Woche 5: Wenn Frau Hahlweg genervt die Augen verdreht

Montag: „Denk dran, dass du Fasty Slim nutzt, um das komplette Fett-Verbrennungs-Erlebnis zu erreichen“, schreibt mir das Spam in ungelenken Worten. Klingt eher nach einer spontanen Fritteusenentzündung.

Eher ungelenk auch der folgende Übergang von Fritteuse zu Friseuse beziehungsweise Frisur (wobei man, glaube ich, Friseuse nicht sagen darf, weil das gleichsam herabsetzend oder beleidigend ist, gerade jetzt, da die Damen ihr Handwerk nicht ausüben dürfen):

Eine wirklich seltsamen Frisur hat Norbert Lehmann, der Sportansager bei heute, nicht nur jetzt in diesen haarschnittlosen Notzeiten, sondern generell, vorher schon. Ich wüsste wirklich gerne, was die beiden Sprecher nach der Sendung miteinander reden, wenn das Bild noch da und der Ton schon aus ist, während sie ihre gelben Zettel ordnen. (Wofür brauchen sie die eigentlich noch? Oder haben sie die aus Tradition, weil ein Nachrichtensprecher nunmal Zettel vor sich zu liegen hat, um die teure, rundfunkgebührenfinanzierte Theke oder wie dieses Studiomöbel heißt zu rechtfertigen, oder damit sie etwas befummeln können, wenn sie während des Nachrichtensprechens nicht wissen, wohin mit den Händen?) Norbert Lehmann traue ich da einige Unflätigkeiten in Richtung der Damen Gerster oder Hahlweg zu, in der Art wie der Bürgermeister zu Hedwig gegen Ende von Loriots „Papa ante Portas“, Sie kennen die Szene vielleicht. Aber das ist natürlich nur eine ganz persönliche, durch nichts belegte Vermutung. Obwohl ich manchmal zu erkennen glaube, wie Frau Hahlweg genervt die Augen verdreht.

Dienstag: „Sie sind jetzt Referent. Viel Spaß mit Ihrem neuen Status“, schreibt mir Skype. Schon als Schüler konnte ich Referaten nur wenig Vergnügliches abgewinnen, nicht als Zuhörer und noch viel weniger als Referent.

Wenig abgewinnen kann ich auch Avocados, dieser pastenartig-weichen Frucht zweifelhaften Geschmackes, die heute zu Mittag Bestandteil eines gemischten Salats war, den man aus Gründen der Bedeutungssteigerung als „Tossed Salad“ anbot.

Erfreulich dagegen der Projekt-Kelch, der heute an mir vorbeiging und in der Nachbarabteilung wesentlich besser aufgehoben ist.

Mittwoch: Vergangene Nacht befand ich mich im Traum in einer Situation, deren Schilderung mir höchst bloggerabel erschien, nur hatte ich gerade keine Gelegenheit dazu. Daher machte ich mich auf die Suche nach einem Notizblock und einem Stift, um sie für später aufzuschreiben, fand sie aber nicht. Nach dem Aufwachen war die Erinnerung an den konkreten Inhalt der Situation leider erloschen, da hätten auch geträumte Notizen nichts genützt. Es sei denn, ich hätte sie während des Träumens in Echt niedergeschrieben; Schlafschreiben in Analogie zum Schlafwandeln, ich weiß nicht, ob so etwas möglich ist und ob dabei etwas herauskommt, was am nächsten Tag noch les- und nachvollziehbar ist. Aber das weiß man bei diesem Blog auch nicht immer.

Wenig überraschend wurde laut Zeitungsbericht das unsägliche Wort „Lockdown“ zum Anglizismus des Jahres 2020 gekürt. Das hiermit befasste Gremium hat sich zur Mission gemacht, jedes Jahr einen englischen Begriff zu wählen, der „den positiven Beitrag des Englischen zum deutschen Wortschatz“ besonders verkörpert. Welch contradiction in terms.

Ein wirklich dämlicher Anglizismus ist „It-Piece“. Als solches bezeichnet die Süddeutsche Zeitung Thermoskannen, die sich in diesen Zeiten bei den zahlreicher werdenden Spaziergängern angeblich größter Beliebtheit erfreuen.

Schön dagegen finde ich als Entgegnung, wenn Ihnen mal wieder jemand ins Wort fällt: „Willkommen in meinem Satz“. Gelesen hier.

Donnerstag: Wieder ein Jahr älter, wobei die Zahl wesentlich bedrohlicher klingt als sie sich anfühlt, auch das Spiegelbild am Morgen war, abgesehen von den üblichen, tageszeitlich bedingten Knitterungen, zufriedenstellend. Das ist ja überhaupt das Schöne am Altern: Es geschieht langsam, man selbst bemerkt es kaum, bis auf gewisse Beeinträchtigungen der Sinnesorgane, allen voran Augen und Ohren, was gerade bei letzteren nicht unbedingt immer ein Nachteil ist, wenn man nicht mehr alles hört, was andere so von sich geben.

Auch wenn ich Geburtstagen schon lange keine große Bedeutung mehr beimesse, so freue ich mich doch über jede Gratulation in Wort und Schrift. Andererseits nehme ich es niemandem übel, wenn er heute nicht gratuliert, weil er einfach nicht daran gedacht hat, das passiert mir auch oft, trotz elektronischer Erinnerung, man wird ja heute ständig und überall an irgendwas erinnert. Ein bis zwei Tage später freue ich mich auch noch. Wenn danach auch nichts kommt, darf er allerdings damit rechnen, aus meiner Gratulationsliste gestrichen zu werden.

Ein schöner und wahrer Satz: „Für Glücksgedanken ist man nie zu alt“, schrieb mir zur Feier des Tages die Nachbarin, die mir – ergänzend zu Wort und Schrift – diesen wunderbaren Kuchen rübergebracht hat; nochmals vielen Dank dafür, liebe M!

Freitag: „Ich freue mich total auf die Arbeit“, sagte die neue Kollegin. Die Freude ist ganz ihrerseits.

„Träume werden Stahl“, las ich auf dem Lieferwagen einer Schlosserei vor dem Werk. Das kennt wohl jeder Jüngling, wenn morgens nach dem Aufwachen … lassen wir das mal so stehen.

Nicht nur Jüng-, auch viele Ältlinge mögen in zustimmendes Nicken geraten, wenn sie lesen, was auf einem fahrbaren Burgerbräterstand stand: „Liebe geht durch den Wagen“.

Samstag: Haben Sie jemals vom unversöhnlichen Streit zwischen sogenannten One– und Two-Spacern gehört? Ich auch nicht. Bis heute, da mir der General-Anzeiger diesbezüglich die Augen geöffnet hat. Es geht dabei um die Frage, ob die Trennung von Sätzen jeweils durch ein oder zwei Leerzeichen zu erfolgen hat. Zweiteres habe ich noch nie gesehen. Jedenfalls ist es mir noch nie aufgefallen. Obwohl das eigentlich nicht zu übersehen ist. Sieht komisch aus, finden Sie nicht? (Ich kann es Ihnen hier leider nicht zeigen, weil WordPress den Doppel-Space augenscheinlich nicht akzeptiert.) Hiermit bekenne ich mich zum One-Spacer, trotz Anglizismusvermeidungsgebot, allerdings wüsste ich keine sinnvolle Übersetzung; „Ein-Leerzeichner“ erscheint wenig akzeptabel.

Ein Ärgernis ganz anderer Art sieht Frau Anje in Menschen, die anderer Leute Namen unbeabsichtigt, aber regelmäßig falsch aussprechen. Das kenne ich von meinem eigenen Nachnamen, der einfach genauso ausgesprochen wie geschrieben wird, dennoch glauben manche, ihm einen scheinbar polnischen oder sonstwie fremden Klang verleihen zu müssen: „Kubitzki“, „Kubitschi“ oder noch schlimmer. Ich nehme das niemandem übel, auch nicht beim zweiten oder dritten Mal. Danach sollte er es aber schon endlich begriffen haben. Ähnlich gleichmütig nehme ich es zur Kenntnis, wenn ich in Mails mit „Karsten“ angeschrieben werde, obwohl sich meine Eltern vor geraumer Zeit für die Schreibweise mit C am Anfang entschieden hatten. (Mein älterer Bruder wollte übrigens, dass ich Rainer heiße, mit a statt e an zweiter Stelle, aber das ist eine andere Geschichte). Nicht selten auch von Leuten, die mich schon sehr lange kennen und es nicht zuletzt durch meine Mailsignatur eigentlich wissen sollten.

Sonntag: Während Norddeutschland in Schnee und Eis versinkt, erlaubte das Bonner Wetter bei nur sehr leichtem Nieselregen und Temperaturen über dem Gefrierpunkt einen längeren Spaziergang mit Blick über den derzeit etwas ausufernden Rhein.

Auf dem Rückweg ließ dieses Plakat die Motivklingel meines Datengerätes anschlagen:

Es ist in zweifacher Hinsicht historisch: Die angekündigte Messe wird aus bekanntem Grund nicht stattgefunden haben, und die Godesberger Stadthalle gilt seit geraumer Zeit als einsturzgefährdet.

6 Gedanken zu “Woche 5: Wenn Frau Hahlweg genervt die Augen verdreht

  1. Meinen herzlichsten Glückwunsch nachträglich, lieber Carsten! Ich sehe, es gab Kuchen, das muss also ein schöner Tag gewesen sein.

    Leider gratuliere ich mehr als zwei Tage zu spät, du darfst mich also gerne aus deiner Liste streichen (soweit ich weiß, bin ich eh nicht drin, ha, reingelegt!).

    Viele Grüße
    Thomas

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  2. Wie schon so häufig auch diesmal ein herzliches Dankeschön für die erquickliche Frühstücksbegleitlektüre!
    Über den Sturmschneisenschnitt von Hr. Lehmann schütteln der Gatte und ich auch schon seit Längerem den Kopf (mit zunehmenden eigenen Zotteln, leider), vor allem das Pomadig-Hingebatzde (wie man hier in Bayern sagt) wundere ich mich, denn Haarwäsche ist ja trotz Lockdown weiterhin möglich. Nun ja, die Welt ist voller Rätsel.
    Den Thermoskannentrend kann ich nur bestätigen: auf einem kleinen Aussichtshügel im Oberland sah ich dieser Tage ca. 20 Ambulierende herumstehen und wirklich jeder hatte so einen Trinkpott in der Hand (und in der anderen zumeist ein essbares Plunderteilchen aus Togo-Land).
    Zu guter Letzt sei noch gesagt, dass ich Ihren Namensverhunzungsgroll teile: meine Dackeldame heißt ja „Pippa“, was m.E. nach jeder, der kein völliger Diktions-Depp ist, problemlos über die Lippen bringen sollte, aber im Bekanntenkreis gibt bzw. gab es fast eine Handvoll Menschen, die sprechend daraus „Pipa“ machen (mit extremer Überbetonung der ersten Silbe), und das seit Jahren.
    Die meisten davon grüße ich zwischenzeitlich mit „Halo“ – oder gar nicht mehr.
    Wünsche Ihnen eine angenehme Woche und sende herzliche Grüße aus München,
    N.

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