Abschied

Aus gegebenem Anlass heute ein zweiter Beitrag.

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Lieber K,

zwei Wochen nach deinem vierundachtzigsten Geburtstag bist du gegangen. Es ging dir schon länger nicht gut. Vielleicht wusstest du schon länger von der Krankheit und dem unausweichlichen Ende, nur sagtest du es niemandem, nicht deiner Frau und den Söhnen. Vielleicht hattest du deinem Hausarzt verboten, es ihnen zu sagen, ich traue dir das zu. Du wolltest kein Aufheben um deine Person machen, niemandem zur Last fallen, so warst du. Ich verstehe das gut, vielleicht würde ich es genauso tun.

Verboten hast du zum Ende auch der Schwester im Krankenhaus, eine neue Ampulle für die Chemotherapie anzulegen. Du selbst hast bestimmt, wann es genug, vorbei ist, dann bist du ohne Schmerzen und Leiden für immer eingeschlafen. „Er hat es uns leicht gemacht, ihn gehen zu lassen“, steht in der Karte, die wir von deiner Familie erhalten haben. Besser kann man kaum aus der Welt gehen. Ich habe es anders erlebt, bei meinem Vater und meiner Schwiegermutter, die sich mit Demenz im Pflegeheim langsam auflösten, ihr Tod eine Erlösung.

Lieber K, ich habe dich erlebt als einen der liebsten, angenehmsten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Danke, dass du mein Trauzeuge warst, bei der zweiten, kleinen Hochzeit, als wir endlich „richtig“ heiraten durften. Wie ich gingst du gerne spazieren, manchmal begegneten wir uns dabei, wechselten nur wenige Worte, ehe jeder weiter seines Weges ging. Die ersten Tage nach deinem Tod dachte ich manchmal beim Gehen durch die Stadt: Da drüben geht K, ehe es mir einfiel.

Du konntest gut allein sein, verbrachtest Wochen ohne Begleitung in Südfrankreich, in eurem Haus in Malaucène. Ich bin mir sicher, diese Zeiten hast du sehr genossen. Ein paar mal waren wir zusammen dort, du im großen, wir im kleinen Haus, ohne jede Verpflichtung, ständig etwas zusammen zu unternehmen. Doch pünktlich um sechzehn Uhr schautest du um die Ecke, da es Zeit war für das Nachmittagsgetränk.

Die Generation unserer Eltern, deine Generation verlässt nun langsam die Welt. Die nächsten sind wir. Angesichts der derzeitigen Weltlage kann ich nicht behaupten, dass mich das beunruhigt.

Heute haben wir deine Asche beigesetzt, in der Namen-Jesu-Kirche, ohne Pfarrer oder professionellen Trauerredner. Stattdessen sprachen deine Frau, deine Söhne und dein früherer Kollege ein paar Worte. Das war ergreifend schön, gerne hätte ich applaudiert. Anschließend gab es zu essen und trinken, auch Kölsch, wir stießen mit deiner Familie auf dein Wohl an, dabei wurde schon wieder gelacht. Ich bin mir sicher, das hätte dir gefallen.

Wir vermissen dich, du fehlst, als Nachbar, Freund, guter Geist des Hauses. Als nicht religiöser Mensch glaube ich nicht an Auferstehung und das ewige Leben. Doch wenn ich es täte, wäre die Aussicht auf eine Wiederbegegnung mit dir etwas, auf das ich mich sehr freuen würde.

Im April 2010 bei Malaucène

Ein Gedanke zu “Abschied

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous November 25, 2024 / 23:10

    Mein Guter,
    was ist denn da los in der Welt?
    Ich habe selbst viele Luecken neben mir, jetzt werde ich an Weihnachten geraeumt und werde obdachlos weil meine durchgeschossene Vermieterin wegen Sommerbluemchen und meinem Gehwaegelchen geklagt -und Recht bekommen hat.
    einen chronisch kranken Menschen aus lauter Bosheit rauszuklagen ist auch sehr bedenklich wenn ich mir die Reise des menschlichen Grundbefindens anschaue.
    Ich gehe zunehmend mit einem Gefuehl durch die Straßen, einem Gefuehl der Scham, Scham der Welt gegenueber. Uns Menschen gegenueber, die ich liebe und einst geliebt habe. Mit dem Gefuehl, dass allen das Leben egal geworden ist.

    Aber scheiss auf die Religiositaet, der Bub wird in deinen Gedanken bleiben und dir oft aufzeigen wenn du nicht genau genug hingeguckt hast.

    Es gruesst janz brav das Schaaf

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