trocken bei herbstlicher Milde unter einem blaufleckigen Himmel, freundlicher Rückenwind schob mich am Rheinufer dem trauten Heim entgegen.

Es gab schon wesentlich beschwerlichere Montage.

Dienstag: Zu Fuß ins Werk und zurück, wobei es morgens wesentlich dunkler war als vergangene Woche um dieselbe Zeit, was an der weitgehend geschlossenen Wolkendecke gelegen haben mag. Nächste Woche wird es dann dank Uhrenumstellung wieder heller sein.

Zurück nahm ich einen kleinen Umweg, weil es mild und ich guter Hoffnung war, dass es beim Salvator noch Oktoberfestbier gibt. Ich wurde nicht enttäuscht.

Die Tage wurde ich in einem Formular mal wieder nach meinem Beruf gefragt. Dann weiß ich nie, was ich antworten soll. Eine Ausbildung hatte ich schon, darf mich seitdem Diplomverwaltungswirt nennen, meine derzeitige Stellenbezeichnung lautet Senior-Experte oder Senior Specialist, also nichts, worunter Betriebfremde sich etwas vorstellen können wie etwa bei einem Tischler, Lokführer oder Pornodarsteller. Ich gehe täglich ins Büro und mache dort typische Bürodinge wie Mails lesen und schreiben, telefonieren, an Besprechungen teilnehmen, Kästchen ausfüllen. Manchmal räume ich zur Pflege des Kaffeeküchenkarmas die Spülmaschine ein oder aus, oder befreie den Abfluss im Waschbecken der Toilette von Papierfetzen, auf dass das Wasser wieder ablaufe. Alles in allem zumeist sinnvolle oder wenigstens tagfüllende Tätigkeiten, für die es indes keine griffige Berufsbezeichnung gibt. Heute beim Gehen fiel mir die Antwort ein: Ich bin ein Bürokrat. Da dieser Begriff eher negativ besetzt ist, gebe ich beim nächsten Mal vielleicht Büroiker oder Büronaut an. Vielleicht auch nicht, ich sollte noch ein wenig darüber nachdenken.

Morgens
Nachmittags

Mittwoch: Kürzlich wurde mit „Das crazy“ das Jugendwort des Jahres bestimmt. Nach der umstrittenen Äußerung des Bundeskanzler das Stadtbild betreffend und der deshalb herrschenden allgemeinen Empörung dürfte nun auch das Unwort dieses Jahres gefunden sein.

Nicht empört, vielmehr erfreut war ich über die nachmittags im Briefkasten vorgefundene Postkarte mit Alpakabezug. Lieber T., herzlichen Dank dafür!

Nachtrag zu den gestrigen Berufsbezeichnungsüberlegungen: Wie wäre es mit Bürologe, -nom oder -mane?

Donnerstag: Sturmtief Joshua zeigte sich wenigstens hier einigermaßen verträglich und ermöglichte mir den Fußweg ins Werk und zurück, ohne nennenswert nass zu werden. Ab dem Nachmittag ließ stärkerer Wind den Turm knarzen wie ein Schiff bei Seegang. Laut einem in der Zeitung zitierten Meteorologen ist der Vollherbst da, ein mir neuer Begriff. Demnach hatten wir bislang Halb- oder Teilherbst.

„Ich bin kürzlich auf deinen Hintergrund gestoßen und war wirklich beeindruckt von der Tieffe an Erfahrung, die du im digitalen Bereich aufgebaut hast. Dein Profil zeigt eine starke Mischung aus Führungskompetenz, Leistungsverständnis und strategischem Denken.“ Tieffe? Führungskompetenz, Leistungsverständnis? Ich? Manche Versender von Spam versuchen gar nicht erst, ihre Absichten zu verschleiern.

Turmblick Richtung Innenstadt

Freitag: Aus der Täterbeschreibung in einem Zeitungsartikel: „Er trug eine Glatze“.

In einem werksinternen Dokument las ich mehrfach das etwas antike Adverb „mithin“ und freute mich darob.

Zwischenzeitlich schaute ich per Webcam immer wieder nach Büsum, wo Joshua die Nordseefluten gegen den Deich trieb. Deswegen blieb die Hafenschleuse geschlossen und die Funny Girl im Hafen anstatt nach Helgoland zu fahren. Hier bei uns war es hingegen vollherbstlich ruhig und überwiegend trocken, so dass die Radfahrt ins Werk und zurück unbeweht und -regnet möglich war.

Turmblick in Richtung Venusberg
Tosende Nordsee

Samstag: Heute feiert einer in diesem Haushalt runden Geburtstag. Das leitet elegant über zur nächsten Frage der Woche.

Nummer 50 lautet: „Was kannst du richtig gut?“ Hier muss die Antwort leider lauten: nichts. Jedenfalls fällt mir nichts ein, was ich gut oder wenigstens besser als die meisten anderen kann, vielmehr liegen die meisten meiner Fähigkeiten im Mittelmaß. Damit komme ich bislang gut zurecht und beklage mich nicht.

Der oben genannte Geburtstag ist übrigens verbunden mit einem Reisebeschluss nach Paris im nächsten Mai. Somit werde ich dort auch endlich mal gewesen sein und muss mich nicht länger fragen lassen: „Was, du warst noch nie in Paris?“

Zur Feier des Tages waren wir abends im GOP-Theater, wo die Show „Youniverse“ gegeben wurde, zuvor stärkten wir uns im angeschlossenen Restaurant. Verglichen mit früheren Besuchen waren wir von der Show etwas enttäuscht: Es wurde weniger beeindruckende Akrobatik geboten, und die dahinterstehende Geschichte, irgendwas mit digital, erschloss sich uns nicht. Es war dennoch ein unterhaltsamer Abend.

Durchgang am GOP

Sonntag: In der Sonntagszeitung las ich mit Schaudern einen Artikel über ein mögliches künftiges Weltgefüge, in dem die Macht aufgeteilt ist auf die USA, Russland und China, wobei Deutschland dem russischen Block zugeteilt wird. Und das möglicherweise schon sehr bald, ab 2028, wenn nach den nächsten Wahlen in Europa die rechten Parteien erstarken. Vielleicht hat es längst schon begonnen und das, was gerade um uns herum geschieht, ist so wenig aufzuhalten wie der Klimawandel. Alles in allem keine guten Aussichten für Menschen, die nicht weiß, christgläubig und heterosexuell sind. Das kann die Laune schon trüben; man muss dankbar sein für jeden Tag, an dem man in Ruhe leben und lieben kann, wie man will.

Zur Hebung der Laune unternahm ich einen langen Spaziergang auf die andere Rheinseite, dabei fiel mir einiges zum Thema Stadtbild auf:

Stadtbild I
Stadtbild II
Stadtbild III
Stadtbild IV mit „Sitzgruppe“
Stadtbild V
Stadtbild VI
Stadtbild VII
Stadtbild VIII
Stadtbild IX

Viel besser wurde die Laune nicht.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht erschaudern.

19:00

Woche 42/2025: Englisch sprechende Menschen in weißen Turnschuhen

Montag: „Words are very unnecessary“ sang Depeche Mode morgens im Radio. Ich fühlte mich bestätigt, was mich nicht davor bewahrte, gelegentlich sprechen zu müssen.

Meines Erachtens unnötige Worte verschwendete am frühen Abend auch der Liebste, als er eine Autofahrerin belehrte, die sich anschickte, im Halteverbot vor unserem Haus zu parken. Zum Dank hörte er „Ich parke aber immer hier“ und „Regeln? Nun kommen Sie mir nicht so!“ Mir ist es mittlerweile viel zu mühsam, fremde Leute auf ihr Fehlverhalten anzusprechen, wenn es mich nicht unmittelbar betrifft. Das macht nur schlechte Laune auf beiden Seiten und der Angesprochene ändert sein Verhalten erst recht nicht. Menschen wollen nicht belehrt werden. Wer nicht will, muss eben zahlen.

Aus der Zeitung: „Söders Strahlkraft ist innerhalb der CSU im Moment für niemand anderen auch nur ansatzweise erreichbar. Sein Glück sei es, dass es keinen zweiten Söder gebe.“ Nicht nur seins.

Dienstag: Auch heute fragte ich mich wieder, warum junge Kollegen nicht mehr in der Lage sind, ein einfaches „Hallo“ oder „Guten Morgen“ einigermaßen angemessen zu erwidern und mich stattdessen, während sie sich einen unverständlichen Grunzlaut abringen, anschauen, als hätte ich einen auffälligen Hautausschlag oder stünde unbekleidet vor ihnen. Was ist mit denen los?

Auch wunderte ich mich über die große Anzahl von Rechtschreibfehlern (über die sachlich-inhaltlichen äußere ich mich gar nicht) in gelesenen Anforderungsdokumenten. Wie sehr muss man unter Druck stehen, dass man sich das nicht nochmal durchliest, bevor man es absendet? Oder ist es Absicht, um den Anschein hoher Arbeitsbelastung entstehen zu lassen? Oder ist das einfach egal, Hauptsache man ahnt ungefähr, um was es geht?

Überhaupt wundere (oder ärgere) ich mich immer wieder über die zunehmend liederliche Art der werksinternen, manchmal aus -externen Kommunikation, nicht nur wegen Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Vieles erfolgt nur noch auf Zuruf oder per Teams-Chat, schon eine Woche später kaum noch nachvollziehbar. Erst heute entging mir wieder eine mindestens wissenswerte Information, weil ich nicht Teil der betreffenden Chatgruppe war. Andererseits, wie eine frühere Kollegin zu sagen pflegte, ich zitierte es bereits mehrfach, was dessen Wahrheit nicht schmälert: Unwissenheit schafft Freizeit.

Beliebt ist es auch, zu einer Teams-Besprechung einzuladen ohne konkrete beziehungsweise im Einladungsbetreff nur rudimentär beschriebene Angabe, um was es geht. Solche Besprechungen enden oft nach kurzer Zeit, weil ich mich nicht in der Lage sehe und auch nicht bereit bin, die zu erörternden Fragen spontan, ohne Recherche oder wenigstens gründliches Nachdenken zu beantworten. Auf meine Bitte, mir das Problem noch einmal schriftlich zukommen zu lassen, kommt dann oft nichts mehr.

Immer öfter denke ich: Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Vielleicht bin ich es wirklich.

Ansonsten war der Tag von leuchtendem Herbstgold verziert:

Morgens am Rhein
Ebenda
Auf dem Rückweg
Gülden auch das Oktoberfestbier im Glas

Mittwoch: Vormittags brachte eine Kollegin der Nachbarabteilung ihr Kind mit ins Büro. Kein Säugling, es kann schon laufen, und also lief es den Flur auf und ab, gefolgt von der mit durchdringender Stimme auf es einredenden Mutter und augenscheinlich zum Zwecke der Niedlichfindeaufforderung. An unserem Büro liefen sie dank geschlossener Glastür vorbei, was vielleicht auch am Augenrollen von mir und meiner Bürogenossin lag, die ähnlich antinatalistisch veranlagt ist wie ich.

Danach wurde das Kind noch lautstark (die Mutter) etwas bespaßt, ehe es wieder weg war, vielleicht abgeholt, und die Kollegin sich im Nachbarbüro platzierte, wo sie mit unverminderter Lautstärke lange und viel telefonierte.

Dafür war es abends zu Hause sehr ruhig, weil jemandem offenbar eine auch auf Nachfrage nicht näher beschriebene Laus über die Leber gelaufen war und er es deshalb vorzog, zu schweigen. Mir war es recht, siehe Montagmorgen.

Donnerstag: Diese ist eine gerade, somit eine kleine Woche, das heißt, heute hatte ich frei. Der Tag begann mit dem Frühstück im Kaufhof-Restaurant, das kurz nach der Öffnungszeit schon erstaunlich gut besucht war, keineswegs nur von Rentnern. Haben die nichts zu tun an einem Tag, da anständige Menschen arbeiten? Vielleicht waren das Touristen, oder Lehrer in den Herbstferien.

Danach übte ich mich in Örben Heiking; für eine längere Wanderung war keine Zeit, da ich in Bereitschaft war zur Erledigung einer Vereinsangelegenheit, namentlich Korrekturlesen eines Druckwerks, das bis Anfang November fertig sein muss und morgen in den Druck gehen sollte. Dazu benötigte ich die Zuarbeit anderer, die im Laufe des Tages eintreffen sollte. Um dennoch wenigstens etwas in Gehgenuss zu kommen, fuhr ich mit dem Bus bis zur Endhaltestelle im Stadtteil Brüser Berg, von dort ging ich zu Fuß zurück durch das mir bislang unbekannte, herbstlich eingefärbte Derletal, Duisdorf, Lessenich, das Messdorfer Feld, Endenich und die Weststadt; Ziel war die Gaststätte am Friedensplatz, wo ich am frühen Nachmittag eintraf, um mich mit Hilfe von Currywurst und Bier zu regenerieren.

Im Derletal
Ebendorten
Für die Sammlung – ein außergewöhnlich pitoresker Trafoturm in Lessenich
Messdorf
Essigbäume im Messdorfer Feld
Fassaden in der Weststadt

Frisch gestärkt war ich bereit für die Vereinsangelegenheit, jedoch traf die Zuarbeit heute nicht mehr ein. Dann geht es eben erst Montag in den Druck, sollte auch noch reichen. So lange wie es dauert, dauert es halt.

Freitag: „… wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, …“ beginnt eine Mail, die mich auf die Teilnahme an der regelmäßigen Pflichtschulung zur Korruptionsverhütung hinweist. Gerne hätte ich geantwortet „Die Freude ist ganz Ihrerseits“, wenn die Nachricht nicht von einem noreply-Absender gekommen wäre. Immerhin werde ich gesiezt, das ist mittlerweile selten in solchen Mitteilungen. Die Durchführung habe ich auf Montag terminiert, wenn die Arbeitslust ohnehin gering ist.

In der Kantine mittags war ich umgeben von englisch sprechenden Menschen in weißen Turnschuhen. Hat vermutlich nichts zu bedeuten, fiel mir nur auf.

Was schön war: Nach dem Mittagessen hatte ich Gelegenheit, an einer Führung für Externe durch den Turm teilzunehmen, in dem ich, mit zwei Unterbrechungen, vom ersten Tag seiner Inbetriebnahme vor dreiundzwanzig Jahren an arbeite. Viel Neues erfuhr ich dabei nicht, beging immerhin erstmals ein gläsernes Treppenhaus im Konferenzbereich, das weitgehend unnütz ist und, immerhin das war mir neu, seine Existenz der Tatsache verdankt, dass Kunst am Bau ab einer bestimmten Gebäudegröße Pflicht ist. Der Ordnung halber sei darauf hingewiesen, dass ich mich für die Führung in der Zeiterfassung ausgebucht hatte.

Auch schön: Die Wochenkolumne von Kurt Kister erscheint nach monatelanger Sommerpause wieder. Jedesmal, wenn er sich in eine solche Pause verabschiedet, lässt er ein wenig offen, ob er nochmal schreibend wiederkehren wird. Umso mehr freute es mich heute, als sie per Mail eintraf. Darin zitiert er einen gewissen Frank Turner mit diesem schönen Satz: „In einer Welt, die sich dafür entschieden hat, den Verstand zu verlieren, soll man wenigstens versuchen, freundlich zu sein.“ Ja, auch diesbezüglich sollte man stets bemüht sein.

Samstag: Während des Frühstücks mit dem Liebsten im Restaurant traf die bereits für Donnerstag erwartete Zuarbeit für das Vereins-Jahresheft ein, somit verbrachte ich anschließend einige Stunden am Schreibtisch. Was man so macht am Wochenende.

Der Begriff FOMO (fear of missing out, die Furcht, etwas zu verpassen) dürfte allgemein bekannt sein. Doch daneben gibt es auch MOMO, wie beim Hamburger Mitblogger zu lesen ist. Dazu schrieb er:

Mystery of Missing Out: Das Gefühl, etwas zu verpassen, ohne zu wissen, was es ist. Etwa weil andere nichts mehr über ihr vermeintlich tolles Erleben in den sozialen Medien teilen. Das ist ein sehr schönes Beispiel für Probleme, auf die ich noch nicht einmal ansatzweise gekommen bin.

Zeit für die nächste Frage. Heute ist der 291. Tag des Jahres. (Je nachdem, wo man schaut; nach anderen Quellen der 275. oder 290.; die meisten Quellen sagen 291, also glaube ich das mal. Ich könnte es auch mithilfe des Kalenders selbst ermitteln, aber so wichtig ich es nicht.) Frage 291 lautet: „Verzeihst du anderen Menschen leicht?“ Ja, ich glaube schon. Vielleicht, weil mir bislang nichts nachhaltig Unverzeihliches zugefügt wurde, jedenfalls erinnere ich mich an nichts derartiges. Auch meine Geburt war gut gemeint, da bin ich mir sicher. Sogar als der Geliebte vor ein paar Jahren mit dem Staubsauger über meine Modelleisenbahn ging, verrauchte der Zorn bald, nachdem diverse Figürchen und Fahrzeugteile aus dem Staubsaugerbeutel geborgen und wieder an den vorgesehenen Stellen befestigt waren. Vielleicht bin ich einfach zu gut für diese Welt.

Abends aßen wir mit einem befreundeten Paar, das wir lange nicht gesehen hatten, im französischen Restaurant. Exklusiv für uns gab es Lammkeule, die wir aus dem letzten Provence-Urlaub mitgebracht hatten, dazu perfekt passenden Rotwein aus Châteauneuf-du-Pape. Das war sehr schön und äußerst sättigend.

Sonntag: Noch immer gesättigt vom Vorabend verspürten wir nur geringen Frühstücksappetit, entsprechend unüppig fiel das Frühstück aus. Wesentlich empfänglicher für Nahrung zeigte sich eine Schar Raben am Rheinufer, die von Passanten mit Erdnüssen gefüttert wurden, wie ich während des Spaziergangs sah. Gerecht ist das nicht: Tauben dürfen nicht gefüttert werden, Raben schon.

Rheinufer
Innere Nordstadt

Ansonsten war es ein ruhiger Sonntag mit Lesezeit auf dem Sofa. Übrigens liest man nicht mehr einfach so, jedenfalls nicht längere Texte, Bücher gar, sondern man betreibt Deep Reading, wie ich hier las. Man geht ja auch seit geraumer Zeit nicht mehr einfach so durch einen Wald, sondern man betreibt Waldbaden. „In einer Welt, die sich dafür entschieden hat, den Verstand zu verlieren, …“ Siehe oben.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und bleiben Sie bei Verstand.

18:00

Abgeschrieben: Über was bloggen wir?

Vor einer Woche war ich auf dem Treffen der Bonner Ironblogger, um das Geld anderer Leute zu versaufen, ich berichtete schon. Dort war des öfteren die Frage zu hören: „Und über was bloggst du so?“ Gute Frage, die ich für mich nicht beantworten kann. Weder Mode, Technik- und Internetzeugs, Musik, Sport, Politik, Weltgeschehen, Fotografie, noch Essen und Trinken, meine Familie oder was man sonst noch alles thematisieren kann ist mein Schwerpunkt. Ja, über all das schreibe ich auch, wenn mir gerade was dazu einfällt. Alltägliches und ausgedachtes halt. Eine sehr originelle Antwort fand Stefan: „Ich blogge nicht.“ Tut er zum Glück aber doch, nämlich genau zur oben gestellten Frage. Mit seiner freundlichen Erlaubnis gebe ich den Text hier wieder:

***

»Und, über was bloggst du so?«

Die Frage, über was ich blogge, wird mir bei exakt einem sozialen Ereignis gestellt: Wenn die Ironblogger sich treffen. Auch vergangene Woche wieder, mehrfach am Abend. Das Gespräch läuft ungefähr so:

»Und, über was bloggst du so?«
»Ich blogge gar nicht.«
»Hahaha, du bist also zufällig hier und isst einfach auf unsere Kosten mit? Sehr gut!«

Einige Zeit später, meistens dann, wenn das unangenehme Schweigen einsetzt, wird der zweite Versuch gestartet, um das Gespräch aufrechtzuerhalten. Denn meine erste Antwort war ja ganz offensichtlich nur ein Scherz! Bloggt nicht, ist aber auf einem Ironblogger-Treffen. Hahaha, Spaßvogel!

»Jetzt mal ehrlich, über was bloggst du denn jetzt?«
»Ich blogge nicht!«
»???«

Und das macht das unangenehme Schweigen oft noch unangenehmer ? wobei ich das gar nicht schlimm finde, denn wenn man sich beim Blind Date auf einem Ironblogger-Treffen das erste Mal unterhält, hat man vielleicht nicht direkt diesen Zugang zueinander. Da entstehen Gesprächslücken. Gar nicht schlimm.

Dennoch zur Erläuterung: Ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass ich blogge. (Ich höre den Chor im Hintergrund: »Wir auch nicht!«) Schon gar nicht über etwas. Und noch weniger so, dass ich benennen könnte, über was genau ich blogge. Stattdessen diszipliniert mich das Ironblogger-Ding einfach dazu, regelmäßig einen Text zu verfassen. Thema offen, Länge offen, Stil offen, Tiefe offen, Zeitpunkt offen, Ergebnis offen. Dieses Blogdings hier, und deshalb heißt es auch so, ist einfach nur der Ort, an dem ich diese Schreibtherapie verfolge; insbesondere, weil ich meine Schreibe bekanntermaßen nicht mag und der Hoffnung bin, dass sich durch die Regelmäßigkeit daran etwas ändert, möglichst zum Besseren. Deshalb: Ich blogge nicht. Ich therapiere hier. Mich.

Davon abgesehen finde ich die Frage als Gesprächseinstieg, zumal auf einem Ironblogger-Treffen, schon so ein bisschen bescheuert. Klar, wir haben alle diese eine Gemeinsamkeit, deshalb sind wir ja vor Ort. Aber man kann doch über das Essen reden oder was man am Tag so erlebt hat oder was jemand sonst so beruflich oder privat macht. Mit diesen Zusatzinformationen geht man anschließend nach Hause und liest im besten Fall das Blogdings der (neuen) Gesprächspartner mit ganz anderen Augen und mit einer neuen inneren Stimme. Darum geht es doch: Den Menschen ein bisschen besser kennenzulernen, dessen Texte man ? ab dann ? regelmäßig liest. Oder auch nicht. Aber wenn das Menschliche passt, ist es auch egal, über was die- oder derjenige bloggt. Und fragen muss ich danach schon gar nicht, ich kann es einfach lesen.

Quelle: http://hinterlektuelles.wordpress.com/2014/10/06/und-uber-was-bloggst-du-so/

***

Dem ist meinerseits nicht viel hinzuzufügen. Doch, vielleicht eins noch: Sollte ich erklären, was mich zum Bloggen antreibt, so könnte ich es nicht genau sagen. Klar, die pure Freude am Schreiben, vielleicht auch, wie bei Stefan, gewisse therapeutische Motive. Ich kann nur mit großer Sicherheit sagen, was es nicht ist: das Verlangen nach Klicks und „Likes“, zumal Blog.de sowas gar nicht anbietet; verhallt ein von mir für gelungen gehaltener Text (das kommt vor) ohne jegliche Reaktion im virtuellen Raum, so beugt mich nicht der Gram, mein Kopfkissen bleibt in der Nacht vor Tränen verschont. Na gut, über einen Kommentar freue ich mich schon. Oder wenn jemand, wie auf dem Ironbloggertreffen geschehen, zu mir sagt: „Ich lese dein Blog wirklich gerne.“ Das geht dann runter wie Oktoberfestbier.