Ode an Morpheus

schlaf

Der frühe Vogel fängt den Wurm? Soll er, ich bleibe lieber noch etwas liegen. Morgenstund hat Gold im Mund? Ich auch, dank zahlreicher Zahnkronen. Können das ernstzunehmende Argumente sein, das Bett zur Unzeit zu verlassen? Schlaf – eine der sinnvollsten Einrichtungen, mit welcher uns die Natur ausstattete. Schon wegen der Träume: Abends müde ins Bett zu gehen ist wie ein Kinobesuch, ohne vorher zu wissen, welcher Film gespielt wird – die Bandbreite reicht von Porno über Heimatschnulze bis zum Splatterfilm, letzteres zum Glück selten; nur ohne Popcorn und Cola, und das ist gut, denn Popcorn krümelt das Bett voll und nach Cola kann man nicht schlafen. Dafür mit Erektion in der Morgenstunde.

Der Moment kurz vor dem Einschlafen: Gedanken, die eben noch kreisten, lösen sich plötzlich auf wie weiße Wölkchen am blauen Sommerhimmel über der Provence, oder wie ein Furz bei Windstärke vier, wer es gerne etwas weniger pathetisch mag. Ich liebe es, zwischendurch mal aufzuwachen, ein Blick auf die Uhr zeigt an, noch vier Stunden bis zum Aufstehen, schon sitze (beziehungsweise liege) ich wieder in der ersten Reihe meines persönlichen Traumkinos. Weniger schön hingegen, wenn es nur noch wenige Minuten bis zum unvermeidlichen Wecken sind, augenblicklich erwacht eine innere Unruhe, die jedes Weiterschlafen verhindert.

Der natürliche Feind des Schlafes ist der Arbeitgeber, sein grausamer Gehilfe der Wecker. Aufstehen ist eine Pein, immer, je früher desto peinlicher. Sie sagen, man gewöhnt sich daran? Sie vielleicht, ich nicht, niemals. Ausschlafen ist ein hohes Gut, mit Geld kaum abzugelten. Welch Glück liegt darin, am Wochenende zur werktäglichen Zeit geweckt zu werden vom Blasen- oder Radiowecker, welchen auszuschalten ich vergaß, kurz aufzustehen, um der aktuell geforderten Körperfunktion nachzukommen, und dann wieder in das noch warme Tuch zurück zu kehren, wo der Liebste leise vor sich hin schnarchelt. Und was gibt es schöneres, später, wenn die Schläfrigkeit langsam weicht, noch etwas liegen zu bleiben, sich noch einmal auf die andere Seite zu drehen, ganz kurz nur, bis der Duft frisch gebrühten Kaffees unter der Tür hindurch kriecht?

Als Kind wollte ich abends nie ins Bett, erst unter mütterlicher Gewaltandrohung (wirklich nur Drohung, meine Kindheit verlief glücklich und weitgehend gewaltfrei) zog ich mich wiederwillig unter Murren zurück und beschimpfte noch eine Zeit lang den Teddy, ehe mich der Schlaf überkam. Apropos kam: mit beginnender Pubertät entdeckte ich neue Möglichkeiten der Einschlafhilfe, bei denen dem Teddybär nur noch maximal eine zuschauende Rolle zukam.

Heute fehlt mir die mütterliche Mahnung am Abend, zum Beispiel genau jetzt, Montag, kurz nach einundzwanzig Uhr, da ich diese Zeilen schreibe, wobei fraglich ist, ob sie heute mehr bewirken würde als damals.

Gerne schliefe ich mehr und länger. In Verkehrsmitteln aller Art gelingt es mir nur unzureichend, beneidenswert dagegen Menschen, die nur mal kurz die Augen schließen, wo immer sie auch gerade sind, und schon betreten sie das Reich der Träume, im Mundwinkel einen kleinen Sabberfaden. Als Kind, um die Vergangenheit noch einmal zu bemühen, musste ich immer Mittagsschlaf halten, wozu ich nie Lust hatte, verständlich, wenn draußen die Sonne schien und die anderen spielten. Was gäbe ich hingegen heute dafür: mich nach der Kantine für ein halbes Stündchen in einen ruhigen, abgedunkelten Raum zurückziehen, die Füße hoch, kein Telefon noch sonstiges Geräusch, um danach ausgeruht dem Feierabend entgegen zu wirken. Stattdessen schwere Lider und tassenweise Kaffee von zweifelhafter Qualität, um nicht mit dem Kopf in die Tastatur zu schlagen.

Die Krönung aber wäre der Winterschlaf. Im Oktober gingen wir noch einmal richtig gut essen, fünf Gänge mit Dessert und einem guten Wein, dann legten wir uns hin und stellten den Wecker auf Weihnachten, wo wir uns nochmals richtig den Bauch voll schlügen, danach schliefen wir weiter, bis uns Mitte April die Frühlingssonne wieder zart weckt. Vielleicht sollte ich auf meinen Wunschzettel für die nächste Wiedergeburt doch statt Bonobo oder Schwarzer Kellerpilz lieber griechische Landschildkröte, Braunbär oder Teichfrosch schreiben. Oder Mensch, in der Hoffnung, dass die Menschheit bis dahin so weit ist. Man darf ja noch träumen.