Mir fehlen die passenden Worte

Gerne schriebe ich was kluges über die Folgen der unfassbaren Ereignisse in Paris am vergangenen Freitagabend. Über meine Fassungslosigkeit. Über die Ahnung, dass sich ähnliches jederzeit wiederholen kann, überall, auch hier in Bonn, wo vor drei Jahren nur deshalb nichts passierte, weil die Bombe am Hauptbahnhof wegen Konstruktionsfehlern nicht hochging. Über das wiedererwachte Unbehagen, aus dem Haus zu gehen, morgens mit der Stadtbahn zur Arbeit zu fahren und abends zurück, oder mit dem Zug nach Köln; den bald beginnenden Weihnachtsmarkt zu besuchen, demnächst Karnevalszüge, oder im Sommer den Kölner Christopher Street Day – welch prädestinierte Ziele für Verrückte!

Jetzt erst recht, heißt es, wir dürfen uns von der Angst vor Terror nicht einschüchtern lassen, denn genau dann hätten die Wahnsinnigen ihr Ziel erreicht. Ja, das stimmt wohl, jedoch für einen Menschen wie mich, mit großem Talent zum Katastrophisieren, leichter gesagt als getan.

Darüber würde ich gerne was schreiben, aber ich fürchte, mir fehlen dazu die passenden Worte.

Zu warm

tulpenfeld - 1Wir schreiben November 2015. Die Sonne lässt die letzten Blätter, welche noch nicht abgeworfen und von emsigen Laubbläsern verweht wurden, gelb und rötlich leuchten. Die Tagestemperatur hält sich seit Tagen um die achtzehn Grad, morgens singt wieder die Amsel, Straßencafés sind gut besucht, auch die Eisdielenbesitzer sind noch nicht in den Süden abgezogen, nachdem sie die Scheiben ihres Lokals sorgsam mit buntem Eispackpapier zugeklebt haben. Dicke Jacken wurden zurück in die Schränke gehängt*, hier und da wagen sich gar einige in kurzer Hose auf die Straße. Der Sommer will anscheinend noch nicht in den Winterschlaf treten.

Und was machen die Menschen? Sie jammern. „Viel zu warm“, ist überall zu hören, im Kaufhof wird gar die Inbetriebnahme der Klimaanlage gefordert. Ein weiterer Mosaikstein meines mit jedem Jahr deutlicher werdenden Bildes: Die Menschen sind bekloppt.

Damit ist es bald vorbei, dann bläst Tief „Carsten“ den Sommer weg, auch dann werden sie jammern: zu trübe, zu kalt, zu windig, zu nass. Bekloppt und in hohem Maße unangemessen finde ich es übrigens auch, einem Tief den Namen „Carsten“ zu geben, aus Gründen, welche darzulegen ich gar nicht einsehe.

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* gehängt, nicht gehangen. Dazu irgendwann mal mehr.

Der Ohrwurm nimmt wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten seines Wirts

Seit es Menschen gibt, verwenden Sie viel Energie darauf, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, ich glaube ich schrieb es schon mal. Dabei sind die Möglichkeiten zahlreich wie Bahnschwellen zwischen Kempten (Allgäu) und Karow (Meckl.), zum Beispiel in Form von tätlichen, olfaktorischen oder akustischen Angriffen, vor allem letztere; die Welt wäre zweifellos eine bessere ohne des Menschen Neigung zu permanenter unangemessener Geräuschentwicklung. Oder durch hirnloses Herumstehen in der Eingangstür der Stadtbahn, selbstverständlich auf der Bahnsteigseite. Sollte ich einmal so jemandem – rein versehentlich, versteht sich – beim Aussteigen auf den Fuß treten, so hat er/sie keinen Ausdruck der Entschuldigung von mir zu erwarten, maximal ein gemurmeltes „Trottel“.

Andere gefallen sich darin, bescheuerte Wörter zu benutzen wie „Moinsen“ – so musste ich am Wochenende zweimal im Netz lesen: einmal zur Eröffnung eines Blogartikels, zum anderen als Einleitung eines Forenbeitrags. Über den Inhalt der beiden Beiträge vermag ich nichts zu sagen, vergällte mir die vorstehend genannte Eröffnung doch die weitere Lektüre. „Moinsen“ – was bitte schön soll das darstellen? Vielleicht der Sohn des norddeutschen Grußes? Jedenfalls vermutlich ein Ableger derselben Wortfamilie wie „Hallöchen“ und „Okidoki“.

Ein anderes Wort, dessen Bedeutung sich nicht ohne weiteres erschließt, welches indes wohl nur die deutsche Sprache hervorzubringen vermag, ist „Familienfachschleiferei“, gestern gelesen auf einem in unserem Briefkasten vorgefundenen Handzettel. Morgen werde ich dort anrufen und fragen, ob man auch Wortfamilien schleift, also nicht im Sinne von schärfen, sondern eher so, wie vor Jahrhunderten Burgen und Städte geschleift* wurden, als der Denkmalschutz noch als Samenkorn im kargen Nährboden kriegerischer Auseinandersetzungen vor sich hin dörrte.

Auch auf keinen Fall mehr hören möchte ich – ich erwähnte es jüngst – den Song „Oft gefragt“ von AnnenMayKantereit. Leider nimmt mein ansonsten geschätzter Lieblings-Radiosender darauf keine Rücksicht, vielmehr feiern sie die Kölner Kapelle als DIE Neuentdeckung des Jahres. Seitdem krächzt mein Ohrwurm stundenlang „Zuhaaaause…“, auch er nimmt wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten seines Wirtes.

Ebenfalls wenig Rücksicht nahmen am Wochenende marodierende Vollidioten im Halloween-Wahn, die möglicherweise erst am Samstagmorgen inspiriert wurden von der Klage eines Busfahrers im Radio. Dieser prangerte Jugendliche an, die unschuldigen Linienbussen an der Haltestelle auflauerten, um dann, sobald die Türen auf sind, rohe Eier hinein zu werfen. Es ist nicht auszuschließen, dass jener kurze Beitrag zahlreichen Burschen mit dem Gedanken „gute Idee“ den Weg zum Kühlschrank wies. Im hier beklagten Fall war jedoch nicht ein Linienbus Opfer des Eieranschlags, sondern die Fensterscheibe unseres Wohnzimmers: Am Sonntag, als Kehrfahrzeuge längst die Nacht aufgesaugt hatten, klebten gelbe Schlieren und Eierschalsplitter daran. Doch wohnt dem Ereignis nur geringe Dramatik inne, Gewinner des Zusammenpralls blieb eindeutig die Scheibe, wenn auch leicht besudelt. Den Rest besorgt die Natur mit Regen und der einem Ei innewohnenden biologische Abbaubarkeit durch Mikroorganismen, oder die menschliche Ungeduld gegenüber natürlichen Vorgängen, gepaart mit dem Unbehagen gegenüber besudelten Fenstern und dem daraus resultierenden Putzdrang.

Zum Glück ereignen sich solch unerfreuliche Dinge bislang nur selten in unserer Straße, insofern fühle ich mich hier nach wie vor sehr zuhause. – Verdammt…!

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* jawohl, es heißt hier geschleift und nicht geschliffen. Im Sinne einer nachhaltigen architektonischen Umgestaltung z.B. eines Bauwerks durch Plattmachen wird das Verb regelmäßig gebeugt, im Gegensatz zum unregelmäßigen Gebrauch beim Schärfen eines Messers. Selbstverständlich kann man auch ein Messer regelmäßig schleifen, jedoch hat man danach nur noch wenig Freude daran.

Nur ein Detail am Straßenrand

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In diesem Herbst fallen nicht nur, wie jedes Jahr, die Blätter von den Bäumen, sondern auch die letzten Gaslaternen in der Bonner Südstadt. Die ersten mit Gas betriebenen Straßenlaternen sollen um 1850 die Stadt erleuchtet haben, bereits ab 1899 kam die elektrische Beleuchtung auf. Seit vielen Jahren ersetzen die Stadtwerke die alten Gasleuchten durch optisch gleichartige elektrische Laternen, teilweise werden sie getauscht, teilweise die vorhandenen auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Das mag man bedauern, andererseits ist dieser Schritt verständlich, liegen doch die Betriebs- und Unterhaltungskosten der Gaslaternen weit über denen ihrer elektrischen Kolleginnen. Insofern ist es bemerkenswert, dass die letzten Exemplare ihrer Art bis heute überlebt haben.

Zurzeit werden die Laternen in der Niebuhrstraße ersetzt, den letzen in der Diezstraße neben der Elisabethkirche soll bis zum Jahresende das Gas abgedreht werden. Mit ihrem charakteristischen harten, gelblich-weißen Licht verschwindet damit ein ganz kleines bisschen des typischen Südstadt-Flair, aber das dürfte wohl zu verschmerzen sein.

(Sehen Sie, jetzt haben Sie wieder was gelernt.)

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Auch veröffentlicht bei Bundesstadt.com

Wenn die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut

Es liegt mir fern, für irgendein Unternehmen Werbung zu machen, auch nicht für eine öffentlich-rechtliche Medienanstalt. Doch fragte man mich nach meinem Lieblings-Radiosender, so lautete meine Antwort: WDR 2. Jedenfalls hier zu Hause und dort, wo seine Wellen das Radiogerät erreichen (jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Internet-Radio). In Frankreich hingegen ist es eindeutig Radio Nostalgie, da stört mich nicht mal die Werbung, weil ich das Geplapper nicht verstehe und es außerdem irgendwie zum Urlaub dazu gehört.

WDR 1 mochte ich auch, vor allem wegen Musiksendungen wie der „Flipp-Zeit“, und empfand seine zwanghafte Verjüngung zu 1Live in den Neunzigern als Verschlechterung. Mittlerweile ertrage ich 1Live fast gar nicht mehr, vor allem dann nicht, wenn sie witzig sein wollen („Lukas’ Tagebuch“ – Gähn…) und die Stellen, an denen der gequälte Hörer den Witz bemerken soll, mit einem überflüssigen Geräusch markieren; das gilt allerdings auch für andere Sender, insbesondere SWR 3, der sich hier im Rheinland aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen allgemein großer Beliebtheit erfreut.

Zurück zu WDR 2. Er war schon in meiner geraume Zeit zurückliegenden Jugend Begleiter meiner einst liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Basteln an der Modelleisenbahn auf dem Dachboden. Als Medium diente ein uraltes, riesengroßes Röhrenradio, das ich von irgendwem „geerbt“ hatte und das nach dem Einschalten immer knapp eine Minute brauchte, bis was zu hören war. Höhepunkt meiner Woche war die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“ samstags ab vier, eine Mischung aus Humor (heute heißt das wohl Comedy) und Musik; Krone dieses Höhepunkts wiederum war die „Kleine Dachkammermusik“ mit Hermann Hoffmann, Otto de Vries, Pankratius Schräuble, Herrn Schlotterbeck und vielen anderen, alle gesprochen von Hermann Hoffmann daselbst. Kennt heute vermutlich kaum noch einer.

Stunden verbrachte ich vor dem Radio, wenn „Mal Sandocks Hitparade“ oder die „Schlagerrallye“ mit Wolfgang Roth lief, die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders im Anschlag, für die Generation mp3 heute kaum vorstellbar.

Was ich an WDR 2 immer sehr schätzte und bis heute schätze, war und ist die Musikauswahl, eine Mischung aus alten Sachen der Achtziger („meine“ Zeit) bis hin zu Aktuellem, wobei ich bei den meisten alten die Titel und Interpreten spontan nennen könnte, was mir bei den aktuellen nur selten gelingt. Doch kein Licht ohne Schatten – im Repertoire von WDR 2 halten sich einige Songs, teilweise über viele Jahre, die ich nicht mehr hören kann und will. Hier meine persönliche Anti-Hitparade, völlig subjektiv und unvollständig:

1 – Huey Lewis And The News: Hip To Be Square

2 – Mr. Mister: Kyrie

3 – Des’ree: Life

4 – Sunrise Avenue: You can never be ready (grauenvoll!)

5 – Revolverheld: Lass uns gehen

6 – Michael Bublé: It’s A Beautiful Day

7 – Of Monsters And Men: Little Talks

8 – James Blunt: Postcards

9 – Bruno Mars: Locked Out Of Heaven

10 – The Goo Goo Dolls: Give a little bit (völlig überflüssige Kopie des ansonsten schönen Supertramp-Hits)

11 – AnnenMayKantereit – Oft gefragt (ganz neu, ganz schlimm)

Listete ich hingegen alle Songs auf, über die ich mich jedes Mal freue, wenn sie gespielt werden, fiele die Reihe wesentlich länger aus. Daher erspare ich Ihnen das. Manchmal werde ich sogar angenehm überrascht, wie vor ein paar Jahren, als sie für mehrere Wochen das großartige Lied A New South Wales von The Alarm im Programm hatten; bis dahin war ich der festen Überzeugung, der einzige Mensch zu sein, der das überhaupt kennt. Das sind dann diese Momente, in denen die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut.

(Apropos Zahlung: Dieser Aufsatz ist fünf Euro wert.)

Ein Inseltag

Vor zwei Wochen kam mir die spontane Idee, einen Tag frei zu nehmen, einfach so, ohne besonderen Zweck und Anlass; morgens im Bett zu bleiben, während die anderen arbeiten müssen. Das freut auch den Arbeitgeber, der mit sanftem Druck dazu motiviert, den Jahresurlaub noch in diesem Jahr komplett abzubauen, aus irgendwelchen bilanztechnischen Gründen, die ich nicht verstehe und die mir zudem vollkommen schnuppe sind. Dieser Tag war heute.

Gegen sieben in der Frühe weckte mich der Blasenwecker zur gewohnten Zeit, seinem Drang Folge leistend stand ich kurz auf, doch statt mich danach den üblichen morgendlichen Körperpflegeprozessen zu unterziehen, vergrub ich mich wieder in das noch nachtwarme Tuch, welch herrlicher Moment… Bald darauf erwachte der Wecker des Liebsten, ein sehr angenehmes Gerät, reißt er einen doch nicht mit einem nervschneidenden Piepton oder den größten Hits der Achtziger, Neunziger und dem Besten von heute aus den Träumen, sondern auf sehr schonende Art: Erst glimmt er kaum vernehmlich, dann wird er langsam heller, bis sein Licht das Dunkel der Nacht aus dem Schlafzimmer treibt, schließlich ertönt Singvogelgezwitscher. Ein Riesenfortschritt gegenüber dem mechanischen Glockenwecker, der nicht nur die ganze Zeit tickte, sondern zur Weckzeit einen gesundheitsgefährdenden Höllenlärm machte. Vermutlich sind diese Dinger heute verboten, weil sie Herzinfarkte und schlimmeres verursachen können. Heute wird ja alles verboten, was irgendwas verursachen könnte. Gut so. Bevor heute morgen jedoch die Vöglein ihr Lied anstimmen konnten, verließ der Liebste die Bettstatt, so etwas wie „Du hast es gut“ murmelnd, während ich dem nächsten Traum entgegen schlummerte.

Um neun Uhr war auch ich wach und bereit, das Bett zu verlassen. Da nichts mehr zu frühstücken im Kühlschrank war und ich ohnehin Lust dazu verspürte, suchte ich zum Frühstück ein Café auf. Nach kurzer Irritation, weil außer mir noch kein Gast zugegen war, wählte ich einen schönen Platz am Fenster, wo ich wunderbar die Menschen beim ihrem Tagwerk entgegen hetzen beobachten konnte. Das heißt, so richtige Hetze war nicht auszumachen, zumal es inzwischen schon halb elf war. Haben die Leute eigentlich nichts zu tun, dass sie an einem Donnerstagvormittag durch die Stadt bummeln können?

Da mir die vorgegeben Frühstücksvariationen in Cafés („Classic“, „Paris“, „Genießer“, „Rustikal“, „New York“ und wie sie alle heißen) meistens viel zu reichhaltig sind, alleine die Brötchen reichen oft für zwei bis drei Personen, und Lebensmittelvergeudung bekanntlich großes Unbehagen in mir auslöst, entschied ich mich für das „Frühstück Individuell“, wo ich selbst wähle, was und vor allem wie viel ich auf den Tisch bekomme (auch wenn das am Ende viel teurer ist als eine der oben genannten Zusammenstellungen): Brot – ja, ich bevorzuge frisches Brot gegenüber Brötchen -, Konfitüre und „Genussbelag“ nach Wahl. Genussbelag, was für eine Wortblähung für gewöhnlichen Aufschnitt. In meinem Fall Räucherlachs, wenn schon, dann richtig. Dazu eine Tasse Kaffee (einfach nur Kaffee – kein Cappuccino, Milchkaffe oder Latte Wasweißich – da bin und bleibe ich Spießer) und ein Glas Orangensaft.

Zu einem guten Frühstück gehört die Tageszeitung, die auch ich seit einiger Zeit nicht mehr aus Papier beziehe, sondern als Datei auf dem Tablet, was die Lektüre während des Essens doch sehr erleichtert. Man muss sich nur konsequent daran halten, mit rechts zu essen und links zu blättern, möchte man unschöne Schmierungen auf dem Display vermeiden: Südafrikanische Jägerverbände versuchen, nach dem bedauerlichen Tod des Löwen Cecil, erschossen durch einen amerikanischen Zahnarzt, die professionelle Großwildjagd wieder in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, immerhin bringt diese perverse Passion einiger durchgeknallter Millionäre jährlich umgerechnet siebzig Millionen Euro ins Land. Die Ermordung eines Nashorns kostet siebzigtausend, ein Gemetzelsortiment (Löwe, Leopard, Büffel, Nashorn) bis zu hunderfünfundsiebzigtausend Euro, inklusive Unterbringung im Luxuscamp und Pirschfahrt im Geländewagen. Geradezu ein Schnäppchen ist dagegen die Impala-Antilope, welche für nur dreihundertfünfzig Euro abgeknallt werden darf. – Mehrere Apps ermöglichen es modernen Eltern von heute, ihre Brut online auf Schritt und Tritt zu überwachen: Ortung, Überwachung sozialer Netzwerke, Sperren unerwünschter Kontakte; dank des „Unsichtbar-Modus“ bemerkt das Kind die Kontrolle nicht. Ein anderer Anbieter wirbt für seine GPS-Kinderuhr: Ein „Geo-Zaun“ überwacht das kindliche Bewegungsfeld. Sobald das Kind einen bestimmten Radius überschreitet, erhalten die besorgten Eltern eine Meldung darüber. Dank eines eingebauten Sensors außerdem, wenn das Kind die Uhr ablegt. Schöne neue Welt, und der kleine Artikel 10 des Grundgesetzes möchte gerne aus der Klapsmühle abgeholt werden.

Nach dem Frühstück mit ausgiebiger Zeitungslektüre machte ich noch ein paar Besorgungen in der Stadt, bevor ich satt und rundum zufrieden nach Hause ging, wo ein paar kleinere häusliche Tätigkeiten auf mich warteten. Nach deren musikalisch begleiteter Erledigung setzte ich mich an den Schreibtisch und begann endlich meinen lang prokrastinierten Weltbestseller, der mir in einigen Jahren Ruhm und Reichtum bringen wird. Ich habe zwar noch keinen Plan, geschweige denn eine schlüssige Geschichte, aber das wird kommen, Sie werden noch von mir lesen, wenn sich die führenden Feuilletons vor Lob überschlagen.

Die Türklingel unterbrach meinen Schreibfluss, der Paketzusteller brachte zwei Pakete für die Nachbarn. Meine Frage, wie er mit der neuen Handscanner-Software klarkomme, beantwortete er leicht irritiert mit „Gut, gut, man kann damit arbeiten“. Na also.

Der Schreibfluss stockte nun, dafür kam der Appetit auf ein nachmittägliches Stück Kuchen. Also nochmal raus in des Nachmittages Milde, zum Bäcker, wo mich ein saftiges Stück Obstkuchen aus der Auslage geradezu anlächelte. Da nach dessen Verzehr der Schreibfluss immer noch auf sich warten ließ, entschied ich mich, in der Hoffnung auf Inspiration, zu laufen, dank guter Tagesform heute die große Runde über die Südbrücke. Es begann schon wieder zu dämmern, dennoch leuchtete das herbstliche Laub auf der rechten Rheinseite in wunderbaren Farben, vielleicht sollte ich am Sonntag eine kleine Radtour und Fotos machen, sofern es das Wetter und der Kater zulassen.

Ein Lauf wird erst richtig rund durch die Dusche danach, man fühlt sich zwar etwas erschöpft, aber glücklich und sauber. Zum krönenden Abschluss des Tages eine Flasche Bier, ein Kloster-Spezial aus Zwiefalten, Württemberg, köstlich. Die Mischung aus Laufen, Dusche und Klosterbier brachte schließlich auch den Schreibfluss zurück, zwar nicht an meinem Roman, aber immerhin hier.

Fazit des Tages: So ein Inseltag ist fast wie ein kleiner, komprimierter Urlaub. Sollte ich viel öfter machen.

Der CEO ist not amused

Die Lage ist ernst: Die Zahlen sind nicht zufriedenstellend. Das EBIT bleibt trotz wachsender Absätze hinter den Erwartungen zurück. Die Kosten explodieren. Die Märkte sind nervös. Der Wettbewerb schläft nicht. Der Aktienkurs enttäuscht die Stakeholder. Die Qualität sinkt. Wir müssen sparen, koste es, was es wolle. Der CEO ist not amused, so ist zu hören. Früher war das ein Privileg der Queen, etwa wenn ihr Enkel mal wieder über die Stränge schlug – heute wird das auch dem Manager zugestanden. Was nur wenig verwundert: C[beliebiger Buchstabe]O’s vor allem in großen Unternehmen wähnen sich unfehlbar, so wie der Papst, die Queen allemal, nahezu göttergleich. Deshalb wagt auch niemand, ihnen zu widersprechen, gar Kritik zu üben an ihren über jeden Zweifel erhabenen Entscheidungen – das käme einer Gotteslästerung gleich mit unabsehbaren Folgen für den Skeptiker. Dabei sind sie außerhalb ihres Unternehmens so bedeutend wie Monopoly-Geld an der Supermarktkasse.

Die C[X]O’s breiten sich aus wie die Schweinepest, für jeden Scheiß gibt es mittlerweile einen ‚Chief Wasweißich Officer‘. Wofür ich durchaus Verständnis aufbringe, „Bereichsleiter“ klingt dagegen bürokratisch-blutleer. Nur Vice Presidents gibt es noch mehr, nachdem zu recht erkannt wurde, dass „Abteilungsleiter“ so sexy klingt wie ein verstaubter Aktenordner. Aus nachvollziehbaren Gründen ist noch nicht ausreichend erforscht, wie viele junge Führungskräfte, die es geschafft haben, von einer namhaften Unternehmensberatung als Vice President in ein Unternehmen zu wechseln, welches von ebendieser Unternehmensberatung durchzogen ist wie ein gegen jedes Mittel resistenter Schimmelpilz, abends ob dieses Titels auf ihre Visitenkarte onanieren. Karrierewichser.

Ein Titel ist Schmuck und Imponierinstrument wie Pfauenfedern und Hirschgeweih: Hausmeister heißen heute Facility Manager. Wer denkt da noch an den knurrigen Typen, der uns damals zu Schulzeiten graublau bekittelt in den Pausen Milch verkaufte und ansonsten mit der ihm gegebenen Unfreundlichkeit begegnete. Warum auch nicht, sein Gehalt war ihm sicher, Kundenzufriedenheitsbefragungen gab es nicht, zumal der ‚interne Kunde‘ noch gar nicht erfunden war. In welch strahlendem Licht erscheint dagegen der Facility Manager: Statt murrend mit wehendem Kittel durch die Flure zu ziehen, wo defekte Leuchtstoffröhren ihrem Austausch entgegen flackern, sitzt er vor einer Wand voller Bildschirme, jeder widerrechtlich fallengelassene Kaffee-zum-Gehen-Becher, jede an unzulässiger Stelle entzündete Zigarette erzeugt einen blinkenden Punkt auf einem Monitor; heiser haucht er „Zugriff in Sektor 23B“ in ein Mikrofon, kurz darauf knüppelt eine Gruppe glatzköpfiger, dunkel bekleideter Herren mit Übergewicht und einem spiraligen Kopfhörerkabel am Hinterkopf auf den bedauernswerten Deliquenten ein.

Ja, VW hat Scheiße gebaut. Doch bin ich mir sicher, nicht nur VW. Und nicht nur Hersteller von Kraftfahrzeugen. VW hat einfach nur Pech gehabt, erwischt worden zu sein.