Woche 11: Kalte Abreise

Montag: Auf der Rückseite eines vor mir gehenden Menschen lese ich „Ihre Profis für Non-food-catering“. Was mag das sein? Stellen die Miettoiletten auf? Das wäre auf jeden Fall eine gelungene Umschreibung.

Dienstreise mit der Bahn nach Celle. „Wie zufrieden sind Sie heute mit uns?“, fragt eine Anzeige über dem Gang. Sehr, liebe Bahn, und das schreibe ich ohne Ironie. Dafür, dass Tief „Eberhard“ Ihnen gestern so richtig einen geblasen hat, weswegen noch heute die Züge zwischen Köln und Wuppertal umgeleitet werden und mich dadurch mir bislang unbekannte Stecken bereisen lassen, lief es gut. Der Zug war nicht sehr voll, ich hatte einen schönen Platz, von dem mich niemand verscheuchte, und niemand laberte mich voll. (Der hübsche junge Kerl schräg vor mir betextete stattdessen in ununterbrochenem Wortschwall das Mädel ihm gegenüber mit irgendwelchem Medizinzeugs. Manchmal möchte man ja aufstehen und sagen: „Verzeihung, könnten Sie mal für fünf Minuten den Mund halten? Sie merken es vielleicht nicht, aber seit Hagen reden Sie ununterbrochen.“ Macht man dann aber nicht. Offenbar gefiel es der Dame jedoch, denn kurz bevor sie in Bielefeld ausstieg, fragte sie nach seiner Telefonnummer, zum Abschied umarmten sie sich.)

Auch die Kopulation mit einem weiteren Zugteil in Hamm verlief ohne größere Komplikationen, das ist ja nicht selbstverständlich. Dass mein Zug mit über achtzig Minuten Verspätung in Hannover ankam – geschenkt, war ich doch eigentlich auf den Zug gebucht, der eine Stunde später fahren sollte (und seinerseits eine Stunde Verspätung hatte).

Warum machen die bei der Bahn so ein Gewese um das Unterhaltungsprogramm im Zug? Gebt mir einen Fensterplatz, und ich bin bestens unterhalten. Bei der Durchfahrt durch Bückeburg etwa frage ich mich, gibt es eigentlich Schwulenwitze, in denen dieser Ortsname vorkommt? Ich kann mir so etwas ja nie merken.

Dienstag: In der Nachlese zu meinem Rückblick der letzten Woche weist mich Herr Levin zu recht darauf hin, dass es das Genus heißt und nicht der, vielen Dank dafür! Wie nennt man so etwas, vielleicht „Ringfehler“? Auf jeden Fall sehr peinlich, gerade für einen selbsternannten Sprachpedanten wie mich.

Mittwoch: Wo wir gerade bei Ring und Genus(s) sind: Die Ringhotel-Kette, welche mir seit Montag in im übrigen sehr angenehmer Weise Obdach gewährt, wirbt mit dem Spruch „Echt HeimatGenuss erleben“. Aufgabe bis Freitag: Interpretieren Sie diese Aussage, gehen Sie dabei insbesondere auf die Bedeutung und das Genus des Begriffs „HeimatGenuss“ ein. Sollten Sie zu einem sinnvollen Ergebnis kommen, würde mich das sehr interessieren.

Und noch ein Genuss: Aufgrund günstiger Umstände habe ich am Abend doch noch Gelegenheit, die Lesung von Max Goldt im Beueler Pantheon zu besuchen. Obschon ich viele Bücher von ihm gelesen habe, zum Teil auch mehrfach, hatte ich ihn mir ganz anders vorgestellt, wobei ich gestehe, im Grunde (oder ehrlicherweise, wie es sich stattdessen in Businesskasperkreisen zunehmend durchsetzt) gar keine konkrete Vorstellungen über ihn als Person gehabt zu haben; vielleicht strenger, zickiger, so in der Richtung. Er wirkt indes sehr sympathisch, keineswegs allürenumhüllt, und ihm zuzuhören bereitet dieselbe Freude wie seine Texte zu lesen. Etwas gelernt habe ich dabei auch: Wenn jemand im Hotelzimmer stirbt, dann nach Einbruch der Dunkelheit diskret durch den Hintereingang aus dem Gebäude geschafft wird, dann spricht man in Hotelfachkreisen von einer „kalten Abreise“.

Donnerstag: Der Kölner Helmut Schmidt ist der Meinung, Rosenmontag müsse ein landesweiter Feiertag werden, deshalb hat er eine Petition gestartet. Das Anliegen halte ich für unterstützenswert. Wenn Sie derselben Meinung sind, können Sie sich hier beteiligen: https://www.openpetition.de/petition/online/rosenmontag-gesetzlicher-feiertag-in-nrw

Freitag: Den größten Teil des Arbeitstages verbringe ich in einem Training, wo sich zwei Trainer wirklich Mühe geben, mir beizubringen, wie man noch schönere Powerpoint-Präsentationen erstellt. Zudem lassen sie die Teilnehmer wissen: Der eine kocht gerne und macht viel Sport, der andere liebt es, zu reisen und Ski zu fahren. Warum erzählen sie das fremden Leuten? Wer will das wissen?

Bei Rückkehr aus dem Werk röhrt in unserer Straße ein Porsche an mir vorbei. Als ob es nicht schon lächerlich genug wäre, in einer Tempo-Dreißig-Straße einen Porsche aufbrausen zu lassen, ist der Wagen zudem auch noch pink-metallic lackiert.

Auszug aus dem Artikel im General-Anzeiger über die Lesung von Max Goldt:

„Die Tatsache, dass er […] einer erwartungsvollen Menge gegenübersitzt, quittiert der in Berlin lebende Schriftsteller und Musiker mit nahezu stoischer Gelassenheit. Eruptive Gefühlsausbrüche sind seine Passion nicht. Seine Texte leben vielmehr von der feinen Zeichnung und dem Vertrauen des Kenners in die Komik einer Situation. […] Doch hat Goldt den Abend textlich schon vollends durchgeplant, um sich auf leise-süffisante, aber nicht minder wirkungsvolle Art und Weise an sprachlich Oberflächlichem und Lieblosem zu reiben. […] Seiner Aversion gegen Floskeln gibt Goldt unleidlich in der Sache, aber freundlich-distinguiert im Ton Ausdruck. […] Gelegentlich erreichen seine sarkastischen Spitzen fast schon Loriot-Qualität. Welche Auswirkung mag also die Kleidung des Schriftstellers auf die Qualität seines Textes haben? Und muss man das als Leser wissen?“

Ich bin mir sicher, schon daraus gelänge es ihm mühelos, wieder einen ausgezeichneten Text zu komponieren.

Samstag: In seiner Kolumne im General-Anzeiger zum ewigen Streitthema gendergerechte Sprache schlägt Wolfgang Pichler vor, statt der End-X, Binnen-I, -Unterstriche und -Sternchen und was es diesbezüglich sonst noch an unschönen und unaussprechlichen Varianten gibt, das sogenannte „Edelmann-i“ zu verwenden, das von der (mir unbekannten, aber das heißt ja nichts) Autorin Gitta Edelmann stammt. An Begriffe, die geschlechtsneutral zu verstehen sind, wird ein „-i“ angehängt, z.B. „Lehreri“, „Sängeri“, „Verkäuferi“, „Hosenträgeri“ und so weiter. Zwar auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber damit könnte ich mich auf Dauer durchaus anfreunden. Vielleicht wäre dann auch die klagende Sparkassenkundi(n) mit der Welt versöhnt.

Sonntag: „Ein zentrales Anliegen allen menschlichen Strebens sollte es sein, Gewalt zu verhindern“, wird der Anthropologe Richard Wrangham im aktuellen SPIEGEL zitiert. Dem ist fürderhin nicht zu widerraten.

2 Gedanken zu “Woche 11: Kalte Abreise

  1. Das mir bis vor ca. 30 Sekunden noch unbekannte Edelmann-i klingt wahlweise wie der Diminuitiv eines Schweizer Dialekts aus einem sehr abgelegenen Bergtal oder der Erzählweise einer hoffentlich noch lernfähigen Zweijährigen.

    Grundsätzliche Überlegungen dazu: Müsste das korrekte Genus dann aber nicht sächlich sein, will heißen, es müsste das Sparkassendkundi heißen? Sollte man mich jemals als ein solches ansprechen, werde ich umgehend die Bank wechseln.

    Gefällt 1 Person

    • Ich gebe zu, dass ich den Begriff „Diminuitiv“ nachschlagen musste. Ihre Einschätzung diesbezüglich teile ich.
      Das mit dem Genus ist grundsätzlich ebenfalls richtig. Da es sich in diesem Fall indes um eine konkrete Dame handelt, schien mir der Artikel „die“ angebracht. Ein Grund zum Bankwechsel wäre es auf jeden Fall.

      Gefällt 1 Person

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