Nicht-Vorsätze für 2017

Jahreswechsel – in diesen Tagen erstellen wieder viele Menschen eine Liste mit Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Zu ihrem Glück werden sie die Liste jedoch spätestens Ende Februar vergessen haben.

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2017 werde ich nicht:

An Schleimmonster glauben

Mir freiwillig eine Talkshow ansehen

Mir einen Vollbart wachsen lassen

Meinen Mehrtagesbart abrasieren

Meine Skepsis gegenüber der Digitalisierungsverherrlichung ablegen

Pokemon spielen beziehungsweise das, was als Nachfolger die Menschen im Datenfieber irre werden lässt

Mich wegen Überwachungskameras im öffentlichen Raum empören

AfD wählen oder zumindest die Leute verstehen, die das tun

Religionen respektieren

Meinen runden Geburtstag groß feiern

Den Montag zu lieben lernen

Ohne Not etwas bei Amazon bestellen

Rote Fußgängerampeln beachten

Über Karnevalisten lästern

Über Last Christmas lästern

Trotz Trump, Putin, Erdogan und wie sie alle heißen: Die Hoffnung für diese Welt aufgeben

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Und noch ein paar Dinge mehr. Ich wünsche Ihnen allen ein angenehmes Jahr 2017, und schauen Sie ab und zu mal hier herein!

Woche 51: Austern sind genieß-, jedoch auch verzichtbar.

Montag: Nun also Berlin. Man solle sich durch solche Ereignisse nicht in seinem Ausgehverhalten beeinflussen lassen, heißt es. Wie leicht ist das gesagt und geschrieben.

Dienstag: „Für Bonn besteht keine konkrete Gefahr“, sagt ein Behördenmensch. Dann ist es ja gut.

Mittwoch: Ein beherzter Sprung über den Schatten meines Pflichtgefühles bescherte mir heute einen freien Abend. Dennoch: Die Feuerzangenbowle auf dem Weihnachtsmarkt hatte einen leichten Beigeschmack des Bangens.

Donnerstag: Heute zum ersten Mal in dieser Saison auf WDR 2 Last Christmas gehört. Damit ist meine Hoffnung, sie hätten es endlich aus ihrem Programm gestrichen, zerborsten.

Freitag: Ich öffnete die Schatulle meines Wortschatzes, um das Wort saumselig hineinzulegen, dessen ich bei der morgendlichen Stadtbahnlektüre habhaft wurde. – Können Bahnen und Büroflure nicht immer so menschenleer sein wie heute?

Samstag: Nun singet und seid froh. – Wenn es stimmt, dass Liebe durch den Magen geht, dann steht unsere Zuneigung auch in den kommenden mindestens zwölf Monaten auf sicherem Sockel. Erkenntnis: Austern sind genieß-, jedoch auch verzichtbar.

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Sonntag: Die Weihnachtsgeschenkausbeute war sehr erfreulich, ohne Sie mit Einzelheiten langweilen zu wollen. Ein Geschenk indes verdient besondere Erwähnung: Die Ruhe, da es uns in diesem Jahr durch eine Verkettung glücklicher Umstände erspart bleibt, familiären Pflichten gehorchend durch die Gegend zu reisen.

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Woche 50:Explodierende Kraftwagen sind unerwünscht

Montag: 7 Uhr, die Woche zieht sich. – Beim Verlassen des Hauses singt eine Amsel, als habe sie sich im Kalender vertan. – Für den Rest des Tages singt mein Ohrwurm Happy Xmas (War is over); das ist nicht zu beklagen und allemal besser als Last Christmas oder Die Weihnachtsbäckerei.

Dienstag: Ein Besuch im Modellbahnfachgeschäft meines Vertrauens freut das Herz und erleichtert das Bankkonto.

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Mittwoch: In einer Besprechung hörte ich eine mir neue Businesskasperfloskel: „Wir können das nicht mitgehen.“ Das? Was? Egal, kommt demnächst auf die Liste.

Donnerstag: Ein zwischendurch eingeschobener Resturlaubsabbautag ohne besondere Verpflichtungen schenkt mir Zeit, den Beststeller voranzubringen.

Freitag: Wir haben Mitte Dezember, und noch immer hörte ich nicht Last Christmas im Radio.

Samstag: Ausflug nach Metz. Auf der Hinfahrt überholten wir einen PKW mit Anhänger, an dem ein Schild angebracht war mit der Aufschrift „Artgerechter Lebendviehtransport“. Da der Anhänger weder über Fenster noch erkennbare Lüftungsöffnungen verfügte, frage ich mich, welche Art von Vieh dort artgerecht transportiert wurde: Maulwürfe? Grottenolme? – Ansonsten sind in Metz explodierende Kraftwagen unerwünscht:

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Sonntag: Manchmal mag ich diese trüben Wintertage sehr.

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Postfaktisch

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat postfaktisch zum Wort des Jahres erklärt. Dieses bedeutet trotz der ersten Silbe nicht, dass Briefe in andere Briefkästen eingeworfen werden anstatt an den angegebenen Anschriften. Erst wenn jemand, dem viele Menschen zuhören, zum Beispiel Wolfgang Bosbach, in einer Talkshow behauptete, fast die Hälfte aller Briefe landete in fremden Briefkästen, obwohl tatsächlich 99,x Prozent ohne Umwege dem Empfänger korrekt zugestellt werden, und ließe diese bosbachsche Behauptung nach mehrfacher Multiplikation in diversen Echokammern dennoch den Kurs der Aktie Gelb dahinschmelzen wie eine Kugel Vanilleeis auf heißem Asphalt, erst dann wäre das postfaktisch.

Eine große Institution des Postfaktischen ist die Werbebranche, deren originärer Zweck traditionell in der Behauptung beschönigender Fakten das anzupreisende Produkt betreffend liegt. Einer ihrer beliebtesten Werbeträger war Thomas Gottschalk, der nicht nur Jahrhunderte lang in ulkigen Bekleidungen Wetten dass…? moderierte, sondern mindestens ebenso lange Produkte eines bekannten Bonner Süßwarenherstellers anpries. Eher peinlich mutete hingegen die Bewerbung der Aktie Gelb an, die er zum Börsengang der Post betrieb („Tach Post!“), zusammen mit seinem Bruder, dessen Vorname mir entfallen ist. Dem Erfolg der Aktie hat es wohl nicht geschadet.

Wesentlich sympathischer und glaubwürdiger wirkte da einige Jahre zuvor Manfred Krug als Promoteur der Telekom-Aktie, auch wenn er sich später, nach deren Absturz, öffentlich davon distanzierte. Leider ist Manfred Krug in diesem Jahr von uns gegangen, und der Telekom-Aktie geht es auch nicht besonders gut.

Mittlerweile ist es ruhig geworden um Thomas Gottschalk, im Fernsehen tritt er kaum noch in Erscheinung. Doch auch ein Thomas Gottschalk benötigt Geld, zum Beispiel um sich weiterhin ulkige Bekleidung leisten zu können, damit er nicht länger in billigen Lederjackets herumlaufen muss. Deswegen muss er wieder Werbung machen, für ein neu eröffnendes Möbelhaus:

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Er ist alt geworden, der Tommy, tiefe Falten umspielen die Augen, deren Blick uns sagt: „Scheiße, ich will das nicht, aber ich brauche das Geld, also lächeln!“ Darüber kann auch nicht die Sprechblase hinwegtäuschen, die ihm eine positive Botschaft zum angepriesenen Möbelhändler in den Mund zu legen sucht. Und für alle, die ihn nicht mehr (er)kennen, ist auch noch sein Name dazu geschrieben.

Das ist nicht postfaktisch – das ist tragisch.

Die weiteren Wörter des Jahres 2016 sind übrigens: 2.Brexit, 3.Silvesternacht, 4. Schmähkritik, 5. Trump-Effekt, 6. Social Bots, 7. schlechtes Blut, 8. Gruselclown, 9. Burkiniverbot, 10. Oh, wie schön ist Panama. Einrichtungshaus und Echokammer befinden sich nicht darunter, aber vielleicht schaffen sie es ja auf die Liste der Unwörter des Jahres.

War eigentlich Wolfgang Bosbach mal zu Besuch bei Wetten dass…?

Woche 49: Adventskalendern wird eine zu große Bedeutung beigemessen

Montag: Erkenntnis: „Sehr gut“ als Antwort auf die Frage „Wie gehts dir“ führt ebenso in Erklärungsnot wie „Nicht so gut“. – So schlecht es mir jedoch gehen mag: Niemals werde ich ein Produkt erstehen, zu dessen Anpreisung man sich grüner Schleimmonster bedient.

Dienstag: Wer zu Fuß geht, nimmt mehr um sich herum wahr als bei jeder anderen Art der Fortbewegung. Behaupte ich einfach mal. Und auch nur, wenn er dabei nicht aufs Display starrt. Sehend und nicht starrend fand ich heute am Rheinufer auf dem Weg zum Büro vier rätselhafte Fragen an Lampenpfähle geklebt:

Weitere Informationen dazu fand ich hier: http://die-erinnerungsguerilla.org

Obschon ich jede Art der unbefugten Beklebung, -malung oder -schriftung fremden und öffentlichen Eigentums ablehne, finde ich diese Initiative sympathisch, zumal sich die Aufkleber angeblich leicht und rückstandsfrei entfernen lassen.

Mittwoch: Rätselhaft sind auch heutige Eltern. Ihre lieben Kleinen, die niemals alleine vor die Tür dürfen und die sie am liebsten in (zuckerfreie) Zuckerwatte packen würden, karren sie morgens und abends in einem Fahrradanhänger durch Eiseskälte und dichten Straßenverkehr. – Wurde eigentlich schon erforscht, warum vor allem männliche junge Radfahrer am liebsten im Stehen radfahren, auch in der Ebene? Stirbt der Fahrradsattel irgendwann aus?

Donnerstag: Dank eiserner Disziplin meinerseits hatte die erste betriebliche Weihnachtsfeier des Jahres gestern Abend nur geringe negative Auswirkungen auf meine heutige Arbeitskraft. – Der Adventskalender enttäuscht mal wieder durch ein einfaches Schokoladenkügelchen, bei welchem die Mühe, die bunte Metallfolie abzuknibbeln, in keinem akzeptablen Verhältnis zum anschließenden Genuss steht. Überhaupt bin ich der Meinung, Adventskalendern wird eine viel zu große Bedeutung beigemessen.

Freitag: Auch in fortgeschrittenem Alter sollte man das Staunen nicht verlernen. So erstaunte mich gestern ein Herr mit getönter Brille und einem weißen Blindenstab, der mir in der Straßenbahn gegenüber saß. Sein Blick (?) war gerichtet auf ein Lesegerät für elektronische Bücher, das er mit den Fingern bestrich. Können diese Dinger mittlerweile sogar Blindenschrift darstellen?

Samstag: Anlässlich eines Besuchs in Ostwestfalen brachten wir den Eltern anhand eines konkreten Beispiels das Prinzip Polyamorie näher. Ich bin mir indes nicht sicher, ob sie es verstanden haben.

Sonntag: Man hört und liest gar nichts mehr über Horroclowns. Hat sich das womöglich mit der Wahl des Ober-Horrorclowns erledigt?

Woche 48: Der Kalender ist sehr dünn geworden

Montag: Die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 werden nicht von ARD und ZDF übertragen, sondern auf Eurosport. Mir ist es egal, auf welchem Kanal ich sie mir nicht ansehen werde. – Als ein in den Tagesthemen befragter Mensch von „Herrn Assad“ spricht, hört sich das irgendwie falsch an. – Derweil berichtet die Zeitung, Horst Seehofer habe Donald Trump dafür gelobt, „dass er die Menschen direkt anspricht und ihre Lebensrealität berücksichtigt. Nicht abstrakt, nicht verschwurbelt, sondern mit konkreten Antworten“, so der Bayernpräsident. An anderer Stelle ist zu lesen, Seehofer habe einen Schwächeanfall und ein „kurzes Unwohlsein“ erlitten. Offensichtlich.

Dienstag: Ob der Kälte führen Menschen seltsame Dialoge, zum Beispiel diese beiden Damen heute Morgen im Aufzug: „So ’ne Daunenjacke hat ja was von ’ner Bettdecke.“ – „Stimmt, aber die sind trotzdem warm.“ – Ein wenig erfüllt es mich mit Stolz, bereits heute in meiner privaten Aufgabenliste zwei Häkchen für erstandene Weihnachtsgeschenke setzen zu können.

Mittwoch: Erkenntnis am Morgen: Das Schlimme am öffentlichen Personennahverkehr sind nicht Körpergerüche und Mobilgeschwätz, sondern Leute, die, sobald sie die Bahn betreten haben, einfach stehen bleiben.

Donnerstag: Nur für Menschen mit zumindest teilweise analoger Lebensweise wahrnehmbar: Der Kalender ist sehr dünn geworden.

Freitag: Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es gegenüber vom Kaufhof eine vorzügliche Feuerzangenbowle.

Samstag: Ich habe mir die deutsche Ausgabe der Charlie Hebdo besorgt. Ein erstes oberflächliches Durchblättern führt eher zu Schulterzucken denn zu Erheiterung.

Sonntag: Beim Zähneputzen am Morgen kam „We Are The World“ im Radio. Als gegen Ende Stevie Wonder einsetzte, musste ich grinsen, weil mir wieder dieser Witz einfiel, den ich wegen seiner politischen Unkorrektheit hier unmöglich niederschreiben kann.

Hitparade der Tragödien

Zeitungen lieben es bekanntlich, nach Unglücken aller Art eine Rückschau auf vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit zu halten – die beeindruckendsten Wirbelstürme der letzten zehn Jahre, die nassesten Überschwemmungen, die bewegendsten Erdbeben. Dieser Tradition hat der Bonner General-Anzeiger nun ein vorläufiges Sahnehäubchen aufgesprüht, als er nach dem Flugzeugabsturz in Kolumbien unter der Überschrift „Tra­gö­dien mit Sport­lern als Op­fer“ Flugzeugabstürze seit 1949 auflistet, bei denen sich Sportmannschaften unter den Opfern befanden. Ich frage mich: Wer will das wissen?

Noch niemals las ich indessen eine Chronik der schlimmsten rechtlich legitimierten Stadt-/Land-/Flusszerstörungen und Vertreibungen durch Menschenhand in Friedenszeiten, dabei spielt sich eine solche seit Jahrzehnten gar nicht weit von hier ab. In diesem Zusammenhang berichtet die oben genannte Zeitung von einem Angriff Unbekannter auf RWE-Mitarbeiter im Braunkohlegebiet Hambacher Forst, bei dem vier Personen leicht verletzt wurden.

Ich betone deutlich, dass ich jede Form von Gewalt verurteile, erst recht wenn dadurch Menschen zu Schaden kommen, und seien es Mitarbeiter eines rechtsstaatlich geschützten Lebensraumvernichters. Und doch glaube ich, durch das Dickicht meiner Ablehnung ganz schwach ein Lichtlein des Verständnisses für diese Aktion leuchten zu sehen.

Woche 47: Gesang, Nahverkehrsbeobachtungen und eine Postleitzahl

Montag: Meine ersten Gedanken des Tages fand ich an einem Laternenpfahl recht gut auf den Punkt gebracht:

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So schlimm wurde der erste Nachurlaubstag dann aber nicht.

Dienstag: Es erfüllt mich mit Stolz, am heutigen Tage heraustreten zu dürfen aus der langen Reihe derjenigen, die noch niemals mit Vicky Leandros auf einer Bühne gesungen haben. Möge der Himmel alle schlimmen Dinge von ihr fern halten. (Köln, Rudolfplatz)

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Mittwoch: Am Morgen saß mir in der Bahn ein junger Mann mit extravaganter Frisur gegenüber. Das lange Deckhaar, bei aufrechter Haltung elegant gescheitelt um den Kopf geschwungen, fiel ihm in seiner bevorzugten, tief über sein Datengerät gebeugten Sitzposition als dichter, etwa vierzig Zentimeter langer Vorhang über das Gesicht. Ihn dabei zu beobachten, wie er im Halbminutentakt die Tolle abwechselnd mit der Hand oder mit einem zur Seite gewandten Kopfzucken beiseite zu bewegen suchte, was das Haar, der Schwerkraft gehorchend, wenig beeindruckte, war mindestens so interessant wie mein Buch. – Dem einen fallen die Haare ins Gesicht, dem anderen, mir, komische Sachen ein. Inspiriert von einer Werbung, deren Inhalt beziehungsweise beworbenen Gegenstand ich nicht erinnere, kam mir eine Idee: Wäre es nicht wunderbar, einen Reparaturservice für Gitarren, Harfen und Geigen zu gründen, nur um ihn Saitenwechsel nennen zu können?

Donnerstag: Der Tag begann mit Morgenrot. Darum, unter anderem, ist es am Rhein so schön.

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Hinweis an die Stadtwerke Bonn: Der Stadtbahnwagen 7753 ist eine Schrottkarre. Ein Sitzpolster liegt nur noch lose auf dem Rahmen, und der Spaltrost hat eine zentimeterbreite, dreckgefüllte Lücke zwischen Fenstereinfassung und Innenverkleidung getrieben. Bitte den Wagen bald modernisieren oder ausmustern.

Freitag: Die Zeitung berichtet von den subversiven Umtrieben des bayrischen Sängers Christ­oph Wei­he­rer. Dieser ruft dazu auf, die im Einzelhandel gern gestellte Frage nach der Postleitzahl stets mit 25541 zu beantworten, wodurch die schleswig-holsteinische Stadt Brunsbüttel gewisse Aufmerksamkeit erlangt. Er soll für sein Anliegen bereits eine größere Anhängerschaft gefunden haben, was laut Bericht erste Händler im Raum Augsburg dazu bewogen hat, sich den Ausweis des Käufers zeigen zu lassen. Ich finde die Aktion sehr gut und würde mich gerne daran beteiligen, fürchte jedoch, dass ich mir die Postleitzahl 25541 nicht merken kann.

Samstag: Irgendwann muss ich aufhören, Menschen zu hassen, weil sie langsam vor mir her gehen und auf ihr Display starren. – Tag 1 unseres Konzerts im „Jot Jelunge“ lief gut.

Sonntag: Sekt schmeckt in Verbindung mit den Endorphinen eines gelungenen Auftritts besonders gut. Auch ohne Vicky.

Chronik Woche 46: Nichtstun, Regen, Rückkehr

Montag: Vielleicht sollte man im Urlaub keine Zeitung lesen. Dann wäre mir die Nachricht erspart geblieben, dass in Amerika bereits jetzt, nicht mal eine Woche nach der Wahl des Wahnsinnigen, sich die ersten Hassattacken entfesseln gegen Schwarze, Latinos, Schwule und andere Minderheiten. Legitimiert fühlen sich die Hetzer durch die Wahlkampfaussagen ihres künftigen Präsidenten. Unterdessen wurden in Düren zehn Polizisten verprügelt und teilweise schwer verletzt, die zuvor ein Bediensteter des Ordnungsamtes zur Hilfe gerufen hatte, weil er beim Ausstellen eines „Knöllchens“ bedroht wurde. Was geht nur vor in den Menschen? – Dazu hat es heute auf Gran Canaria kurz geregnet.

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Dienstag: Wenn es, wie die Werbung verheißt, siebenunddreißig Arten von Kopfschmerzen gibt, dann gibt es mindestens genauso viele Arten des Nichtstuns. Eine davon praktiziere ich heute unter Palmen am Hotelpool liegend. Leider mit leichter Erkältung.

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Mittwoch: Im Wesentlichen wie gestern. Wobei: Ganz untätig war ich nicht, sondern schaute mir die Noten der Weihnachtslieder an. In Badehose unter Palmen etwas ungewohnt, aufgrund des nahen Konzerttermins jedoch unvermeidlich.

Donnerstag: Recht starker Wind lässt uns auch heute den Weg durch die Dünen zum Strand meiden und stattdessen den Tag lieber innerhalb der wirklich schönen Hotelanlage verbringen. Was mir nicht in den Kopf will: Warum erkennen manche junge Männer, denen die Natur ein an sich recht attraktives Äußeres schenkte, bei einem einfachen Blick in den Spiegel nicht, dass wallende Rauschebärte einfach hässlich machen? Vor allem in Verbindung mit dieser Einheits-Untenkurzobenlang-Scheitelfrisur?

Freitag: Letzter Urlaubstag, wegen Wind wiederum von weitgehender Untätigkeit im hoteleigenen Palmenhain geprägt. Auf Wikipedia einen sehr interessanten Artikel über Polyamorie gelesen. Es gibt sogar ein eigenes Symbol dafür. Vielleicht eine Anregung für unser Familienwappen.

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Samstag: Beim Rückflug während der Lektüre eines Buches über Faulheit eingenickt. Ein größeres Lob kann man dem Autor wohl nicht machen. – Am späten Abend warnt ein Verkehrshinweis auf WDR 2 die Autofahrer auf der A 1 zwischen Köln-Worringen und -Lövenich vor einer auf der Fahrbahn stehenden Kuh.

Sonntag: Mit dem morgendlichen Augenreiben und Fingernägelschneiden den letzten kanarischen  Sand vom Körper entfernt. Die Erinnerungen an eine angenehm faule Woche bleiben indes noch etwas. Dennoch ist es schön, wieder hier zu sein.

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Antrag auf Einführung eines neuen geflügelten Wortes

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Gibt es eigentlich dieses Pokémon noch, oder hat es schon der Aufforderung „Go“ Folge geleistet? Zugegeben: Als es vor einigen Monaten aufkam und junge Menschen dazu zwang, nahezu orientierungslos massenhaft über Friedhöfe, Autobahnauffahrten und durch Vorgärten zu irren, befand ich mich in vorderster Front der darüber lästernden, stimmte sogleich ein im Chor derjenigen, die das Einfangen virtueller Monster als sinnlose Zeitverschwendung zu verdammen nicht müde wurden.

Doch bedenke, mahnte mich die innere Stimme, womit du selbst vor etwa fünfunddreißig Jahren wertvolle Stunden vergeudetest! Vielleicht wäre aus dir ein angesehener Investmentbanker oder bedeutender Waffenlobbyist geworden, hättest du stattdessen deine Nase in die Seiten deiner Schulbücher gehalten! Wir erinnern uns: Um 1980 dachte sich der ungarische Ingenieur Ernö Rubik einen etwa handgroßen Würfel mit verschiedenfarbigen Seiten aus, der aus 26 in allen Richtungen gegeneinander verschiebbaren Einzelelementen bestand. Hiermit wollte er meiner Erinnerung nach Studenten irgendwelche geometrischen Zusammenhänge veranschaulichen, wer es genauer wissen will, kann es ja nachwikipedieren.

Schon sehr bald erkannte jemand den immensen Unterhaltungswert dieses an sich zwecklosen Gegenstandes als Geduldsspiel, es kam zur Massenproduktion unter der Bezeichnung „Rubiks Cube“ oder „Zauberwürfel“, plötzlich musste jeder so ein Ding haben, und trotz des recht hohen Verkaufspreises von etwa zwanzig Mark waren sie zeitweise ausverkauft, so wie heute das neue iPhone.

An das iPhone dachte Anfang der Achtziger freilich noch niemand, und niemand litt unter dem Ringxiety-Effekt, jenem trügerischen Gefühl, das Mobiltelefon habe vibriert, obwohl man es gar nicht dabei hat. Um zu kommunizieren, musste man sich entweder treffen oder die mannigfache Produktpalette der Deutschen Bundespost in Anspruch nehmen: Man telefonierte entweder von einer der noch zahlreichen postgelben Telefonzellen aus oder, sofern vorhanden, vom heimischen Hausanschluss, wo ein grauer Apparat mit Wählscheibe ungefähr von der Größe eines Graubrotes das Bindeglied zur Außenwelt darstellte. Der klingelte auch noch richtig, mit einer metallenen Schelle in seinem Inneren. Heutige Telefone machen alle möglichen Töne, von Grillenzirpen über Bremsenquietschen bis Helene Fischer, trotzdem heißt es in Ermangelung eines neuen, passenden Wortes noch immer klingeln. Zwar gab es schon so etwas wie Mobiltelefonie, das konnte sich jedoch niemand leisten. Und das Internet gab es noch nicht mal als Wort.

Wollte man nicht sprechen, schrieb man sich Briefe oder Postkarten – musste es schneller gehen, Telegramme. Die füllte man im Postamt aus, einige Stunden später wurde dem Empfänger die schriftliche Nachricht per Eilbote zugestellt, auf Wunsch und gegen Aufpreis auch mit musizierendem Schmuckblatt. Das Telefax fand erst später weitere Verbreitung.

Wer es ausgefallener mochte, frönte dem etwas skurilen Hobby Amateurfunk. Mit Hilfe eines riesigen Antennengestrüpps auf dem Hausdach konnte sich der Amateurfunker von seiner Dachkammer aus mit Hobbykollegen aus aller Welt über das Wetter unterhalten.

Doch zurück zum Zauberwürfel. Einen durchmischten Würfel wieder auf einfarbige Seitenflächen zu drehen, war ohne Anleitung nahezu unmöglich. Eine solche druckte der SPIEGEL in einem seiner Hefte ab, welche per Fotokopie bald flächendeckend zur Verfügung stand. Ich benötigte zwei Tage und stieß zahlreiche Flüche aus, ehe ich es endlich hinbekam. Doch durch stetige Übung hatte ich die Handgriffe bald drauf, schon nach einer Woche benötigte ich die Anleitung nicht mehr, konnte den Würfel fast blind ordnen. Es kam zu Wettkämpfen, wer konnte es am schnellsten. Zu meinen besten Zeiten schaffte ich es in unter drei Minuten.

Leider waren die Würfel für einen derartigen Dauerbetrieb nicht ausgelegt – durch die sich aneinanderreibenden Kunstoffflächen leierten sie bald aus und hakten, was der Geschwindigkeit abträglich war. Vielleicht war das aber auch Teil des Geschäftsmodells, denn was blieb einem anderes übrig, als sich einen neuen Würfel zu kaufen, wollte man weiterhin durch seine Fingerfertigkeit hervorstechen? Die Profis schmierten daher Fett oder Graphitpulver zwischen die beweglichen Innenflächen, danach knarzte der Würfel aber nicht mehr so schön beim Drehen.

Kürzlich fiel mir mein alter Zauberwürfel nach Jahren staubfangenden Regalliegens wieder in die Hände. Sollte ich es mal versuchen? Ich sollte und drehte ihn, ausgeleiert und abgegriffen, erstmal gründlich durcheinander. Dann begann ich, so wie ich es einst gelernt hatte: erst die obere Ebene, dann die mittlere, schließlich die untere, und siehe da, es klappte noch auf Anhieb, sogar die berüchtigten zweiundzwanzig Züge zur korrekten Positionierung eines Ecksteines in der dritten Ebene. Daher beantrage ich hiermit die Einführung eines neuen geflügelten Wortes: „Das ist wie Zauberwürfel, verlernste nie.“

Inzwischen ist Rubiks Zauberwürfel zu einem beliebten Symbol der Achtzigerjahre geworden. Als eher ängstlich-vorsichtiger Mensch gehe ich ungern Wagnisse ein. Gleichwohl wage ich zu bezweifeln, dass Pokémon Go zum Sinnbild der Zwanzigzehner oder in fünfunddreißig Jahren noch bekannt sein wird. Man wird seine Zeit dann wohl anderweitig verschwenden.