Nur ein Detail am Straßenrand

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In diesem Herbst fallen nicht nur, wie jedes Jahr, die Blätter von den Bäumen, sondern auch die letzten Gaslaternen in der Bonner Südstadt. Die ersten mit Gas betriebenen Straßenlaternen sollen um 1850 die Stadt erleuchtet haben, bereits ab 1899 kam die elektrische Beleuchtung auf. Seit vielen Jahren ersetzen die Stadtwerke die alten Gasleuchten durch optisch gleichartige elektrische Laternen, teilweise werden sie getauscht, teilweise die vorhandenen auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Das mag man bedauern, andererseits ist dieser Schritt verständlich, liegen doch die Betriebs- und Unterhaltungskosten der Gaslaternen weit über denen ihrer elektrischen Kolleginnen. Insofern ist es bemerkenswert, dass die letzten Exemplare ihrer Art bis heute überlebt haben.

Zurzeit werden die Laternen in der Niebuhrstraße ersetzt, den letzen in der Diezstraße neben der Elisabethkirche soll bis zum Jahresende das Gas abgedreht werden. Mit ihrem charakteristischen harten, gelblich-weißen Licht verschwindet damit ein ganz kleines bisschen des typischen Südstadt-Flair, aber das dürfte wohl zu verschmerzen sein.

(Sehen Sie, jetzt haben Sie wieder was gelernt.)

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Auch veröffentlicht bei Bundesstadt.com

Wenn die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut

Es liegt mir fern, für irgendein Unternehmen Werbung zu machen, auch nicht für eine öffentlich-rechtliche Medienanstalt. Doch fragte man mich nach meinem Lieblings-Radiosender, so lautete meine Antwort: WDR 2. Jedenfalls hier zu Hause und dort, wo seine Wellen das Radiogerät erreichen (jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Internet-Radio). In Frankreich hingegen ist es eindeutig Radio Nostalgie, da stört mich nicht mal die Werbung, weil ich das Geplapper nicht verstehe und es außerdem irgendwie zum Urlaub dazu gehört.

WDR 1 mochte ich auch, vor allem wegen Musiksendungen wie der „Flipp-Zeit“, und empfand seine zwanghafte Verjüngung zu 1Live in den Neunzigern als Verschlechterung. Mittlerweile ertrage ich 1Live fast gar nicht mehr, vor allem dann nicht, wenn sie witzig sein wollen („Lukas’ Tagebuch“ – Gähn…) und die Stellen, an denen der gequälte Hörer den Witz bemerken soll, mit einem überflüssigen Geräusch markieren; das gilt allerdings auch für andere Sender, insbesondere SWR 3, der sich hier im Rheinland aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen allgemein großer Beliebtheit erfreut.

Zurück zu WDR 2. Er war schon in meiner geraume Zeit zurückliegenden Jugend Begleiter meiner einst liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Basteln an der Modelleisenbahn auf dem Dachboden. Als Medium diente ein uraltes, riesengroßes Röhrenradio, das ich von irgendwem „geerbt“ hatte und das nach dem Einschalten immer knapp eine Minute brauchte, bis was zu hören war. Höhepunkt meiner Woche war die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“ samstags ab vier, eine Mischung aus Humor (heute heißt das wohl Comedy) und Musik; Krone dieses Höhepunkts wiederum war die „Kleine Dachkammermusik“ mit Hermann Hoffmann, Otto de Vries, Pankratius Schräuble, Herrn Schlotterbeck und vielen anderen, alle gesprochen von Hermann Hoffmann daselbst. Kennt heute vermutlich kaum noch einer.

Stunden verbrachte ich vor dem Radio, wenn „Mal Sandocks Hitparade“ oder die „Schlagerrallye“ mit Wolfgang Roth lief, die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders im Anschlag, für die Generation mp3 heute kaum vorstellbar.

Was ich an WDR 2 immer sehr schätzte und bis heute schätze, war und ist die Musikauswahl, eine Mischung aus alten Sachen der Achtziger („meine“ Zeit) bis hin zu Aktuellem, wobei ich bei den meisten alten die Titel und Interpreten spontan nennen könnte, was mir bei den aktuellen nur selten gelingt. Doch kein Licht ohne Schatten – im Repertoire von WDR 2 halten sich einige Songs, teilweise über viele Jahre, die ich nicht mehr hören kann und will. Hier meine persönliche Anti-Hitparade, völlig subjektiv und unvollständig:

1 – Huey Lewis And The News: Hip To Be Square

2 – Mr. Mister: Kyrie

3 – Des’ree: Life

4 – Sunrise Avenue: You can never be ready (grauenvoll!)

5 – Revolverheld: Lass uns gehen

6 – Michael Bublé: It’s A Beautiful Day

7 – Of Monsters And Men: Little Talks

8 – James Blunt: Postcards

9 – Bruno Mars: Locked Out Of Heaven

10 – The Goo Goo Dolls: Give a little bit (völlig überflüssige Kopie des ansonsten schönen Supertramp-Hits)

11 – AnnenMayKantereit – Oft gefragt (ganz neu, ganz schlimm)

Listete ich hingegen alle Songs auf, über die ich mich jedes Mal freue, wenn sie gespielt werden, fiele die Reihe wesentlich länger aus. Daher erspare ich Ihnen das. Manchmal werde ich sogar angenehm überrascht, wie vor ein paar Jahren, als sie für mehrere Wochen das großartige Lied A New South Wales von The Alarm im Programm hatten; bis dahin war ich der festen Überzeugung, der einzige Mensch zu sein, der das überhaupt kennt. Das sind dann diese Momente, in denen die Zahlung der Rundfunkgebühr nicht ganz so weh tut.

(Apropos Zahlung: Dieser Aufsatz ist fünf Euro wert.)

Ein Inseltag

Vor zwei Wochen kam mir die spontane Idee, einen Tag frei zu nehmen, einfach so, ohne besonderen Zweck und Anlass; morgens im Bett zu bleiben, während die anderen arbeiten müssen. Das freut auch den Arbeitgeber, der mit sanftem Druck dazu motiviert, den Jahresurlaub noch in diesem Jahr komplett abzubauen, aus irgendwelchen bilanztechnischen Gründen, die ich nicht verstehe und die mir zudem vollkommen schnuppe sind. Dieser Tag war heute.

Gegen sieben in der Frühe weckte mich der Blasenwecker zur gewohnten Zeit, seinem Drang Folge leistend stand ich kurz auf, doch statt mich danach den üblichen morgendlichen Körperpflegeprozessen zu unterziehen, vergrub ich mich wieder in das noch nachtwarme Tuch, welch herrlicher Moment… Bald darauf erwachte der Wecker des Liebsten, ein sehr angenehmes Gerät, reißt er einen doch nicht mit einem nervschneidenden Piepton oder den größten Hits der Achtziger, Neunziger und dem Besten von heute aus den Träumen, sondern auf sehr schonende Art: Erst glimmt er kaum vernehmlich, dann wird er langsam heller, bis sein Licht das Dunkel der Nacht aus dem Schlafzimmer treibt, schließlich ertönt Singvogelgezwitscher. Ein Riesenfortschritt gegenüber dem mechanischen Glockenwecker, der nicht nur die ganze Zeit tickte, sondern zur Weckzeit einen gesundheitsgefährdenden Höllenlärm machte. Vermutlich sind diese Dinger heute verboten, weil sie Herzinfarkte und schlimmeres verursachen können. Heute wird ja alles verboten, was irgendwas verursachen könnte. Gut so. Bevor heute morgen jedoch die Vöglein ihr Lied anstimmen konnten, verließ der Liebste die Bettstatt, so etwas wie „Du hast es gut“ murmelnd, während ich dem nächsten Traum entgegen schlummerte.

Um neun Uhr war auch ich wach und bereit, das Bett zu verlassen. Da nichts mehr zu frühstücken im Kühlschrank war und ich ohnehin Lust dazu verspürte, suchte ich zum Frühstück ein Café auf. Nach kurzer Irritation, weil außer mir noch kein Gast zugegen war, wählte ich einen schönen Platz am Fenster, wo ich wunderbar die Menschen beim ihrem Tagwerk entgegen hetzen beobachten konnte. Das heißt, so richtige Hetze war nicht auszumachen, zumal es inzwischen schon halb elf war. Haben die Leute eigentlich nichts zu tun, dass sie an einem Donnerstagvormittag durch die Stadt bummeln können?

Da mir die vorgegeben Frühstücksvariationen in Cafés („Classic“, „Paris“, „Genießer“, „Rustikal“, „New York“ und wie sie alle heißen) meistens viel zu reichhaltig sind, alleine die Brötchen reichen oft für zwei bis drei Personen, und Lebensmittelvergeudung bekanntlich großes Unbehagen in mir auslöst, entschied ich mich für das „Frühstück Individuell“, wo ich selbst wähle, was und vor allem wie viel ich auf den Tisch bekomme (auch wenn das am Ende viel teurer ist als eine der oben genannten Zusammenstellungen): Brot – ja, ich bevorzuge frisches Brot gegenüber Brötchen -, Konfitüre und „Genussbelag“ nach Wahl. Genussbelag, was für eine Wortblähung für gewöhnlichen Aufschnitt. In meinem Fall Räucherlachs, wenn schon, dann richtig. Dazu eine Tasse Kaffee (einfach nur Kaffee – kein Cappuccino, Milchkaffe oder Latte Wasweißich – da bin und bleibe ich Spießer) und ein Glas Orangensaft.

Zu einem guten Frühstück gehört die Tageszeitung, die auch ich seit einiger Zeit nicht mehr aus Papier beziehe, sondern als Datei auf dem Tablet, was die Lektüre während des Essens doch sehr erleichtert. Man muss sich nur konsequent daran halten, mit rechts zu essen und links zu blättern, möchte man unschöne Schmierungen auf dem Display vermeiden: Südafrikanische Jägerverbände versuchen, nach dem bedauerlichen Tod des Löwen Cecil, erschossen durch einen amerikanischen Zahnarzt, die professionelle Großwildjagd wieder in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, immerhin bringt diese perverse Passion einiger durchgeknallter Millionäre jährlich umgerechnet siebzig Millionen Euro ins Land. Die Ermordung eines Nashorns kostet siebzigtausend, ein Gemetzelsortiment (Löwe, Leopard, Büffel, Nashorn) bis zu hunderfünfundsiebzigtausend Euro, inklusive Unterbringung im Luxuscamp und Pirschfahrt im Geländewagen. Geradezu ein Schnäppchen ist dagegen die Impala-Antilope, welche für nur dreihundertfünfzig Euro abgeknallt werden darf. – Mehrere Apps ermöglichen es modernen Eltern von heute, ihre Brut online auf Schritt und Tritt zu überwachen: Ortung, Überwachung sozialer Netzwerke, Sperren unerwünschter Kontakte; dank des „Unsichtbar-Modus“ bemerkt das Kind die Kontrolle nicht. Ein anderer Anbieter wirbt für seine GPS-Kinderuhr: Ein „Geo-Zaun“ überwacht das kindliche Bewegungsfeld. Sobald das Kind einen bestimmten Radius überschreitet, erhalten die besorgten Eltern eine Meldung darüber. Dank eines eingebauten Sensors außerdem, wenn das Kind die Uhr ablegt. Schöne neue Welt, und der kleine Artikel 10 des Grundgesetzes möchte gerne aus der Klapsmühle abgeholt werden.

Nach dem Frühstück mit ausgiebiger Zeitungslektüre machte ich noch ein paar Besorgungen in der Stadt, bevor ich satt und rundum zufrieden nach Hause ging, wo ein paar kleinere häusliche Tätigkeiten auf mich warteten. Nach deren musikalisch begleiteter Erledigung setzte ich mich an den Schreibtisch und begann endlich meinen lang prokrastinierten Weltbestseller, der mir in einigen Jahren Ruhm und Reichtum bringen wird. Ich habe zwar noch keinen Plan, geschweige denn eine schlüssige Geschichte, aber das wird kommen, Sie werden noch von mir lesen, wenn sich die führenden Feuilletons vor Lob überschlagen.

Die Türklingel unterbrach meinen Schreibfluss, der Paketzusteller brachte zwei Pakete für die Nachbarn. Meine Frage, wie er mit der neuen Handscanner-Software klarkomme, beantwortete er leicht irritiert mit „Gut, gut, man kann damit arbeiten“. Na also.

Der Schreibfluss stockte nun, dafür kam der Appetit auf ein nachmittägliches Stück Kuchen. Also nochmal raus in des Nachmittages Milde, zum Bäcker, wo mich ein saftiges Stück Obstkuchen aus der Auslage geradezu anlächelte. Da nach dessen Verzehr der Schreibfluss immer noch auf sich warten ließ, entschied ich mich, in der Hoffnung auf Inspiration, zu laufen, dank guter Tagesform heute die große Runde über die Südbrücke. Es begann schon wieder zu dämmern, dennoch leuchtete das herbstliche Laub auf der rechten Rheinseite in wunderbaren Farben, vielleicht sollte ich am Sonntag eine kleine Radtour und Fotos machen, sofern es das Wetter und der Kater zulassen.

Ein Lauf wird erst richtig rund durch die Dusche danach, man fühlt sich zwar etwas erschöpft, aber glücklich und sauber. Zum krönenden Abschluss des Tages eine Flasche Bier, ein Kloster-Spezial aus Zwiefalten, Württemberg, köstlich. Die Mischung aus Laufen, Dusche und Klosterbier brachte schließlich auch den Schreibfluss zurück, zwar nicht an meinem Roman, aber immerhin hier.

Fazit des Tages: So ein Inseltag ist fast wie ein kleiner, komprimierter Urlaub. Sollte ich viel öfter machen.

Der CEO ist not amused

Die Lage ist ernst: Die Zahlen sind nicht zufriedenstellend. Das EBIT bleibt trotz wachsender Absätze hinter den Erwartungen zurück. Die Kosten explodieren. Die Märkte sind nervös. Der Wettbewerb schläft nicht. Der Aktienkurs enttäuscht die Stakeholder. Die Qualität sinkt. Wir müssen sparen, koste es, was es wolle. Der CEO ist not amused, so ist zu hören. Früher war das ein Privileg der Queen, etwa wenn ihr Enkel mal wieder über die Stränge schlug – heute wird das auch dem Manager zugestanden. Was nur wenig verwundert: C[beliebiger Buchstabe]O’s vor allem in großen Unternehmen wähnen sich unfehlbar, so wie der Papst, die Queen allemal, nahezu göttergleich. Deshalb wagt auch niemand, ihnen zu widersprechen, gar Kritik zu üben an ihren über jeden Zweifel erhabenen Entscheidungen – das käme einer Gotteslästerung gleich mit unabsehbaren Folgen für den Skeptiker. Dabei sind sie außerhalb ihres Unternehmens so bedeutend wie Monopoly-Geld an der Supermarktkasse.

Die C[X]O’s breiten sich aus wie die Schweinepest, für jeden Scheiß gibt es mittlerweile einen ‚Chief Wasweißich Officer‘. Wofür ich durchaus Verständnis aufbringe, „Bereichsleiter“ klingt dagegen bürokratisch-blutleer. Nur Vice Presidents gibt es noch mehr, nachdem zu recht erkannt wurde, dass „Abteilungsleiter“ so sexy klingt wie ein verstaubter Aktenordner. Aus nachvollziehbaren Gründen ist noch nicht ausreichend erforscht, wie viele junge Führungskräfte, die es geschafft haben, von einer namhaften Unternehmensberatung als Vice President in ein Unternehmen zu wechseln, welches von ebendieser Unternehmensberatung durchzogen ist wie ein gegen jedes Mittel resistenter Schimmelpilz, abends ob dieses Titels auf ihre Visitenkarte onanieren. Karrierewichser.

Ein Titel ist Schmuck und Imponierinstrument wie Pfauenfedern und Hirschgeweih: Hausmeister heißen heute Facility Manager. Wer denkt da noch an den knurrigen Typen, der uns damals zu Schulzeiten graublau bekittelt in den Pausen Milch verkaufte und ansonsten mit der ihm gegebenen Unfreundlichkeit begegnete. Warum auch nicht, sein Gehalt war ihm sicher, Kundenzufriedenheitsbefragungen gab es nicht, zumal der ‚interne Kunde‘ noch gar nicht erfunden war. In welch strahlendem Licht erscheint dagegen der Facility Manager: Statt murrend mit wehendem Kittel durch die Flure zu ziehen, wo defekte Leuchtstoffröhren ihrem Austausch entgegen flackern, sitzt er vor einer Wand voller Bildschirme, jeder widerrechtlich fallengelassene Kaffee-zum-Gehen-Becher, jede an unzulässiger Stelle entzündete Zigarette erzeugt einen blinkenden Punkt auf einem Monitor; heiser haucht er „Zugriff in Sektor 23B“ in ein Mikrofon, kurz darauf knüppelt eine Gruppe glatzköpfiger, dunkel bekleideter Herren mit Übergewicht und einem spiraligen Kopfhörerkabel am Hinterkopf auf den bedauernswerten Deliquenten ein.

Ja, VW hat Scheiße gebaut. Doch bin ich mir sicher, nicht nur VW. Und nicht nur Hersteller von Kraftfahrzeugen. VW hat einfach nur Pech gehabt, erwischt worden zu sein.

Freisprech

Wenn Ihnen früher jemand sprechend auf der Straße begegnete ohne erkennbaren Gesprächspartner in seiner Nähe, so war der Sprechende mit einigermaßen hoher Wahrscheinlichkeit Inhaber eines gewissen Dachschadens; man war gut beraten, die Straßenseite zu wechseln. Heute hingegen ist er zumeist Inhaber eines Freisprechkabels.

Als ich kürzlich auf dem Weg zum Zug durch den Bahnsteigtunnel des Hauptbahnhofs ging, hörte ich hinter mir jemanden „Hallo…“ rufen. Als gelegentlich höflicher Mensch drehte ich mich um und erblickte einen jungen Mann, der irgendwas mit „… Gleis 1…“ in meine Richtung sprach. „Gleis 1?“, entgegnete ich, noch immer höflich, „das ist gleich hier vorne die erste Trepp…“
„Isch telefoniere“, unterbrach er meine Hilfsbereitschaft und eilte die Treppe hoch, welche ihm zu weisen ich kurz zuvor beabsichtigte, weiter in sein weißes Kopfhörerkabel plappernd, das ich erst jetzt bemerkte. Peinlich berührt ging ich weiter meines Weges und ärgerte mich ein klein wenig meiner Sozialisation im Wählscheibenzeitalter.

Doch möchte ich keineswegs rückwärtsgewandt erscheinen. Denn Stillstand ist Rückschritt! Rückschritt ist der Tod! So oder ähnlich klingen die allgemein anerkannten und von der herrschenden Meinung für richtig befundenen Parolen unserer freiheitlich-kapitalistisch Grundordnung. Immer nach vorne, niemals zurück; vorwärts ist gut, rückwärts nur was für Verlierer.

Und doch bewundere ich Menschen, die mit einem LKW rückwärts einen Anhänger zielgenau bugsieren können. Überhaupt bewundere ich Menschen, die rückwärts fahren können, ohne größeren Schaden anzurichten. Andererseits glaube ich, dass Menschen, die behaupten, in der Bahn nicht gegen die Fahrtrichtung sitzen zu können, weil ihnen davon angeblich schlecht wird, sich ein bisschen anstellen.

Übrigens gibt es auch Freisprechkabelbesitzer mit Dachschaden, und das nicht wenige.

Behütet

Ich wuchs auf in Stieghorst, einem östlichen Stadtteil von Bielefeld (gibt es wohl, ha ha ha), dessen Schönheit sich nicht auf Anhieb erschließt. Dennoch empfand ich meine Kindheit und Jugend als glücklich und wohl behütet. Zum Kindergarten (so hieß das damals, die Kita war noch nicht erfunden) brachte mich Opa; mittags(!) holte er mich wieder ab. Nicht etwa mit dem Auto, sondern zu Fuß. Die Grundschule lag etwa einen Kilometer von meinem Elternhaus weg, dorthin gingen wir ebenfalls jeden Tag zu Fuß, ohne (groß-)elterlichen Geleitschutz, was nicht ohne Brisanz war, denn unterwegs begegneten wir den Schülern der Sonderschule, welche manchmal große Freude daran hatten, uns anzupöbeln, zu schubsen, schlagen oder in sonstiger Weise zu drangsalieren. Es liegt mir fern, Menschen scheinbar niedrigerer Bildungsschichten zu diskreditieren, aber es waren nun mal Sonderschüler, und die haben uns echt zugesetzt. Dennoch wären unsere Eltern nicht auf die Idee gekommen, uns mit dem Auto zur Schule zu fahren und wieder abzuholen. Auch später zum Gymnasium nicht. Dieses lag in Heepen, etwa sieben Kilometer von zu Hause entfernt. Entweder fuhren wir mit dem Bus, was meistens mit übler Drängelei beim Einsteigen verbunden war, oder mit dem Fahrrad. Auch bei Schnee.

In unserer Siedlung lag (und liegt auch heute noch) eine größere Rasenfläche, auf der wir Kinder uns nach den Hausaufgaben zum Spielen trafen. Da der Rasen zur Straße hin abfällt, rollte schon mal der Ball auf selbige, wodurch jedoch niemand zu Schaden kam, obwohl sie damals noch nicht durch baumbepflanzte Verkehrsinseln entschleunigt war und sogar eine Buslinie durch sie hindurch führte. Oft gingen wir auch in den Park und den kleinen Wald in der Nähe, kamen erst zum Abendessen nach Hause. Das war trotz elterlicher Nichterreichbarkeit ganz normal und kein Problem. Nur einmal gab es Ärger: Ich besuchte meinen Schulfreund Christian. Nachmittags kamen wir auf die Idee, mit den Stofftieren einen Ausflug zu unternehmen. Dazu packten wir alles Plüschgetier in zwei kleine Kinderschubkarren und und machten uns auf in die Felder Richtung Oldentrup / Hillegossen, wo heute ein Gewerbegebiet die Landschaft bereichert. Dabei vergaßen wir ein wenig die Zeit und kamen erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück, wo wir schon von zwei aufgebrachten Müttern erwartet wurden. Egal, uns hatte es gefallen, und den Tieren augenscheinlich auch.

Am schönsten war es bei meinen Großeltern mütterlicherseits, die auf dem Land bei Göttingen wohnten. Stundenlang streiften wir durch die Felder, bauten Staudämme im vom nahen Bauernhof gülleverseuchten Graben, machten Feuer oder zogen in den Wald. Für letzteres mussten wir die Bundesstraße überqueren oder die Bahnlinie, was weniger dramatisch war als es klingt, es fuhren nur noch sehr wenige Züge am Tag und wir kannten die Fahrzeiten, außerdem klingelte vorher die Glocke der Schranke.

Warum ich das alles erzähle? Vor kurzem hörte ich in der Kantine die Unterhaltung zweier Kolleginnen. Die Kinder alleine zur Schule fahren lassen? Niemals. Ohne erwachsene Begleitung in den Wald? Auf keinen Fall. Warum nicht?, fragte ich. Viel zu gefährlich: der Straßenverkehr, überall lauern Kinderschänder. Und natürlich müssen sie jederzeit mobil erreichbar sein, was für eine Frage.

Laut einer Emnid-Umfrage halten heute 53% aller Eltern das Spielen im Wald für gefährlich, was nachvollziehbar ist, werden doch in den letzen Jahren wieder Wölfe und Luchse in hiesigen Gehölzen heimisch. Auch entspricht die deutsche Eiche sicher nicht den Normen kindgerechter Spielgeräte, was da alles passieren kann!

Am 22. September dieses Jahres war Aktionstag „Zu Fuß zur Schule“. Kinder sollten dabei lernen, sich im Verkehr zu bewegen, schließlich werden sie das irgendwann können müssen, spätestens wenn sie groß sind und was mit Medien machen oder so. Auch sollen sie die Umgebung kennen lernen, Freunde treffen (also so richtig, nicht im Sichtfenster ihres Datengeräts) und dabei etwas Bewegung bekommen. Zudem werden die SUV-Muttis, die ihre Brut zur Schule bringen, zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Brut anderer SUV-Muttis. Ich schlage deshalb vor, an Schulen und in deren unmittelbarer Nähe ein streng bewachtes absolutes Halteverbot einzurichten, oder Zufahrtsstraßen zu Schulen während der üblichen Zeiten des Schulbeginns und -schlusses für Kraftfahrzeuge zu sperren. Es ist schon bemerkenswert, dass man für so eine Selbstverständlichkeit einen Aktionstag braucht; was kommt als nächstes: „Mit dem Fahrrad vor der roten Ampel halten“?

Vielleicht wollen die Kinder das heute auch gar nicht mehr, unbeaufsichtigt zur Schule gehen oder im Wald spielen. Weil sie die wenige Freizeit, die ihnen neben Schule, Nachhilfe (48% aller Kinder bekommen heute Nachhilfe, las ich neulich), Chinesisch-Kurs, Rhönrad-Training, Musiktherapie und Geigenunterricht noch bleibt, lieber im Netz verbringen. Ob eine Kindheit heute glücklicher ist als unsere, vermag ich nicht zu beurteilen. Behüteter ist sie auf jeden Fall.

Geheimnisvolle Zeichen in Bad Godesberg

Eine bemerkenswerte Diskussion geht in diesen Tagen durch Bonn, genauer: Bad Godesberg. Nun scheint den Bad Godesberger eine gegenüber den Bewohnern anderer Stadtteile erhöhte Larmoyanz auszuzeichnen, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck beim Lesen des Lokalteils in der Zeitung: Ungepflegte Blumenkübel, nicht gemähte Rasenflächen oder versiegte Springbrunnen sind die Themen, welche geeignet sind, den Godesberger – Verzeihung: BAD Godesberger, so viel Zeit muss sein – in den Zustand unfroher Gemütslage zu versetzen; Probleme also, die in Bonn-Tannenbusch oder -Auerberg nur geringes Erregungpotential entfalten und allenfalls mit einem gelangweilten „Heul doch“ quittiert würden. Oder in Gelsenkirchen oder Hanau. Vielleicht sind die Bad Godesberger auch immer noch sauer über ihre Eingemeindung nach Bonn im Jahre 1969.

Gleichwohl stimmt der mediale Eindruck überhaupt nicht überein mit meinen persönlichen Erfahrungen aus Begegnungen mit echten Menschen aus Bad Godesberg einschließlich Friesdorf: Die sind sehr nett, meckern und jammern nicht mehr als andere auch. Manches ist ja auch zum Beklagen, zum Beispiel das optische Erscheinungsbild der Godesberger Innenstadt nach der Sanierung, oder besser: Planierung in den Sechzigerjahren.

Was zurzeit den Bürger von Bad Godesberg bedrückt, sind arabische Schriftzeichen auf Werbeschildern und Ladenbeschriftungen. Der Bürger Bund Bonn sieht Handlungsbedarf und verlangt eine Satzungsänderung, wonach Waren und der Geschäftszweck eines Ladens stets vorrangig in deutscher Schrift anzubringen sind. Ich sehe ebenfalls Handlungsbedarf, und zwar dringenden, nämlich zur Rettung des Bindestrichs, nicht nur beim Bürger Bund.

Auch ist das Thema Quelle der Inspiration für das Verfassen von Leserbriefen im General-Anzeiger (immerhin mit Bindestrich). Frau Kerstin K. fühlt sich als Deutsche ausgegrenzt angesichts der arabischen Schriften. „Oftmals werden die Schaufenster darüber hinaus auch noch mit Stoffen und Gardinen blickdicht gemacht, so dass man keine Rückschlüsse auf das Angebot im Ladenlokal ziehen kann.“ Empörend.

Ich befürworte das Begehren des Bürger Bund, jedoch unter zwei Bedingungen. Erstens: Neben den arabischen Schriftzeichen verschwinden auch die Begriffe „Sale“ und „Coffee to go“ für alle Zeiten von Schildern und aus deutschen Schaufenstern. Zweitens: Der Bürger Bund legt sich endlich den verdammten Bindestrich zu.

Eine Autobiografie muss Sinn „machen“.

Notiert am 17.September 2015 in urlaublichen Gefilden

Ein verregneter Vormittag sowie WLAN, das neuerdings aus der Nachbarschaft in die Küche unseres Ferienhauses funkt, ermöglichen mir, auch hier in der fernen Provence die heimische Tageszeitung zu lesen, und zwar in einer Ausführlichkeit, welche ich mir daheim aufgrund zahlreicher anderer alltäglicher Verrichtungen nur selten gönne. So lese ich sogar den Artikel auf der letzten Seite: Magarethe Schreinemakers hat ihre Autobiografie veröffentlicht. Aha, nach Dieter Bohlen und Boris Becker nun also auch Margarethe Schreinemakers.

So weit ich mich erinnere, war die Dame in den Neunzigern mit einer gewissen Popularität gesegnet, Talkshow oder sowas. In Erinnerung blieb mir ihre leicht quengelige Stimme, und sie war, glaube ich, kurz mit Jürgen von der Lippe liiert. Auch einen Skandal glaube ich in den hinteren, verstaubten Windungen meines Kleinhirnes auszumachen, eine Steuergeschichte oder so was, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war es auch eine andere Dame, oder Klaus Zumwinkel. Nein, das war später. Viel mehr ist mir von ihr nicht gegenwärtig. Freilich könnte ich das ganz schnell im Netz recherchieren, aber dazu interessiert es mich nicht genug. Wie viel Lebenszeit mag verschwendet werden, weil Menschen völlig Belangloses im Netz nachschauen, nicht weil es interessant wäre, sondern so einfach ist?

Gleichwohl reicht Frau Schreinemakers’ Werk (im weitesten Sinne Kulturschaffenden wird ja oft ein Werk zugeschrieben, für das sie dann gegen Ende der zweiten Lebenshälfte gepriesen werden) offenbar aus für eine Autobiografie, welche herauszubringen einem Verlag gewinnbringend erscheint, und für einen Zeitungsartikel darüber. Und ab jetzt auch einen Blogeintrag.

Der Artikel endet übrigens so: „Da ist ganz viel Margarethe drin“, fasst sie zusammen. „Alles andere hätte auch keinen Sinn gemacht.“ – Fast höre ich sie quengeln. Ich werde mir das Buch wohl nicht kaufen.