Wegweisend

Früher war Reisen ein Abenteuer, man wusste nie ganz genau, wann und wo man ankam. Das ist heute anders: dank moderner Navigationsgeräte setzen wir uns ohne die Mühen des vorherigen Kartenstudiums ins Auto, geben das Ziel ein, und schon weist uns eine freundliche Frauenstimme den Weg. Warum es fast ausschließlich Frauenstimmen sind, darüber lässt sich nur mutmaßen, vielleicht haben Damen etwas überzeugenderes an sich als Herren, ich weiß es nicht.

Dass es dennoch nicht von Nachteil ist, wenigstens ungefähr zu wissen, wo man sich befindet, zeigen immer wieder eindrucksvoll Berichte über Fahrer, die der Anweisung von Frau Navi „Bitte jetzt links abbiegen“ allzu hörig folgten und sich plötzlich in einem Schaufenster, einem U-Bahn-Schacht oder einem Hafenbecken wieder fanden. Wobei, als von Natur aus konfliktscheuer Mensch habe ich Verständnis für diese Vorfälle: Fahre ich einmal nicht so, wie Mutti es ansagt, weil ich glaube, es besser zu wissen, erscheint vor meinem geistigen Auge eine Dame, die irgendwo vor einem Bildschirm sitzt und laut flucht „Warum tut dieser Idiot jetzt nicht, was ich sage?“. Umso mehr erstaunt mich immer wieder ihre Geduld und gleichbleibende Freundlichkeit nach meinem eigenmächtigen Tun.

Manchmal wache ich nachts auf und kann nicht sofort wieder einschlafen. Dann kommen mir interessante bis absurde Ideen, etwa diese: Wie wäre es, wenn es ein Navigationsgerät für den eigenen Lebensweg gäbe? Antwort: schrecklich wäre das. Allein schon die Zieleingabe würde mich vor eine unlösbare Aufgabe stellen. Was sollte ich eingeben, vielleicht mein Berufsziel? Als Kind wäre das noch einfach gewesen: Lokführer, wenig später („Die Route wird neu berechnet“) Polizist, Müllwagenfahrer, Pastor oder Zauberer; noch später vielleicht Fabrikant oder Schriftsteller. Niemals jedoch hätte ich das eingegeben, was ich heute bin: Senior Specialist, man kann es ja kaum aussprechen! Nicht dass ich meinen Job nicht mag, ich mag ihn sogar sehr gerne, weiß auch meistens, was ich dort tue und wofür mir das Unternehmen monatlich einen beachtlichen Betrag überweist, aber verlangen Sie bitte nicht, dass ich Ihnen das erkläre, dann wird es nämlich schwierig!

So lange Frau Navi mir den Lebensweg weist mit Ansagen wie „Bitte der Straße sehr lange folgen“ oder „Bitte demnächst rechts abbiegen“, läuft alles gut, sofern sie das mit dem rechts abbiegen nicht politisch meint und die Kurve nicht zu scharf ist. Bedenklicher sind dann schon Weisungen wie „Wenn möglich, bitte wenden“ oder „Bitte den Kreisverkehr verlassen“. Auch „Aufgrund von Verkehrsstörungen wird die Route neu berechnet“ erscheint wenig ermutigend.

Was jedoch am meisten gegen das Lebens-Navi spricht, ist die Anzeige der voraussichtlichen Ankunftszeit. Wer möchte schon so genau wissen, wann er angekommen ist, für ihn das Licht ausgeht, die Grube gähnt? Nein, da lasse ich mich lieber überraschen und lebe noch etwas vor mich hin, bis es heißt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“.