Büsum

Vorbemerkung: Diese Woche verbringe ich in Büsum, oder verbrachte, muss es wohl eher heißen, denn morgen geht es zurück. Einzelheiten zu diesem Aufenthalt sind im nächsten Wochenrückblick zu lesen und sehen, wie üblich am kommenden Montag. Warum ich überhaupt Büsum als Reiseziel wählte, möchte ich erläutern, dazu greife ich auf einen Text zurück, der hier bereits vor vierzehn Jahren erschien und den ich etwas bearbeitet habe.

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Meine älteste frühkindliche Erinnerung reicht zurück ins Alter von drei Jahren: unsere erste Urlaubsreise nach Büsum* an der Nordsee. Wir reisten ab Bielefeld mit dem Zug, mein Begleiter war ein kleiner Koffer aus Pappe, in dem ich einige Spielsachen transportierte. In Büsum wohnten wir in Frau Spreizers Pension, die nach heutigen Maßstäben als einfach zu bezeichnen war (also die Pension, nicht Frau Spreizer): Unsere Räumlichkeiten bestanden aus einem größeren Zimmer, das im Wesentlichen von einem Ehebett ausgefüllt war; zu beiden Seiten des Zimmers gingen, durch Vorhänge abgetrennt, zwei nischenartige Seitenräume ab, wo jeweils ein weiteres Bett stand, in denen mein Bruder und ich schliefen. Toilette und Bad befanden sich außerhalb der Räume über den Flur, diese wurden vom gesamten Haus genutzt. Gefrühstückt wurde in einer sehr gemütlichen Glasveranda im Vorgarten des Hauses. Trotz des aus heutiger Sicht niedrigen Standards fühlten wir uns dort sehr wohl, so wohl, dass wir in den folgenden Jahren immer wieder bei Frau Spreizer wohnten. Ja, in den folgenden Jahren verbrachte unsere Familie den Sommerurlaub immer in Büsum, darüber gab es keine Diskussion. Erst später kam im jährlichen Wechsel das Allgäu als Urlaubsziel hinzu.

Hauptgrund, Urlaub in Büsum zu machen, war das Meer, die Nordsee. Die war oft nicht da, sondern zog sich dem Tidehub folgend ein paar hundert Meter zurück und legte dadurch das Watt frei. Das heißt dann Ebbe, wie mir erklärt wurde. In dieser zurückgezogenen Form war mir die Nordsee viel lieber als bei Flut, wenn das Wasser bis ans Ufer reichte: Darin zu baden war kein Vergnügen, es war furchtbar kalt, salzig, um die Füße krabbelte irgendwelches Getier, das einen in den Zeh zwickten, und man musste auf Feuerquallen achten, die mit langen Tentakeln heftige Schmerzen zufügen konnten. Dennoch fand ich Gefallen an Quallen, jedenfalls an den feuerlosen Sorten: Die größeren Exemplare landeten in meinem Sandeimerchen, das dann eher einem Topf Tapetenkleister ähnelte, die ganz kleinen hingegen spießte ich schaschlikartig auf einen großen Federkiel auf. Ansonsten neigte ich als Kind nicht zu Grausamkeiten gegen Tiere aller Art.

Nach kürzester Zeit im Wasser begann ich zu frieren und wollte raus. Dann kam das Schlimmste: Ich wurde unter eine Süßwasserdusche gestellt, die noch kälter als das Meerwasser war, um das Salz abzuspülen. Danach wurde ich in Handtücher gehüllt und in den Strandkorb gesetzt, wo es so richtig langweilig wurde, denn im Gegensatz zu anderen Stränden gab es keinen Sand, mit dem ich mich Sandburgen bauend hätte beschäftigen können; der Büsumer Strand besteht im Wesentlichen aus der Seeseite des Deiches, also ungefähr fünf Millionen Strandkörbe im Gras. Mittags holten wir Essen aus der nahegelegenen Imbissbude am Hafen, Pommes oder Milchreis mit Zucker und Zimt.

Ein Höhepunkt des Büsumer Kulturlebens war der Auftritt der Wattenkapelle. Bei Ebbe marschierte sie mit zünftigen Klängen und von einer größeren Anzahl Touristen begleitet durch das Watt, bei Flut spielte sie in der Konzertmuschel an der Strandpromenade. Am meisten faszinierte mich die große Trommel, die einer der Musikanten vor seinem Bauch trug, um mit einem hammerartigen Schlägel darauf einzudreschen, immer im gleichen Takt: bumm, bumm, bummbummbumm. Ich habe sogar noch eine Schallplatte dieser lustigen Truppe.

Eine Erwähnung wert sind auch die Büsumer Krabben, die die Fischer mit ihren Kuttern aus der Nordsee holen. Am besten schmecken sie direkt vom Kutter im Hafen gekauft und selbst gepult. Das bedarf zunächst ein wenig Übung, ist aber im Grunde genommen ganz einfach: beide Enden kurz gegeneinander verdrehen, den hinteren Panzer abziehen, schon kann man das schmackhafte Fleisch heraus zupfen.

Abends spazierten wir durch den Hafen, wo die Krabbenkutter anlegten und die Ausflugsschiffe für die Butterfahrten abfuhren. Damit fuhr man für etwa zwei Stunden vor die Küste, an Bord konnte man zollfrei einkaufen, nicht nur Butter. Viele der Krabbenkutter konnte ich bald schon von weitem mit Namen und Nummer erkennen.

Apropos Krabbenfischer: Ich musste auch ein original Finkenwerder Fischerhemd haben, das ich nur noch ungern ablegte. Es war mir ein Bedürfnis, mich bekleidungsmäßig den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen, heute heißt das wohl kulturelle Aneignung.

Ich freute mich immer auf den nächsten Urlaub in Büsum, trotz des kalten Wassers und der Langeweile im Strandkorb. Der letzte gemeinsame Familienurlaub in Büsum, schon ohne meinen Bruder, war in den Sommerferien 1983, danach waren wir noch ein- oder zweimal im Herbst gemeinsam für ein paar Tage hier. Meine Eltern fuhren danach noch lange regelmäßig dorthin, allerdings nicht mehr zu Frau Spreizer. Das Haus gibt es schon lange nicht mehr, Frau Spreizer sicher auch nicht. Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich sie dort für ein paar Tage besucht; trotz vieler baulicher Veränderungen war es im Wesentlichen noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. Und mir war rätselhaft, was mir hier früher so gefallen hatte.

Jetzt bin ich wieder hier, und es gefällt mir großartig. Vieles ist noch vertraut, vieles hat sich verändert. Etwa die Zahl alter Häuser ist zurückgegangen, insbesondere die kleinen weißen, zweistöckigen Häuser mit den flachen Giebeln und mit Dachpappe gedeckten Dächern. Manche wurden bis zur Unkenntlichkeit renoviert, andere abgerissen und durch Neubauten ersetzt, denen man die Bemühung des Architekten ansieht, sich am klassischen regionaltypischen Baustil aus roten Ziegeln zu orientieren, teilweise sogar mit Reetdach. Wie schon Frau Sommer wusste: Mühe allein genügt nicht. Die Imbissbude am Hafen gibt es auch noch. Sogar den Milchreis haben sie noch im Angebot. Von den Butterfahrtschiffen sind nur noch zwei im Einsatz für Auflugsfahrten, einkaufen kann man an Bord aufgrund geänderter Zollvorschriften nicht mehr. Selbst die Nordsee ist nicht mehr so kalt, jedenfalls an den Füßen.

Dieses Mal wird es wohl keine fünfundzwanzig Jahre dauern, bis ich wiederkomme.

Blick von der Hafenmole Richtung Norden
Zurück vom Fang
Neubauten am Hafenbecken 1, links daneben der Imbiss mit Milchreis

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* Entgegen einer anscheinend weit verbreiteten Annahme macht man übrigens Urlaub in und nicht auf Büsum. Auch wenn es ähnlich klingt wie Borkum oder Baltrum, handelt es sich nicht um eine Insel, zumal Borkum und Baltrum zu Ostfriesland gehören, Büsum hingegen liegt in Dithmarschen, kurz vor Nordfriesland.

9 Gedanken zu “Büsum

  1. Avatar von Lothar Lothar Oktober 2, 2025 / 17:18

    Ich bin auch ein großer Fan des Finkenwerden Hemdes, es ist robust, bequem und angenehm zu tragen. Es befinden sich derer tatsächlich inzwischen vier in meinem Schrank. Es hat mich beim Ostfriesland-Urlaub schon mehrfach zum Werksverkauf eines bestimmten Herstellers in Wittmund gezogen und ich konnte einfach nicht widerstehen. Beim nächsten Urlaub dort oben kaufe ich bestimmt schon wieder eines…

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    • Avatar von Postwestfale Postwestfale Oktober 2, 2025 / 17:30

      Zu meinem Erstaunen habe ich hier in den Läden keine mehr gesehen. Vielleicht hätte ich sonst eins gekauft.

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  2. Avatar von kubickigoslar kubickigoslar Oktober 2, 2025 / 23:16

    Klasse Beitrag

    Gesendet mit der Telekom Mail App

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    • Avatar von Postwestfale Postwestfale Oktober 2, 2025 / 23:25

      Danke dir! Ich hoffe, es ist alles richtig dargestellt, du warst ja dabei.

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  3. Avatar von lotelta lotelta Oktober 2, 2025 / 23:30

    Schön! In Büsum war ich auch schon mal, aber nur kurz … man sollte mal wieder an die Nordsee und ihr Wattenmeer fahren. 🙂

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  4. Avatar von Angela Angela Oktober 4, 2025 / 15:13

    Es ist schon ein bisschen unfair: Nordfriesland hat die weißen Sandstrände und Dithmarschen den Schlick. Ich habe allerdings selbst 12 Jahr in Brunsbüttel gelebt und bin immer noch ganz großer Dithmarschenfan. Obwohl eigentlich meine Familie väterlicherseits nordfriesich ist. Nirgends ist das Land so flach und das Gemüse so lecker. Außerdem ist immer noch zu merken, dass diese Gegend ewig lange Bauernrepublik war und sich irgendwelche Herrscher nie lange festsetzen konnten 😉

    Freut mich also sehr, dass du wieder so einen schönen Zugang zu Büsum gefunden hast. Bei der Butterfahrt hatte ich sofort den Torfrock-Ohrwurm im Gehirn, weiß nicht, ob du den kennst. Nach dem Text scheint es mir bei Butterfahrten oft gar nicht so sehr ums Shoppen gegangen zu sein 😉

    Liebe Grüße

    Angela

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    • Avatar von Postwestfale Postwestfale Oktober 4, 2025 / 15:29

      Das Torfrock-Lied kenne ich nicht, jedenfalls hatten die Schiffe auch Bordgastronomie.

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