Woche 20: Manchen ist nicht zu helfen

Montag: Ein leichter, anlassloser Anflug schlechter Laune ist heute mein stummer Begleiter. Doch nach einem Hauch Rotwein am Abend sieht die Welt schon wieder anders aus. Und schließlich tröstet es sehr, dass jeder Montag einmal endet, selbst wenn er auf einen dreizehnten fällt.

Im Übrigen schloss ich heute die Buchdeckel von „Jeder lügt so gut er kann“ von Harald Martenstein, welches mir in den zurückliegenden Wochen die Bahnfahrten ins Werk und zurück versüßte. Besonders gefallen hat mir der Aufsatz über die Generation Genau, also jene seit etwa um die Jahrtausendwende geborene Menschen, die ständig „genau“ sagen, wenn sie „äh“ meinen.

Bei Frau Marie lese ich das schöne Wort „Digitalitäten“. Gleichzeitig frage ich mich erneut, warum es so vielen Menschen nahezu unerträglich ist, einfach mal nichts zu tun.

Dienstag: Die ab morgen in den Urlaub gehende Kollegin verkündet in der Besprechung, fast entschuldigend, ihren dienstlichen Rechner nicht mitzunehmen. Telefonisch sei sie selbstverständlich erreichbar. Manchen ist nicht zu helfen.

Eigenlob stinkt bekanntlich. Ob Eigengratulationen ähnlich unangenehme Begleiterscheinungen aufweisen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ungeachtet dessen: Herzlichen Glückwunsch allen Christians und Carstens zum Namenstag!

Mittwoch: „Zurzeit dreht sich die Welt ziemlich schnell. Ich hoffe, es wird uns nicht schwindelig“, schließt ein Kollege seine Mail und bringt damit einiges, was im Werk so abläuft, auf den Punkt.

Nicht mehr schnell, sondern nur noch langsam kann ich mich indessen bewegen, seit mir am Vormittag ein Hexenschuss verdeutlicht, was für ein alter Sack ich geworden bin.

Ebenfalls langsam, leider zu langsam war ein Rentner in Bornheim, denn er wurde von einer Stadtbahn totgefahren, als er trotz geschlossener Schranken die Gleise überquerte, um – ausgerechnet – zu einer Beerdigung zu gelangen. Verfilmt ginge das wohl als schwarzer oder englischer Humor durch.

Apropos Stadtbahn: Der korrekte Gebrauch von Anführungszeichen ist nicht selbstverständlich.

KW20 - 1

Donnerstag: Alltägliche Verrichtungen wie Duschen und Socken anziehen erhalten mit einem schmerzhaft verspannten Rücken eine interessante Note. Zudem scheint sich der Fußweg zwischen Bahnhaltestelle und Werk um ein Vielfaches zu dehnen.

Freitag: Auf Drängen meiner Lieben suchte ich am Morgen wegen des Rückenleidens einen Arzt auf. Ich soll möglichst wenig sitzen und stehen, dafür liegen und gehen, womit er bei mir offene Türen einrennt. Zudem verschreibt er diverse Medikamente.

Nachmittags fuhr ich nach Köln zu einer Hochzeit. Hinter mir in der Bahn zwei Asiaten, die den Mangel an Konsonanten durch Lautstärke ausglichen. Auf der Hochzeit sah ich Männer, die möglicherweise äußerlich nicht erkennbare Mängel durch seltsame Frisuren kompensierten. Ansonsten war es sehr schön.

Dem Rücken geht es unterdessen etwas besser. Ob die am Morgen verschriebenen und seitdem vorschriftsmäßig eingenommenen Medikamente daran einen maßgeblichen Anteil haben, vermag ich nicht zu beurteilen, vielleicht wäre es auch so besser geworden.

Samstag: Vielleicht ist es ein Beleg für den trotz weit verbreitetem Pessimismus relativ guten Allgemeinzustand unseres Landes, wenn der Tageszeitung die Tatsache, dass sich auf einem Godesberger Parkplatz nach Regen Pfützen bilden, einen vierspaltigen Bericht wert ist.

Sonntag: „Der Blick in den Spiegel kann trügen“, schreibt DER SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe.

Wie ich demselben entnehme, sieht sich der von mir sehr geschätzte Comiczeichner Ralf König Anfeindungen aus der queer-feministischen Community ausgesetzt, weil sich bestimmte Personengruppen durch seine Knollennasenfiguren diskriminiert fühlen. Gut, Frauen kommen bei ihm nicht immer ganz so gut weg, aber das ist so ziemlich das Absurdeste, was ich seit langem gelesen habe: Ausgerechnet Ralf König diskriminiert Minderheiten! Die politisch-korrekte Selbstgerechtigkeit dieser Leute wird immer unerträglicher. Verlangen sie demnächst auch die Absetzung von „Dinner For One“, weil dort Alte, Alkoholiker und Verstorbene diskriminiert werden, außerdem das Töten geschützter Tierarten verharmlost wird?