Woche 17/2026: Bewaffnete Reptilien und invasive Arten

Montag: Zu Tagesbeginn war ich ohne besonderen Grund auffallend schlechtlaunig, manchmal ist das so, gerade zum Wochenbeginn. Auch der außerplanmäßige Fußweg ins Werk änderte daran zunächst wenig. Zum Arbeiten kam ich kaum, da der Arbeitstag im Wesentlichen mit einer KI-Schulung gefüllt war. Dabei wurden immerhin auch die Schattenseiten dieser vielgepriesenen Technologie angesprochen wie hoher Energieverbrauch* und das zu befürchtende Unvermögen der Nutzer, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Auch wenn die Inhalte der Schulung meiner unmaßgeblichen Einschätzung nach in weniger als drei Stunden zu vermitteln gewesen wären statt der tatsächlichen sechs, war es interessant und ich fühle mich motiviert, es mal auszuprobieren oder wenigstens im Tagesgeschäft darüber nachzudenken, wie ich es nutzen könnte.

*Wie neulich in der Sonntagszeitung zu lesen war, stimmt das gar nicht. Ein mehrminütiges Brausebad und der Stand-by-Betrieb eines Fernsehers über einen Tag verbrauchen demnach wesentlich mehr Energie als ein durchschnittlicher Prompt.

Grund für den Fußweg statt Radfahrt war der heutige Geburtstag des Liebsten. Im Anschluss an die Arbeit wollte ich Blumen für ihn kaufen, die ich auf dem Fahrrad schlecht transportieren konnte, ohne unschöne Abknickungen zu riskieren. So konnte ich nach Büroschluss mit der Bahn zurück fahren und die erstandenen Blumen unbeschädigt nach Hause schaffen. Die örtlichen Fachgeschäfte für Emotionsfloralien waren heute allerdings geschlossen, doch erstand ich beim Blumenhändler auf dem Markt einen passablen Strauß, mutmaßlich für einen wesentlich günstigeren Preis. Der Liebste zeigte sich angetan, was will man mehr.

Morgens, bei Sonnenschein und schlechter Laune

Zur Feier des Tages gab es abends Champagner, auch das für einen Montag eher ungewöhnlich, indes erforderlich und angemessen.

Dienstag: Vormittags fuhren wir nach Höxter zur dreitägigen Abteilungstagung, was heute „Offsite“ heißen muss. Der Kollege war wieder so nett, mich im Auto mitzunehmen; mit der Bahn wäre es auch möglich gewesen, hätte aber wesentlich länger gedauert. Obwohl wir wegen verkehrlicher Verzögerungen gut eine halbe Stunde später als geplant losgefahren waren, kamen wir pünktlich zum Mittagessen am Hotel an, das „Niedersachsen“ heißt, obwohl Höxter in Nordrhein-Westfalen liegt, wenn auch am äußersten östlichen Rande, somit in Ostostwestfalen, Niedersachsen immerhin direkt nebenan.

Der Weg von der Rezeption zu meinem äußerst geräumigen, mit Jackenhaken ausgestatteten Zimmer ist weit, zunächst ein Stockwerk runter, dann einen langen Gang entlang, dann vier Stockwerke hoch; wenn man es einmal gegangen ist, geht es.

Zwischen Ende des ersten Tagungstages und Abendvergnügen im Wirtshaus unternahm ich einen Spaziergang an die Weser und durch die fachwerkhübsche Stadt, die mir bislang nur vom Durchfahren bekannt war, wenn wir früher von Bielefeld aus die Verwandtschaft in und um Göttingen besuchten.

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Mittwoch: Morgens erfüllte ein Laubbläser den Platz vor dem Hotelfenster mit seinem lieblichen Klang, was auch immer es zu dieser Jahreszeit zu blasen gab.

Das Tagungsprogramm endete nicht sehr spät, danach gingen wir zum in fußläufiger Nähe befindlichen Kloster bzw. Schloss Corvey, das in Teilen zum Weltkulturerbe gehört und dessen Geschichte und von einer fachkundigen Dame erzählt wurde. Danach gingen wir gemütlich entlang der Weser zurück und bereiteten uns auf das Abendprogramm, namentlich Essen und Trinken im Hotel, vor.

Donnerstag: Dritter und letzter Tagungstag in Höxter. Zwischendurch musste ich mich ins Hotelzimmer zurückziehen, da ich dem Gesamtbetriebsrat per Teams was zu präsentieren hatte. Kurz vor Beginn des Termins meldete das Laptop bei angeschlossenem Ladegerät einen fast leeren Akku, der sich auch nach mehrfachem Aus- und Einstöpseln nicht laden lassen wollte. Darauf wies ich die Teilnehmer zu Beginn der Präsentation hin, der Akku hielt jedoch durch und man zeigte sich anschließend ausreichend informiert.

Freitag: Zurück im gewohnten Büroalltag, wo in einer offiziellen Anleitung, wie man Zugang zu einem System erlangt, dieses zu lesen ist: „Solltest Du selbst oder deine Kolleg*innen noch nicht über die passenden Berechtigungen verfügen, bitten wir Sie, die benötigten Rechte über den Standard‑Request zu beantragen.“ Es ging dann noch mit groben Rechtschreibfehlern weiter. Wieder frage ich mich: Liest sich sowas keiner durch, bevor es veröffentlicht wird, oder ist das in Zeiten, da die Unterscheidung zwischen Du und Sie nur noch geringe Relevanz hat, einfach egal?

Versehentlich, durch eine Unachtsamkeit bei der Handhabung des iPads, habe ich das Blog E Büttche bunt von Frau Marie aus meiner Leseliste entfernt, seitdem ist es weg und es gelingt mir nicht, es per Recherche wiederzufinden. Auch die Künstliche Intelligenz konnte nicht helfen. Liebe Marie, selbstverständlich möchte ich weiterhin Ihre Geschichten aus Märchenschloss und Karneval lesen, deshalb schreiben Sie mir bitte einen kurzen Kommentar. Vielen Dank.

Gelesen bei Frau Kaltmamsell:

Sollte sich jemand von meiner extremen und aggressiven Unlust zu leben, seit ich mich erinnern kann, persönlich getroffen fühlen: Zeigen Sie mir gerne jederzeit einen Weg, mit dem ich mein Leben einer anderen, todkranken Person spende, die es liebt (Ihres? das eines lieben Menschen?), und wir kommen zusammen. 

Zur Nachfeier des Liebsten Geburtstages verbrachten wir den Abend im französischen Lieblingsrestaurant, unter anderem gab es ausgezeichneten Spargel, denken Sie sich gerne entsprechende Essensbilder, wenn Sie sowas mögen, sowohl Spargel als auch Essensbilder. Der Chef des Hauses beklagte Rückenprobleme; wenn Franzosen „Hexenschuss“ sagen, klingt das ein bisschen nach bewaffneten Reptilien.

Samstag: Morgens sichtete der Geliebte auf dem Balkon ein großes, wespenartiges Insekt, das sich daran machte, die hölzerne Sichtschutzverkleidung aufzuessen. Wie die Recherche im allwissenden Netz ergab, handelte es sich um eine Asiatische Hornisse, eine sogenannte invasive Art, deren Sichtung man melden soll. Als gehorsamer Staatsbürger suchte und fand ich die zuständige Meldestelle, scheiterte allerdings daran, dass sich der Fundort nicht auf der Karte markieren ließ, weil sich die Karte nicht öffnet. Dann eben nicht, ich habe es versucht. Im Übrigen, wenn alle invasiven Arten eliminiert würden, wäre es das gewesen mit der Menschheit.

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Nachmittags kaufte ich aus Alters- und Sicherheitsgründen in einem örtlichen Sportgeschäft Wanderstöcke für die nächste Wanderung, eine Anschaffung, die ich schon lange vorhatte. Dort wurde ich freundlich und kompetent von einem Mitarbeiter beraten, man glaubt ja nicht, wie viele unterschiedliche Modelle und Preisklassen es da gibt mit ihren Vor- und Nachteilen. All das wusste er zu erklären und ich staunte über sein Wissen, schließlich führt das Geschäft vermutlich tausende Artikel, von denen Wanderstöcke nur einen geringen Teil ausmachen.

Sonntag: Heute vor vierzig Jahren wurde das Atomkraftwerk Tschernobyl auf einen Schlag weltbekannt. Einige Tage später schrieb ich ins Tagebuch: „Samstag vor einer Woche ist in Rußland* ein Kernreaktor explodiert. Auch bei uns hat das Auswirkungen, der Boden und die Luft sind radioaktiv belastet. Angeblich brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, aber irgendwie finde ich es beunruhigend, habe aber Hoffnung, daß sich die Lage bald wieder normalisiert.“ Gut erinnere ich mich an das Unbehagen, wenn es regnete und jeder Tropfen eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit war. Eine diffuse Gefahr, die man nicht sehen, riechen oder sonst wahrnehmen konnte. Ähnlich fühlte es sich vierunddreißig Jahre später an, als das Corona-Virus die Welt heimsuchte und man noch nicht so genau wusste, was da auf uns zukam. Auch das schon wieder erstaunlich weit entfernt, sowohl zeitlich als auch gedanklich.

*Dass die Ukraine nicht Russland ist, sei einem Neunzehnjährigen in den Achtzigern nachgesehen; Sowjetunion halt.

Nachmittags flanierte ich durch Bonn-Beuel auf der anderen Rheinseite. Das Wetter kann sich noch nicht entscheiden zwischen warm und kühl, optisch ist es wärmer als empfunden. Jedenfalls von mir, der sich in leichter Daunenjacke immer noch ganz wohl fühlt, während andere in kurzen Hosen und T-Shirts schon weiter sind. Als Etappe war der Bayrische Biergarten am Beueler Ufer vorgesehen. Dort war zwar noch Platz, allerdings auch eine lange Warteschlange vor der Getränkeausgabe. Da mir die Gefahr zu groß erschien, dass die letzten freien Plätze belegt seien von den vor mir gewartet habenden, wenn ich endlich an der Reihe bin, und ich dann da stehe mit meinem Bier, mich irgendwo dazusetzen, womöglich gar mit Fremden sprechen müsste, ging ich ein Lokal weiter, wo es zwar keinen Maibock gab, dafür genug freie Plätze. Und ein Weißbier schmeckt auch mal ganz gut.

Manche behaupten, Kristallweizen sei gar kein richtiges Weißbier. Damit komme ich klar.

Aus der Sonntagszeitung: Machen Sie auch diese Steintürmchen aggressiv, die gerne zur Illustration von Achtsamkeitsgeschwafel herangezogen werden; überkommt Sie latente Zerstörungslust, wenn Sie derlei irgendwo in echt sehen, vielleicht an einem Flussufer? Ich weiß nicht, wie der britische Künstler Adrian Gray dazu steht, seine Steinskulpturen beeindrucken jedenfalls sehr, wie hier zu sehen ist.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Meine Arbeitswoche wird angenehm kurz, weil sich an den dank Leifsteil-Teilzeit freien Donnerstag der Maifeiertag anschließt.

4 Gedanken zu “Woche 17/2026: Bewaffnete Reptilien und invasive Arten

  1. Avatar von lotelta lotelta April 27, 2026 / 08:17

    „Emotionsfloralien“ find ich prima, hab ich kürzlich auch bekommen. 🙂

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  2. Avatar von Unbekannt Anonymous April 27, 2026 / 08:29

    Dieses bunte Büttche?

    https://buettchebunt.wordpress.com/

    Gefunden über <„e büttche bunt“ marie blog> , dann war ein Kalenderspruch von Frau Ladybird der erste Suchtreffer, den Frau Marie gepingbackt hatte (ich hoffe, für den Link darf ich wenigstens einmal denglish dengeln…).

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  3. Avatar von Sabine Sabine April 27, 2026 / 12:11

    Ach herrlich, ich mag die Art, wie Sie schreiben sehr!!

    Emotionsfloralien hat das Zeug, mein Wort des Jahres zu werden. Ich überschlage noch, aber es liegt weit vorne. Direkt bei „Arschrakete“ und „Muff“.

    Das Örtchen Ihres Hotels scheint ein schönes zu sein, sobald eine Altstadt Fachwerkhäuser bietet, bin ich dabei. Dass der Akku noch gehalten hat, freut mich jetzt auch.

    Tatsächlich war ich selbst noch nie in einem französischem Restaurant, aber wenn es da Spargel gibt, überdenke ich das. Spargel ist für mich reiner Genuss!

    Danke für diesen Beitrag 🙂

    Sabine aus dem Mausloch

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