Über Selbstgespräche

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ – so das erste Axiom des bekannten Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Besonders deutlich wird dies am Rheinländer: Er redet, wo er geht und steht, wobei die Theorie, dass Kommunikation stets von einem Sender an einen Empfänger gerichtet ist, bei ihm eine eher untergeordnete Rolle spielt; er schwaad* vor sich hin, egal ob gerade jemand zuhört oder es gar jemanden interessiert, die reine Geräuschentwicklung steht im Vordergrund, Stille macht ihm Angst.

Das Gegenteil vom Rheinländer ist der Ostwestfale. Er redet ungern und nur das nötigste, wodurch ihm – völlig zu unrecht – der Ruf der Sturheit und Unnahbarkeit anhaftet. Ich bin Ostwestfale, daher schon von Natur aus kein Freund des gesprochenen Wortes, erst recht nicht morgens vor neun. Meine Kollegen wissen das, selbst die Rheinländer unter Ihnen bringe ich mit meiner frühen Einsilbigkeit zum Schweigen.

Ganz anders jedoch, wenn ich mich alleine wähne, dann sprudeln sie aus mir hinaus, die Worte, gar ganze Sätze, die so lange in meinem Westfalenhirn gefangen waren, gleichsam als habe eine unsichtbare Hand die Tore der Schweigeschleuse geöffnet. Das kann überall sein: unter der Dusche, im Bett, im Büro, auf dem Klo, auf der Straße oder im Auto. Auch die inhaltliche Bandbreite der freigesetzten Verbalemissionen ist mannigfach: vom Liedtext, den das Ohr morgens im Radio aufgeschnappt hat – gerne auch sehr frei und sehr falsch vom englischen ins deutsche übersetzt, zum Beispiel „schau nicht zurück in Enger, hörte ich sie sagen…“, über Beschimpfungen des soeben am Telefon verabschiedeten Gesprächspartners, Kommentierung der gerade ausgeübten Tätigkeit (besondere Vorsicht auf dem Klo), ständige Wiederholung der soeben ergangenen Ermahnung des Chefs, seinen Tonfall und seine Stimme persiflierend, eine sinnlose Werbebotschaft, bis hin zu einer jäh und grundlos erinnerten Gedichtzeile; erlebtes, geträumtes, aus dem Zusammenhang gerissenes, ausgedachtes, absurdes, vergangenes, künftiges, kritisches, mitunter peinliches.

Man kann nicht nicht kommunizieren? Ich kann es, mangels Empfänger sogar sehr wortreich. Herr Watzlawick hätte seine Freude an mir und müsste seine Axiome überdenken.

Übrigens: In letzter Zeit passiert es mir immer häufiger, dass jemand von nebenan fragt: „Was hast du gesagt?“ und ich die Situation durch ein hingemurmeltes „Ach nichts, ich habe nur laut gedacht“ zu retten versuche, während ich nach einer halbwegs plausiblen Erklärung suche, warum ich gerade „Fischers Fitz fickt frische Frösche“ laut denke. Entweder altersbedingte Unaufmerksamkeit oder eine schleichende Verrheinländerung. Aber vielleicht hatte Watzlawick ja doch recht.


* schwaade: kölsches Verb für schwätzen

Ein Gedanke zu “Über Selbstgespräche

  1. Mit Watlawick kanste mich jagen … spätestens seitdem in einem früheren Lebensabschnitt jede Menge vermeintlich Gleihgesinnte auf mich zugekommen sind mit dem Satz „Dann behalt doch deinen Hammer, du Arschloch!“ Die waren alle von oben mittels Watzlawick indoktrniert. Denn diesem Ausruf lag eine Geschichte von Watzlawick zugrunde. Wer sie lesen will, braucht nur die Stichworte Watzlawick und Hammer bei Google einzugeben.

    Ich persönlich bin skeptisch … durchaus auch bei allem anderen, was Monsieur W. so von Stapel gelassen hat. Bestenfalls würde er sich – sofern er bereits tot ist – vermutlich im Grabe umdrehen, wüsste er, wofür seine literrischen Ergüsse so instrumentalisiert und missbraucht werden. Und falls er noch am Leben ist, leidet er vielleicht umso mehr darunter. Wenn er einer Krankenschwester erzählt, ihm gehe es schlecht, muss er sich immerhin die Frage gefallen lassen, ob er sich das nicht vielleicht doch nur einbildet. Nennt mich Sadist … aber diese Lebenssituation gönne ich vor allem Watzlawick von Herzen.

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