Über Glück und Gehen

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In diesen Tagen und Wochen scheint sich alles um das Thema Glück zu drehen: Die Deutsche Post kartografiert das Glück in ihrem Glücksatlas, wonach die zufriedensten Menschen in Schleswig-Holstein leben, die unglücklichsten in Brandenburg; wir Rheinländer sind mit Platz zwölf auch nicht gerade auf Rosen gebettet, woran man wiederum erkennt, dass der Karneval völlig überbewertet wird.

Und die ARD fragte in einer Themenwoche die Menschen, was für sie Glück bedeute. Nicht verwunderlich – so unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich waren die Antworten, die etwa Singen, Sport, Kinderlachen, Kunstgenuss und Musik als Glücksgenerator nannten, ein jeder hat da wohl seine eigenen Glücklichmacher.
Wer mag, kann die Fragen der ARD für sich beantworten (und gerne hier als Kommentar hinterlassen):

– Was bedeutet für Sie „Glück“?
– Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?
– Wann ist Ihnen ein „großes Glück“ begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?
– Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Auch ich hatte heute einen Glücksmoment. Dieser bestand aus einem schlichten Spaziergang, der mich durch die Bonner Altstadt an den Rhein und durch die Nordstadt zurück nach Hause führte, wo mich bereits ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee erwarteten. Das besondere daran: es war der erste Spaziergang nach meiner Fußoperation, daher noch langsam und etwas humpelig. Aber vielleicht war es gerade diese erzwungene Langsamkeit, die meinen Blick für einige schöne Dinge links und rechts des Weges geschärft hat. Auch das Novembergrau vermochte mein Glücksempfinden nicht zu trüben. Sehen Sie selbst:

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In diesem Sinne – was Sie auch gerade
tun oder vorhaben: Ich wünsche Ihnen Glück!

Für immer dein

Wir haben uns getrennt, warum, weiß ich nicht. Trotzdem wohnen wir immer noch zusammen in dieser Wohnung. Ich bin jetzt mit diesem blonden jungen Typen zusammen, Bernd oder Guido oder was weiß ich wie der heißt; wir knutschen wild verliebt auf dem Sofa, während du daneben sitzt. Es fühlt sich so falsch an, ich will das nicht, ich will dich zurück.

Ich wache auf, draußen ist es noch dunkel, du liegst neben mir, dein regelmäßiger Atem erfüllt die Stille. Du bis da, bei mir. Glücklich schlafe ich wieder ein. Träume können so scheiße sein. Und doch so schön, wenn man im richtigen Moment aufwacht.

Eigentlich wunschlos glücklich

Meine persönliche Lebenssituation ist, zusammengefasst, mit „wunschlos glücklich“ wohl ganz gut beschrieben. Ja, mir fällt in der Tat nichts ein, was, wenn es käme beziehungsweise wegfiele, meine Zufriedenheit dauerhaft zu steigern vermöchte: kein Geldgewinn, keine neue Liebe, kein Abenteuer, keine große Reise, auch nicht ein neuer Job; nichts könnte mich glücklicher machen, als ich bin. (Na gut, weniger krumme Füße vielleicht, aber irgendwann hätte ich mich auch an die gewöhnt.)

Und doch – manchmal habe ich diesen Traum:

Ich bin jung, um die fünfundzwanzig, und studiere, vielleicht Chemie, Architektur oder Literatur, egal, Hauptsache nicht Medizin, Jura oder BWL.

Mit zwei anderen Jungs wohne ich in einer WG in der Altstadt; abends sitzen wir in unserer Küche, essen Pizza, trinken Bier, rauchen was, nennen uns gegenseitig „Alda“, dann reden wir bis in die Nacht über Fußball und Frauen oder zocken Computerspiele. Mein gesamtes Zeugs findet locker Platz in meinem WG-Zimmer, oder in einem Kleintransporter, wenn ich umziehen muss. Und das muss ich irgendwann, aber noch nicht. Auf dem Dachboden bei meinen Eltern liegt auch noch einiges, zum Beispiel meine früher so geliebte Carrera-Bahn. Muss ich irgendwann mal holen, aber das hat Zeit.

Nur selten rasiere ich mich, laufe meistens mit einem Dreitagebart herum; meine Haare trage ich mittellang und kümmere mich nur wenig um die Frisur. Erst wenn es gar nicht mehr geht, gehe ich zum türkischen Zehn-Euro-Frisör um die Ecke und lasse sie ganz kurz schneiden, sechs Millimeter. Meine Kumpels ziehen mich gerne auf wegen meiner starken Brustbehaarung, aber das ist nur der Neid der kindlich-glatten. Meine Freundin fährt voll darauf ab. Alda…

Meine Jeans trage ich tief, so dass die Boxershorts über den Bund hinausschauen. Im Sommer laufe ich in T-Shirt, Shorts und Flip Flops durch die Stadt. Mit den Jungs verbringe ich viele Stunden im Freibad oder auf der Wiese im Hofgarten, flirte lieber mit den Mädels auf der Decke nebenan, statt für die Klausur zu lernen.

Ich bin sportlich aktiv, laufe dreimal die Woche, gehe regelmäßig zu McFit, und samstags treffen wir uns zum Bolzen im Hofgarten. Wir schauen Bundesliga in der WG, WM und EM beim Rudelgucken in der Kneipe, manchmal fahren wir ins Stadion. Ein Leben ohne Fußball ist für mich nicht vorstellbar.

Mein bester Freund kennt mich schon sehr lange und sehr genau, wir lachen über denselben Scheiß, während die anderen sich fragen, was daran jetzt lustig ist; wir haben denselben Musik- und Filmgeschmack, manchmal labern wir stundenlang nur in Filmzitaten. Er ist da, wenn ich scheiße drauf bin, Stress mit dem Studium oder der Freundin habe, und er tritt mich in den Arsch, wenn ich nicht aus dem Quark komme. Seine direkte Ehrlichkeit ist manchmal brutal, aber wäre er sonst mein bester Freund?

Meine Freundin. Sie ist der beste Kumpel von allen. Klar, manchmal schaue ich schon anderen Frauen hinterher, dann sagt sie Sachen wie „Meine Titten sind dicker“, anstatt rumzuzicken. Wir haben viel und ziemlich versauten Sex, auch an ungewöhnlichen Orten, in der Zugtoilette, im Maisfeld oder im Kino, als wir fast alleine in der Vorstellung sind. Sie will ständig, ich kann fast immer. Manchmal schauen wir zusammen Pornos, anschließend filmen wir uns beim Ficken und stellen es hinterher bei Youporn ein. Es ist einfach geil mit ihr.

Dann endet der Traum. Ginge er weiter, dann vielleicht etwa so:

Vor mir liegen massenhaft Klausuren, Hausarbeiten und Prüfungen, für die ich was tun muss, erst noch in sicherer Entfernung, doch je näher sie rücken, desto hektischer und panischer werde ich, und hinterher frage ich mich, für was ich das alles gelernt habe.

Völlig offen ist, wovon ich mal leben werde. Werde ich, nach unzähligen Bewerbungen und Praktika, einen Job finden, für den sich das Studium gelohnt hat, der gut bezahlt ist und Spaß macht? Oder werde ich mich von einem Aushilfsjob zum nächsten hangeln, kann gerade mal meine Einzimmerwohnung in einem heruntergekommenen düsteren Plattenbau bezahlen?

Aber vielleicht läuft es ja gut, ich ziehe mit meiner Freundin zusammen, hundert Quadratmeter Vierzimmer Altbau renoviert im Musikerviertel. Irgendwann wollen wir nicht mehr im Aufzug und für Youporn vögeln, sondern wir wollen Kinder, denen wir dann so Namen wie Maximilian und Paula geben, und ohne es zu merken, habe ich bald auch diesen unerträglich süßen Tonfall junger Väter drauf, wenn ich mit ihnen spreche.

Mit Ende dreißig wohnen wir in einem Haus inmitten vieler ähnlicher Häuser in der Neubausiedlung vor der Stadt, haben zwei Kinder und einen Hund; samstags mähe ich den Rasen, wie alle hier, sonntags besuchen wir die Schwiegereltern, damit sie uns wohlgesonnen bleiben und auf die Kinder aufpassen, wenn wir mal in Ruhe ins Restaurant oder Kino wollen. Ohne zu vögeln freilich.

Dann wache ich auf und bin froh, dass es nur ein Traum war. Dann bin ich wieder wunschlos glücklich.

Nachtfalter

Manchmal möchte ich schreiben, schreien, die Wörter aufs Papier brüllen, nachts, wenn ich aus einem Traum aufgewacht bin und nicht wieder einschlafen kann, irritiert, oder erleichtert, oder enttäuscht, je nach Traum; dann möchte ich alles aufschreiben, all die Gedankensplitter, die in meinem Kopf schwirren, ziellos, gefangen wie die bunten Schmetterlinge, die ich als Kind in ein Marmeladenglas einsperrte, mit Löchern im Deckel, damit sie nicht erstickten, dennoch irgendwann zu flattern und leuchten aufhörten, bis ich sie frei ließ, vielleicht aus Mitleid, ich weiß es nicht mehr.

Statt Tagpfauenauge nun Nachtfalter: diffuse, unkonkrete Angst, vor dem Älterwerden, dem Versagen, beruflich, menschlich, körperlich; eigene Unzulänglichkeiten, Makel, gehasst seit frühester Jugend, nie akzeptiert; meine Mittelmäßigkeit; Freundschaften, die vergehen, weil ich sie nicht pflege, mich nicht mehr melde, wie ein Blumentopf, den ich nicht mehr gieße; das Glück, mein Glück, das schon so lange währt, scheinbar unendlich, und das doch eines Tages enden wird, so wie der Tod das Leben beschließt, irgendwann, vielleicht schon morgen, vielleicht erst in fünfzig Jahren, ich weiß es nicht, will es nicht wissen; der Tod: mein eigener, schlimmer: der eines geliebten Menschen; vielleicht kommt er rasch, „plötzlich und unerwartet“, vielleicht kündigt er sich lange vorher an, schleichend, siechend, schwindendes Glück bis zum Ende.

Dann, die Nachtfalter, eben noch wild flatternd, lösen sich plötzlich auf wie kleine weiße Wolken im blauen Mistral-Wind, von einer auf die andere Sekunde sind sie fort, kurz vor dem Schlaf.

Das alles möchte ich aufschreiben, manchmal. Doch dann, am Abend, vor der Nacht, sitze ich an meinem Schreibtisch und mir fällt nichts ein, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.