Woche 5: Aus! Aus!

Montag: Wann stöhnt es sich wohliger, als wenn man montagabends nach dem end of business ins Sofa sinkt?

„Bomben könnten den Traum vom Frieden zerstören“, titelt der General-Anzeiger. Dabei denke ich mir zwei mit ernster Miene debattierende Loriot-Knollennasenherren. Nachdem der eine mit bedeutungsvoll geschlossenen Augen den oben genannten Satz gesagt hat, antwortet der andere: „Ach was.“

Dienstag: Vormittags verhindere ich Schlimmeres. Bitte stellen Sie sich hier einen siebensekündigen Film vor, den ich aus Persönlichkeits-, Daten- und Immisionsschutzgründen nicht zeigen kann. Er zeigt einige meiner Kollegen und mich beim Versuch, einem weiteren Kollegen, der zurzeit leider im Krankenhaus weilt, ein Geburtstagsständchen zu singen, auf dass der Genesende die Aufnahme per WhatsApp zugesandt bekomme. Ein jeder singt dabei in seiner eigenen Tonart. Nur durch energisches Eingreifen meinerseits („Aus! Aus!“) kann noch größeres Leid vermieden werden. Das klingt so:

In einer Präsentation lese ich „Multiplikatoren-Pyramide“. Das ist wohl das schönste Wort, welches mir in jüngerer Vergangenheit begegnet ist. Die Steinblöcke dieses Monuments sind Menschen, die anderen Menschen etwas beibringen sollen. Unter anderem sind sie „zuständig für das Vermitteln von Begeisterung“. Ich für meinen Teil bin hochgradig begeistert davon.

Offensichtlich begeistert waren auch ein siebzigjähriger Herr und eine vierunddreißigjährige Dame in Duisburg voneinander, was sie laut einem Zeitungsbericht dazu veranlasste, im Auto zu kopulieren. Während der Fahrt. Erst ein Zusammenstoß mit einem anderen Wagen löschte ihre Glut. Ob weitere Verkehrsregeln missachtet wurden, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Mittwoch: Was mich zunehmend anwidert, sind Unternehmen und sonstige Institutionen, die mich ungefragt duzen.

Herr Levin mag das Wort „Narrativ“ nicht mehr hören und wünscht es auf den Friedhof der abgelegten Modewörter. Ich fürchte, ein Friedhof reicht nicht aus, um all die Wörter und Phrasen zu beerdigen, die ich nicht mehr hören und lesen mag.

Donnerstag: Es schneit. Sensation: „Im Bonner Hofgarten gelang sogar der Bau eines Schneemanns“, berichtet der General-Anzeiger auf der Titelseite.

Weniger bis gar nicht sensationell dagegen die Meldung, wonach die Sanierungskosten für die Beethovenhalle inzwischen bei 99,5 Millionen Euro liegen. Nachdem die Hundertmillionen-Grenze entgegen der Erwartung doch nicht bereits 2018 gerissen wurde, werden nun Wetten angenommen, ob sie noch im ersten Quartal dieses Jahres erreicht wird. Ich sage: ja. Wer hält dagegen?

„Same to you“, sagt der Kollege zur Verabschiedung aus der Skype-Konferenz. Ich verkneife mir ein „Du mich auch“.

Beim Mittagstisch in der Kantine sprechen wir über den Tod, was in keinem Zusammenhang mit der Qualität der dort angebotenen Speisen steht. Man sollte ruhig ab und zu darüber reden, auch wenn vielen das Thema nicht behagt. Oft ist es interessanter und unterhaltsamer als Fußball.

Freitag: Einmal noch, ein letztes Mal Günter Ogger:

„So schön die durchgestylten Verwaltungsgebäude vieler Unternehmen von außen aussehen – im Inneren herrscht oft das blanke Chaos. Chaotenbetriebe findet man allerdings weniger unter den jungen, am Rand des Wirtschaftsgeschehens dahindümpelnden Firmen als vielmehr im Zentrum der Großindustrie. Sie tragen auch durchaus vertraute Namen, wie Daimler-Benz, Siemens, Philips oder Hoechst.

Selbstverständlich würden sich die leitenden Herren mit Vehemenz gegen den Vorwurf wehren, sie wären Chaoten und ruderten ziemlich orientierungslos durch den Alltag. Denn nach ihrem Selbstverständnis dienen sie einem höchst effizienten, weltberühmten und äußerst klar strukturierten Unternehmen. Daß dem nicht so ist, wissen allenfalls die Klügeren unter den Bossen an der Spitze der Konzerne.“

(„Nieten in Nadelstreifen“, 1992)

Und die meisten Mitarbeiter, die wissen das auch, wäre zu ergänzen.

Samstag: Renovierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen innerhalb der eigenen Räumlichkeiten sind ein Aufgabenfeld, auf dem ich kein besonders großes Talent entfalte. „Du musst die Arbeit sehen“, wird mir beschieden. Das sehe ich anders: Die Arbeit wird sich schon melden, wenn sie was von mir will.

Warum bin ausgerechnet ich mit einem ansonsten äußerst liebenswerten Menschen verheiratet, der auch bei Minusgraden alle fünf Minuten die Balkontür öffnet? „Hier drinnen ist schlechte Luft“, so die Begründung. Als ob kalte Luft keine schlechte Luft wäre!

Sonntag: Zu früher Morgenstunde höre ich draußen die erste Amsel singen. Möglicherweise wurde es versäumt, ihr die Uhr zu stellen. Oder ich habe das nur geträumt.

In der Sonntagszeitung lese ich einen interessanten Artikel über das Navigationssystem „what3words“. Entgegen sonstiger Gewohnheit lade ich die App auf mein Telefon. Der Schreibtisch, an dem diese Zeilen niedergeschrieben werden, steht demnach im Quadrat „farblos.wertvolle.fischte“. Aufgabe für die nächste Woche: Eine Geschichte ausdenken, in der diese drei Wörter vorkommen. Das Quadrat „end.of.business“ gibt es übrigens nicht.

Dieselbe Zeitung lässt wissen, trotz Zeiten ständiger Erreichbarkeit gelte es zunehmend als unschicklich, jemanden ohne vorherige Absprache anzurufen. Dem stimme ich vorbehaltlos zu. Schlimmer noch als unerwartete Anrufe empfinde ich indes, in der Fußgängerzone von duzenden, scheinbar gut drauf seienden, jungen Tier-, Kinder-, Natur- oder wen oder was auch immer -Schützern angequatscht zu werden. Das weiß auch Herr Buddenbohm, und er macht sich sehr lesenswerte Gedanken über die Schulung dieser Leute.

Ein Gedanke zu “Woche 5: Aus! Aus!

  1. Sehr schöner Wochenüberblick! Wenn ich jetzt mal schlecht drauf bin, habe ich einen WA-Clip mit Euch, der mich zumindest schmunzeln lässt, wenn nicht sogar einen völligen Lachanfall hervorruft 😁

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