Woche 11/2026: Alles Gute

Vorwort: Das war eine sehr ungewöhnliche Woche. Die nächste wird hoffentlich wieder etwas gewöhnlicher.

Montag: „Sonne an – Brille auf“ wirbt der bekannte Optikdiscounter per Plakat für Sonnengläser, wie ich morgens während der Radfahrt zum Büro sah. Ob der Rheinländer das versteht, ist fraglich, setzt er doch keine Brille auf, sondern zieht sie ebenfalls an; gleiches gilt (oder galt, als man sie noch benutzte) für Krawatten und Mützen, vermutlich auch für Hörgeräte und Kondome, wobei ich bei letzteren nicht sicher bin, was der Außerrheinische sagt, sofern es währenddessen erforderlich ist, etwas zu sagen. Das war für mich, als ich nach Bonn zog, zunächst gewöhnungsbedürftig, so wie für den Rheinländer die von mir gestellte, ostwestfälische Frage „Wo kommst du wech?“.

Nach Ankunft im Büro hatte mein Rechner zunächst Startschwierigkeiten, nach dem Einschalten erschien erst wieder nur der Sicherheitswolf auf dem Monitor, siehe letzte Woche Mittwoch, sonst passierte nichts. Erst nach zweimaligem Aus- und wieder Einschalten fuhr er hoch. – Während einer Teams-Besprechung mit eingeschalteten Kameras erschrak ich etwas über mein eigenes, ziemlich zerknittertes Antlitz. Wie ein anschließender Spiegelblick ergab, war es indes nicht zerknitterter als üblich. Man wird nicht jünger. Zum Glück.

Ob es ebenfalls eine altersbedingte Zerfallserscheinung ist, weiß ich nicht, jedenfalls begann nachmittags der linke Ellenbogen zu problematisieren. Zunächst nur ein Stechen, wenn ich ihn auf der Schreibtischplatte ablegte, später schwoll er an, bis zum Abend wuchs ein respektables Ei mit Puddingfüllung, das bei Berührung schmerzte.

Der Geliebte schickte Fotos davon an seinen Hausarzt, der noch am Abend anrief und aus der Ferne eine Schleimbeutelentzündung diagnostizierte. Außerdem empfahl er, ein Krankenhaus aufzusuchen und schilderte detailliert, was dort alles gemacht werden muss, woraufhin mir etwas flau wurde. Hilft ja nix – der Liebste fuhr mich zur Notaufnahme, wo nach kurzer Wartezeit die Diagnose bestätigt wurde. Außerdem wurde Blut abgenommen und der linke Arm mit einer Gipsschiene ruhig gestellt, dann durfte ich wieder nach Hause. Morgen wird operiert, mit Vollnarkose, man würde sich melden. Trotz Gips und Gedanken an die erste Vollnarkose meines Lebens schlief ich ganz gut und schmerzfrei.

Dienstag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr schon durch eine vergleichsweise harmlose gesundheitliche Beeinträchtigung alles andere in den Hintergrund rückt. Doch möchte ich Sie nicht unnötig damit behelligen, empfinde ich es doch selbst zumeist als lästig, wenn andere ihre Krankheiten detailliert vor mir ausbreiten. Für heute nur so viel:

Morgens rief die Dame vom Krankenhaus an und teilte mir mit, die Operation werde erst am Donnerstag durchgeführt. Morgen früh solle ich bitte erscheinen für weitere Untersuchungen und Informationen. Mittags schaute sich der Hausarzt den Ellenbogen an und meinte, auf den Bildern hätte es schlimmer ausgesehen. Allerdings müsse ich wohl zwei Wochen diese Gipsschiene tragen, an die ich mich langsam gewöhne. Das An- und Auskleiden mit steifem Arm gelingt schon ganz gut, es dauert nur alles etwas länger. Das Schreiben auch, wie Sie sehen. Duschen wird überbewertet.

Apropos Schreiben: Im Briefkasten lag heute eine Postkarte aus einem Zug nach Betzdorf, aus Dessau erreichte mich eine ausführliche Mail, deren Absender sich lobend über dieses Blog äußert. Vielen Dank dafür, über beides freue ich mich sehr.

Der Geliebte schaut unterdessen auf Instagram Filmchen über Bestattungen und Einäscherungen und teilt sie mit mir. Sein Humor.

Mittwoch: Die Vorbesprechungen im Krankenhaus morgens liefen ohne größere Wartezeiten; kaum saß ich mit meinem Wartemärkchen und begann was zu lesen, wurde schon meine Nummer aufgerufen. Zahlreiche Unterschriften waren zu leisten – unter was, wollte ich gar nicht so genau wissen – und viele Fragen zu beantworten, einige mehrfach, auch solche, die ich bereits am Montagabend in der Notaufnahme beantwortet hatte. Sicher ist sicher.

Morgen um elf ist es dann so weit. Ich bin zuversichtlich, dass alles gut läuft. Wenn nicht, war das vielleicht der letzte Eintrag in diesem Blog. In diesem Fall wünsche ich Ihnen alles Gute und bedanke mich, dass Sie hier gelesen haben.

Donnerstag: Das Leben geht weiter. Auf dem Fußweg durch die vertraute Innenstadt zum Krankenhaus beschlich mich der Gedanke: Vielleicht gehe ich hier jetzt zum letzten Mal. Vielleicht ergibt sich während der Operation eine unvorhergesehene Komplikation, wildes Ärztegeschrei, Wir verlieren ihn, hektische Herzmassage, schließlich der finale Dauerpiepton und die Decke wird über das Gesicht gezogen, man kennt es aus Filmen. Interessanterweise war der Gedanke nicht begleitet von Angst, sondern von einem wohligen Gruseln. – Vermutlich war ich auf dem Weg ins Krankenhaus, bin ich auf den täglichen Wegen zum Büro und zurück stets größeren Gefahren ausgesetzt, man denkt nicht immer rational.

Nachdem mir mein Bett zugewiesen wurde, kam eine Schwester (heißt das noch so?), um meinen Blutdruck zu messen. Während des Messens ließ mich ein allgemeines Aufbrausen der Geräte erschrecken. Dass er hoch war, hatte ich aufgrund der ganzen Aufregung erwartet, dass deswegen gleich die Sirenen aufheulen, erschien mir übertrieben. Es war dann nur der für elf Uhr angekündigte allgemeine Probealarm.

Danach das große Warten auf die Operation, mit wachsender Nervosität. Da es mir in solchen Situationen nicht gelingt, mit Erkenntnis oder wenigstens Unterhaltung etwas zu lesen und ich auf einen Film keine Lust hatte, schaute ich mir auf dem iPad Bilder von gemachten Urlauben und Wanderungen an. Was gibt es besseres, als in schönen Erinnerungen zu schwelgen, wenn vielleicht das Ende naht. Erst drei Stunden nach Bettbezug kam die schwesterliche Anordnung, das bereitliegende OP-Kleidchen und -höschen anzuziehen, dann rollten zwei Pfleger das Bett mit mir darin in den OP-Bereich.

Warten

Die Einschläferung war eine interessante Erfahrung, jedenfalls so lange, bis ich weggetreten war, vor allem das vorab verabreichte Beduselungsmittel, das innerhalb von Sekunden einen Rausch erzeugte wie der Verzehr einer Flasche Jägermeister in Verbindung mit dem Dauerinhalieren von Rush Ultra Strong, nur ohne die unangenehmen Nach- und Nebenwirkungen. Das Personal ist sehr freundlich, wobei ich die Frage des jungen Anästhesie-Assistenten, ob ich Enkel hätte, etwas befremdlich fand. Die Frage nach Kindern bin ich gewohnt, aber Enkel, ich muss doch bitten. Außerdem wurde ich vom Anästhesisten nochmals nach Dingen befragt, die ich zuvor schon mehrfach beantwortet hatte.

Kurz darauf wachte ich schon wieder auf. Erster Gedanke: Haben sie mich geweckt, weil sie eine bereits beantwortete Frage nochmals zu fragen vergessen hatten? Vielleicht nach Allergien? Allergisch reagiere ich nur auf ständiges Wiederholen von bereits gesagtem. Doch nein, sie waren bereits fertig. Die Operation verlief offenbar zufriedenstellend,

Nun liege ich im Zimmer, zusammen mit einem bis jetzt angenehmen Zimmergenossen, tippe einfingrig diese Zeilen ins iPad und genieße es, wie die Anspannung der letzten Tage sich auflöst. Auch wenn die zwei angeschlossenen Schläuche, der rechte führt eine klare Flüssigkeit aus einer Tropfflasche in den rechten Handrücken, der linke eine rötliche aus der Wunde in einen Behälter neben mir ab, die Bewegungsfreiheit noch beeinträchtigen.

Freitag: Die Nacht war recht angenehm, auch wenn die weiterhin angebrachten Schläuche etwas nervten. Angenehm auch weiterhin mein Zimmergenosse, ein freundlicher junger Mann nach einem Sportunfall, nicht nur wegen seines erfreulich geringen Gesprächsbedarfs bei Tag, auch schnarchte er überhaupt nicht. Das lauteste Geräusch der Nacht war, als ich den Drainagebehälter aus dem Bett stieß und er zu Boden polterte. Außerdem kam zweimal die Nachtschwester und wechselte bei mir die Tropfflasche.

Mehrfacher nächtlicher Harndrang musste in die dafür vorgesehene Bettflasche abgeführt werden, da ich wegen der Schläuche nicht die Toilette aufsuchen konnte. Das ist erst ungewohnt, geht aber, wenn man (Achtung: Wortspiel) den Bogen raus hat, sehr gut. Als Mann ist man da wohl im Vorteil (denken Sie sich hier gerne einen Satz, in dem zweimal das Wort Rüssel vorkommt), ich weiß nicht, wie das für Frauen gelöst ist und gebe zu, es gar nicht so genau wissen zu wollen.

Gegen 8:30 Uhr ist Weckzeit, das finde ich ganz moderat. Von Schläuchen befreit, kehrte auch eine gewisse Bewegungsfreiheit zurück, die ich zum Zähneputzen nutzte; die gewohnte Körperpflege kommt sehr kurz in dieser Woche.

Während der Bettnachbar heute entlassen wurde, darf ich entgegen der ursprünglichen Planung noch ein bis zwei Tage bleiben, irgendetwas im Blut bedarf auf Anweisung des Chefarztes noch der Behandlung durch Antibiotikum. Das hatte ich mir anders erhofft, doch ist es nicht zu ändern. Also bemühe ich mich, es positiv zu sehen: Ich habe keine Schmerzen, genug zu Lesen, Zeit zum Schreiben (das hier), ein Bett am Fenster, werde gut ver- und umsorgt, und wenn ich Glück habe, habe ich das Zimmer wegen des bevorstehenden Wochenendes für mich alleine. Das wäre von Urlaub fast nicht zu unterscheiden.

Samstag: Ich darf einen weiteren Tag bleiben, eröffnete der Arzt mir am Morgen, da mir noch mehrere Portionen des Antibiotikums eingetropft werden sollen. Ansonsten zeigte er sich mit dem Arbeitsergebnis seiner Kollegen sehr zufrieden.

So tröpfelte auch dieser Tag vor sich hin mit viel Liegen und Lesen, unter anderem das kürzlich erstandene Buch „Können Sie mich sehen?“ von Martin Suter, ich erwähnte es. Bislang gefällt es mir gut und es hebt das eine und andere Mal die Mundwinkel.

Ansonsten regnete es die meiste Zeit des Tages. Um wenigstens etwas Bewegung zu bekommen, begab ich mich nachmittags in die Wahlleistungslounge ein Stockwerk höher, allein schon wegen des tollen Wortes. Diese ist nur Privatpatienten und Selbstzahlern wie mir über einen mitgeteilten vierstelligen Code zugänglich, ich fühle mich privilegiert. Dort kann man in recht gemütlichen Sesseln sitzen (es sei denn, man trägt wie ich eine Gipsschiene am Arm), es gibt kostenlos Kaffeespezialitäten aus dem Automaten und Kaltgetränke, selbstverständlich alkoholfrei. Ich trank ein Malzbier, danach begab ich mich zurück in mein Zimmer, das ich weiterhin für mich alleine habe und machte ein Nachmittagsnickerchen, Nichtstun macht auch müde. Vom Zimmer nebenan war leise der Fernseher zu hören oder eine dauerredende Patientin oder Besucherin; wahrnehmbar, aber nicht störend.

Ich freue mich auf zu Hause, meine Lieben, einen Spaziergang und ein Bier. Morgen hoffentlich.

Fensterblick

Aus der Symbolbildhölle (alle aus General-Anzeiger Bonn online):

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Sonntag: Wie erhofft erhielt ich morgens den Entlassungsbrief und konnte mittags ohne Schmerzen und mit einem Schleimbeutel weniger als bei Ankunft am Donnerstag gehen. Das verband ich sogleich mit einem ersten kleinen Spaziergang durch die Stadt nach Hause. Dort wurde die fortgeschrittene körperliche Verwahrlosung beendet, indem der geschiente Arm mit einem Plastikschlauch verhüllt und der Rest gründlich einem assistierten Brausebad unterzogen wurde, das tat gut. Nachmittags unternahmen der Liebste und ich einen Spaziergang an den Rhein, wo aufgrund des wieder sonnigen Wetters viele Menschen flanierten. Das macht nichts, Alleinzeit hatte ich genug in den vergangenen Tagen. Wobei, so allein war ich da nicht, Tag und Nacht kamen welche ins Zimmer, um Blutdruck und Temperatur zu messen, Blut abzunehmen, den Verband zu erneuern, Essen zu bringen, einen neuen Tropf anzuschließen. Was so gemacht werden muss im Krankenhaus, es ist ja kein Hotel.

So komme ich zu dem Punkt, all diesen Menschen im Petrus-Krankenhaus, die mich in den letzten Tagen gut versorgt haben und die dabei stets sehr freundlich waren, danke zu sagen. Viele von ihnen sind keine Deutschen im Sinne von Frau Weidel, und ich möchte mir nicht vorstellen, was es zur Folge hätte, wenn die absurden Phantasien dieser Partei Wirklichkeit würden.

Bis der Arm wieder uneingeschränkt funktioniert, wird es noch einige Zeit dauern. Das heißt, in den nächsten Wochen kein Sport, nicht radfahren, keine Wanderungen, keine Musikproben, nichts schweres heben. Kommende Woche bin ich weiterhin krankgeschrieben. Mit all dem hätte ich nicht gerechnet, als am Montagnachmittag der Ellenbogen zwickte.

Ich bin zuversichtlich, heute Abend auch noch ein Bier zu trinken.

Spaziergangssichtung in der Inneren Nordstadt

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Vielen Dank für Aufmerksamkeit, kommen Sie gut und möglichst unversehrt durch die Woche.

19:00

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