Buben, Dame, König Jazz – ein persönliches Stimmungsbild

Trioalle-rotweiß

Samstagmorgen, acht Uhr. Obwohl ich ausschlafen könnte, wovon ich für gewöhnlich ausgiebig Gebrauch mache, so man mich lässt, bin ich hellwach, von innerer Unruhe getrieben, in Gedanken schon einige Stunden weiter. Habe ich genug geübt in den zurückliegenden Monaten? Sitzen die Texte? Oder wird es sich rächen, dass ich kurz vorher an so vielen Proben nicht teilnehmen konnte wegen Urlaub? Ach wird schon – bei der Probe am Mittwoch und der Generalprobe gestern ging es gut. Aber nachher, vor Publikum…?

Nach dem Frühstück kurz in die Stadt, die Sonne scheint, es ist warm, Stadtfest in Bonn. Genau richtig, um sich ein Bier oder ein Glas Wein gönnen. Geht aber nicht, wegen nachher. Immer wieder der Blick auf die Uhr – noch gut drei Stunden, dann muss ich los. Zurück nach Hause, ich bin müde, könnte mich noch ein Stündchen hinlegen. Mache ich aber nicht, würde nichts bringen, die innere Unruhe… Versuche stattdessen was zu lesen, immer wieder die Uhr im Blick.

Kurz nach drei. Ich schnappe die gepackte Tasche mit den Bühnenklamotten und mache mich auf zum Bahnhof. Die Bahn kommt pünktlich. Kabel entwirren, Ohrstöpsel rein, Musik vom iPhone, keine Chormusik, Entspannung. Mit etwas Verspätung komme ich im Belgischen Haus zu Köln an, unserem Auftrittsort. Ich hasse es, unpünktlich zu sein, ist aber nicht schlimm, alle anderen wirken entspannt, laufen herum, schwatzen, scherzen. Dann heißt es: sammeln zum Einsingen, die üblichen Übungen: So ho ho ho ja so ho soo; Mannmannmannmannmannmann, mahahahahahann, Ma ha ha ha ha ha haaan… erst tief, dann immer höher, und so weiter. Kein Problem, meine Stimme ist fit. Dann noch mal jedes Lied kurz ansingen, Stellprobe auf der Bühne und – ganz wichtig – Auf- und Abgang proben. Ein paar mal runter von der Bühne und wieder rauf, einreihige Aufstellung, Wechsel zur zweireihigen, klappt auch einigermaßen. Nachher, wenn es ernst wird, auch? Wir werden sehen. Hauptsache wir singen gut.

Noch zwei Stunden bis zum Einlass. Schnell was essen, die letzte Zigarette vor dem Konzert, dann umziehen, schwarz-weiß in der ersten Hälfte. Ich fühle mich nun erstaunlich ruhig und sicher. Andere schauen noch mal in ihre Noten, vielleicht um letzte Textunsicherheiten zu beseitigen, vielleicht um sich selbst zu beruhigen. Fühle mich an die Schulzeit erinnert; unmittelbar vor einer Klausur schafften es manche, durch intensives Blättern in ihren Büchern und Unterlagen Panik und Hektik zu verbreiten. Ich lasse mich davon nicht anstecken.

Dann ist es so weit – Einlass des Publikums, Gemurmel aus dem Saal, wir Sänger stehen bereit in der richtigen Reihenfolge für den Auftritt, wie eine schwarz-weiße Perlenkette. Was war noch mal das erste Lied, wie ging die erste Textzeile? Verdammt, scheinbar alles weg. Das Licht im Saal geht aus, das Geraune verstummt, unsere dreiköpfige Begleitcombo betritt die Bühne, erster Applaus. Dann los, wir gehen raus, stellen uns wie zuvor eingeübt im Halbrund auf, Applaus, grelles Licht strahlt uns an, es ist warm, der Saal halbdunkel, die hinteren Reihen von der Bühne aus nicht zu sehen. Wo sitzen die Freunde und Bekannten? Kann sie nur teilweise erkennen. Ach sieh an, der ist auch gekommen! Wo sitzt der Liebste? Sehe ihn nicht, ist vielleicht besser so… Unsere Chorleiterin betritt die Bühne, tosender Applaus, Verbeugung ins Publikum, dann dreht sie sich um zu uns, gemahnt uns wortlos in ihrer unvergleichlichen Art, zu lächeln, wir gehorchen und lächeln im Rahmen unserer Möglichkeiten, leises Kichern aus dem Publikum, dem die freundliche Aufforderung unserer Chefin nicht entgangen ist.

Nun wird es ernst – sie hebt ihre Arme, gibt das Tempo an für das erste Lied. Verdammt, wie ging das nochmal?? Die Combo beginnt, kurzes Vorspiel, dann legen wir los, Text und Melodie sind plötzlich wie selbstverständlich wieder da. Die ersten Takte eines Konzertes sind immer die schlimmsten, Schweiß bricht mir aus, jetzt bloß nicht schwindelig werden, es ist jedes Mal dasselbe. – Der erste Teil des Liedes lief schon mal gut, jetzt käme ein Zwischenspiel der Combo, dann wieder wir. Käme – kommt aber nicht, unsere Dirigentin hebt die Arme und lässt weiter singen. Kurzfristige Irritation bei Band und Sängern, aber wir singen und spielen weiter, nach wenigen Takten hat es sich wieder eingespielt, mit etwas Glück hat das Publikum nichts gemerkt oder gedacht, das müsste so sein. Schlussakkord, Chefin senkt die Arme, Applaus, erste anerkennende Pfiffe. Das Lied lief trotz der spontanen Umdisposition gut, ich spüre eine gewisse Erleichterung in mir aufkommen, jedoch keine Entspannung, die wäre auf der Bühne fehl am Platz. Lächele weiter.

Dann Begrüßung des Publikums durch unsere zwei bewährten Moderatoren aus den eigenen Reihen, der Funke springt sofort über in den Saal, das merkt man. Auch die weiteren Lieder laufen gut, die Moderationen treffen auf den Punkt, zwischendurch verlassen wir immer wieder die Bühne für instrumentale Zwischenspiele der Combo sowie Trios und Quartette. Auch das Trio, bei dem mitzuwirken ich das Vergnügen habe, läuft gut. Ja, es läuft, die Zeit bis zur Pause verfliegt nur so.

Zwanzig Minuten Pause – umziehen in schwarz-rot-weiß, was trinken, scherzen, wieder schauen einige in ihre Noten, sollen sie.

Teil zwei beginnt mit einem mitreißenden A Capella-Stück, die Chefin höchstselbst singt das Solo darin. Dann folgt das Lied, vor dem ich schon den ganzen Abend, ach was die ganze Woche innerlich zittere, weil ich zum ersten Mal in meiner Chor-„Karriere“ das Solo habe, wovon ich freundlicherweise erst eine knappe Woche zuvor in Kenntnis gesetzt wurde, wohl um meine Nervosität in zeitlichen Grenzen zu halten. Aber es klappt, ich vergesse weder Text noch die Einsätze, beim Improvisationsteil („Ba dubada blee … diridiri dudljö“) lasse ich es einfach laufen und springe dabei über meinen eigenen Schatten, bewege mich sogar dazu*. Es läuft.

Beim letzten Lied (New York, New York; Experten streiten, ob es „Nju Jork“ oder „Nu Jork“ heißt) ein allgemeiner Patzer, egal, wir haben es geschafft, der Saal tobt; Klatschen, Pfeifen und Johlen umtosen uns, ein wunderbares Gefühl. Verbeugungen, das Klatschen wird rhytmisch, wir deuten es als Wunsch nach einer Zugabe, dem wir selbstverständlich gerne nachkommen.

Zwei Zugaben, dann ist Schluss, wir gehen ab mit der Gewissheit, ein gutes Konzert gegeben zu haben. Das Lob unserer Chefin tut gut, den Rest besorgen die Endorphine, die noch lange in mir brodeln. Umziehen, dann raus, ein Bier, eine Zigarette und viele anerkennende Worte von Besuchern, die noch da sind. Aber jetzt nicht innerlich zurücklehnen – morgen das gleiche noch mal. Und ja, auch das Konzert am Sonntag lief sehr gut, besser noch als am Tag zuvor. Ein wirklich schönes Gefühl, wenn sich die Probenarbeit der zurückliegenden Monate gelohnt hat.

Leider kein Licht ohne Schatten: Noch am Sonntagabend gab ein sehr lieber Mitsänger bekannt, dass er uns aus beruflichen Gründen verlassen wird. Er wird – nicht nur mir – sehr fehlen.

Mein persönliches Fazit der beiden Tage: Ja, Singen, Teil eines Akkordes zu sein, macht glücklich. Und ich bin stolz darauf, ein Kölner SPITZbube sein zu dürfen!
Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mein Hirnradio die 257. Strophe von April in Paris, heute Morgen war es Moonlight Serenade. Das wird wohl noch einige Tage lang so gehen.
—–

* Markenzeichen fast aller schwulen Chöre** ist es, ihre Auftritte mit einer mehr oder weniger aufwändigen Choreografie zu unterlegen. Nicht so wir – wir bewegen uns nur selten zum Gesang, was meinem ostwestfälischen Natuerell sehr entgegen kommt, ich finde dieses ständige Gehampel zumeist als störend, wobei ich zugebe, dass es, in geringen Dosen angewendet, durchaus Spaß machen kann. Leider vergesse ich beim Hampeln meistens den Text, was im oben genannten Fall jedoch keine Rolle spielte.

** Natürlich sind nicht die Chöre schwul, sondern nur ihre Mitglieder. Bei uns jedoch nicht alle.

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